Zweitverwurstung IV

Hallo Pappi,
Sharon hat mich ins schüler vz eingeladen aber ich weiß nicht ob
ich da rein darf. (da muss man sich anmelden) Ich würde gerne aber das ist
dein Computer. Apropos Computer wir, also Mami und ich, haben den Computer aus meinem Zimmer in das Kinderwohnzimmer gebracht . Ich habe da ganz viel Platz jetzt.
Meine Freunde wollten dich fragen ob du ein Autogramm von
Pink mitbringen kannst? wär toll. (ich habe ihnen gesagt das du das nicht
magst) sie finden deinen Job cool und Sascha sagt Du wärst voll cool also
denk über das schüler vz nach und antworte bitte.
Viele Grüße
Tochter I

PS:ich vermisse dich!

Enrique Iglesias, Europa-Fall 2009. Ich kann mich gar nicht genau daran erinnern, warum Minsk nachträglich im Tourneeplan nicht vorkommt. Wenn ich mich recht entsinne, waren das ausschließlich eine Woche Proben mit einem Testkonzert vor irgendwelchen lokalen Bonzen.
Minsk firmierte damals noch unter Russland; beim US-amerikanischen Teil der Crew sowieso, bei denen je nach Bildungsstand die russische Grenze zwischen »10km östlich von Berlin« bis »Warschau« angesiedelt war. Was genau »Weißrussland« zu bedeuten hat, war allerdings auch dem europäischen Teil der Reisegesellschaft weitgehend unklar. Eine Bildungslücke, die sich bis zum heutigen Tage in Europa fortsetzt. Und wenn man eines Morgens in Moskau die Augen aufschlug, war die Beschilderung immer noch kyrillisch und auch das Architektenteam der öffentlichen Bauten entsprang offenbar dem selben Stall.

Nein. Ich kann mich kaum noch erinnern. Im Bücherregal gewühlt, wo ein Stapel mit Tourbüchern vor sich hinschlummert und noch mal nachgelesen. »Greatest Hits Tour 2009«, April bis Mai. Mit meinem Lieblings-Production-Manager Jim Digby. Man hat ja nicht viele Freunde in diesem Gewerbe, aber Jim zählt zu den Ausnahmen.
Genau: Und Vish Wadi war auch dabei. Monitor-Engineer mit indischen Wurzeln; auch eine feste Größe im Buisiness. Ist jetzt, glaube ich, hauptsächlich mit Rihanna unterwegs.
Das war wohl meine erste Tour mit Vish, aber nicht die letzte. Ein großartiger Mann mit viel Ruhe.

Nein, nicht eine Woche Minsk. Fünf Tage waren es und der Gig war immerhin eine 5000er Halle. Na gut – die kleinste auf der Tour, aber ich kann mich nur noch an die Bonzen und die militärische Security entsinnen. Security mit Maschinenpistolen – da fühlt man sich doch gleich total sicher! Ja, der Aljaksandr Lukaschenka wußte schon damals, wie man Ruhe herstellt.

Iglesias, der Jüngere 09

Streng sieht sie mich an ­ sehr, sehr streng! So richtig streng! Nicht so, als hätte man vergessen, an­ zuklopfen oder zu laut gelacht. Tuscheln tut sie auch noch mit ihrer Kollegin, um dieser Strenge dann noch ein paar geschliffene Falten um die Augen hinzuzufügen. In nahezu akzentfreiem russisch erklärt sie dann, warum sie gerade so streng guckt und händigt mir den Zimmerschlüssel aus. Ich sage brav Danke, lächele sie freundlich an und verschwinde auf mein Zimmer.

