Wasserstandsmeldungen 4

Nicht Gravenbruch

The day after. »Open-Doors-Festival im Autokino Gravenbruch endet im finanziellen Fiasko«
Ein Fiasko mit Ansage, meint die Schrottpresse. Na, wer weiß es noch?
»Ein Konzert mit Bryan Adams, Sarah Connor und The Boss Hoss soll am 4. September vor 13.000 Zuschauern in Düsseldorf stattfinden. “Das ist das Zeichen, auf das Fans, Künstler und Crews sowie die gesamte Musikindustrie sehnsüchtigst gewartet haben”«

Mit Zeichen haben wir es im Moment nicht so, mußten die Veranstalter in Neu-Isenburg schmerzhaft feststellen. Das seit 28 Jahren stattfindende Stadtfest mit Musike wird in der Frankfurter Rundschau von Annette Schlegl kommentiert, ich möchte auch mal und weiß kaum, wie man anfangen soll.

Von 1500 »Tickets« wurden 200 verkauft. Das ist nicht viel, und es ist noch weniger, wenn man bedenkt, daß es sich um Karten für ein Auto und die Location »Autokino« handelt. Also um max. 5 Personen pro Transportmittel macht im Höchstfall 7500 Köpfe. Auf dem in der FR.de veröffentlichten tot-traurigen Bild zählt man 67 Fahrzeuge (mal 5 Personen ist…??). Zu welchem Zeitpunkt das Bild entstanden ist, ist unbekannt. Das ist von den 40.000 bis 45.000 Beteiligten der letzten Jahre Lichtjahre entfernt, größenordnungsmäßig genau so weit wie die 13.000 von Lieberberg angedachten in Düsseldorf.
»Frust, Enttäuschung und Trauer bei der Neu-Isenburger Veranstaltungsagentur „12 Löwen“ […] Wegen des großen technischen Aufwands und der „normalen Gage“ für die auftretenden Bands verlangten die Veranstalter erstmals 50 Euro Eintritt.«
»Wir haben 28 Jahre lang das Musikspektakel auf die Beine gestellt. Da wäre ein Besuch ein großer Akt der Solidarität gewesen«

Bei allem Mitgefühl und meiner Solidarität für die Veranstalter: Da liegt ein Missverständnis vor!
Erst einmal: Solidarität ist etwas, das man (finanziell) keinesfalls einfordern kann. Auch nicht mit dem Hinweis darauf, daß das Spektakel die Jahre davor kostenlos war! Deswegen kamen ja so viele. Es war eine Art großangelegtes Stadtteilfest mit »draußen sitzen, Bier saufen und Bratwurstessen« und die Beschallung wurde billigend in Kauf genommen. Hätte man es auf der grünen Wiese als kommerzielles Festival stattfinden lassen, wären die »45.000« ein feuchter Traum des Veranstalters geblieben.

Die Realität sähe dann etwa wie »Na gut, jetzt spielen die anderen, aber heute Abend kommt ja noch Linkin Park« aus.
Wer mit Rock`n`Roll Geld verdienen will, muß erst mal Geld in die Hand nehmen.

Zweitens: Die Formulierung »und der „normalen Gage“ für die auftretenden Bands« ist eine Unverschämtheit (die allerdings nicht der Konzertagentur anzulasten ist. Die kommt offenbar von der FR und ist wenigstens mißverständlich formuliert). Die »normale Gage« ist das Mindeste, was man erwarten kann. Zumal die Gagen für diese Art von Festivität bekanntermaßen lausig sind (“Ihr müßt das auch als Werbung für Euch sehen”, “nächstes Mal gibts mehr” usw,usw). Allein die Aussage, die Stadt Grevenbruch hätte das Crew-Catering gesponsort, gibt zu den allerschlimsten Befürchtungen Anlass. Die Musiker haben ebenso unter der Corona-Misere zu leiden wie die Veranstalter. Mindestens ebenso, wie die Formulierung »Große Firmen wie Fresenius, Nestlé oder Rewe haben nämlich das Autokino für ihre Mitarbeiterveranstaltungen entdeckt« zeigt. Damit hätte die Agentur wenigstens theoretisch eine Einnahmequelle (sie sei ihr gegönnt), die Musikern verschlossen wäre.
In einem früheren Artikel stand es dann auch noch etwas unmißverständlicher »Schließlich würden die Bands normal und fair bezahlt.« Eben! Fair!

Drittens: »Open Doors soll zusammen mit der Stadt im Jahr 2021 erneut stattfinden. Zuerst müssen aber neue Sponsoren gefunden werden.«
Dazu (ganz unironisch) viel Glück von dieser Seite! Sind die alten Sponsoren abgesprungen? Alle? Teilweise? »…ein großer Akt der Solidarität gewesen«. Ach, lassen wir das!

