Vae victis

Ein etwas längeres Telephongespräch am Vormittag mit der Steuerberaterin wegen Novemberhilfen für erwerbslose »Soloselbständige« und anderes fahrendes Volk.
»Ja, davon hätte man schon gehört, würde man auch übernehmen, aber die Aussichten wären eher mau.«
Immerhin haben sie in der Steuerberatungsgesellschaft bereits jemanden aussortiert, der sich ausschließlich um diese Fälle kümmert. Schön, wenn man nicht alleine ist!
»Wir rufen zurück, sobald wir genaueres sagen können.«
Danke, Tschüß und noch einen schönen Tag.

Angeblich wird ja ein Teil des Honorars des Steuerberaters erstattet (wieviel ist »ein Teil?«)
Ohne Steuerberater braucht man sowieso nicht anzuklopfen. Antragsformulare sind Online nicht zu finden (vielleicht hat sich das jetzt geändert. Aber mir fehlt die Lust, jetzt weiter zu suchen) und ein paar Telephonate bei den Kollegen erhärten den Verdacht, daß man das sowieso besser einem Steuerberater überläßt.
Der Rückruf kommt dann auch pünktlich wie die Feuerwehr.
»Ahalso: Haben Sie 2019 einen Jahresumsatz oberhalb von 34.284€ erwirtschaftet?«
Nö, hab ich nicht! Unglücklicherweise war ich entgegen meiner Gewohnheiten für etwas mehr als ein halbes Jahr fest angestellt. Und selbst wenn nicht: Laut Künstlersozialkasse (Quelle) liegt das Jahresdurchschnittseinkommen eines Musikers bei 15.000€, das einer Musikerin bei 10.000€. OK – so wenig war es bei mir selten und in guten Jahren waren es auch um – oder etwas mehr als 35.000€, aber wie wie gesagt 2019 nun gerade nicht.
»Tut uns sehr leid – was Sie die letzten 30 Jahre verdient haben, interessiert leider niemanden! Wir fragen uns hier sowieso, wer diese »Hilfe« eigentlich bekommt. Von unseren Kunden jedenfalls so gut wie niemand.«
Zahlen will sie am Telephon nicht herausrücken und auch auf meine Frage, warum sich das Finanzamt jedes Jahr bei mir meldet, um erheblich größere Summen als diese »Nothilfe« einzufordern, weiß sie keine Antwort.
Na ja – der Versuch war ja nicht strafbar.

Derweil flimmert ein Bericht der Tagesthemen über den Bildschirm, bei denen sich eine größere Menschenmenge ohne Masken und Abstand durch eine ostdeutsche Stadt drängelt. Rein mengenmäßig ließe sich davon ein kleineres Festival füllen, bei dem die Kollegen und ich mal wieder etwas verdienen könnte. Ob man diese Melange allerdings gerne im Publikum hätte, ist eine andere Frage.
Was machen die da eigentlich?
Die Unpolitischen proben den Aufstand. Für die hauseigene Lesart des Grundgesetzes und gegen Merkel, gegen die Wissenschaft und für das Recht auf eigene Statistiken. Gute Bürger entdecken ihr Herz für die Politik. Plebejer gegen die Patrizier.
»Bürgerlich wird man dadurch, dass man keine Baumstämme auf Polizisten wirft«
Wer hätte das nicht geahnt? Ach, schon wieder die Schlagzeilen durcheinandergebracht. Das war ja AKK zum Thema »passive Gewalt« gegen schwer bewaffnete Polizeiwillkür im Dannenröder Forst.

Und während die Polizei mit Elektroschockern in 20m Höhe Aktivisten aus den Baumwipfeln tasert, piepst Jana aus Kassel auf einer Bretterbühne irgend einen Unsinn zusammen, die ihre Unkenntnis nicht nur im Fach Geschichte auf blamable Weise zutage treten läßt.
Gemessen am Einsatz von Staatsmacht scheint von dem befürchteten Ausbleiben von Braunkohleförderung und Gewinneinbrüchen von RWE eine größere Gefahr als von Corona auszugehen, weswegen sich das polizeiliche Engagement gegen die aus dem Ruder laufenden Coronaspaziergänge eher in Grenzen hält.

Lasst die Doofen ruhig weiter von »Merkeldiktatur« und »Ermächtigungsgesetz« faseln – aufgeräumt wird an ganz anderer Stelle.
Etwas weniger Verschlüsselung da, etwas Pflegenotstand dort und schon liest sich die Tagesschau so spannend wie ein Formel 1 – Rennen mit Heiko Waßer bei RTL, wenn wirklich jeder Beitrag irgendwie mit »Corona« getagt wird.
Aber woher sollen es die Top-Virologen, Historiker und Widerstandsuntergrundkämpfer schon wissen? Querdenken irgendwo zwischen Ami&Pink, Reichsbürgern und gemafreier Hypnosemusik. Da zielt der Wasserwerfer ja ganz automatisch etwas höher und nebelt mehr statt wirft.


»Vier Beamte seien verletzt worden, die vier dafür Verantwortlichen identifiziert. Eine “Querdenkerin” habe eine Polizistin ins Bein gebissen.«
FAZ

Harte Gegner! Und schon wieder klingelt das Telephon. Die Bundesagentur für Arbeit erkundigt sich nach dem werten Befinden
»Ja, aber Sie müssen doch einsehen, daß Sie als Arbeitsloser…«
Leider nein: Erstens, weil ich Sätze, die mit »(selbst) sie müssen doch…« beginnen, aus weltanschaulichen Gründen ablehne und zum anderen – wie ich vergeblich versuche zu erklären – ich nicht arbeitslos sei, sondern Berufsverbot hätte. Das wäre ein mindestens gradueller Unterschied.
»Wir müssen jetzt alle…die Krise…Corona, Corona… zusammen… später, später,später«

Save the planet, spare Strom, leg auf.