Die russische Sprache ist eine der ältesten Kultursprachen auf diesem Kontinent! Sie eignet sich vor allem hervorragend dazu, etwas Unangenehmes in sehr strengem Ton zu formulieren. Leider verstehe ich nicht ein einziges Zeile davon. In den guten alten Zeiten, als die Menschen in Russland noch von den Zaren regiert wurden und jener sie durch Hunger, Zwangsarbeit und Kälte dezimieren ließen, wurde in den besseren Kreisen französisch gesprochen ­ auch dieses eine Sprache, zu der ich leider nie Zugang gewann. Sonst wäre ich wohl ein wenig vorsichtiger gewesen.
So aber genieße ich vorerst mein ausgesprochen geräumiges Apartment, das doch aus sage und schreibe einem Schlaf-­ und Wohnzimmer, einem Aschenbecher und einem Bad besteht. Der Eindruck der Einrichtung bedient sich vieler spätsozialistischer Stilmittel. So ist an verschiedenen Schatten auf der Tapete auch zu sehen, das man sich durchaus bemüht, das Aussehen der Räumlichkeiten von Zeit zu Zeit dem aktuellem Geschmack des Publikums anzupassen. Dort mag ein Spiegel gehangen, während an diesen 2 grauen Linien neben der Tür einmal ein Regal oder etwas ähnliches gestanden haben mag.

Die Bilder über dem Bett und dem Sofa scheinen Teil einer Wanderausstellung zu sein, deren Exponate etwa alle 3 Jahre gewechselt werden. Sowohl deren Formate wie ihre Größe werden genauenstens auf ihre Wirkung im Raum überprüft und gegebenfalls optimiert. So ist am Schattenriss gut zu erkennen, daß auch größerformatige Werke ihren Platz fanden. Der Stil der Bilder ist einer einfachen Botschaft gewidmet : Diese Welt ist schön!

Daß das geneigte Puplikum diese Bemühungen durch häufige Besuche würdigt, verrät der Zustand des Teppichs. Es ist doch immer wieder beruhigend zu sehen, daß die Bemühungen kreativer Innenaustatter belohnt werden! Etwas ungewöhnlich ist bestenfalls die Ausstattung der Minibar. Es ist durchaus alles vorhanden, was dem müden Reisenden den Aufenthalt noch angenehmer macht : Allein die Preisgestaltung verwundert. Oder wie kann man erklären, daß ein halber Liter Wodka billiger ist als eine Tafel Schokolade. Aber wer will bei soviel Gastfreundschaft klagen, zumal man sich bei der Größe der Flaschen nicht knickerig zeigt. Die Flasche Wiskey ist groß, der Wodka größer wie auch das Bier. Nastrovje!

Der Blick aus dem Fenster und ein langer Spaziergang zeigt eine moderne Stadt, in der die Menschen viel Platz auf den Straßen haben, wenig dagegen in den vielen Wohn­blöcken, aus denen alles zu bestehen scheint. Altes sucht man vergeblich. Hier gibt kein Haus, das älter als 30,40 Jahre ist. Dafür gibt es eine einfache Erlärung: Nachdem das russische Volk eine mordende Nazibande unter entsetzlichen Opfern aus ihrem Land getreten hatte, standen in der Metropole Minsk noch sage und schreibe 4 Häuser! In Worten : Vier! Wie ungeheuerlich diese Tatsache erscheint, wird einem erst klar, wenn man heute durch diese Riesenstadt fährt mit ihren großzügigen, sauberen Parks und den modernen Straßen.
Denkmäler sind ja so eine Sache : Spätestens eine Generation später schleicht sich ja oft ein Lächeln beim Betrachter ein ­ Pathos hat eine sehr geringe Lebensdauer! Hier nicht; wenigstens nicht bei mir. Mit meine jungen Begleiter Alexej, der ausgezeichnet englisch spricht, unterhalte ich mich lange über diese, seine Stadt. Natürlich kommen wir irgendwann auf dieses Thema. Ich höre zu, wie der junge Mann, der doch wie ich das alles nicht erlebt hat, ins Stocken gerät, hilflos versucht, zu erklären, was doch nicht zu erklären ist, ein Schulterzucken und wir sehen zu einem dieser Denkmäler, auf dem Mütter ihre toten Kinder beweinen und vor dem sich ein Liebespaar gerade küßt.
Überall stehen sie : Die Soldaten aus Granit, ein Zug halbverhungerter Kinder oder diese Mütter und schweigen ihre Botschaft an uns Lebende : Nie wieder Krieg! Niemals! Da steht er nun, der Russe mit seinem Deutschen.

