Zweitverwurstung V

»Moin, Liebste

Benja hat eine Eins in Deutsch? Das hat sie mir jedenfalls geschrieben. Na, das freut mich aber sehr. So sah das in etwa aus :

> Lieber Papi,

> ich habe vor kurzem eine Deutscharbeit geschrieben,und die Note ist toll
> Ich habe eine 1!Ich hoffe es freut dich genau so wie mich. Auserdem möchte ich
> dich noch was fragen:Geht es dir wieder besser und wann kommst du wieder
> nach Hause?Acha und meinst du bist Weinachten zuhause?Das wäre sehr schön.
> !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
> Mit freundlichen Grüßen deine Tochter II

Wie man aber auch noch mit der Tastatur eine unleserlich Handschrift haben kann, wird ihr kleines Geheimnis bleiben 🙂
Der Tag fängt auf jeden Fall gut an
Alles Liebe,

Pantoufle«

Nein, keine Motorräder dieses Mal. Obwohl ein Motorrad sehr praktisch und angesichts der Taxi-, Bahn- und sonstigen Kosten kostengünstig gewesen wäre.

Ich kam von irgendwo her (in diesem Fall,soweit ich mich entsinne, von Zuhause) und fuhr mit der Eisenbahn irgendwo hin. Nach Esbjerg, Dänemark, um auf eine Tournee zu hoppen. Eine lange, ungewohnt schlecht organisierte Reise mit Kleinbahnen, die sich von Nest zu Nest quälten und außer der Information, dorthin zu fahren, gab es gar nichts. Keine Hoteladresse, keinen Ansprechpartner, kein überhaupt nichts. Im Nachhinein überlegt man ja gerne, warum ausgerechnet man selber und nicht irgend jemand anderer die Tour bekommen hat – nach mehr als 30 Jahren Berufserfahrung neige ich mittlerweile dazu, dem Schicksal eine Rolle zuzuschreiben. Es gibt Dinge, die sollen einfach sein und man landet dann da, wohin man wirklich gehört.

Zu den Dingen, die ich auf dieser Welt am meisten hasse, gehört es, Zuhause angekommen, über den/die Künstler ausgequetscht zu werden „wie ist denn der so? Der ist doch bestimmt total toll…“. Als hätte ich nichts besseres zu tun, als den ganzen Tag an der Garderobentür zu lauschen, was als nächstes für eine Erleuchtung aus dem Künstler quirlt. Die Familie weiß das zum Glück und verschont mich damit,aber die anderen, die anderen… Zumal die Art der Fragestellung bereits nahelegt, eine Heldenoper zu komponieren, was einem normalerweise bei den sogenannten Künstlern sehr schwer fällt. Von Ausnahmen abgesehen, aber die kann ich an einer Hand abzählen. Über die herausragendste Persönlichkeit dreht sich die folgende kleine Geschichte. Denn zum einen handelt es sich um eine Persönlichkeit im allerbesten Sinne und zum anderen fand die Tournee in einer für mich unbekannten Art von Familienatmosphäre statt. Einer Familie, die mich aufnahm und zu deren Teil ich die Ehre hatte, werden zu dürfen.

Die folgende Geschichte ging als technischer Bericht an »die Firma«, die damit vermutlich so unzufrieden war wie derjenige, der hofft, etwas über »den Künstler« zu erfahren.

Hannover, Texas und zurück

Ja, wie ist das jetzt mit dem Hotel? Nach 8 Stunden Anreise mag der müde Bahn-Reisende gerne duschen, ein teures dänisches Bier trinken und vielleicht später etwas essen. Leider scheitert das scheinbar an den langen Kommunikationswegen von Esbjerg – Basel – Nashville – Varnø – Esbjerg. Wenn selbst T._Punkt mich einem ungewissen Schicksal überlassen muß, ist es wohl schiefgegangen.

Rettung aber naht in Form einer Weißen Wand mit einer seitlich versteckten Tür und der Aufschrift „Hotel“. Eingetreten – 500 DKr? Gekauft – um die 65€. Dafür laufe ich nicht weiter herum. Das Hotel spricht deutsch. Wenigstens so etwas in der Art. Da lugt die deutsche Sprache ganz leicht hinter dichten Wolken hervor. Futur und Präsenz, die Artikel und Verben tanzen bunt durcheinander einen wirren Reigen, der aber durch das empfohlene Getränk des Hauses einen heimeligen Reiz bekommt. Es ist wie Schwäbisch oder Bayrisch : Es ist kein Deutsch, aber mit genügend Bier klingt es sehr gemütlich.

