Zweitverwurstung I

Liebe Liebste

Ich bin in England angekommen. Leider ist das mobile Telephon gesperrt, in der Firma kann ich heute auch nicht telephonieren, um Sohn 1 zu gratulieren und Tochter 1 hat mir geschrieben, das der Herd im Arsch ist.
Ich soll Dir zwar nicht sagen, das sie mir geschrieben hat, tu ich aber trotzdem.
Mir geht es nicht so richtig gut – gestern habe ich wohl meinen “Depressiven” gehabt und das Leben so richtig scheiße gefunden. Ich habe es satt, meine Brote auf dem Fussboden zu schmieren und es reicht nicht für das Nötigste.
Besonders leid tut es mir, das ich Sohn 1 nicht gratulieren konnte. Das ist doch kein Leben so. Richte ihm doch bitte alles Liebe und Gute von mir aus.
Ich habe viel an euch gedacht.
Kann O. sich den Herd vielleicht mal ansehen?
Ich liebe Dich sehr und vermisse euch alle.

Pantoufle

Gestern Nacht wollte ich eigentlich ein paar herumfliegende Festplatten plattmachen, um etwas Platz für die dringenden Backups zu bekommen. Bilder, Texte, Programme und was sich so findet und was man einmal für wichtig gehalten hat. Unter Anderem ein Ordner, unauffällig betitelt mit »asdf« oder so, und mit einer Sammlung von Texten, die ich im Laufe der Nacht las und an denen ich meinen Spaß hatte.

Entstanden sind sie zu einer Zeit, die ich ungefähr zwei Jahre lang für »die Firma« in England als Tontechniker verbracht habe. Hintergrund der Texte war die Bitte der »Firma«, ein paar Zeilen über den Ablauf meiner Einsätze zu formulieren und meine Eindrücke zu schildern. Natürlich war man speziell an technischen Problemen oder Beschreibungen interessiert und genau so natürlich kamen genau die in den Berichten nicht oder nur sehr am Rande vor. Wie man in der Schweiz (dem Heimatland der »Firma«) die Berichte fand, hat man mir nie gesagt. Und so schrieb ich eben weiter in einem kleinen Zimmer über einem Pup in der Nähe von London, in dem mich »die Firma« in ihrer unendlichen Güte für zwei Jahre untergebracht hatte. 
Das nur zur Einleitung und Erklärung. Leser, die die Schrottpresse schon länger verfolgen wissen das eh schon alles.

Noch etwas mehr Einleitung!
Namen und Orte werden soweit erhalten, es sei denn, sie werden es nicht. An den Texten werde ich auch nicht herumdoktorn. Sie sind Stunden oder wenige Tage nach den Gigs geschrieben (oder während dessen) und vermitteln in erster Linie ein Gefühl. Auch wenn ich heute sicher das eine oder andere anders sehe oder formulieren würde.
Noch mehr Einleitung:
Fachjargon. Kommt faktisch nicht vor und wenn doch, kommt er eben vor!
Wie die Seeleute kennen Bühnentechniker kein links oder rechts. Sie kennen nur eine Bühne und von da aus betrachten sie die Welt. Man steht also auf der Bühne und sieht in den Zuschauerraum. Jetzt gibt es vier Himmelsrichtungen: Stage left (SL), Stage right (SR), Upstage und Downstage. Von »Upstage« aus betritt man die Bühne; also von »hinten«, von der Bühne herunter fällt man logischerweise nach Downstage, also nach »vorne« in Richtung FOH (da, wo die Pulte stehen.) Damit kann man die ganze Welt beschreiben. Sehr weit »links« ist demzufolge Stage right right, die Mitte der Bühne StageCenter. Unter der Bühne ist die »Underworld«. Die kann im Falle einer großen OpenAir-Bühne ein recht komplexes Wesen darstellen.
Feste Orte sind: FOH. Vorne im Zuschauerraum, wie die ganz wichtigen Licht- und Tonpulte mit ihren Aufpassern stehen.
Amp-City. Da lagern die Endstufen für die Tonanlage. Dimmer-World (oder auch Beach) beherbergen die Lichtsteuerung und deren Stromverteilungen. Groß, schwer, geheimnisvoll!
Deutsche Bühnentechniker tendieren gelegentlich zu der Auffassung, es gäbe ein Stage right »von Vorne aus gesehen«. Damit stehen sie weltweit alleine da, was sie nicht daran hindert, diesen Aberglauben mit Zähnen und Krallen zu verteidigen. Einher geht dieser Irrglaube normalerweise mit der Illusion, um 10:00 Uhr gäbe es eine Stunde Frühstückspause, wie eine Stunde Mittag und um 18:00 Uhr wäre Feierabend. Und die Erde ist eine Scheibe und die Schallgeschwindigkeit läge irgendwo bei 299.792 km pro Sekunde (ein Wert, den allerdings auch amerikanische Techniker gelegentlich vermuten. Er ist, nebebei gesagt, nicht ganz präzise).

