Wie Hitler

Alexander Gauland veröffentlicht einen Artikel in der FAZ, der inhaltlich offensichtlich nicht auf seinem Mist gewachsen ist.
Einige fragen sich nun, bei wem er dieses Mal abgeschrieben hat. Beim Tagesspiegel oder direkt bei Hitlers Rede von 1933 vor den Siemensarbeitern? Oder vielleicht bei dem Kulturwissenschaftler Michael Seemann mit referenzierten Anleihen von Ralf Dahrendorf?

Als was bezeichnet man eigentlich grammatikalisch eine Aussage, die zwingend mit einem Dementi über dieselbe einhergeht?

»Ich kenne keine entsprechende Passage von Adolf Hitler«
»Gauland hingegen läßt einen Sprecher ausrichten, daß er den Text von Seemann nicht gekannt habe.«
»Die entstandene Wirkung bedaure ich. Niemals war es meine Absicht, die Opfer dieses verbrecherischen Systems zu bagatellisieren oder gar zu verhöhnen

»Einige Analphabeten der Nazis, die wohl deshalb unter die hitlerschen Schriftgelehrten aufgenommen worden sind, weil sie einmal einem politischen Gegner mit dem Telefonbuch auf den Kopf gehauen haben… «

K.Tucholsky, Fräulein Nietzsche

Es ist doch auffallend, daß sich die Neonazis in den Parlamenten zitierenderweise grundsätzlich bei den intellektuellen Fußabtretern des historischen Nationalsozialismus oder Faschismus laben. Leicht nachprüfbare Zitate oder Inhalte von Hitler, Goebbels oder Frick – nicht gerade die wissenschaftliche Speerspitze des Faschismus – derer sich die Weidels, Gaulands oder Höckes als Zitatenschatz für ihre geplante konservative Revolution bedienen.

Vielleicht mal bei Edgar Julius Jung („Die Herrschaft der Minderwertigen“), Johann Karl Rodbertus (»Deutscher Staat und Sozialismus«), Eduard Stadtler (»Der Bolschewismus und seine Überwindung«) oder Vilfredo Pareto (»Die Transfomation der Demokratie«) nachschlagen. Die Liste ließe sich durchaus sehenswert erweitern. Es ist ja nicht so, daß es keine ernstzunehmenden Theoretiker des Faschismus gegeben hätte. Und wenn einem überhaupt nichts mehr einfällt: Oswald Spengler.
Aber nein! Immer nur bei denjenigen abkupfern, deren abstrahierenden und theoretischen Fähigkeiten gerade eben ausreichen, den eigenen Namen zu Papier zu bringen. Hauptwerk: Zwei gelöschte Twitter-Einträge!
Enttäuschend! Sehr, sehr enttäuschend!

Die städtische Gemeindebauverwaltung in Wien muß bis Jahresende bei 220.000 Wohnungen die Namensschilder an den Klingeln durch anonyme, aussagelose Zahlen ersetzen. Wegen Datenschutz – DSGVO, Sie verstehen schon! Ein Mieter hatte sich darüber beschwert, daß neben seiner Klingel ein Namensschild angebracht war. Die zuständige Datenschutzbehörde kam, prüfte und entschied, daß die Namen an Klingel gegen den Datenschutz verstoßen.
Nein, das ist keine Ente!
(Für die jüngeren unter den Lesern: Als Zeitungsente bezeichnete man eine – aus welchen Gründen auch immer in die Welt gesetzte – falsche Nachricht.)
Diese Nachricht aber ist wahr. So wahr wie der Datenklau bei Facebook, bei dem noch ganz andere Informationen gestohlen wurden als die Namen von 29 Millionen Betroffenen. Immerhin: Es wurde als Erfolg angesehen, daß es nicht wie ursprünglich angenommen 82 Millionen waren. Das wären dann so viele gewesen wie Österreich insgesamt an Einwohnern hat.

»Allein aus diesem Titel gebührt ein immaterieller Schadenersatzanspruch, der zwar für Türschilder noch nicht ausjudiziert ist, bei vergleichbaren Fällen aber etwa 1.000 Euro pro Betroffenen betragen hat«

EU-Wettbewerbs-Kommisarin Margrethe Vestager forderte im Zusammenhang von Facebook eine bessere Anpassung von Gesetzen und Verhaltensregeln der realen Welt an das Internetzeitalter.
Nur einmal gesetzt den Fall, die »reale Welt« wären komplette Straßenzüge ohne Namensschildern an der Türklingel – was hat man sich dann unter dem »Internetzeitalter« vorzustellen?
Vermutlich das strikte Verbot von URLs.

