Zweitverwurstung II

Hi Süße

Das mein Companymobil noch funktioniert, weiß ich. Jim Digby hat mich gerade angerufen und gefragt, ob ich für ein paar Wochen mit auf Linking Park komme. Die
sind im Moment in EU. Leider mit der falschen Company die touren mit Adamson – PA; das einzige PA-System, mit ich leider kaum Erfahrung habe.
Aber Pooch ist FOH-Ing, Jim Production Manager und wir lieben uns. Ich wäre wirklich erste Wahl, wenns um Sympathiepunkte ginge. Leider keine »die Firma«produktion!
Jetzt geht die Anfrage nach US of A und TY muß das entscheiden, ob ich da mit darf. Der wusste bis eben noch nicht einmal, das ich in England bin.
Jim auch nicht, denn der hatte erwartet, das ich zuhause sitze und mal eben ganz unbürokratisch nach Frankfurt eisenbahnen könnte. Das hätte ich auch sofort gemacht und keiner Seele was davon erzählt. Aber so geht das leider nicht; ich brauche einen Flug, WWE muß jemand anders machen und alle,alle wissen es.
Scheißpolitik. Und Linking Park tourt weltweit. Lass uns mal beten…
vieleicht haben die Götter des Rock&Roll ja mal ein Einsehen.
Ich wollte Dir eigentlich noch nix davon erzählen, aber es wäre einfach zu schön, um wahr zu sein.

Pantoufle

Diese Abteilung hat gar nichts mit Rock`n`Roll zu tun, sondern mit einer anderen Art von Veranstaltung. WWE, World Wrestling Entertainment. Sowas kommt auch vor und es war über Jahre eine meiner Lieblingsveranstaltungen.
Technisch ziemlich interessant: Stadien, TV-Übertragung, statt Rock`n`Roll eher »grunz,grunz« (also nicht sooo weit entfernt) und eine hochprofessionelle Crew. Körperlich eher eine Strafe Gottes. Das ist echte Arbeit!

Auch diese Geschichte ist wieder ziemlich motorradlastig – ich kann (und will) es nicht ändern! Kurz vor dem Gig hatte ich auf der Fähre nach Dover dank einer Ölspur und eines spontan brechenden Kupplungshebels  einen kleinen Unfall, der eine leicht lädierte Schulter, eine mittelschwere Gehirnerschütterung zur Folge hatte und unter anderem die Begegnung mit dem englischen Gesundheitssystem. Dann lieber Gehirnerschütterung. 
An sich nicht so schlimm, aber mein Selbstvertrauen war etwas angeknackst und der linke Arm weitgehend nutzlos. Das nur als Erklärung für ein paar Hirnrissigkeiten, die ich mir im Laufe der Tage erlaubte.

Dieser Text ging auch nicht an »die Firma«. Ich habe ihn für irgend jemanden geschrieben – vermutlich mir selber.

Männerträume…

…beginnen am Eingang zur Küche unter mir. Da ist der Hintereingang, durch den ich ich ungesehen mit Helm, Packtaschen und schweißtriefend die Treppe heraufschleichen kann, um in meiner Wolfshöhle endlich legal rauchen und die mitgebrachten Budweiserdosen zu leeren.

Unten wurde ich aufgehalten – es gab frischen Ale-Pie. Die Wochenration lag goldgelb und duftend auf der Anrichte: frisch ist das fast unschlagbar! Selbst mein Bruder hat das neidlos anerkannt, daß man das so nur in England bekommt. Über die Gründe dafür hat er sich zwar nicht weiter ausgelassen, aber wer fragt danach, wenn man zwischen Tür und Stiege so ein warmes Stück englischer Esskultur angeboten bekommt. Mein warmes Abendbrot für heute.

„Wie geht dir?“
„Oh, sehr gut, wirklich! Und selber?“
„Ach, du siehst ja selber: Viel Arbeit. Aber das Wetter ist ja durchaus erfreulich für die Jahreszeit!«
“Schmeckt es?”

Natürlich tut es das! Das Rind ist so zart und mürbe, wie man das nur durch eine vierstündige Kochzeit erreicht, als Contrapunkt gibt es rohes Gemüse und eine leckere Soße. So steht es jedenfalls auf der Karte. Colin hat eine leckere Soße, und die gibt es konsequent zu Lamm, Rind, dem gemeinen Schwein und vermutlich auch zu Fisch, wenn er den denn servieren würde – tut er aber nicht; vermutlich wegen des Geruchs und weil wir doch immerhin ca. 200 Meilen vom Meer entfernt sind. Da ist er stur: Keinen Fisch! Vielleicht passt auch die Soße nicht, wäre dann nicht mehr lecker und würde den Ruf seines Hauses beschädigen! Denn es ist natürlich nicht eine Wochenration an Pie, die er da gemacht hat – das reicht höchstens für 3 Tage. Seine Küche ist beliebt, das Haus immer voll und die Gäste begrüßen mich schon als Möbelstück.