Die Materialansammlung eines »Departments« (Licht, Ton, Video, ect.) nennt sich Rigg. Wird gelegentlich sinnverwirrend benutzt. Ein Protools-Rigg z.B. ist ein Case, das (fast) alle Utensilien für ein eventuelles Playback enthält. Ein Monitorrigg ist die gesamte »Bühnenlautsprecheranlage« inklusive Endstufen und Pult(en). Das »lebt« normalerweise auf SL.
Nicht zu verwechseln mit den Riggern (»Industriekletterern«), die für die Dinge zuständig sind, die den Erdboden an Motorhebezügen verlassen (Licht, Lautsprecher, Kokolores).
Ein »Gig« bezeichnet sowohl eine einzelne Show wie auch das komplette Engagement des Einzelnen für die gesamte Zeit des Unternehmens.
Ein »Lobbycall« ist Arbeitsbeginn (Stamm: Man trifft sich in der Lobby des Hotels am Morgen).
So, das wird reichen.

[ Der Sinn der Reise bestand darin, den Tourneestart einer Band technisch zu betreuen, da sich das amerikanische vom europäischen Material etwas (dramatisch) unterschied ]

Von der Einsamkeit der Matrosen in fremden Häfen und andere Dingen

Mit den Häfen ist das so eine Sache: In der Regel bestimmt man sie ja als „sicher“. Aus guten Gründen und aus lieber Tradition. Genau so können sie aber auch feindlich, trostlos, verwahrlost oder einfach nutzlos sein.
Und die Matrosen, die sie zeitweilig bewohnen, hoffen natürlich auf die gute Bestimmung, wenn sie das Schicksal an so einem Hafen herausspeit, sie abgeladen oder vergessen dort warten – auf ein neues Schiff und einen neuen Sonnenuntergang in der Südsee, bei dem sie mit den Freunden bei einer Pfeife Tabaks und einem Glas in der Hand darauf warten, wieder in so einem Hafen zu landen.
Den besseren natürlich. Den mit den liebevollen Gastwirten, den sentimentalen Huren oder den Kapitänen an der Bar, die einen Vorschuss auf die Heuer geben… einen Abend Seligkeit, die betrunkene Ruhe der Nacht in der Gewissheit, das es einen Morgen gibt und ein Schiff; ein neues Schiff ist eine neue Bestimmung. Es ist eine feinfühlige nervöse Kompassnadel, die dir einen Weg zeigen kann, den du zu gehen hast. Seelenlos, aber wertvoll.
Aber wer kann wissen, wohin die Fracht geht, die Schiffsreise endet. Was weiß der Kapitän oder was der Sturm, wo einen hinverschlägt?

T.Punkt_aus_Schweiz_Punkt empfindet beim Wort Hafen nicht die leiseste Spur Salzwasser-Romantik. Sie setzt dem Wort „Hafen“ einfach das kleine Wort „Flug“ voran und fertig ist das Unglück.
Da half auch die Freundlichkeit des Parkplatzwächters nicht, der mich belehrte, daß die kostenlosen Parkplätze für Motorräder direkt neben den Terminals wären und nicht bei ihm auf dem Hof – umsonst! Ich hatte den Motor abgestellt und der wollte nicht wieder anspringen. Der Flug lies sich aber deswegen leider nicht verschieben und ich musste nun wirklich. Dieser tiefen Logik beugte sich der Wächter des Blechs und meinte, ich könnte ja in 3 Tagen wiederkommen und zusehen, wie ich die Yamaha wieder zum Laufen bekäme. Solange könnte sie Seite an Seite bei seiner Schneeräummaschine parken. Da stört sie keinen, hat jemanden zum plaudern und mit Schnee wurde nicht gerechnet.
Motorräder parken umsonst. Also auch bei ihm! Zur Einfahrt auf den Parkplatz musste aber jeder ein Ticket ziehen. Das wiederum berechtigt zum Gebrauch des Busses, der die Besitzer der Fahrzeuge zu den Terminal und zurück bringt. Soweit eine erfreuliche Lücke im System – ich erreichte also meinen Flug!