Dabei hatte doch alle so gut angefangen. Am Flughafen in Minsk wurde ich vor der Visakontrolle von Olga abgefangen. Olga ist eine junge Russin und so schön wie der Sonnenaufgang, das Meer und der 1, 2 und nullte Hauptsatz der Thermodynamik in einer Person! Und sie kommt, wie auch immer, vor die Kontrolle. Während sich dort die anderen ausländischen Fluggäste brav in eine Reihe stellen, geht Olga zu einer Tür, wartet dort 10 Minuten und kommt mit einem Visum für mich zurück. Das reicht sie mir mit der einen Hand, während die andere verhältnismäßig unauffällig ein paar Dollarnoten wieder in die Handtasche stopft. Auf meine Frage, ob das jetzt sehr teuer war, antwortet sie verlegen “nein, nicht so sehr. Die Beamten würden sie sie gerne mögen“. Ja, das kann ich nachvollziehen! Da ich jetzt bereits im Besitz eines Visums bin, während an der langen Schlange (Boeing 737­-400 voll besetzt) noch nicht der erste Gast abgefertigt ist und der letzte wahrscheinlich bis in die frühen Morgenstunden gewartet hat, mögen mich die anderen Reisegäste nicht so gerne. Auch das kann ich verstehen! Es war einfach einer dieser Tage, wo ich für fast alles sehr viel Verständnis hatte.
Draußen, endlich diesen Grenzbewachern entgangen, warten 2 Jungs auf mich, die seit Stunden darauf fiebern, dem Westler mal zu zeigen, daß die Straßenverkehrsordnung nicht etwa ein Gesetz darstellt, sondern einer zusammenhanglosen Reihenfolge von unverbindlichen Hinweisen. Ich vermute, daß sie außer vollendetem Totschlag jedes Gesetz der weißrussischen Straßenverkehrsordung ­ nein : nicht verletzt, sondern verächtlich mit Füßen getreten haben, um es anschließend anzuspucken, wenn es schon blutend und röchelnd am Boden lag. Es wurde eine recht interessante Fahrt. Der Hinweis des Tour­-Managments, daß die Fahrzeit bei rund einer Stunde liegen würde, entsprach nicht im Ansatz der Realität. Wie schon angedeutet : Es hätte ja alles so schön sein können, hätte nicht an einer Stelle eine kleine, dumme falsche Zahl im Visum gestanden. Da,wo “24” hätte stehen sollen, stand “23”. Und das sollte da nicht stehen! Ich war sozusagen für einen Tag zu wenig erlaubt.

Nun ist das ja so : Wenn ich dieses schöne Land besuchen will, komme und gehe wieder, könnte der Grenzbeamte ja theoretisch sagen
Tschüß und auf Wiedersehen, hoffentlich hat es ihnen gefallen und wenn Sie wollen, können Sie ruhig noch ein paar Tage dranhängen. Wir sind da gar nicht so!
Die sind aber so! Unnachgiebig, stoisch und vollkommen humorlos! Und so mußte der Alexej mit seinem Deutschen auf irgend eine Behörde. Die lag in einem Viertel, in das ich mich ohne Begleitung gar nicht und selbst mit dieser nur sehr, sehr unwohl getraut hätte.