Am Abend habe ich mir ein Ale gekauft. An der Theke; no more Budweiserdosen. Hinter der Theke stand meine Lieblingsbedienung Olivia und man kann sie alles, alles fragen und das tue ich auch mit dem größten Vergnügen. Natürlich nur Dinge, die sich schicken! Zum Beispiel, ob man in Pubs Trinkgeld gibt. Nein, das tut man nicht – nicht, daß es peinlich wäre, aber man macht es einfach nicht. Bei meinem Loblied auf den Pub und meinen Landlord (das ist sehr grob als „Vermieter“ zu übersetzen) pries ich seine Freundlichkeit, jede Bitte um einen Taxiruf während des Besuchs meines Bruders abschlägig zu erteilen und ihn inklusive Frau höchstpersönlich mit seinem Auto (einem dunkelblauen silbernen Jaguar mit beigen Leder ) zu fahren.

So etwas war mir nun auch noch nie untergekommen. Olivia musterte mich kurz und sagte, das würde immer sehr von den Gästen abhängen. Und bei mir wäre das vollkommen in Ordnung.
„Weißt du: England liebt dich!“
Ob sie wirklich kein Trinkgeld nehmen würde? Lacht… „No!“ Außerdem würde es Streatley heißen und nicht „Streetley“. Feine englische Unterschiede und mein Englisch ist weiterhin ziemlich grottig.
Was ich am meisten vermisse, ist meine Garage. Ich bin wohl das, was man hier einen „Wrenchmonkey“, Gas-Head nennt oder auf deutsch: Schrauber. Ich brauche ein neues Motorrad! Eines, was nicht so schwer ist und schlingernd rutschend mit dem Hintern wackelt, wenn ich genervt einen dieser Autofahrer überhole, der auf der Landstraße so tut, als würde er nach einer Hausnummer im Neubauviertel suchen und die Ideallinie blockiert. Auch sollte es besseres Licht habe als meine dicke Dame – ich fahre nachts fast nur noch mit Fernlicht, weil ich absolut nichts sehe. Nichts gegen die Yamaha – sie ist stark wie ein Büffel, aber leider auch genau so schwer und besitzt fahrtechnisch gesehen keine Bremsen. Es heißt zwar, wer später bremst, ist länger schnell; wer aber so spät so schlecht bremst, ist tot.

Da wäre ja noch die Egli im deutschen Schuppen, aber ob das nun das geeignete Gerät ist, um Platzhirsch auf Englands Landstraßen zu sein, sei dahingestellt. Für den ultimativen Auftritt in einer gepflegten Altherrenrunde grauer Motorradfahrer unschlagbar, aber allein der Gedanke, auf einem Sperrholzbrett als Sitzbank 1000 km abzureiten, flöst mir leichtes Grauen ein. Ich nämlich in Wirklichkeit gar nicht so tough, wie ich immer tue! Leider.
Ich sollte mir mal was bauen… So etwas würde mir in vorschweben! Klein, leicht, sparsam im Verbrauch und mit einer übersichtlichen Zahl von infragekommenden Ersatzteilen.

Natürliche Perfomance durch Reduktion. Der Gott, der Eisen wachsen lies, wollte keine Motorräder aus Plastik!
Ich würde sie „toter Oktober“ nennen!
Eines dieser Modelle, die durch rein äußerliche Verwahrlosung erheblich gewinnen. Im Gegensatz zu seinem Benutzer; vielleicht egalisiert sich das aber auch. Einen Versuch wäre es allemal wert.

Auch bei diesem Modell ist schon viel Schönes! Es hat jeweils vorne und hinten ein Rad, was für 99,5% aller Ereignisse vollkommen ausreicht und wäre, wenn man die Batterie aus dem Rahmendreieck entfernt und unter einer kleinen Höckersitzbank verbirgt, perfekt! Eine winzige Modifikation in Form einer Sauerstoffanreicherung des Gemisches mit Distickstoffmonoxid (N2O) würde auch diesem relativ kleinen und verbrauchsgünstigen Motor einen gewissen Sex verleihen, den seine nominellen 65PS leider schmerzhaft vermissen lassen!