Das Zimmer ist kein Zimmer im klassischen Sinne: Vielmehr hat man sich ein Bett vorzustellen, um das man so eng wie möglich die Wände drapiert hat – die einzige Gemeinsamkeit mit einem Hotelzimmer im herkömmlichen Sinne besteht darin, das die Tür nicht direkt am Kopfende des Bettes, sondern daneben öffnet. WC und Dusche im Flur, es regnet nicht hinein und ein Aschenbecher: Wer wollte jetzt noch meckern? Ein Schmock, wer jetzt nach „Internet“ fragt! Am Abend gibt es ein Essen. Fürstlich sozusagen. Das Geld reicht gerade noch für einen Fisch und noch ein weiteres Bier, als Dessert gibt es die Hoffnung, das ich am nächsten Tag kein Taxi brauche. Der Fisch ist wider Erwarten gut – im freundlichen Sinne „gutbürgerlich“. Was irritiert, sind die Schüsseln aus Stahlblech, die doch sehr an ein Altersheim erinnern – da meine Eltern ein Solches betrieben, ist mir das noch gut erinnerlich. Altersheim…

3 Busse, 2 Trucks 1 Künstler

Willie Nelson

Die Anzahl der Busse lässt jeden Kenner der Branche vermuten, das an Personal so ziemlich alles versammelt ist, was man gewohnt ist – und diesen Beruf so angenehm macht. Überkomplett sozusagen. Der vollständige Service für jedes Kümmernis, was den Techniker plagen könnte.

Für jeden der Branche Unkundigen [Hallo, schwarzes_Einhorn] möchte ich kurz beschreiben, wie man sich das vorzustellen hat : Der angemietete Techniker sitzt morgens auf dem Klo und hat endlich einmal etwas Produktives geschaffen…
„Wo ist das Klopapier?“
Das weiß der Production Director! Der schickt einen sogenannten „Runner“, der eine (1)  Rolle des Papiers aus dem 11,3 Kilometer entfernten Fachhandel während der morgendlichen Verkehrsstoßzeit holt.
Der Production-Assistant nimmt das Papier in Empfang und zählt die einzelnen Blätter. Der Stage-Manager ruft 2 Helfer (genannt „Hands“) und gibt jedem die Hälfte des Papiers, die der Eine zum WC bringt, während der Zweite damit zur Kasse läuft. Unerfahrene Stage-Manager schicken nur eine „Hand“ los und eine Zweite hinterher, um es von der Kasse wieder abzuholen! Der Production-Manager begutachtet dann den Vorgang, wie der Production Assistant die abgezählten Blätter an den Stage-Manager übergibt, der einer „Hand“ den Auftrag erteilt, dem Techniker den Hintern abzuwischen. Der örtliche Veranstalter betätigt die Spülung.

Wie man sieht : Alles hat seine Ordnung! Es lebe die Hierachie.

Der bekennende Kiffer und „magic mushroom“ Liebhaber Willie Nelson (Jahrgang 1933) hat sich eine Mannschaft zusammengesucht, die in Alter und Neigungen perfekt zu ihrem Boss passen – wer wollte ihm das verübeln.
Und so war T.Punkts Versuch, den Production-Manager ans Telephon zu bekommen, schlicht daran gescheitert, das jener zu dieser Zeit mit seinen Kumpanen das machte, was das Personal des Crewhotels schamhaft als „Inselwanderung“ bezeichnete.
Auf der schönen Insel Farnø gibt es nämlich eine kleine Brauerei, die für jede der vorkommenden Jahreszeiten ein spezielles Bier braut. Diese Brauerei wurde nicht nur besichtigt; nein, mehr noch: Das dort hergestellte Produkt fand die uneingeschränkte Bewunderung nicht nur der Produktionsleitung!
Zum Zeitpunkt des Anrufes befand sich diese also in einer Verfassung, daß sie das mobile Telephon nicht einmal dann gehört hätten, wenn man es auf ihren Köpfen zertrümmert hätte. (Liebe T.Punkt : Das stimmt jetzt wirklich!)
Selbst wenn er es gehört hätte: Die Zeiträume, in denen hier eine Information verstanden wird, ihre Verarbeitung und die dann folgende Reaktion kennt man in dieser Art eigentlich nur aus der Geologie. Natürlich kannst du in den Hochalpen Golf spielen. Du mußt eben nur warten, bis sie wieder flach sind!
Willkommen in Texas.
Man darf sich natürlich nicht der Täuschung hingeben, die Beteiligten wüßten fachlich nicht in ihrem Beruf bestens Bescheid! Die meisten von ihnen machen ihren Job schon länger, als zwei durchschnittliche Schweizer Tontechniker zusammen an Lebensjahren aufweisen. Die wissen schon ganz genau, wie es geht.
Nach ca. 50 Berufsjahren gesellt sich aber offensichtlich zu der in unserem Job hilfreichen Leistungsbereitschaft eine Liebe zum „Laissez-faire“, zur Erkenntnis, daß die Welt nur sehr, sehr langsam untergeht. Gepaart mit einer sympatischen Eigenbrödlerei, die böswillige Zeitgenossen vielleicht gar als „Alterssenilität“ brandmarken würden, gehen die Dinge hier etwas anders als gewohnt – vor allem aber langsamer!