Selbst als verhältnismäßig privilegierter Mensch mit ein paar Dollarnoten im Pass habe ich einen ungefähren Eindruck davon bekommen, wie es den Ausländern in meinem Land geht, wenn sie denn diese schiefen ausgetretenen Steinstufen in den 3.Stock steigen müssen. Der Landessprache nicht mächtig und der Gleichgültigkeit und dem Desinteresse unterbezahlter Beamter ausgeliefert, die hier auf des Ende ihrer Dienstzeit warten. Diese durchgesessenen Stühle ­ selbst Holz gibt irgendwann nach ­und diese Uniformmützen! Perestroika hin ­oder her: 40 Jahre kalter Krieg hinterlassen einfach ein ungesundes Maß an Vorurteilen, die man beim Betreten einer russisch organisierten Behörde nicht einfach abschüttelt. Ganz unabhängig davon, daß sich so eine Institution auch nicht in 10 Jahren ändert. Sie hat 200 Jahre gebraucht, um zu diesem Albtraum zu werden, als der sie daherkommt. Alex sei Dank; nicht nur dafür und ich darf dann doch noch heraus aus diesem eigentlich doch so gastfreundlichen Land. Die Hunderdollarnoten von Jim waren alle und die Tür öffnete sich wieder. Wenn jemand einmal gesagt hat, daß die Zöllner die Visitenkarte eines Landes sind, hatte er Russland dabei sicherlich nicht im Sinn.

Jetzt fahren wir durch die weiten Wälder und Brachen des Baltikums. Nach vielen, vielen Kilometern sieht man Dörfer am Straßenrand. Sind das Dörfer? Ich weiß es nicht. Es stehen da keine Namen, nur die Architektur mit den maroden Wänden und die Wellblechdächer wiederholt sich. Vielleicht ist das auch Asbest, ­wer weiß. Aus den westlichen Propagandafilmen der 70` glaubt man das alles schon zu kennen ­ jetzt steht da eben kein Lada­ oder Moskwitschauto vor der Türe, sondern ein Toyota und die obligatorische Satelitenschüssel bringt einem die Lügen nicht nur der eigenen Regierung frei Haus. Die Menschen nennen das Fortschritt.
Die doch so rührigen Vertriebenverbände in Deutschland, die wider dem gesunden Menschenverstand und historischer Erfahrung immer noch irgendwelche Gebiete im Osten als persönliches Eigenum einfordern : Hereinspaziert! Hier könnt ihr euch nach Herzenslust austoben! Es soll sogar noch Bären geben! Das möchte ich sehen ­ die Neonazis mit den weißen Handschuhen in dieser Wildnis! Hier ist so viel Platz. Die können hier in aller Seelenruhe ihren Heroen Denkmäler bauen; hier stört es nun wirklich keinen! Ludendorf und sein Fossil Hindenburg! 15 Meter hoch plus Sockel und im Winter sieht man gerade noch die Spitze der Pickelhauben. Das Leben könnte so schön sein…

So werden wir jedenfalls gemütlich durch diese Gegend gefahren. Burkhard, unser Busfahrer erzählt mir des Morgens, daß er nicht nur angeblich Elche, sondern auch Warnschilder für ­ oder gegen Eichhörnchen gesehen haben will! Jetzt werde ich von der Vorstellung verfolgt, wie er des Nachts in wilder Fahrt von einer hundertausende umfassenden Population dieser ach so süßen Tiere verfolgt wird. Die großen Reifen schliddern über die zermalmten Körper der Tiere, wilde Lenkbewegungen und die Scheibenwischer versuchen in immer höherer Geschwindigkeit mit den Kadavern der Eichhörner fertig zu werden.
Umsonst :Mit blutverschmierter Frontscheibe faßt Burkhard den tragischen Entschluß, zum Wohle seiner selig schlafenden Passagiere, den aussichtslosen Kampf mit den Bestien aufzunehmen. Die nervige Faust umkrampft den Wagenheber, ein letzter entschlossener Blick zur Fahrtenscheibe ­ er hat noch 23 Minuten, diesen aussichtslosen Kampf zu gewinnen, bevor er seine gesetzlich vorgeschriebene Pause machen muß und dann der entschlossene Druck auf den Knopf, der die Türe öffnet. Sein Kampfruf erschreckt sogar diese Bestien für einen Augenblick, als sich die Tür mit einem Fauchen öffnet! Während er wild über Benzinpreise und die Sauberkeit von Rastätten schwadroniert, den schlecht bezahlten Spotfahrerjobs und dem Catering in Minsk, beginnt der tapfere Fahrer auf die Tiere einzuschlagen. Die sind durch diese Dauerberieselung auch so eingeschüchtert, daß es einen Moment fast so aussieht, als hätte er in diesem ungleichen Kampf eine kleine Chance. Aber ach : Der Anführer der brutalen Nager ist von Natur aus mit einem bedauerlichen Gehörschaden gesegnet! Er hört Burkhards Geschrei einfach nicht, springt ihm an den Hals, umklammert den Fahrer, um zum schrecklichen Finale die entsetzlichen Reißzähne … wilde Piano­musik, Stummfildramatik … Schnitt!