Irgend etwas fällt mir sicher ein und das Ergebnis wird überzeugen. Aber wir wollen nicht so undankbar sein. Am Freitag hat mich die Yamaha schnell und sicher nach Manchaster zu WWE gebracht – als Reisekrad ist sie schon eine Größe für sich. Mit Geschick und wenig Benzin hat sie mich brav – alle Regenwolken sorgsam vermeidend – ins Hotel gebracht. Selbst das Navi hat eine nachvollziehbar kurzen Weg gefunden, was sonst eigentlich nicht seine Stärke ist. Das Hotel… nun ja. Es ist, wie bei dieser Produktion üblich, selbsternanntes erstes Haus am Platze, mit kurzen Wegen zu allen urbanen Vergnügungen und rasend teuer.
Für 24 Stunden im hauseigenen Vorgarten, genannt „Hotelparkplatz“, hätte der Aufenthalt meiner Kleinen 18£ (ca. 21€) pro Tag gekostet, was nach einer Woche eine nicht unerhebliche Wertsteigerung der Yamaha gewesen wäre. Das hätte bequem für den dringend benötigten neuen Hinterradreifen gereicht! Ergo lebt sie jetzt auf dem Trailer des LKW; da ist es schön warm und trocken – Dienstag Nacht ist sie dann genau da, wo ich sie brauche, um nach dem Loadout nach Hause zu fahren.

Meine Abneigung gegen „erste Häuser am Platze“ wird langsam chronisch. Das einzige, was hier umsonst ist, ist die Benutzung des Aufzuges. Der ist dann aber auch so konsequent langsam, was die Vermutung nahelegt, daß es wohl noch andere Möglichkeiten geben muß, die Etagen zu wechseln. Eventuell einen Expresslift für Besserverdiende oder den „rent a slave“ Service : Pakistani oder Inder tragen dann die Ausbeuterklasse die Treppen rauf und runter. Der Empfang war dementsprechend. Ich stand wartend auf dem ausgesuchtesten Steinfußboden, bis einer der ausgesucht arroganten Rezeptionisten sich herablies, mir wortlos einen Wisch hinzulegen, den ich an den markierten Stellen zu unterschreiben hätte. Das hat man nun davon, im November in Leder mit Helm im „McDonald Hotel & Ressorts“ abzusteigen. Zu meiner großen Überraschung würdigte man mich doch noch eines Wortes. Ob das die Hausregeln waren oder die Wegbeschreibung zum Lift – ich habe es nicht verstanden. An Dialekten bin ich in England ja einiges gewohnt, aber ausgerechnet hier das übelste Cockney Vorstadtidom zu hören… das, was mir über die edle Nußbaumtheke entgegenschwoll, war die Ouvertüre zu eine Kneipenschlägerei.

Wie hat dieses Subjekt diese Stelle bekommen? Könnte ich mal deinen Chef sprechen, wenn mein Lachkrampf abklingt? Und überhaupt : Deinen schlecht sitzenden Anzug solltest du in schmale Streifen schneiden, ein Seil daraus knoten und dich dann am nächsten Ast aufhängen! 
Nach 8 Minuten in meinem Prachtzimmer Nr. 547 siegte der Fluchtreflex. Und wie es manchmal so ist, stehen unten gerade Dan und Jay herum. So ein Hallo! So ein großer Bahnhof! So viel Freude und Herzlichkeit! Der große, dicke Texaner Dan erdrückt mich beinahe, Jay schlägt im Dauerfeuer auf meine angeschlagene Schulter und die hässlichen Eidechsen an der Rezeption sehen schon ganz giftig zu uns herüber. Dann kommt auch noch John aus dem Fahrstuhl, grinst über beide Ohren und verkündet, das wir ja nun endlich mal wieder komplett sind. Und das wäre gut so, weil man jetzt dringend „downtown“ muß und ich müsste auch.
Ich habe die liebe Bande jetzt 1,5 Jahre nicht gesehen, habe das schlechteste Jahr meiner beruflichen Karriere und einen Unfall im Nacken – zu meiner Schande muß ich gestehen, daß meine ganzen guten Vorsätze für diesen Abend vergessen waren. Um es vorweg zu nehmen : Es wurde gar nicht so teuer wie befürchtet! Auf Ehre und Gewissen! Es wurde nur einfach wunderschön! Eine Odyssee nach Telephonkarten, ein Bier im „Shakespeare“, einer dieser sogenannten typischen englischen Pubs – man könnte es auch eine Touristenfalle nennen – danach Sushi ( unser aller gemeinsame Lieblingsnahrung) im Selfridge! Großartig roher Fisch dargeboten von Orginalköchen aus Gdansk! Nein, das ist keine andere Schreibweise für Osaka, das liegt wirklich in Polen! Um bei der Namensverwirrung zu bleiben : Ob ich nicht vielleicht hier eine wirklich nette Kneipe kennen würde? Keine Bar oder so einen Cocktail-Quatsch!

