Was wurde eigentlich aus der Nachricht von letzter Woche?

Uwe Junge, MdL, AFD. Der freundliche, ältere Herr mit dem gefährlichen Schnurrbart und dem Air eines bei der Beförderung übergangenen Leutnants, der ein paar freundliche Worte zum Sedan-Tag anmerken soll.

Aha, denkt der unbedarfte Leser. Zweiter Platz im Erika-Steinbach-Gedächtnisrennen!
Woher hat er das nur wieder? Hitler, der Islamistenfreund, Linksextremist und welche deutsche Résistance? Welt.de… oooch, die schon wieder?
Genau die. Nur steht da rein gar nichts von Islamistenfreund. Geschweige denn und schon gar nicht von aktivem Widerstand. Außer einem grotesk zusammenhanglosem, selbstgebastelte Video hat der Autor Sven Felix Kellerhoff nichts hinterlassen, außer seinem jahrelangen Bemühen, den Beginn des Rassenirrsinns Hitlers tunlichst auf dessen letzte Tage im Berliner Führerbunker zu schieben. Und natürlich den Namen des Führers mal wieder ganz unauffällig zu erwähnen.
Schäbig genug, aber es ist ja auch nur die Springerpresse.

(Man kommt einfach nicht mehr hinterher. Es geht nicht und es soll auch nicht gehen. Jeder sollte einen Kompass dafür haben, wieviel an Neuigkeiten zu verdauen ist. Dann kann man auch etwas darüber sagen oder schreiben.

Zum Glück gibt es Twitter. Nein, ganz im Ernst! Um das Ausmaß an Rassismus, Menschenverachtung und Ignoranz zu erfassen gibt es keine bessere Anlaufstelle. »Ich bin ja kein Nazi, aber…« Andreas Hallaschka, Hubertus Knabe, Boris Reitschuster. Sichere Anlaufstellen für Amoralität und Verworfenheit. Viel besser noch als die erklärten Faschisten der AFD– dort weiß man wenigstens, woran man ist.

Bei denen aber… Da ist sie, die faulig stinkende Mitte der Gesellschaft.)
Aber das nur nebenbei. Und diese Figur mit des Kaisers Barttracht hat es immerhin bis zum Oberleutnant gebracht.

Walter Lübcke tot (verwirrter Einzeltäter?), in einer Flüchlingsunterkunft wird einer Hochschwangeren kein Krankenwagen gerufen; »früher Kindstot« (Denn in den Qualitätsrichtlinien für die Sicherheitsdienste in Flüchtlingsunterkünften fehle die klare Weisung, daß der Bitte um einen Rettungsdienst in jedem Fall entsprochen werden müsse.) Dafür brauchen sie eine Weisung! Die Weihnachtsgeschichte muß neu geschrieben werden!
Ein Eritreer wird auf offener Straße niedergeschossen, der Schütze prahlt damit in der Kneipe und niemand ruft die Polizei. Man habe es für das «übliche Kneipengeschwätz« gehalten. Wie geht das »unübliche Kneipengeschwätz«?

»Der Mordversuch an einem Eritreer im hessischen Wächtersbach macht fassungslos. Wie kann jemand in diesem zivilisierten Land aus Rassismus heraus einen wildfremden Menschen töten wollen?«
Christoph Schwennicke, Chefredakteur Cicero

Das fragt ausgerechnet der Cicero.

Jede Woche der gleiche Befund

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9 Antworten zu Was wurde eigentlich aus der Nachricht von letzter Woche?

  1. Frau Lehmann sagt:

    Ach du meine Güte! Welch ein Irrsinn! Alleine die Schlagzeile: “Hitlers politische Karriere begann im Linksextremismus” reicht doch schon aus, um das Ergebnis in die Köpfe zu verpflanzen, dass Linksextremismus gleichzusetzen ist mit Rechtsextremismus. Und wird noch verfestigt durch die automatische Gleichsetzung von Räterepublik mit Diktatur in dem Welt-Artikel. Wen wunderts dann, dass der Islamismus gleich darauf folgt. Mir scheint, dass das schon dermaßen verfestigte Automatismen sind, die in einem geschlossenen Weltbild münden, sodass wirklich nichts mehr hinterfragt wird, ja gar nicht mehr hinterfragt werden kann. Wir sind wirklich schon sehr weit gekommen. Exemplarische Beispiele für diese dumpfen Ressentiments sind die Kommentare von Mutlos und Sabine. Und doch halten sich die meisten, die dieses Bild von der Welt verinnerlicht haben für moralisch integre Menschen und unsere Gesellschaft für zivilisiert. Die Barbaren sind immer die anderen. Ja, Herr Schwennicke, wie konnte das wohl passieren?
    Vielen Dank für den Faber-Song. Beeindruckend. Kannte ich bis jetzt noch gar nicht.