Dabei war das Catering in Minsk gar nicht so schlecht. Das kann man wirklich nicht sagen! Es erinnerte ein wenig an die holländische Küche, nur das die Portionen erheblich größer waren. Zum Frühstück gab es kleingeschnittene, kalte Fleischklumpen, Salat und Brot ­ eine Speisefolge, die sich am Mittag und am Abend wiederholte; mit dem Unterschied, daß die Fleischklumpen noch größer und zudem warm waren. Als besondere Delikatesse gab es frittierte Kohlblätter. Amsterdam wäre für so etwas berühmt geworden, wenn sie nur Kohl hätten. Oder eine Fritteuse…
Das Missverständnis “full english Breakfast” : Je weiter man sich von der Insel entfernt, um so kurioser werden die Vorstellungen. Ich stelle mir immer die armen Köche vor, wie sie über die Cateringanweisungen der Produktion gebeugt über deren Sinn brüten. “Bohnen,Speck… sollen wir des Speck vorher kleinschneiden oder wollen die den in fingerdicken Scheiben? Oder in kleinen Würfeln? Und die Bohnen! Wir haben da noch 4 Dosen von diesen großen Pferdebohnen. Man könnte mit ihnen und den Tomaten lustige Spießchen machen und die mit Eigelb überbacken… “
Strafender Blick der Mitarbeiter:­ Das macht entschieden zu viel Arbeit!
Also werden Wiener Würstchen mit Sojasoße gebraten, Eier 45 Minuten von beiden Seiten gegart und die getrockneten Bohnen gibt es liebevoll kalt angerichtet mit geriebenem Parmesankäse.
Naja : 2 Tassen Kaffee und eine handvoll Zigaretten tun es auch.

Das kann man dann mit meinem Trucker Mick von Transam Trucking zusammen machen. Ein Traum von einem Trucker! Etwa in meinem Alter,­ besser aussehend ­ und sehr, sehr fleißig. Er kann eine BT218 von einem Amprack unterscheiden, versucht nicht ein Pult zu tippen und reißt mir beim Loadout das Material unter dem Hintern weg, um sein Auto zu laden.
Immer gute Laune und geduldig, wenn ich mal wieder versuche, eine meiner tollen Ideen bezüglich des Loads seines Trailers unterzubringen. Er lächelt dann immer ganz bezaubernd und macht es dann richtig. Das ist jetzt kein Witz, keine Häme -­ der Mann ist Gold wert! Ich weiß überhaupt nicht, was ich ohne ihn machen würde!
Zu meinem großen Bedauern muß ich hier nämlich richtig arbeiten. “Richtig arbeiten” muß man natürlich relativieren : Gegenüber dem, was die Kollegen von Licht und Video hier leisten müssen, lebe ich geradezu paradisisch. Die werden auf dieser Tour regelrecht geschreddert! Das würde ich mir nicht bieten lassen. Angetrieben von ein paar sehr jungen sogenannten “Lichtdesignern” und ähnlichen “Künstlern” prügeln die ein monströses Rigg auch in die kleinsten Gemäuer hinein. Diese jungen Herren trinken erheblich zuviel, arbeiten so gut wie gar nicht und haben nicht den Hauch einer Ahnung, was man einer Crew zumuten darf und wann Schluß ist. Ich warte sehnsüchtig auf den Augenblick, wo man diese Burschen mal in einen dunklen Winkel zerrt und ihnen Manieren einprügelt. Während der Zeit eines ca. 3 Wochen dauernden Krankenhausaufenthaltes könnte man das Rigg auf ein vernünftiges Maß reduzieren.