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11 Kommentare zu Wie Hitler

  1. gnaddrig sagt:

    Vermutlich das strikte Verbot von URLs.

    Bei Facebook konnte man sich meines Wissens mal den eigenen Namen in die URL bauen lassen. Das könnte ein den Klingel-Namensschildern vergleichbarer DSGVO-Verstoß sein. Eigentlich müsste Facebook sicher für jede solche URL nochmal die Genehmigung einholen, sie anzeigen zu dürfen. Anders gesagt: Wer so eine personalisierte Facebook-URL hat, muss sich nur melden, um die 1000,- abzuholen.

    Ich liebe es, wenn Gesetze so realitätsnah und praxistauglich sind…

  2. Pantoufle sagt:

    Moin, Gnaddrig

    Ich liebe es, wenn Patente so realitätsnah und praxistauglich sind…

    »Amazon hat ein Patent auf die Erkennung körperlicher und seelischer Zustände einer Person anhand von Stimmenanalyse zugesprochen bekommen. Der smarte Sprachassistent Alexa des Unternehmens soll auf dieser Grundlage nämlich heraushören, ob sein Besitzer krank, verstimmt oder gar depressiv ist, und sich darum kümmern. […]
    Wenn Alexa also den Benutzer sich räuspern hört, sucht das System auf den Amazon-Servern ein “passendes” Werbeangebot heraus, etwa die erwähnten Hustenpastillen oder ein Mittel gegen Grippe. […]
    Das Patent zeigt zudem, dass Alexa dabei nicht wählerisch ist: Der Assistent kann das grundsätzlich bei jedem Benutzer tun, dessen Stimme er hört, nicht nur bei seinem eigentlichen Benutzer.«

    Heise

    Man holt sich die 1000€ bereits ab. Von den Internetapotheken und Geheimdiensten.
    Und während sich die einen noch über Namensschildern an der Tür echauffieren, fragt sich der diensthabende Aufpasser, warum Heinz seit einer Woche so depressiv und Kevin so aggressiv ist.
    DSGVO-Verstoß? Das ist ein matter Witz.

    • gnaddrig sagt:

      Die ganze Klingelschildgeschichte ist ein matter Witz, und die DSGVO ein Paradebeispiel für gut gemeint ist nicht gut gemacht, oder gewollt aber nicht gekonnt, auch ein matter Witz, aber nicht so zum Lachen, während – wie Du andeutest – anderswo die richtigen Schweinereien weitgehend unbemerkt durchgezogen werden.

      Bei der Kombination Alexa und Werbung muss ich irgendwie an den manischen Toaster bei Red Dwarf denken. Das war damals nur ein überdrehter Gag, jetzt steht uns sowas wirklich ins Haus.

  3. Publicviewer sagt:

    Die Gesellschaft befindet sich in der Autodestruktionsphase.
    Die Linke schüttet das Bad mit dem Kinde aus und der Pöbel sucht gerade den großen Führer der alle für sie regelt.
    Es ist doch das Geschäftsmodell von Facebook mit Daten zu Handeln wie es denen beliebt.
    Die Leute geben sie doch freiwillig weg.
    Flatter macht doch auf seinem Blog auch wie er es gerade für richtig hält.
    Solange die herrschende Klasse das Sagen hat wird sich nichts ändern wenn wir sie nicht zum Teufel jagen.