„Was wollt ihr? So eine richtige Arbeiterkneipe? Klar, ist im Angebot!“
Schließlich ist man Mann von Welt und rein zufällig in der einzigen Ecke von Manchaster, in der ich mich etwas auskenne. Hauptsächlich, weil mein Lieblingsphotohändler in der Nähe seinen Laden hat und die ganzen Crewhotels hier sind. Also ab ins „Waldorf“! In diese Straße wären sie sicherlich nie ohne Not gegangen (und ich auch nicht) – schön schummerig und überall stehen Leute gelangweilt an den Laternen und in Hauseingängen. Es regnet (natürlich nur ein wenig) und die ganze Szene würde einen erstklassigen Hintergrund für Jack the Ripper abgeben. Und da liegt es auch schon, am Ende der Gasse, mäßig erleuchtet und die Jungs sind mächtig beeindruckt! Das dachte ich mir : Ich wars beim ersten Mal auch und dann leuchtet das Schild „Waldorf“ gleich ganz anders. Einen Nacht wie Samt und Seide!

Jay hier sehr schön in großartiger Form mit einem norwegischen Gast zu sehen, bis sich 3 spanische Mädels an den Nachbartisch setzten. Die waren auch nur rund 40 Jahre jünger als er. Und dann wurde es wirklich lustig! Betonung auf „lustig“! Alles lachte, alle rückten zusammen, der Deutsche, die Amis, der Norweger, die spanischen Schönheiten –Gesichter wie eine sonnenverbrannte Wiese – und die ganzen Engländer.
Und dann kam das große Wunder! Bevor irgend etwas Unangenehmes passierte, irgend ein Idiot ein Glas zuviel trank, ein falsches Wort fiel oder sonst etwas passierte, löste sich die Gesellschaft in Lachen und Freundschaft auf und jeder ging seines Weges. Man kann es nicht beschreiben; man kann nur dankbar sein, das man dabei sein durfte.

So dankbar wie ich, als ich tags darauf meine EC-Karte in einen defekten Automaten steckte, der diese dann konsequenterweise behielt. Die dazugehörige Bank (NAT West) hatte um 20:00 Uhr (!) aber noch geöffnet, und die strenge, aber hilfsbereite Angestellte gab sie mir nach 5 Minuten wieder; »bei welcher Bank sind Sie – können sie sich ausweisen?« Ja, kann ich und damit war die Angelegenheit erledigt. So was gibt es! 

Vor diesem Gig hatte ich ehrlich, panische Angst. Ob man mir das sehr angemerkt hat, weiß ich nicht – vermutlich ein wenig.
Irgend wann ist auch unser LKW entladen und nun muß die Yamaha da rein. Da gibt es nun den Weg, sie von den Hands reinschieben zu lassen. Geht gar nicht! Dann wäre da die Variante langsam und vorsichtig… so mit Helm und mit Füße schleifen. Ginge schon irgendwie – aber danach ist mir gerade nicht.

Also bleibt nur die richtige Version : Mit der Karre frech in die Halle fahren, an der Security vorbei, die darauf nicht wirklich vorbereitet ist und dann (mach jetzt beim Wenden bloß keine Scheiße!) elegant auf dem Seitenständer abgestellt und warten, bis der letzte Amp vom Trailer gerollt ist. An diesem Punkt angekommen, gilt jetzt nur noch eines : Wenn das jetzt nicht klappt, bist du für alle Zeiten blamiert! Aber so richtig!

Und hier kennt dich leider jeder! Das letzte Case verlässt den Truck. Ein Druck auf den Anlasser und im niedrigst möglichen Standgas poltert der Motor unruhig vor sich hin. Das hört jetzt jeder! Und die stehen auch noch alle provozierend da rum! Ham die nix zu tun? Nö, haben die ausgerechnet jetzt nicht! Der Trucker winkt mich hoch : Showtime. Die wollen jetzt sehen, wie du dich auf die Fresse legst. Ist jetzt auch egal. Etwas zu schnell, aber eine gerade Linie – das Vorderrad will nicht gleich wieder runter auf den Boden des Trailers. Aber ohne pfeifende Reifen 2 Meter vor der Wand zum Stehen gekommen. Sozusagen perfekt.! Ohne Helm und doppelten Boden! Mit dem Trucker zurre ich die Yamaha an der Wand fest, komme wieder die Rampe herunter. Natürlich ist kein Schwein mehr zu sehen – nur der Stagemanager Frank (zuhause Harley-Davidson) sitzt friedlich auf einem Case und freut sich. Kein Arsch sagt einen Ton. Ich habe gewonnen! Eine halbe Stunde später ist Lunchtime. Wir genießen das herrliche Essen von „Gig a Bite“ und Dan verkündet allen Anwesenden, das heute der „Love a German“ Tag wäre.
Hab ich was gewonnen?
Mein Selbstvertrauen. 