Es blieb sogar Zeit für ein kleines Frühstück: Ein liebevoll nachempfundenes französisches Lokal servierte eine ebenso liebevolle Nachahmung eines englischen Frühstücks – oder dessen zynischen Kommentar. Ich bin da mir nicht ganz sicher.
Egal: Bis Oslo wird es reichen… oder auch bis Helsinki. 4 Stunden Oslo sind schon eine arge Drohung. Wer die Bierpreise dort kennt, wird einen großen Bogen um diese Stadt machen – noch größer um seinen Flughafen. Dort wird den ohnehin schon exorbitanten Forderungen eine Art Internationalitätsbonus aufaddiert, dessen Anblick einen beim Lesen der Karte sprachlos werden lässt. Im Interesse aller Besucher hoffe ich inständig: Nicht durstig! 4 Stunden auf einem der ödesten Flughäfen Europas im Schneegestöber (Oslo liegt etwa so weit nördlich wie St.Petersburg): Das Haar sitzt, aber ich habe weder etwas zu lesen mit oder meinen tragbaren Computer noch 5 Richtige im Lotto, um mich aus Scham vor diesen Preisen zu betrinken. Das machen schon die anderen Fluggäste.

Vermutlich alles Einheimische und schamgebeugt. Irgendwann fliegt auch mein Flugzeug los und ich erreiche um 20:00 Uhr Helsinki. Natürlich ist schon alles dunkel.. wie auch am Morgen und Mittags: Da ist es jetzt immer dunkel. Ein Taxi (bezahlt die Produktion) und nach einer halben Stunde und 50€ ärmer bin ich in meinem Hotel. Ich rege mich zwar regelmäßig über teure Hotels auf, habe aber eine kleine Schwäche für die Guten unter ihnen; dieses Radison ist so eines. Sehr schönes Zimmer, wirklich sehr, sehr schön. Als ich versteckt unter den Illustrierten die Liste mit den Zimmerpreisen sehe, bin ich richtig gerührt, das ich das nicht bezahlen muss. Daß die Nacht kurz wird, war mir schon klar, daß ich aber meine Zeitzone um 2 Stunden ändern musste, hatte ich vergessen. Also klingelte am Morgen das Telephon.
Wir würden dann, wenn du deinen Arsch vielleicht auch aus dem Bett bekommen würdest…
Oh Gott, ist das peinlich! Und das mir! Über diesen Tag will ich gar nicht viele Worte verlieren: Lobbycall um 4:30 Uhr, bis Mittag muß die Technik betriebsbereit sein, garniert von drei ausgewachsenen Vorbands, die alle Soundcheck machen wollen. Die Türen gehen um 18:00 Uhr auf, die erste Band kommt um 18:30 auf die Bühne, die die letzte um 23:00 Uhr verlässt.
Das Ganze in der Hartwall-Arena (sehr groß – Arena eben – kalt, mit einem Kindergarten als Stagehands)
Es ist der Tourbegin; das heißt, das noch nichts funktioniert, getestet ist. Die wirklich gute Crew macht also das einzig Richtige: Alles wird irgendwie unter die Decke geprügelt – egal, wie das aussieht oder klingt – und eingeschaltet. Hauptsache, es läuft! Daß wir dem Zeitplan um die Mittagszeit herum nur eine halbe Stunde hinterherhinken, kann nur als Wunder bezeichnet werden. Eventuelle Zeitfenster zum Essen oder nur atmen hatte man aus diesem Tag verbannt: Dafür war einfach keine Zeit.