In diesem fortgeschrittenen Alter mag man keine Vorgesetzten mehr. Also wurde hier die Regelung eingeführt, daß jeder der Beteiligten sein eigenes Department ist und folgerichtig jeder sein eigener „Chief of department“. Einfach, überschaubar und keiner ist neidisch, weil der andere was Besseres ist.
Ein „Crewbriefing“ kann ich also morgends auf dem Klo machen und keiner fehlt.

Liebenswert sind sie auf jeden Fall. Der Süden der USA hat ja eine eigene Spielart der Toleranz erfunden. Dem Farbigen, der um einen Platz auf der Parkbank fragt, würde der „Redneck“ des Südens wahrscheinlich sinngemäß antworten „Du bist nicht meinesgleichen, aber setz dich ruhig hin“, während der Vertreter des Nordens sich das mit „Vor dem Gesetz sind wir vielleicht gleich“ verbitten würde.
Ich für meinen Teil bin mit den „Rednecks“, denen ich begegnete, immer erstaunlich gut ausgekommen. Sie haben nicht unbedingt alle den Nobelpreis im Nachdenken, waren aber praxisorientiert und haben ihre eventuelle Abneigungen durch Zurückhaltung signalisiert – womit man gut leben kann, weil die Praxis einen zur Zusammenarbeit verdammt. Auf dieser Tour ohnehin kein Thema.
Gegen meinen „Kunden“, den FOH – Engineer Bennie „Flako“ ist jedenfalls wenig zu sagen. Groß, hager, ruhig und mit einer langen Erfahrung im Umgang mit Prism – PA`s gesegnet, ist er freundlich neugierig auf die i3, die ich ihm mitbringe. Damit hat er noch nie gearbeitet und lässt mir völlig freie Hand in der sicheren Erkenntnis, daß, wenn ich Mist bauen sollte, er das schon irgendwie in den Griff bekommen würde – wohl zu recht : Er gehört in meinen Augen zu den Leuten, die mit jedem Holzkasten, in dem ein rundes Stück Papier wackelt, einen brauchbaren Ton produzieren. Bei der Anzahl von Instrumenten, die hier auf der Bühne herumoxidieren, ist das zumindest überschaubar. Bongos, diverses Geklappere, ein vorsindflutlicher Guitarrenverstärker, ein Bassverstärker (klein) und ein Flügel – so einer, wie er in jedem Theater vor sich hinmodert.

An dieser Stelle wird es Zeit, einmal kurz auf die Trucks zu sprechen zu kommen. Wie schon angedeutet : 2 Autos, lange Auflieger; einmal mit Dancefloor. Ich weiß, was die meisten meiner Kollegen jetzt denken : „Ja hatte ich auch – bei mir war gar nichts drauf, eine Ebene geladen und….“