»DANKE an alle Supporter, die am vergangenen Wochenende mit ihrem Ticketkauf dazu beigetragen haben, die Kultur-Szene ein Stück weit am Leben zu halten!«
Genau! Kulturszene! Und da lohnt es sich, etwas zu differenzieren. Die Schrottpresse hat sich der mühsamen und teilweise schmerzhaften Pflicht unterworfen, der »hammergeilen Musik und vielen supercoolen Künstlern« auf Youtube und Facebook hinterher zu recherchieren.
Also, liebe Leute, bei allem was Recht ist: Aber für dieses Line-up hätte ich persönlich keine müde Mark springen lassen! Von Körperverletzung bis Top40-Band war zwar alles vertreten, aber eben nichts, was einen umgehend vom Melkschemel reißt. Damit bekommt man kein Open-Air im klassischen Sinne (John Mayall hat leider sein Flugzeug verpasst und Elton John steht im Stau) auch nur bis zur Hälfte gefüllt. Von daher halte ich die Verlegung des »kulturellen Teiles« eines Stadtteilfestes in ein Autokino für gewagt. Und eben überhaupt nicht für vergleichbar mit einer Beschäftigung wie »Geldverdienen«.
Dieses Scheitern besteht nicht im schlechten Ticketverkauf, sondern in einer Verwechselung bereits in der Planungsphase. Ein Festival ist es etwas ganz anderes.

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18 Antworten zu Wasserstandsmeldungen 4

  1. nömix sagt:

    »[Der Veranstalter] ärgert sich: „Über Jahre hinweg haben die Besucher das Festival geschenkt bekommen und denken jetzt, sie haben einen Freibrief, dass Kultur nichts kosten darf.“«
    Was ist denn das für eine Ansage? Soll bedeuten: die Besucher nehmen sich zu Unrecht die Freiheit heraus, nicht zum Festival zu erscheinen? Reichlich dreist.

    • Pantoufle sagt:

      Moin Nömix

      Die Diskrepanz zwischen dem Angebotenem und den Veranstaltern ist einen dicken Roman wert. Mehrteilig und ohne Happy-End. Manche hatte eine schwere Kindheit und können es heute nicht mehr unterhalb von »KUNST«, andere haben die schlechten Kapitel der Wikipedia gelesen und versauern nun auf den falschen Vorbildern. Und andere wiederum haben 20 Jahre Tanzkapellen aufspielen lassen und vergleichen sich nach Feierabend mit Wacken. Kann man nichts machen – ist so!
      Das hat leider zur Folge, daß Veranstalter oft glauben, etwas besonderes zu machen. Und wenn dann keiner kommt, nehmen sie das persönlich. Nach außen wirkt das gelegentlich etwas skurril, aber es ist im Grunde eine Verletzung. Das muß man verzeihen. Vor allem, wenn es so tragisch endet wie in diesem Fall.

      • DasKleineTeilchen sagt:

        ah, die geschunde künstlerseele des veranstalters, ja? galeristen sind da ja ähnlich unterwegs.

        • Pantoufle sagt:

          Moin kleines Teilchen

          Ja, sehr guter Vergleich!
          Ich male ja selber etwas. Nein, nicht der Rede wert…war halt nach der abgebrochenen Kunsthochschule. Hier zum Beispiel: Werk-Nr. 281! Aus meiner blauen Periode!

          Vergleiche mit “ Ich spiele ja selber etwas elektrische Gitarre (Posaune im Kirchenorchester, Triangel im Weihnachtsmärchen… da hatten wir auch mal einen Gig…)!”
          Nichtzutreffendes bitte streichen.

  2. R@iner sagt:

    @Pantoufle: (OT) Einige Technik-Zeitschriften und Bücher der letzten ~100 Jahre: https://nvhrbiblio.nl/biblio

    Nette Sachen dabei: /biblio/tijdschrift/Funkgeschichte

    • Pantoufle sagt:

      Moin R@iner

      Ach, wie hübsch. Retrotech vom feinsten. Und so zeitnah zur Einstellung des Radios über Ätherwellen 🙂 Vielen Danke für den Lesestoff
      Ich habe das als Hinweis darauf verstanden, daß noch ein Teil der Bauanleitung fehlt. Stimmt! Ist mir auch aufgefallen. Statt ziemlich erfolglos weiter zu verbessern, habe ich erst mal mit dem Vorhandenen gearbeitet und bin eigentlich ziemlich glücklich damit. Das geht richtig gut.
      Und ich muß gestehen, daß mir im Moment ziemlich die Lust fehlt, daran weiterzuschreiben. Obwohl es zu den ganz wenigen Blogartikeln zählen würde, die einen gewissen (wenn auch kleinen) Sinn ergeben.
      Ich muß wohl mal wieder…

    • R@iner sagt:

      p.s.: Ganz vergessen – Schaltbilder alter Geräte: /schema

  3. flatter sagt:

    Und mir sagt wieder keiner bescheid. Is klar. Hab ich mir tropsdem gebuchmerkt, so!
    Alkohol, jemand? Es ist so dunkel hier.

  4. DasKleineTeilchen sagt:

    OT. da ich ja nicht mehr bei epikur rumstänkern darf…

    Das mit den Reptiloiden?

    Ja, mach dich nur lustig.
    Im Übrigen ist das eine Erfindung der Thinktanks der CIA und NSA

    qed.

    (kannste dir tatsächlich nich mehr ausdenken, das)

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