Der Abbau war mit zwei Stunden etwa 1 Stunde schneller als erwartet; insgesamt also eine äußerst respektable Leistung aller Beteiligten. Kurz vor 4:00 Uhr sind wir dann zurück im Hotel – gerade rechtzeitig, weil mein Wecker um 7:00 Uhr klingelt.

In Skandinavien spricht jeder englisch. Jeder! Man muss einfach, weil zum Beispiel kein Film im Fernsehen oder Kino übersetzt wird. Die laufen bestenfalls mit Untertiteln und den Rest muß man sich dann eben selber übersetzen; finnisch gehört nicht gerade zu den Weltsprachen… Der einzige Menschen in Helsinki, der kein Wort englisch spricht, ist der Taxifahrer am nächsten Morgen, der mich zum Flughafen bringen soll. „Airport“. Das wenigstens versteht er. Sonst aber weder meine Frage, wieviel das kostet (ich habe eben noch gerade soviel Geld wie für die Hinfahrt) noch wie lange uns der Berufsverkehr aufhalten wird. Er gehört zu der Spezies, die sich brav an jedes Stauende herantasten, dann stehen bleiben, nach 5 Minuten aussteigen und dann nachsehen, warum es wieder so lange dauert. Das Ergebnis kommentiert er dann freundlich – auf finnisch – und es klingt auch irgendwie alles beruhigend. Um wenigstens meine Nerven bezüglich des Geldes unter Kontrolle zu bekommen, reiche ich ihm meine verblieben 50€ hin, lege noch 3 € obendrauf und genieße sein zufriedenes Gesicht, als er es einsteckt und mir eine Quittung über 60€ ausdruckt.
Ich bin gegen Korruption und falsche Abrechnungen, aber nicht in Finnland morgens um 7:00Uhr
Seine natürliche Freundlichkeit lässt ihn etwas fragen, was ich als „SAS“ interpretiere, meine Fluggesellschaft. Ich nicke heftig und bete, daß das nicht die finnische Aussprache für KLM, JAL oder die vereinigten arabischen Emirate ist. Bring mich jetzt bloß zum richtigen Terminal!
Es ist tatsächlich die SAS! Hurra: Um 1:00 Uhr herum bin ich wieder in England! Es lebe der Verband finnischer Taxifahrer und der große Vorstandsvorsitzende der
Scandinavian Airline Services!