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10 Antworten zu Vae victis

  1. rainer sagt:

    …..alles gut und schön…was ich nicht verstehe ist, wofür man einen Steuerberater benötigt……kann man doch alles selber machen…dieser Zunft muss man doch kein Geld hinterherwerfen….

    • Pantoufle sagt:

      Moin Rainer

      Ja,dachte ich vor 20, 25 Jahren auch, bis ich anfing, mein Geld in der Schweiz zu verdienen und meine Steuern explodierten. Da kam dann Tante Iris ins Spiel, deren Kind mit meiner Bande spielte und mit denen ich auch sonst familiär war. Die fing damals ihre Karriere in dem Gewerbe an und nahm mich für die ganz kleine Mark in ihre ansonsten leicht elitäre Klientel auf. Dabei ist es einfach geblieben und ich bin immer gut damit gefahren.
      Im Übrigen versuch mal an diese »November-Hilfe« ohne Steuerberater zu kommen! Oder ohne…

      Finde ich auch ganz toll, daß es Menschen gibt,die das alles alleine können. Ich gehöre leider nicht dazu.

  2. Siewurdengelesen sagt:

    Aktien oder einen Posten bei TUI hast Du nicht zufällig?

    Und hier sind die Nächsten, die sich gesund stossen und bestimmt auch bald die Hände aufhalten…

    …am Schönsten sind wieder die Phrasen der Journaille dazu.

    Ich hoffe, privat geht´s so leidlich bei Euch?

    • Pantoufle sagt:

      Moin, Siewurdengelesen

      Danke der Nachfrage – ja, eigentlich ganz gut soweit. Hund, Kinder und Frau sind wohlauf und wenn sich das Wetter zwei, drei Tage noch mal besinnt, kriege ich die Karre auch noch durch den TÜV.
      Aktien von TUI oder einen Aufsichtsratsposten bei der Postbank habe ich leider nicht. Dafür eine Rechnung der IHK. Das sind die, die sich Anfang des Jahres beim Anblick meiner Vorwahl ganz unsicher waren, ob sie überhaupt für meine Probleme zuständig wären. Denen hab ich einen Brief zurückgeschrieben, daß ich mir völlig unsicher bin, ob ich dafür zuständig wäre, ihnen Geld in den Rachen zu stecken.
      Das wird bestimmt noch lustig.

      Und selber so? Gibt es bei Euch auch schon gepflegten Weihnachtswahnsinn?

      • Siewurdengelesen sagt:

        “Und selber so? Gibt es bei Euch auch schon gepflegten Weihnachtswahnsinn?”

        Keine Ahnung;-)

        Zu den Kritikern spare ich mir die Luft, der Verlauf der Pandemie entspricht dem, was angesichts der Massnahmen zu erwarten ist und die Sprachrohre dann auch scheibchenweise und bestätigend in regelmässigen Abständen verkünden. Die Superspreader arbeiten ja fleissig daran, dass ihnen die Kritik nicht ausgeht und die Politik beklatscht das sicher nicht ganz uneigennützig insgeheim. Mir ist dieses durchschaubare Spiel zu doof, auch weil die Demonstrierenden ja für “den Staat” letztendlich keine Gegner sind im Gegensatz zu anderen. Die Protestierenden machen sich da m.E. selber mehr zu nützlichen Idioten und wollen am Ende gar kein wirkliches Ändern der Zustände.

        Selber sind wir glücklicherweise bis Stand jetzt nicht infiziert bis auf den einen Bekannten. Dem geht es den Umständen entsprechend, hat aber neben seinen ohnehin bereits gewesenen gesundheitlichen Problemen die nächste Klatsche mit anzunehmend bleibenden Schäden.

        Die Restmenschheit shopt sich halt an den Adventssamstagen dumm und dämlich und als Schichter finde ich es ganz prima, da zu Dienstende und -anfang mit drin herumwursteln zu dürfen. Es geht doch nix über eine Heimreise nach der Nachtschicht, wenn die ganzen Verstrahlten Rennen um den 1.Platz im Hamsterrad fahren.

        Unseren Oberindianern ist ganz plötzlich aufgefallen, dass es noch ganz viele Kollegen mit Überstunden und Resturlaub gibt! Jetzt war ich daher auch eine Woche daheim, habe aber immer noch mehr stehen, als ich in diesem Jahr abfeiern könnte – tststs.

        Angesichts der allgemeinen Lage für die meisten, die Buckeln müssen, ist das fast ein Anachronismus.

        Die Effe hat seit gestern Winterpause und wird wohl bei mildem Wetter noch etwas Detailpflege erfahren – Öllappen in die Tüten als Konservierung und so, das brennt schon wieder `raus;-)

        Mit dem restlichen Zeugs wie Garten sind wir quasi durch und geniessen unsere weihnachtlich geschmückte Bude. Bücher und Material auf der Platte gibt es genug als auch hoffentlich noch ein paar Momente neben der Arbeit, um noch ein paar schöne Fotos zu machen. Derzeit darf ich sogar mit dem Kater den Sessel teilen;-)

        Filmtipp!

  3. DasKleineTeilchen sagt:

    in weiteren meldungen; bob dylan verhökert dann mal eben sein gesamtes Œuvre an universal music.

  4. R@iner sagt:

    Nur so: Electron Detector Kit

    Man weiß ja nie, ob man nicht auch mal so etwas braucht.

  5. Siewurdengelesen sagt:

    Hey Grosser…

    Verlinke hier mal etwas und sei es nur um das Thema weiter oben zu halten!

    Auch wenn freilich nur ein tropfen auf dem heissen Stein bleibt – HTH!

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