    • Pantoufle sagt:

      Moin, Frau Lehmann

      Der Faber hat mich auch ziemlich beeindruckt. Selbst wenn man die Bilder abschaltet, bleibt eine Musik, die erstaunlich aus der Zeit gefallen ist. Irgendwo zwischen Hubert von Goisern, Georg Danzer und Kreisler. Ziemlich viel für einen so jungen Mann.

      Nach der IP-Adresse handelt es sich bei Mutlos und Sabine um die selbe Person und selbst wenn dem nicht so ist, so bleibt es der gleiche Ungeist. So oder so ein bemerkenswerter Fall von Synchronspringen über das selbe Stöckchen.

      Was nun den Oberleutnant Taubenuß von der AFD betrifft, so ärgert mich das aus einem ganz anderen Grund: Die Jahre 1918 – 1920 sind in der Hitlerforschung ein ziemlich unterbelichtetes Bild. Außer Plöckingers »Unter Soldaten und Agitatoren« ist mir nichts bekannt, was sich systematisch mit diesem Thema beschäftigt.
      Nun bin ich grundsätzlich der Meinung, daß die Historikergilde ihre Auseinandersetzung ruhig öffentlich austragen sollte – es muß ja nicht gleich ein Historikerstreit wie Anno 86/87 daraus werden. Wenn aber die lautesten Stimmen diejenigen sind, die nicht einmal die Schlagzeilen zu Ende lesen, wird es unproduktiv. Und nein: Das war nicht immer schon so.
      Der brave Haushistorikers der welt.de Sven Felix Kellerhoff zückt jedenfalls seine Applaustagebücher: Neuzeitliche Begrifflichkeiten historisieren und umgehend jedes vorkommende Ereignis mit einer moralischen Wertung zu hinterlegen. Dabei kommt schnell heraus: »Die Wehrmacht hat keine Verbrechen begangen. Mein Opa war dabei und der war ein feiner Kerl!«

      »Jeder hat das Recht auf seine eigene Geschichte. Aber niemand hat das Recht, beliebige Fiktionen über die Vergangenheit zu erzählen. Niemand erzählt die Geschichte eines Ereignisses alleine. Es gibt die Geschichte der Täter, aber es gibt auch die Geschichte der Opfer. Und die Geschichte der Mitläufer, der Zuseher, der sogenannten Neutralen. Jeder darf seine Geschichte erzählen. Aber jeder sollte dafür sorgen, daß seine Darstellung der Geschichte nicht den anderen ihre Geschichte raubt. Das ist der „historische Imperativ“: Erinnere Dich stets so, daß Du anderen ihre Geschichte nicht nimmst!«
      Ludger Jansen

      Den Rest, der zu diesem Unsinn anzumerken ist, hast Du ja bereits gesagt.

    • Siewurdengelesen sagt:

      “Ach du meine Güte! Welch ein Irrsinn!”

      Kann von diesem Herrn etwas Anderes erwartet werden?

      Irgendwie scheint doch etwas dran zu sein, dass zuviel militärischer Einfluss das Oberstübchen deformiert…

      • Pantoufle sagt:

        Moin Siewurdengelesen

        …das Oberstübchen deformiert.
        Dafür muß man nicht beim Barras gewesen sein wie Erika Steinbach belegt. Diese unselige Diskussion darüber, wie links Hitler und die NSDAP waren, kommt ja langsam in die Jahre.
        Ich habe die letzten zwei Tage damit verbracht, Allen Bullock, Brigitte Hamann und Othmar Plöckinger noch mal zu lesen. Hauptsächlich um in die Zeit einzutauchen; gut belegte Fakten gibt’s gratis. Und spätestens, wenn man sich das End-Ergebnis betrachtet, muß man schon aktiver Verschwörungstheoretiker sein – Hufeisen und so – damit man Rassenwahn und Völkermord als typisch sozialistisch ansehen mag.

        Und schlußendlich will ausgerechnet die AFD das System verändern – typisch links! Das sind eigentlich alles Sozialisten.

        • Siewurdengelesen sagt:

          “Und schlußendlich will ausgerechnet die AFD das System verändern – typisch links! Das sind eigentlich alles Sozialisten.”

          Chrchrchr…

          …apropos Bildchen: Dass es Uwe Junge schon als SW-Bild gab, wusste ich gar nicht;-)

          Und diese verblüffende Ähnlichkeit nach all der Zeit, der ist ja kaum gealtert oder es handelt sich um einen Wiedergänger…

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