Kleines Hotelzimmer in Streatley: Ich komme! Stellt schon mal ein Pint IPA warm! Nix wie weg!
Bevor die Stewardessen ihre Gymnastikübungen vor dem Start beendet haben, schlafe ich schon.
Ein ruhiger Flug am Fenster einer etwas antiquierten MD81/100 bringt uns nach Stockholm. Auch eine schöne Stadt. Vor allem im Sommer ist der Hafen ein Reiseziel, das man auf jeden Fall besucht haben sollte! Den Flughafen im Winter will ich nicht ganz so sehr preisen. Aber er ist überdacht und geheizt – da wollen wir mal nicht so sein.
Die Schrecksekunde nach der Landung, das ich nur 7 Minuten habe, um von Gate 7 nach Gate 59 zu kommen, verfliegt schnell, als mir klar wird, das ich eine Stunde von meiner Uhrzeit auf dem Mobile abzurechnen habe. Da schlendert es sich doch gleich viel entspannter und auch das Gepäck mit dem Motorradhelm hat eine realistische Chance, mich zu begleiten.
Leider leuchtet am entsprechenden Gate hinter dem Reiseziel ein roter Hinweis, das man zur geplanten Abflugzeit eine Information bekommen würde. Irgend eine Information– und die Farbe rot wird selten zur Beruhigung auf Schildern verwendet.
Das kommt dann auch in der Form, daß der Flug gestrichen ist und man später einen anderen bekommt. Am Serviceschalter der SAS sind nette junge Damen, die einem freundlich ein anderes Ticket und einen Fressen-Gutschein in Höhe von 75 SEK aushändigen, mit dem man sich ein Brötchen mit Wurst kaufen soll – geht alles aufs Haus Nach einer weiteren Stunde stehen die Damen wieder da: Immer noch freundlich und ansehnlich und verkünden, daß es zu ihrem Leidwesen eine weitere klitzekleine Verzögerung gäbe: In zwei Stunden würde man nun mit dem Einchecken rechnen und man würde es sehr begrüßen, wenn alle Passagiere am Gate bleiben würden, weil man sie dort besser unter Kontrolle hätte… oder so ähnlich.
Noch einen Gutschein; wenigstens werde ich nicht Hungers sterben. Und – oh Wunder – einen Raucherbereich haben sie dort auch. Unfassbar, aber wahr! Nur nichts zu lesen, kein Laptop oder auch nur einen doofen Fernseher. Nach einer Stunde versuche ich mich an der „Expressen“. Wir haben ja den selben Sprachstamm… wird schon gehen. Weil da so viele schöne Bilder drin sind, kann man das auch ganz gut übersetzen. „Kanibalen“ und ein verpixeltes Bild von jemandem, ein blutiges Messer und eine Bratpfanne… na gut: die Pfanne hat leider gefehlt .. aber die Botschaft kam an. Ein Pferd namens Mr. Jack Sparrow hat einen Preis gewonnen… hübscher Name, aber leider nach einer weiteren Stunde auch langweilig. Ein aus dem Abfall gezogenes Exemplar der „Herald Tribune“ lässt die tiefe Wahrheit des Satzes erkennen, das nichts so alt ist wie die Zeitung von gestern. Neuigkeiten: Nur noch eine weitere Stunde und dann geht es aber (wahrscheinlich) endgültig los! Auf meine Frage, was denn eigentlich der Grund für die Verspätung wäre, bekomme ich die überraschende Antwort „Nebel in London“. Das war bis in die 60 ́ Jahre ein guter Grund – dieser Nebel hier aber ist vereist und Heathrow gesperrt. Donnerwetter: Das muss aber richtig kalt sein! Und ich bin mit meinem kaputten Motorrad auf einem abgelegenen Parkplatz. Eins nach dem anderen…
Und dann geht es auf einmal sehr schnell. „Kommen sie bitte alle sofort zum Schalter und -BITTE – beeilen sie sich!“. Was denn nun? Brennt der Flughafen? Nein, man hat von der Luftfahrtbehörde in Brüssel ein Zeitfenster bekommen, in dem man auf einer der eisfreien Bahnen landen kann und jetzt aber schnell!

Wenn man wie ich leidgeprüft weiß, daß die Passagiere beim Betreten eines Flugzeuges eine Spontanität und einen Elan an den Tag legen, als würden sie vor ein Erschießungskommando gezerrt, misstraut dem Begriff „Zeitfenster“! Der Flugkapitän höchstselbst drängelte via Lautsprecher mehrmals zur Eile, weil man sonst gleich wieder aussteigen könnte – was natürlich absolut nichts daran änderte, das jener mit seinem „Handgepäck“ Marke Umzugskiste den Gang versperrte, das obligatorische „Das ist aber mein Platz“ oder die Frage nach der Toilette die Spannung dramatisch erhöhte. Das Wunder geschieht: Während noch die letzten Sitzgurte klickten und die Mädels vom Kaffeeauschank mit den Armen rudernd versicherten, das es auch diesmal keine Fallschirme gab, rollte die Fuhre schon los. Die Besatzung hat es offensichtlich wirklich eilig!
Wir fliegen!
Über die vielen Seen, die verschneiten Wälder bei strahlendem Sonnenschein der untergehenden Sonne, die man aus dieser Höhe noch dicht über dem Horizont sah. Ein Bild wie eine Postkarte. Dort unten jetzt eine kleines Holzhäuschen am See, einen bollernden Ofen und die Liebste im Arm… („na, meine Süße, was machen wir denn noch hübsches heute Abend…?“). Ach…
Zu ersten Mal sah ich London im Nebel aus einem Flugzeug. Das sieht aus wie dichte Wolken, nur das dazwischen die höheren Gebäude hervorschauen. Eigentlich ganz hübsch.. wir hatten dankenswerterweise auch etwas mehr als eine halbe Stunde Zeit, das Schauspiel zu genießen, während das Flugzeug über der großen Stadt kreiste und auf die Landeerlaubnis wartete. Endlich gelandet sah eigentlich alles ganz friedlich aus, bis auf die Tatsache, das die Sicht nur ca. 15 Meter betrug. Die anderen Maschinen neben der Rollbahn sahen aus wie eine farbliche Veränderung der Wolken : Marke und Gesellschaft hätte man erst entziffern können, wenn man sie gerammt hätte. Jetzt noch nur noch durch die Passkontrolle und den Koffer einsammeln. Geschafft – Zuhause! Beim Warten auf den Bus kommt ein Deutscher vorbei, und fragt die dort stehenden Arbeiter, die bei einer Zigarette entspannen, etwas in einem Ton, von dem ich genau weiß, das man den hier nicht anschlagen sollte. Die Antwort ist dementsprechend: „Wir wüssten das unter Umständen, können es aber aufgrund der Artikulation der Frage recht gut für uns behalten.“ Ich beschließe, mich nicht zu „outen“, helfe also auch nicht (obwohl ich die Antwort kenne) und sehe ihm nach, wie er mit den Worten „Scheißland, Scheiß – England“ weiterrollt. Wir sehen uns alle an… es gibt eine britische Art mit den Schultern zu zucken, die ich schon recht gut beherrsche.