Nein, dagegen geht es mir wirklich gut.
Nun hat jeder seine kleinen Probleme. Unseres besteht darin, das wir eigentlich keine richtige PA-­Crew haben. Der Plan sah vor, das der Monitormann mit seinem Assi SL macht, mein FOH-­Ing und ich SR. Soweit der Plan. Nun haben die Götter aber beschlossen, uns einen Peruaner zu schicken, dessen Name, soweit ich mich erinnere, Sicherheitsrisiko lautet. Die Situation ist also, daß der Monitormann die Motoren fährt (was auch nicht ganz ungefährlich ist) und Tim (FOH) den Mon­Assi beaufsichtigt. Damit das Ganze auch nicht in Arbeit ausartet, umgeben sie sich mit einem Kordon von 5 Stagehands, die ihnen bei der Arbeit zusehen und ihnen abwechselnd auf den linken oder rechten Fuß treten..
In der Zwischenzeit mache ich die SR-­PA, die Subs und Nearfills alleine und passe auf, daß insgesamt nicht allzu viel Unsinn gemacht wird. Für 3,4 Tage mag das ja ganz lustig sein, aber nach 2 Wochen tun mir jetzt doch die Knochen ein wenig weh. Auf der anderen Seite habe ich meine Baustelle so gut optimiert wie noch nie zuvor. Das geht sozusagen gar nicht mehr zu zweit oder mit Hands. Und mein zarter Bauchansatz, der sich spätestens nach 2 Wochen Nichtstuns zu Hause einstellt, ist nun wirklich nicht mehr ­…also nicht mal im Ansatz… werde ich auf meine alten Tage noch eitel?
Ja.
Unter der Hartwall-­Arena in Helsinki gibt es eine Kletterhalle mit Naturfels! Für alle, die gerne klettern : den Örtlichen fragen! Dieses Jahr war ich noch nicht wieder klettern und dann gleich Rock… ich war heilfroh, das außer dem Örtlichen niemand dabei war, weil ich mir meiner Form nicht sehr sicher war. Dank dem Training auf SR ging es dann aber über alle Erwartungen gut und es war gar nicht peinlich, daß ich buchstäblich auf dem letzten Meter einen dummen Flüchtigkeitsfehler machte und dann doch hängenblieb. Ach, was war das schön…

Ach ja,­ die Produktion! Der Künstler ist wirklich begeistert von unseren i5, hätte aber gerne noch mehr und das ein wenig größer und ein paar Subs mehr könnten auch nicht schaden. Er liebt es groß und laut. Von mir aus gerne : Solange das irgend jemand bezahlt, soll es mir recht sein. Seinem FOH­-Ing Tim Holder vertraut er sehr und hinter vorgehaltener Hand gestand er ihm, das er es “cool” findet, daß er einen deutschen Sys­ Ing hat. Was daran nun “cool” ist, verstehe ich nicht ganz, aber vielleicht habe ich ja einen kleinen Gruselfaktor, der mir bis jetzt entgangen ist. Furor Germanicus oder so. ­Man weiß ja nie.