Bei diesen Erzählungen aus dem frühen Paläozoikum des Rock&Roll kann ich mich in Zukunft lächelnd zurücklehnen in der sicheren Erkenntnis, daß wenigstens mein Backline-Trailer jeden Rekord schlägt – zu übertreffen nur mit einer Blöckflöte und einer Wandergitarre zusammen im Pappkarton. Das ist keine Backline, das ist ein Witz auf 10 Rädern. Das paßt spielend in jeden VW-Golf! Das Merchandising (für alle des englischen Unkundigen : Krämerwaren, bedruckte Hemden, Plastikguitarren) ist da schon etwas anderes! Es neigt gerade unter diesen paradiesischen Platzverhältnissen zur Entropie.
In meinem Falle allerdings nicht durch Wärme, sondern durch die bloße Existenz. Oder wem das jetzt zu theoretisch ist : Entropie bezeichnet die Tendenz von Gasen und anderen Materialien, bei Wärmezufuhr (oder mangelnder Aufsicht) in einen Zustand der Unordnung, der Unwissenheit über Ort und Bewegung der einzelnen Moleküle zu geraten. Innerhalb der Quantenphysik wird dieses Phänomen grundsätzlich von der Unschärferelation Heisenbergs beschrieben (1927 veröffentlicht). Auch dort wird die gleichzeitige Unbestimmbarkeit von Impuls und Ort festgeschrieben.

Angeblich gab eine Verkehrskontrolle der Polizei den Anstoß dazu :
„Herr Heisenberg! Wissen sie, wie schnell sie gefahren sind??“
„Nein, aber ich weiß, wo ich bin!“

Mit den Krämerwaren verhielt es sich ähnlich. Da weder der genaue Ort und das Anfangsvolumen (bei niedriger Temperatur) noch die Ausbreitungsgeschwindigkeit (deren Impuls) mit hinreichender Genauigkeit vorraussagbar waren, galt : DS ≥ 0, da die Entropie in einem isolierten System monoton wächst.
Oder noch einmal in einfachen Worten : Da niemand ahnen konnte, was der Kleinhandel als nächstes anschleppen würde, blieb es trotz kleiner Bedenken bei 2 Trucks, was die Ladesituation entspannt – um es sehr vorsichtig zu formulieren. Alles in Allem : Eine praxisorientierte Lösung.

Die Tour läuft also weitgehend friedlich vor sich hin. Alle haben mit angefasst; jeder im Ramen seiner Fähigkeit, Lust oder Tagesform – die größte Zeit begleitet vom Gegrunze und dem herumkomandierenden „Headtrucker“ Ben eines bekannten deutschen LKW-Unternehmens, welches 2 Farben im Wappen führt. „Headtrucker“?, stutzt der geneigte Leser…ja, trotz aller Anarchie hat sich hier so ein Exemplar des Spätkapitalismus erhalten! Aus einem mir unerklärlichen Grund machen mich LKW-Fahrer, die etwas anderes machen als große Autos vor – und rückwärts zu bewegen, ausgesprochen nervös. Dieses Exemplar, Ben mit Namen, macht nicht nur mich nervös.

Am dritten Tag der Tour läuft besagter Fahrer zur Produktion – beziehungsweise deren Artefakten – und unterbreitet den allgemein unerwünschten Vorschlag, doch das ganze Gerümpel lieber in einem einzigen Truck – dem seinigen – unterzubringen und den Kollegen nach Hause zu schicken.

Als Dünger für seine Ideenzucht ist er dann auch gleich telephonisch bei seiner deutschen Firma vorstellig und sorgt erst mal für Konfusion. Glücklicherweise ist der Tour-Manager diesem Entscheidungsdruck nicht gewachsen und überläßt mir die Entscheidung. Ungewöhnlich, aber nett : Da ich faul und träge bin und zudem gerne schnell aus den Venues herausmöchte, behalten wir natürlich 2 Trucks.
Ben witterte ein Machtvakuum.
Er ist überall dort zu sehen, wo er das Air eines Vorgesetzten wittert. Jovial, feucht-forsch und jederzeit bereit, aus dem reichen Schatz seiner langjährigen Berufserfahrung zu plaudern – mit dem Ergebnis, das er nach einer Woche allgemein als „Colonel Ben“ angesprochen wird. In freundschaftlicher Atmosphäre versuche ich zwar klarzustellen, das er nach meiner unmaßgeblichen Meinung nicht einmal das Zeug zum Gefreiten hat, eher in den Tross gehört denn zur Avangarde, aber insgeheim bin ich sicher, daß da noch die eine oder andere Überraschung lauert.