Nun ja, Gott sei Dank liegt immer noch ein gutes Stück Wasser zwischen ihnen und uns. Mein letzter Angstgegner des heutigen Tages liegt zehn Busminuten hinter mir. Die Yamaha ist nass – was sage ich: Schwimmt sozusagen! Selbst wenn die Batterie sich in den letzten drei Tagen etwas erholt hätte: So springt sie niemals an! Also das Werkzeug ausgepackt, den Tank runter wie die Sitzbank und kurze Zeit später sieht es aus wie eine Werkstatt. Mit ein paar dreckigen Socken wird getrocknet, gesäubert und die Kontakte bewegt. Ein junger Angestellter des Parkplatzpersonals sieht mich – „warte mal eben 3 Minuten, Mann.. ich hole mal mein Auto.“ Das ist so ein Servicevehikel mit beweglichen Lichtern auf dem Dach und ich kann im Hellen basteln.
Nachdem die Batterie erwartungsgemäß nach zwei Versuchen endgültig leer ist, zerrt er eine tragbare Starthilfe unter der Plane der Ladefläche hervor und ich lerne wieder zwei neue Begriffe.
Das eine ist ist „Jumpstart“ für Starthilfe, das andere „Leads“ für die dazugehörigen Kabel. Wäre ich zum ersten Mal in England, hätte man hierbei noch lernen können, das man von einem Engländer mit Höflichkeit alles bekommt und das England Motorradfahrer liebt! Aber das wusste ich bereits!
Bleibt also nur noch das Problem mit dem Helm, der den Transport nach Skandinavien nicht heile überstanden hat. Der Klapphelm ist auseinandergefallen. Vollständig geschlossen bekomme ich ihn nicht auf den Kopf, also benutze ich Klebeband, um das Visier und den Kinnschutz hochgeklappt zu arretieren. Hohe Geschwindigkeiten sind also heute Nacht nicht mehr möglich – auf Grund des Nebels auch wenig empfehlenswert – und für die eine Stunde Fahrt wird es schon so gehen. So eine Stunde kann aber erschreckend lang sein! Im Hotel komme ich etwas um halb zehn an, gehe zur Theke und will mein Bier bestellen.

Ich bekomme vor Kälte und Zähneklappern kein Wort heraus, die Gäste sehen mich mit leichtem Gruseln an und Olivia stellt ohne Kommentar und Bestellung ein Ale auf die Theke. Nach zwei Schlucken geht es langsam wieder.
„Wie wars?“
„Frisch“
„Mit wem warst du in Helsinki?“
„Disturbed, war ok. Nur der Flug war unerfreulich“.
„Willst du noch eines?“

Ich liebe gepflegte Konversation.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

12 Antworten zu Zweitverwurstung I

  1. Schwarzes_Einhorn sagt:

    Ja und wie weiter? Warum hört das jetzt auf – das war interessant! Fast ein Cliffhanger – mehr davon!