    • Pantoufle sagt:

      »Solange die herrschende Klasse das Sagen hat wird sich nichts ändern wenn wir sie nicht zum Teufel jagen.«

      So wie Flatter und ich auf unseren Blogs tun und lassen was uns gefällt, darfst Du selbstverständlich ebenfalls denken und sagen, wie Du Dir die Welt wünscht. Auch wenn das klingt wie ein kuscheliger Estoterik-Abend mit Tischerücken und Bachblütentee.
      Denn – aufgewacht und mitgemacht! – hier jagt niemand irgend eine Klasse zum Teufel und wird das auch bis auf weiteres nicht tun. Bricht man die obenstehende Aussage auf ihren dürren Kern zusammen, bekommt man in etwa das, was sich die AFD und andere Nazis gedacht hat. »Wenn wir die da verjagen, herrschen wir selber!« Allerdings ist dort keine Klasse sichtbar – weder auf Seiten der Regierenden noch in den Reihen der Beherrschten.
      Überhaupt ist »Klasse« gerade Mangelware. Die revolutionär gesinnten Massen wählen vorzugsweise AFD, kaufen bei Amazon und laufen mit einem Mobiltelephon vorm Gesicht gegen Laternenmasten. »Kauft ein, was Euch kaputtmacht!«

      Widerstand gegen das Establishment? Nur hereinspaziert!

  4. DasKleineTeilchen sagt:

    lustig, daß zeitgleich höckes sprüche aus seinem “gespräch” mit Sebastian Hennig anscheinend – im gegensatz zu gauland – nirgends im mainstream thematisiert werden, kostprobe:

    “die westlichen Werte” (sind) “aufgeblasener Werteschaum”

    “Der Parteiengeist muss überwunden, die innere Einheit hergestellt werden”

    es muss schluss sein mit “westlich-dekadenten Liberalismus und der ausufernden Parteienherrschaft”

    es sei wieder zeit für “eine fordernde und fördernde politische Elite, die unsere Volksgeister wieder weckt”

    “Es braucht eine starke Persönlichkeit und eine feste Hand an langer Leine, um die zentrifugalen Kräfte zu bändigen und zu einer politischen Stoßkraft zu bündeln.”

    wenn das nicht 1:1 adolfs sprüche anno 33 sind, dann weiss ich auch nicht…

    https://www.amazon.de/Nie-zweimal-denselben-Fluß-Originalton/dp/394487272X

    • Pantoufle sagt:

      Moin, kleines Teilchen

      »wenn das nicht 1:1 adolfs sprüche anno 33 sind, dann weiss ich auch nicht…«

      Das sind Luftblasen, die so klingen sollen als wenn der Föhrer sie in sternendunkler Nacht ins Ohr seiner Eva geflüstert hätte. Dieses vor geballter Volkskraft nicht mehr laufen können, gurgelnd tiefsinnige Nonsens absondern und in jeder roten Tomate den Feind erkennend.
      „Es braucht eine starke Persönlichkeit und eine feste Hand an langer Leine, um die zentrifugalen Kräfte zu bändigen und zu einer politischen Stoßkraft zu bündeln.“
      Sätze wie dieser sind… der Herr Karl hat sie in seinen guten Zeiten täglich geknödelt und heute wie damals waren sie niedrigster Unsinn. »…eine feste Hand an langer Leine«. Herr Oberstudienrat Höckes Kampf mit der deutschen Sprache.
      Aber es klingt eben »als ob«. Völkische Phrasendrescherei und revisionistischer Schwachsinn. Wo soviel Schaum ist, muß doch irgendwo ein Schläger sein.

      Irgendwie waren wir in den siebzigern schon mal weiter. Nazis raus über den Notausgang, die Feuerleiter hinunter und dann von einer Abordnung des örtlichen Astas ein paar aufs Maul.

      Was flattert da gerade rein? Konzert von Feine Sahne Fischfilets aus Angst vor den braunen Schlägertrupps abgesagt? Jubelstunde für diejenigen, die aus Gewohnheit und vorauseilendem Gehorsam grundsätzlich bei jedem Furz der Nazis den rechten Arm hochreißen. Das passt ja wieder prima. Na, dann reißt mal schön. Erst das Maul auf, dann den Arsch zu, weil Eure Partei-Mitgliedsnummer erst nach der Machtübernahme vergeben wurde.

      Zum kotzen das Ganze. Zum kotzen.

  5. Irie Zen sagt:

    Gerade erst habe ich eine alte Ton Steine Scherben abgestaubt wegen “Einheitsfrontlied”; Yeah I member *quote* XD; Die letzten 2 Kommentare mal CTRL+C; CTRL+V! D’accord.
    Link: IOPSATIRE | #AUFSTEHEN | LINKE SAMMLUNGSBEWEGUNG
    Kulturgut hier mal anhören: YouTube

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