Paris : Hurra! Peru feiert die langerwartete Heimkehr eines seiner verdienten und heißgeliebten Bewohner. Unsere kleine , aber die emsige Beschallungsgruppe muß nun ohne südamerikanische Verstärkung auskommen. Schweren Herzens wurde Ricki gegen ein schweizer Qualitätsprodukt getauscht. Lars ist gekommen. Manchmal tendiert der gemeine Schweizer ja zur Aggressivität. Die liebevoll zusammengefalteten Kabel, liebevoll mit viel buntem Tape verklebten Bündel wurden unbarmherzig zerschnitten, auf dem Boden ausgerollt und ganz, ganz anders wieder zusammengefügt. Bedauernd muß festgestellt werden, daß sich von der liebevollen Handarbeit peruanischer Eingeborener nichts wiederfand. Die bunten Farben, die zierlichen Schleifen, die phantasievolle Vielfalt von Steckern und Zuführungen ­ alles verschwunden zugunsten einer nüchternen und weitgehend unkünsterischen Installation!
Versüßt wird mir dieser Verlust allein dadurch, daß das Gerümpel innerhalb von 10 Minuten von der Bühne verschwunden ist, was einer zeitlichen Steigerung von mindestens 700% entspricht. Da wollen wir mal nicht so sein.… In Rotterdam, wo unsere Engineers FOH und MON uns wegen eines überflüssigen Promogigs in Kathar bereits während des Loadouts verlassen müssen und Lars und ich ungestört Gas geben können, hauen wir das gesamte Gerümpel innerhalb einer Stunde aus dem Ahoy. Tour­-Rekord!

Die Insel hat uns wieder. Die Kollegen aus den abtrünnigen ehemaligen Kolonien werden freundlich, sachlich und sehr gründlich geprüft, während ich angesichts meiner deutschen ID­-Card mit den Worte “ach, das geht dann ja schnell” von einer freundlichen Dame durchgewunken werde. Zurück in England. Das tut wohl morgens um 4:00 Uhr. Von den vielen Dingen, die ich an England schätze, ist die Höflichkeit seiner Grenz­beamten vor allem nach den Erfahrungen in Russland ein freundliches Willkommen. Weniger schätze ich den völlig außer Kontrolle geratenen Überwachungswahn in diesem Land. Die M6 nach Manchaster ist gespickt mit Kameras, wie die Städte, die Pubs oder alle mehr oder weniger öffentlichen Gebäude. In Anbetracht ihrer Zahl ist jedem klar, das es schon lange nicht mehr möglich ist, all diese Bilder auch nur im Ansatz auszuwerten. Die Vermutung liegt also nahe, das interessierte Kreise daraus schon lange einen Selbstbedienungsladen gemacht haben ­ man nimmt, was man braucht, um daraus in irgend einer Art Kapital zu schlagen. Einen sachlich begründbaren Hintergrund hat es für diese Sammelleidenschaft nie gegeben. Es muß wohl auf eine frühmittelalterliche Vorstellung zurückgehen, man könnte Herr einer Hi­Tech Kristallkugel werden, mit deren Hilfe die Zukunft zu erschauen wäre. Und wenn es auch dafür nicht reicht, so dann doch für den Liebhaber der eigenen Frau, den Verführer der Tochter oder der Geldquelle, mit deren Hilfe sich der böse Nachbar das neue Auto geleistet hat. Verblüffend ist die Leichtigkeit, mit der man den jahrhunderte währenden Kampf für Bürgerrechte vergaß oder mangels Bildung auch nie richtig begriffen hatte. Was blieb, war der Kotau vor einer kleinen rabiaten Clique, die das Gesetz für sich enddeckte, daß, so man das Wort “Sicherheit” nur lange genug wiederholte, daraus allgemeine Angst entsteht. Als finale Version des englischen Humors leistet man sich die politische Figur eines Datenschutzbeauftragten ­ vergleichbar eines Tierschützers in der Großschlachterei.

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12 Antworten zu Zweitverwurstung IV

  1. DasKleineTeilchen sagt:

    danke.