  2. Schwarzes_Einhorn sagt:

    “Ich wollte eines nach dem anderen veröffentlichen…”

    Hm… ok, hat Logik. Und die brauchen wir zur Zeit. Dann fasse ich mich in Geduld… *ommm* (psst… es macht aber – ganz ohne Ironie – wirklich Spaß, das zu lesen. Vermutlich braucht man sowas zur Zeit – siehe “Lavendel & Annika”)

  3. Ex-Vermieter sagt:

    Ich könnte ja nichts schreiben, darf mich aber viel lieber herzlichst bedanken!
    Lässt sich als Mopedfahrer natürlich noch ein kleines bissl besser lesen.

  4. Fluchtwagenfahrer sagt:

    Moin Pantoufle,
    so ähnliche Passagen habe ich in meiner kurzen Zeit als AW 90 in der Bühnentechnik auch erlebt.
    Naja wenn man(n) von der Marine kommt (hardcorecamping) ist man Kummer gewohnt.
    Zur Showbühne an Bord gibt es auch ein paar Begrifflickeiten.
    Bb= links, rote Latüchte
    StB= rechts, grüne Latüchte
    Vorschiff, Achterschiff, Mittschiffs, 10Deds= Dwarslinie usw. usf.
    Kurzvorstellung einiger Begriffe kuckstdu hier:
    http://www.die-marine.de/english/famous.html
    Ansonsten mitten bisken Pippi inne Augen
    Der Freddy:
    https://www.ouvirmusica.com.br/freddy-quinn/1101664/

    LG

  5. Thelonious sagt:

    Mein lieber pantoufle,
    einen schönen Text hast du da mal wieder geschrieben. Gut, ich kann nicht wirklich mitreden, aber was ich immer noch kann, ist beurteilen, ob mir etwas gefällt oder nicht.
    Nur das Wort Bier stört mich. Aus Neid. Ich habe seit Monaten keines mehr gesehen. Man hat hier zwar in begrenzter Menge Nahrungsmittel eingeführt, die man auf Bezugsschein abholen konnte, aber Bier gehörte nicht dazu. Und das einheimische Gebräu – nun, Bier würde ich das nicht nennen. Auf keinen Fall.
    Auf jeden Fall freue ich mich auf die Fortsetzung. Zweitverwertungen sind überdies politisch korrekt wegen der Nachhaltigkeit.

    • Pantoufle sagt:

      Mensch, Thelonious!

      Ey Alter! Daß Du… und überhaupt! Ach, daß freut mich aber!
      Kein Bier im Exil??? Ich wußte doch, daß da irgend ein Haken sein mußte – ich habs geahnt! Gibt es keine Möglichkeit, Dir eine Kiste zukommen zu lassen?
      Tochter I hat ja mit dem Destillieren begonnen – das mit dem Alkohol klappt schon ganz gut, der Geschmack stellt sich bestimmt auch noch ein. (Jedenfalls eine klare Empfehlung fürs Exil!)

      » Zweitverwertungen sind überdies politisch korrekt wegen der Nachhaltigkeit.«
      Siehste – dachte ich mir auch! Vor allem dachte ich mir, daß die Menschen im Moment mehr an einer Geschichte interessiert sind als dieses ewige Gehuste, wie schlecht es uns geht, daß wir alle bald störben werden – ich weiß ja nicht, wieviel Du aus Teutschland noch so mitbekommst. Aber hier ist allerorten ein Wettbewerb ausgebrochen, wer die originellste Meinung über die herrschende Rüsselpest absondert.
      Das ist unter dem Strich zwar denkbar unoriginell, dafür umso lauter und seit ein paar Wochen wiederholt es sich nur noch. Verstand scheint es hier ebenfalls nur noch auf Bezugsscheine zu geben – leider sind die Ausgabestellen gut getarnt.
      Also alles wie immer.

      Wie geht es Dir? Erzähl doch mal was!

  6. UT sagt:

    Richtich rund wird´s doch erst hiermit:

    https://youtu.be/oQud4emaSek

  7. UT sagt:

    Meine Verbeugung vor – Colins best butter`d Toast ever – und England überhaupt.

    https://youtu.be/h5dyxj_pSRY

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.