Tja, und so ging das dann noch 2 Tage weiter. Ein geradezu erschreckendes Maß an Freundlichkeit und Fürsorge von jedem für jeden; ich hatte ganz vergessen, wie freundlich – wenn auch manchmal etwas laut meine amerikanischen Kollegen sein können. Viele Südstaatler, keine Rock&Roll Attitüde. Mein (sehr) junger Kollege Tris aus der Schweiz, der die letzten zwei Veranstaltungen mitgemacht hatte und der Frage mehr als überdrüssig war, warum ich nicht da wäre, sondern jemand anders, sah resigniert ein, das ich wohl ein Teil der Familie wäre und andere eben nicht.

Darauf sich aber ins Hotelzimmer zurückzuziehen, war auch die falsche Politik: Man ist ein Teil, wenn man dabei ist, mitlacht, feiert und sich die Sorgen der anderen anhört. Weil man seine Eigenen loswird. Und weil wir alle wissen, daß das nicht das wirkliche Leben ist, wenn sich dort ein paar muskelbepackte Idioten gegenseitig auf die Bretter schlagen.
Aber wir! Wir sind das echte Leben.

Jay – lang, hager, schrecklich kurzsichtig – der faltige Hals wie ein Reptil, die weißen Haare, die nicht der Friseur, sondern das Leben gefärbt haben. So um die sechzig Jahre. Mich darf er in den Arm nehmen, was er auch ausgiebig tut, weil er das in Amerika ja nicht darf – von wegen nicht fein. Wohl auch deswegen ist er schon vor Jahren nach Jamaika gezogen mit seiner Frau und den Kindern; die wollen allerdings wieder zurück.
Er nicht!
Er glaubt auch nicht, daß diese vielen Kriege seines Mutterlandes irgend einem höheren Zweck dienen. Da ist sein Patriotismus auf der einen und das Kopfschütteln auf der anderen Seite, weil die Menschen nicht so einfach und ehrlich gestrickt sind wie er selber. Unverständnis und dann hört er auf zu lachen. Ich diskutiere mit ihm nicht über Politik. Nicht mit Jay – warum auch: er ist eine Art dürrer Budha, der seinen Weg gefunden hat, die Welt zu respektieren.
Die Kinder, die die Show besuchen, sind seine große Freude, seine Freunde, zu denen ich die Ehre habe, zu gehören und die Arbeit, die ihn im Laufe des Jahres mehrmals um die Welt kreiseln lässt. Wie arm wäre diese Welt, wenn es ihn nicht gäbe.

Dan: genauer Daniel Lavaglia. Unschwer zu vermutende italienische Wurzeln, die aber durch vier Generationen texanischer Fehlernährung zu einem geradezu prototypenhaftem Amerikaner mutiert. Er ist eigentlich mein Boss – Systemtechniker wie ich – und lässt mich gewähren. Das ist ganz praktisch: Er sagt, was er haben will und ich mache das dann. Wenn das nicht ganz klappt, wird es korrigiert, wenn es nicht ganz so aussieht, wie er das eigentlich wollte – aber funktioniert – ist es ihm auch recht. Er ist Humor. Ganz tief in seinem dicken Bauch gluckst es, blubbern die Lachblasen sehr gemächlich an die Oberfläche und vermischen sich mit der Lust an Essen; Sushi, italienischer Küche, Rotwein, einem runden Abend mit Freunden, einem unaufgeregtem Berufsalltag und einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Es gibt keine Probleme : Es gibt Situationen! Und die werden gemeistert. Die Bässe der oberen Lage des PA funktionieren nicht. Das ist mein Problem – pardon: Situation! Da könnte ich wohl vergessen haben, die dazugehörige Endstufe einzuschalten – gestern ging es noch! Nun gehen aber gleich 2 Positionen nicht. Einfache Erklärung: „Da ist wohl was mit der Zuleitung! Du vergisst vielleicht eine Endstufe einzuschalten, aber niemals zwei! Mach doch mal was…“

Ja, das mache ich auch und dann geht es wieder. Ich muß überhaupt nichts erklären, keine Entschuldigung suchen – mich verteidigen? Wozu das denn! Es geht wieder. Das Leben ist in einer geordneten Bahn und man kann sich den wirklich wichtigen Dingen des Lebens widmen. Lass uns zum Mittagessen gehen!