Wenig überraschend sind seine täglichen Auftritte bei den örtlichen Veranstaltern, in denen er richtigstellt, daß nicht die Lokalen vertraglich bestellten und bezahlten Arbeitskräfte die Spots während der Show bedienen, sonder er und sein Kollege. Seine vorbildliche finanzielle Sorge um die Seinigen daheim in allen Ehren, aber das ist den „Örtlichen“ nicht immer leicht zu vermitteln.
So bleibt mir bis auf weiteres nur das allabendlich stille Vergnügen, anzusehen, wie er schnaufend und schimpfend die Kartons, Tüten und Kästlein ordnet oder wütend durch die Gegend wirft, die seinem Trailer diesen sympatischen Anflug von Müllabfuhr verleihen.

Zu meinem Glück ist mein Auto mit einem zuverlässigen guten Fahrer gesegnet, der meinen Krempel ohne mich ordnet und den Hands sachlich und freundlich entgegentritt; seinen Kollegen freundlich ignoriert. Das ich den Mike in Aberdeen verliere, schmerzt schon eine Woche vorher.

† 2012 in Texas

Die Dynamik täuscht! Aber wider Erwarten hatte das lokale Catering bereits ein Frühstück bereitet. Eine der seltenen Gelegenheiten, wo mal Schwung in die Bude kommt. Zudem sei angemerkt, das es sich dabei um das 2.Frühstück handelte, da diese Produktion die angenehme Angewohnheit hat, am Morgen beim Eintreffen der Busse Hotelzimmer für die Crew zu mieten,in denen man Duschen, sich bei fremd-sprachigen Fernsehprogrammen langweilen oder sich 3 Stunden in der Nase bohren kann. Mir gefällt das ausgesprochen gut : Sollte man viel, viel öfter so machen! Angetrieben von unserem dynamischen Herren oben im Bild (Production Manager!), der uns mit seinem Kampfruf „the Breakfast is free!!“ aus dem Bus ins Hotel treibt… und sei es Morgens um 5:00 Uhr! Wen das jetzt verwirrt : Die Aufbauzeit ist ausgesprochen Arbeitnehmer-freundlich gegen 10:00 oder 11:00 Uhr angesetzt. Das man dabei als PA – Tec ein wenig ins Schwitzen kommt, muß einkalkuliert werden.

Die Kollegen von der Bühne sind vor 14:00 Uhr ohnehin nicht zurechnungsfähig und halten sich aus dem wirren Geschehen am PA aus Bescheidenheit und Respekt zurück. Mir soll es recht sein : Flako baut seinen Kram in FOH selber auf – der Rest ist ganz gut alleine zu schaffen und auch bei einem „Back to Back“ erträglich. Überhaupt : Das Reisen. Das es auch gute Busfahrer gibt, sollte man gerade einer deutschen Firma (die mit dem Klick-Laminat zwischen den Sitzen, das immer so schön laut ist ) erzählen. Unser heißt Dave und ist Schotte. Das weiß ich, weil ich ihn höflichkeitshalber gefragt habe. Er spricht einfach ein so schön aktzentfreies Keltisch, das ich ihm die Freude gönnen mußte, mir zu bestätigen, daß er echter Schotte ist… hat ihn dann auch sehr gefreut. Im Übrigen fährt er einfach nur seinen Bus, jammert nicht, das ausgerechnet er Busfahrer geworden ist und will auch gar nicht Produktionsleiter oder Rennfahrer sein. Ein sehr ungewöhnlicher Mensch also, gesegnet mit dem Humor, welches sein Volk so hervorragend auszeichnet.
Neues von der GPS – Front : Hier haben wir ein extrem vorsichtiges Exemplar. Die Nachrichten lauten ungefähr „in 120 km, wenn möglich,rechts abbiegen!“.