    (das er es “cool” findet, daß er einen deutschen Sys­ Ing hat. Was daran nun “cool” ist, verstehe ich nicht ganz

    jetzt spielste aber den ahnungslosen, babe…ausserdem

    Sascha sagt Du wärst voll cool )

  2. Schwarzes_Einhorn sagt:

    Zwischen zwei Buchdeckeln mit Anhang mit den Fachausdrücken sähe das auch nicht schlecht aus.
    Titel: Roadtrip.

    • Pantoufle sagt:

      Moin Einhorn

      »Fachausdrücken«?
      Siehe Zweitverwurstung I

      Und Buchdeckel liest und kauft heute niemand mehr. Außer denen mit dem Riesenzwerg Ülv und das habe ich leider nicht im Angebot.

      Und »Roadtrip« beinhaltet ein Missverständnis: Das klingt so nach Urlaub und »Aussteiger für ein halbes Jahr«. Das ist es nicht. Es ist ein Beruf, den man einmal ausüben konnte und jetzt nicht mehr.

      Und überlege doch mal: Hier lesen kostet nix, keine Ausbeutung unterbezahlter Amazon-Arbeiter und Verschwendung langsam nachwachsender Rohstoffe. Und wenn Du einen alkohollöslichen Stift verwendest, kannst Du Dir sogar Notizen auf den Bildschirm malen. (dont try that at home)

  3. Siewurdengelesen sagt:

    Schöne Geschichte(n)!

    Sind die Bilder alle passend oder eher zufällig eingefügt?

    Denn die zwei Dampfer scheinen mir eher auf Regel- statt russischer Breitspur unterwegs zu sein und in Jugoslawien?

    Die Berichte zeigen, wie vielfältig und voller Überraschungen so ein Leben ist. Ähnlich wie beim verklärten und verfluchten Leben als Trucker aka LKW-Fahrer möchte ich dabei weder mit Dir noch mit den Fahrern tauschen, so interessant so manche Schnupperstunde in den Genres auch sein mag.

    • Pantoufle sagt:

      Moin, Siewurdengelesen.

      Wußte ich doch, daß Dir das Bild gefällt.
      Die Bilder kommen aus dem Ordner der Tour, was nicht besagt, daß das regelmäßig in den richtigen Ordnern abgelegt wurde. Aber mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit würde ich mal auf Beograd/Serbien tippen. Jugoslawien war es mit Sicherheit nicht; da waren wir nicht.
      Die anderen Bilder sind auch definitiv von der Tour. In der Reihenfolge des Auftretens: Belgien, 2 x Minsk, Kosice, Talin, Beograd, 2 x Belgien, Vilnius, Paris, Manchester.

      »…dabei weder mit Dir noch mit den Fahrern tauschen…«
      Nein, das möchtest Du nicht.

      • Siewurdengelesen sagt:

        “Nein, das möchtest Du nicht.”

        Gewissermaßen gehöre ich ja auch zum fahrenden Volk mit Schichterei und allem Pipapo und habe mit abartigen Arbeitszeiten sicher kein Problem. Den Punkt weiss ich aber mittlerweile schon zu schätzen, dass Feierabend ist, wenn Feierabend ist, selbst wenn es bei uns auch öfter mal drüber geht, und die Kohle regelmässig und pünktlich eintrifft;-)

        Andererseits haben wir dafür auch schwer geblutet und es gibt noch andere Unternehmen in der Branche, wo die Zustände lange nicht so rosig sind.

        Vom romantischen Truckerleben habe ich auch noch ein paar Bilder, möchte ich aber aus Gründen auch nicht hier einstellen.

  4. Ist das auf dem letzten foto die Barton Arcade?

  5. Moinsen,

    ja, es ist schön. Ich bin begeistert! Das ist für mich sozusagen kindheitserinnerung – naja, fastkindheitserinnerung.

  6. Peinhart sagt:

    Aktuelles Interview mit Mrs Mitchell.

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