Es gibt Truthuhn! Und eine Soße : Ich sage Dir !! Und danach Käse und diese leckeren Gummikrokodile, die wir uns immer gegenseitig mitbringen. Der Stagemanager Frank, der die Lichtfirma NegativEarth und »die Firma« so liebt, weil sie ihm Menschen zur Verfügung stellen, mit denen er niemals reden muß. Die machen einfach das, wofür sie bezahlt werden. Da gibt es die Leute aus den Fernsehübertragungswagen, die sich über die Luftfeuchtigkeit beschweren, die Maskenbildner, die einen 7m² großen Spiegel mit lichtblauer Einfassung benötigen oder den Truck des Senders, der seine Antenne nur dann richtig ausrichten kann, wenn er dadurch die anderen 12 LKW blockiert, weil die dann nicht um ihn herumfahren können. Es geht nur in dieser einzigen Position!

Diese Menschen sind ungut. Sie machen falsche Dinge zur falschen Zeit und sind dabei sehr laut. Das ist sehr ungut.
Die einzig ernstzunehmenden Wesen im bekannten Universum müssen nicht brüllen, weinen oder lamentieren : Man stellt sich einfach hin, so das man früher oder später Augenkontakt mit ihm bekommt, dann zeigen vier Finger der ausgestreckten Hand auf dein Gesicht und die Frage „Was willst du?“ wird beantwortet mit „Ist in 5 Minuten erledigt“. Das geht natürlich nur, wenn man dieser privilegierten Rasse von Wesen angehörst, die wissen, wozu sie dienen. Frank zahlt abends dein Bier; schlägt äußerst schmerzhaft auf die Schulter – in seiner Nähe bist du sicher vor herabfallenden Meteoriten, zugekoksten Produktionsleitern und Terroristen. Frank ist gut!
(wenigstens, solange du auf der richtigen Seite stehst – auf der anderen möchtest du gar nicht sein).
Ich bin einer der Guten.

Um jetzt der Annahme von Überheblichkeit zuvorzukommen, werde ich an dieser Stelle mein Geheimnis verraten, wie man zu den Guten gehört (was, nebenbei bemerkt, nichts mit Qualität zu tun hat).
Wenn du gezwungen bist, in einer Horde von anderen (neudeutsch : T oll E in A nderer M achts ) zu arbeiten,
Fange niemals etwas an, von dem du nicht weißt, das du es auch ebensogut alleine zu Ende bringen kannst!
Das klingt jetzt so einfach wie das Rezept von Spätzle, ist es aber gar nicht! Es verlangt viel Pünktlichkeit, Ausdauer, Kraft und vor allem Ignoranz.
Ich könnte nun stundenlang die Produktion durchhecheln : Es sind so viele, so viele Charaktere, so viele Arbeiter, Clowns und Helden. Die Großen… Crewchefs, Headrigger, Chiefs of Departments und die anderen – ich gestehe meine Freunde, zu den „Heads“ zu gehören… wenn deine Stimme Gewicht hat und du sie nie erheben musst, wenn ein Lächeln reicht ohne Sarkasmus, du dich nicht mehr in den Vordergrund stellen musst, weil du da ohnehin bist – wenn diese Ruhe einkehrt, weil du auf dem richtigen Platz bist.

Ich fühle mich fünf Tage pudelwohl! Und nebenbei verdiene ich auch noch ordentlich Geld! Mit den Nachwehen des Unfalls hatte ich am ersten Tag, auch noch am zweiten zu kämpfen, aber dann war alles wieder gut. Meiner kleinen Heldennummer musste ich natürlich noch ein kleines Sahnehäubchen aufsetzen für mich – (nur für mich!) – also fuhr ich noch in der Nacht nach der Show direkt nach dem Loadout wieder zurück nach Streatley.

Was für ein wunderbarer Abschied! Die Trucks zuckeln gemächlich vom Hof und dazwischen knurrt die Yamaha; ich folge den Kollegen, bis wir die M6 erreichen (die werden schon den kürzesten Weg zur Autobahn wissen – ich traue meinem Navi bedingt!) und dann kann ich endlich Gas geben, überhole, es blinkt und hupt als Abschiedsgruß und dann bin ich wieder alleine. Es war eine klare, eiskalte Nacht. Keine Wolke, kein Regen – nur Sterne und Kälte. Es ist lausig kalt. Während der ersten halben Stunde war ich kurz davor, wieder umzukehren. Die Keycard habe ich ja noch, das Zimmer wäre warm, das Bett weich und bis zum nächsten Tag bezahlt gewesen. Frühstück inklusive. Aber ich konnte und wollte nicht, wollte einfach sehen, was passiert, wenn der Fahrtwind am Helm diese eigenartigen Geräusche macht, die nach einer gewissen Zeit wie eine Melodie erscheinen und sich ewig wiederholen. Motorradschlaflieder, rechte Spur und vorbei an den Trucks. Lausig kalt. Sprit? Genug. Keine roten Lichter an den Amaturen, kein Grund zu halten. War da ein Geräusch? Zieht der Motor noch richtig? Einen Gang herunter und Gas geben. Die Fuhre macht einen gewaltigen Satz vorwärts und ich fliege mit 190 durch die Nacht. Keinen Grund, zu halten. Keinen Grund, keinen Grund, keinen Grund. Der Fahrtwind spielt mir die Worte mit der Melodie des Windes in meinen Kopf.
Keinen Grund, keinen Grund.