„Mammi, kann ich den großen Elephanten da hinten haben??“
Wir sind in Stockholm im Tivoli. Das ist ein großer Vergnügungspark, in dem die Omas, Mütter, Tanten und überhaupt alle mit ihren Kindern immens viel Geld für die wunderbarsten Sachen der Welt ausgeben. Es gibt Kreiselgeräte, Achterbahnen, die sich immer links und rechts herumschrauben in atemberaubender Geschwindigkeit, bis einem ganz wirr und dumm im Kopf ist. Wer es langsamer mag, kann Karusell fahren oder oder sich in der Geisterbahn so doll erschrecken, das die Zuckerwatte dem Sitznachbarn im Haar klebt.
Da gibt da ein Kettenkarussel, das 100 Meter hoch geht : mindestens! Wenn man da oben seine Eiskugel verliert, dann fällt die ganz weit weg, vielleicht in Malmø, jemandem in den Nacken, wenn sie nicht gleich in der Erdumlaufbahn verharrt !
Es ist ein warmer,sonniger Tag und alle Kinder Stockholms sind hier. Die wenigen, die nicht laut lachen und juchzen, sind jene, denen der Pappi gerade gesagt hat, daß das jetzt wirklich die aller-allerletzte Runde ist. Die anderen sind so glücklich, wie es nur Kinder sein können – in der Hand ein Eis so groß, das es niemals aufhört, Zuckerbonbons in der Tasche, die vergessen die nächste Wäsche überstehen und sie noch in einer Woche an diesen wunderschönsten Tag erinnern.
Ich esse kein Eis und fahre auch nicht Karussell. Ich stehe abseits und versuche zu lachen, mich mitzufreuen – aber da ist kein Kind an meiner Hand und zerrt mich gespannt zu nächsten Attraktion. An einem schönen Springbrunnen bleibe ich eine kleine Weile im Wassernebel stehen, damit niemand sieht, das ich weine.

Dann zurück in die Halle, alles ist bestens vorbereitet, denn heute Abend spielt

Willie Nelson, Texas.

Epilog

Die Tour ging natürlich noch weiter. Nach Dänemark, Norwegen und Schweden ging`s weiter nach Schottland, England und es endete irgendwann in Paris vor dem Gare du Nord auf dem Sprung zu Evanescence nach England mit einem unvergesslichen, wüsten Abschiedsbesäufnis und der Ernennung zum Texaner ehrenhalber.
Der einzige mir verliehene Titel, auf den ich aber auch nach all den Jahren stolz bin.

Was soll ich von diesem Künstler erzählen? Von seiner Geburtstagsparty (natürlich mit seiner Crew) in irgend einem teuren Hotel in Norwegen und einem angemieteten Saal? Jeder (!) der Crew dachte sich etwas für Willi aus. Ein vorgetragenes Lied, ein Sketch, ein Gedicht… irgend etwas, um dem verehrten Geburtstagskind eine Freude zu machen. So etwas habe ich auch außerhalb des Rock`n`Roll nie erlebt. Es war albern, nachdenklich, rührend und ganz und gar einzigartig.

Mr.Nelsons Abneigung gegen Pressekonferenzen, Medienauftritte und ähnliches ist bekannt. Gegen Ende der Skandinavien-Abteilung stand wieder so etwas an. Fernsehen, Mikrophone und wichtige Persönlichkeiten der örtlichen Provinz-Prominenz. »Der Künstler« wollte nicht. Hatte so überhaupt keinen Bock, es ging ihm so gegen den Strich und irgendwie mußte er sich beruhigen. Daß man überhaupt sah, daß Mr. Nelson schlechte Laune hatte, bedarf sowieso einer langen Kenntnis seiner Person. Ein mehr in sich ruhender Mensch ist mir weder davor noch danach begegnet. Jedenfalls wollte er nicht.
Also wurde kurzfristig eine Produktionsbesprechung anberaumt. Die meines Wissens erste und einzige auf dieser Tournee. In seinem Nightliner (Tourbus), sozusagen das Allerheiligste. Auch die Kollegen konnten sich das nicht so richtig erklären. Wie auch immer: Zur bestellten Zeit zottelten alle Techniker und und Produktion zu seinem Bus und gingen respektvoll und vorsichtig hinein. Platz war genug und vor jedem Sitz war ein Schälchen mit »magic mushrooms« und Weed aufgebaut. Die Menge konnte man getrost als »mehr als ausreichend« bezeichnen.
»Greift zu,Jungs!«
Willi wollte sich für den Marathon dopen und hatte nicht vor, daß alleine zu tun. So ganz genau kann ich mich an den weiteren Abend nicht erinnern, nur daran, daß ich irgendwann das Bedürfnis nach einem langen Spaziergang hatte und ich zur Überraschung aller (wenn auch sehr, sehr spät) zu den Bussen zurückfand.
Der mediale Auftritt von Mr.Nelson soll der Sage nach zügig und freundlich über die Bühne gegangen sein.