Außerdem: Wenn ich heute noch nach Hause komme, habe ich morgen den ganzen Tag für mich. 
Birmingham. Birmingham ist links und recht von mir. Über mir ein unglaublicher Sternenhimmel – auf beiden Seiten die Stadt in der Nacht; hell erleuchtet und ich fahre durch sie auf einem schwarzen Band hindurch. Nimm den Kopf hoch, setze dich aufrecht hin. Nachtflug. Du befindest dich auf der Startbahn. Meine Yamaha und ich. 260Kg Stahl, Aluminium, Gummi, Benzin, Blut, Leder und kalt ist es immer noch.
Die weltweiten Ölreserven werden in 15, 20 Jahren wohl am Ende sein – im Tank sind aber noch mindestens 6 Liter. Das reicht auf jeden Fall für die nächsten 60 Meilen. Aber irgend wann ist Schluss. Ich brauche eine Pause; es geht einfach nicht mehr. Noch 40 Meilen, aber ich bin ohnehin sehr früh dran – einen Schlüssel für mein Kämmerchen in Streatley habe ich nicht und muß also auf die Putzfrau warten, auf daß ich in mein Zimmer komme. Also links raus auf eine Raststätte und als ich versuche, meinen Eisenhaufen auf den Hauptständer zu zerren, merke ich erst, wie unbeweglich ich geworden bin. Neben mir hält zur selben Zeit ein Auto; der junge Mann fragt mich, ob ich heute noch „rüber“ wollte.
Es braucht eine gute Weile, bis ich verstehe, was er will. Natürlich : Ich habe ja noch das deutsche Kennzeichen. Tourist! Nein, zum Glück nicht, nur bis Luton und dann gehe ich schlafen.
„Hey Mate! Have a save Journey“. Auf englisch klingt es ganz, ganz anders und sehr tröstlich.

17 Pound Sterling verschwinden im Tank und an der Kasse möchte ich das Benzin und einen heißen Tee bezahlen. „Sir, you dont have to pay for this Tea“.
England mag Motorradfahrer.

Erstens wird es langsam hell und zum zweiten wärmer. Die Autos auf dem Parkplatz haben keine dicke Eisschicht mehr auf den Fenstern und ich sehe auch nicht mehr misstrauisch jede Pfütze an, ob dort das Licht dort so statisch, unbewegt erscheint. Nein, kein Eis – alles gut und sicher. Dem Berufsverkehr entgehe ich nach ein paar Meilen. Dorthin, wo ich hin möchte, gibt es keinen Verkehr.

Ein geradezu sensationeller Sonnenaufgang in orange und Sprühregen – ich kann kaum noch die Spur halten, sehe nichts durch das vereiste Visier, durchgefroren und vollkommen haltlos kommt man trotzdem an. Es ist doch noch unangenehm glatt geworden.
Jetzt lass bitte das Putzmädel seinen „frühen Tag“ haben! Man kann sich auf die Yamaha legen: Bequem ist es nicht, aber das braucht es für die 20 Minuten auch nicht zu sein. Sie ist heute extrem früh, wundert sich auch nur kurz… »hast du auf mich gewartet?« Ja, sozusagen! Gib mir doch bitte Bettwäsche, Handtücher und einen Tee. Zusammen durchwühlen wir einen Korb, der alles, was ich brauche, enthält. Das Bett beziehe ich selber, das Toilettenpapier stehle ich aus dem offenen Nachbarzimmer und die Dusche stellt nach drei Minuten ihren Dienst wegen „Unterdruck“ ein.
EGAL. Daheim. Mit meiner lieben Frau telephoniere ich am nächsten Tag – ja, dein Bruder hat angerufen. Der Besuch soll ja auch recht schön gewesen sein, aber du lebst ja wohl äußerst primitiv.