Auf irgend einem Flughafen fragte ich ihn um die Erlaubnis,ein Photo von ihm machen zu dürfen. Natürlich, und wir kamen für 1,2 Stunden ins Gespräch miteinander. Ich kann mich nicht mehr an den Inhalt erinnern. Jedenfalls fragte er mich über die Familie, die Kinder, Lebensumstände und dergleichen aus und vermittelte mit jeder Faser das Gefühl, daß es ihn wirklich interessiert. Ich werde vermutlich die ganze Zeit nur Unsinn von mir gegeben haben.
Aber ihm gegenüber zu sitzen und ihm zuzuhören… außerhalb des Inhalts bleibt bis zum heutigen Tag ein intensives Gefühl von Güte und Liebe zu den Menschen, das Willi Nelson ausstrahlt.
Nein,dieses Flughafenbild bleibt bei mir. Mein Schatz und …
In Love

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

21 Antworten zu Zweitverwurstung V

  1. Schwarzes_Einhorn sagt:

    *lach* Ja, besten Dank für die Klärung! Ich lese natürlich immer noch mit großer Begeisterung mit. ;o)

    • Pantoufle sagt:

      Moin, schwarzes Einhorn

      Das freut mich ehrlich, daß es Dir gefällt. Einigen anderen offensichtlich auch, jedenfalls sagen das die Zugriffszahlen. Denen danke ich an dieser Stelle natürlich auch für ihren Besuch.
      Vielleicht gibt es ja noch mehr Leute, die etwas anderes als C-Geschichten hören wollen. Geschichten aus den guten Tagen, die auch wieder kommen werden.
      Mir geht es jedenfalls so und ich habe festgestellt, daß man im Moment billig Buch kaufen kann. Walter Benjamin »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« für 2,65€. Das reicht zwar nur für einen Nachmittag, aber 2,65€! Letzte Woche bin ich etwas in einen Kaufrausch verfallen und habe insgesamt 60 €, die ich eigentlich nicht besitze, in Bücher umgesetzt. Immerhin für 8 Schinken hat das gereicht und es hat unendlich gut getan, etwas aus einer Zeit zu lesen, in der man sich noch Argumente um die Ohren gehauen hat und keine Links von irgendwelchen obskuren Videos auf Youtube.

      Naja, die eine oder andere Geschichte wird wohl noch kommen – bleib mir gewogen

      MvG,

      Pantoufle

  2. L´Andratté sagt:

    Lesenswert. So wie meistens, danke.

    “Geschichten aus den guten Tagen, die auch wieder kommen werden.”
    Es gibt ein Mittel gegen Isolation, Angt, Hilflosigkeit. Hass.
    Gelassenheit, Neugier, Sinn für Absurdes, Verständnis für die menschliche
    Vielfalt/Absonderlichkeit. Liebe ohne Illusion.
    Willie Nelson, dessen Musik mich persönlich überhaupt nicht interessiert,
    hat diese Botschaft schon lange symbolisiert und unmissverständlich ausgestrahlt,
    und tut dies immer noch, anscheinend auch in seinem persönlichen Umfeld,
    was natürlich immer der Härtetest ist.
    Einfach jemand der es wert ist, als Projektionsfläche benutzt zu werden (:

    Aber im Original am besten:
    https://www.youtube.com/watch?v=zprRZ2wFQD4

    • Pantoufle sagt:

      Moin L´Andratté

      Danke für den Link – den kannte ich nur dem Namen nach.

      »…dessen Musik mich persönlich überhaupt nicht interessiert…«

      Du hast sicher Verständnis dafür, wenn ich zu Fragen des »Geschmacks« berufsbedingt eine andere Einstellung habe. Wenn Du in dieser Branche unterwegs bist und nur das machst, was Dir gefällt, bist Du nach 2 Monaten Hungers gestorben.

      • L´Andratté sagt:

        “Wenn Du in dieser Branche unterwegs bist und nur das machst, was Dir gefällt, bist Du nach 2 Monaten Hungers gestorben.”

        Jaja, und 2 Monate schafft man auch nur als mexikanischer Koyote, weiß ich, ich bin Portrait-Maler von Herzen, verdien´ aber mehr als Erzieher und DAS will was heissen…

        Ich meinte nur, ich würd die Musik von Willie ja gerne gern mögen…(;

        TvZ ist unglaublich geil, wenn man grad genug Resilienz hat:
        “Traurig? Nein, ich bin nicht traurig, nur verzweifelt.”