Da schluckt man doch etwas. Ja, primitiv im bürgerlichen Sinne sicherlich. Ich habe nichts zum vorzeigen – keinen Garten, prachtvolles Wohnzimmer, dickes Auto. Ich sehe auch nicht besonders toll aus oder singe begabt. Eigentlich habe ich gar nichts. Aber ich weiß, warum ich das mache – ich habe den besten Grund der Welt. Der Grund sitzt in Deutschland und der erwarten, daß ich meiner Pflicht nachkomme. Erstens. Zweitens : Augen auf – ich bin Gastarbeiter! Ich mache genau das, was unsere italienischen und türkischen Genossen schon seit Jahrzehnten in Deutschland tun! Darüber hat sich außer Günther Wallraff und wenige anderen niemand aufgeregt.
Drittens und das ist ausschlaggebend: Was für eine Arbeit, was für Menschen!

Ich werde am nächsten Tag schon wieder zum Essen eingeladen! Diesmal von Lance, dem Truckerchef der englischen Firma der»Firma«. Der hat nämlich einen Rover „Defender“ für lächerliche 400 £ quit gekauft und läd nun Jimmy, Pete und mich zum Essen ein – sozusagen für das, was er nicht bezahlt hat. Und das ist reichlich! Dafür kann ich mir den ganzen Abend anhören, daß ich endlich ein Triumph tripple Speed zu fahren hätte. Nun ja: ich werde mal meine Frau fragen. 1 £ pro cm3. Wenn das nix ist
Bei aller Toleranz gegenüber »seinem« Deutschen: Einen Japaner???

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6 Antworten zu Zweitverwurstung II

  1. Fluchtwagenfahrer sagt:

    Moin Pantoufle,
    wirklich schöne Geschichte und auch noch ohne das C-Wort.
    Tut mir leid das ich bei Zweitwurst I den Eindruck erweckt habe das Thema zu kappern, wurde durch deine Verbindung zur seaside getriggert, sorry for that.
    ” Meine Yamaha und ich. 260Kg Stahl, Aluminium, Gummi, Benzin, Blut, Leder”
    Du Bruder Leichtfuß:))
    LG

    • Pantoufle sagt:

      Moin Fluchtwagenfahrer

      Kein Problem. Ich habe meine eigenen Verbindungen zur christlichen Seefahrt, wenn auch nicht Grauschiff. Aber das ist genug Stoff für eine eigene, ermüdend sehr lange Geschichte.
      Nein, nichts gekapert. Ich bin nur mit dem Beantworten nicht mehr hinterhergekommen. Den alten Stoff mit Bildern aus den PDFs in unformatierten Text übertragen, 2 doofe Arzttermine, wenigstens die ganz groben Rechtschreibfehler ausbügeln, ganz langes Telephongespräch mit besagtem Bruder, Die Schneider-Kreuznachlinse auf eine Messingplatte und die wiederum auf den Holzträger für die neue Kamera bringen… mir lief einfach die Zeit etwas davon. Annika habe ich auch noch nicht geantwortet.

      »Gummi, Benzin, Blut, Leder«. Fehlt: Kälte. Mann, mann… war das lausig kalt 🙂

  2. Marten sagt:

    Als regelmäßiger Leser seit vielen Jahren, wohl aber eher seltenem Kommentatorendasein, muss hier mal wieder ein Lob ins Netz: Was für ein Text. Da wünschte man glatt, zwei Jahrzehnte früher geboren worden zu sein und ein gänzlich andere Vita eingeschlagen zu haben. Sehr schön, fast wie mein alter Lieblingstext von Dir, der zum Thema Autorennen 🙂

    PS: Google sagt, ich habe vor fünf Jahren zuletzt hier kommentiert. Aber: Ich lese immer noch mit.

    • Pantoufle sagt:

      Moin Marten

      Das Lob freut und Freude ist in diesen Zeiten ein seltener Artikel. 13.3.2015 sagt meine interne Suchfunktion (» zuletzt hier kommentiert«).
      Kinder, wie die Zeit vergeht!
      »Da wünschte man glatt, zwei Jahrzehnte früher geboren worden…«
      Ich glaube nicht, daß es ein Verfallsdatum für vernünftige Unvernunft gibt. Auch wenn das heute gerne behauptet wird. Man sollte einfach nur nicht auf das hören, was einem jeden Tag als »Vernunft« und »nachhaltig« verkauft wird. Das klingt nächste Woche sowieso schon ganz anders. Das ist mittlerweile das Einzige, wo sie noch Phantasie aufbringen: Wie man die Welt noch sicherer (Trump wählen) oder schöner (gefegter rechter Winkel) machen kann.

  3. Ex-Vermieter sagt:

    “muss hier mal wieder ein Lob ins Netz: Was für ein Text.”
    Jo!
    “war das lausig kalt” – ach, echt?
    Ich fragte mich tatsächlich, wie Du dabei NICHT gefrieren konntest.
    Und gleich werde ich weiterlesen!

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