        • Pantoufle sagt:

          Portrait-Maler und Erzieher… weiter auseinander ist schlecht denkbar.
          »ich würd die Musik von Willie ja gerne gern mögen«
          Meine Familie ist da Kummer gewohnt. “Papi hat wieder was Neues – jetzt isses Country UND Western! ”
          Größeres Missfallen erregt, glaube ich, nur meine Liebe zu klassischen Neutönern. Dann steht ein musikalischer Drahtverhau zwischen mir und der Familie.

  3. UT sagt:

    Das, dürfte wohl irgendwie passen………

    https://youtu.be/J9pfuI8nzOw

  4. Ex-Vermieter sagt:

    “Einigen anderen offensichtlich auch, jedenfalls sagen das die Zugriffszahlen.”
    Zahlen lügen ja nicht, und die Interpretation passt auch. Interesse weil gut.
    Danke und nice day!

  5. Peinhart sagt:

    Im Video: Teppiche auf der Bühne. Auch so eine angenehme persönliche ‘Idiosynkrasie’…? Wie verbreitet ist denn das eigentlich so?

    • Pantoufle sagt:

      Moin Peinhart

      »Wie verbreitet ist denn das eigentlich so?«
      Kommt sehr auf das Genre an. Grundsätzlich. Ungrundsätzlich ist diese Unsitte in allen Stilrichtungen irgendwann anzutreffen.
      Wenn Du Dich mit aller Gewalt bei den Bühnentechnikern unbeliebt machen willst, dann treibst Du es so, wie ein gewisser Rod Steward, der auf einer Open-Air-Tour (! Festivals !) darauf bestand, daß für sein Set alles(!) einschließlich Bühnenriser und Monitorboxen weiß zu sein hatte. Selbstverständlich mit weißem Teppichboden.
      Dann kommst Du Abends ins Catering, fragst die Monitor-Hucken und Lichtis, was sie trinken wollen und sie antworten mit: »Sein Blut!«.

      Meine persönliche Lieblingsband, mit der ich jahrelang auf Tour war, pflegt auch diese Unsitte. Aber wenn man wie die aus Armenien kommt, hat man sicher einen Teppichhändler in der Hinterhand, der die Feudel bei Beschädigung schnell ersetzt. Außerdem waren sie einfach geil!

      Bei einer anderen, entsetzlich berühmten Band, flatterte der Sänger zwischen den Stücken mit dem Ausruf »Divine, Divine!« barfuß über die Bühne. Weil der Herr schon etwas älter und gnaggeliger war, war das ok. An Ikonen hebt man nicht sein Bein.

      Die Teppiche sind ja auch nur ein äußeres, für alle sichtbares Zeichen dafür, daß irgend etwas kaputt ist. Da gibt es in diesem Kontext Schlimmeres. Das Zelt hinter der Bühne für einen sehr, sehr berühmten deutschen Punk-Sänger mit Sauerstoff-Flasche oder bei anderen mit einer Bar, mit deren Inhalt man die gotischen Söldner bei der Schlacht im teuteburger Wald außer Gefecht setzen könnte… da gibt es Spielarten, die sind nicht mehr zu erklären.

  6. Siewurdengelesen sagt:

    “Meine persönliche Lieblingsband, mit der ich jahrelang auf Tour war, pflegt auch diese Unsitte. Aber wenn man wie die aus Armenien kommt, hat man sicher einen Teppichhändler in der Hinterhand, der die Feudel bei Beschädigung schnell ersetzt. Außerdem waren sie einfach geil!”

    SOAD?

      • Siewurdengelesen sagt:

        Ja – die sind wirklich sensationell.

        Serj Tankian finde ich solo sogar fast noch spannender in seinem “Spätwerk”, wenn man es so nennen möchte.

        Das liegt vielleicht daran, dass er einmal im Stil nicht so auf Metal getrimmt ist wie mit der Band und daher auch ein sehr breites musikalisches Spektrum bedienen kann. Seine Stimme ist so oder so einmalig.

        Und ich gestehe: Eine seiner Scheiben steht bei mir sogar als Schallplatte oder neudeutsch Vinyl…

        …und was mache ich jetzt nur mit dem Punkt?

        😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.