Solange es geht

In dem kleinen Einkaufszentrum nahe meiner neuen Arbeitsstelle gibt es alles, was es zum Überleben so gibt. Penny-Einkaufswunderland, Edeka, einen Instantbäcker, ein Instantcafe, drei Apotheken, den Drogeriemarkt einer bekannten Kette und den Döner mit alles. Hab ich was vergessen? Ach ja – das Eiscafe mit zwölf gleichartigen Mischungen, die sich lediglich durch die geschmacksbildenden Soßen unterscheiden.
Zum festen Inventar des Zentrums gehört wohl auch der Mann in den gelben Hosen, der dort immer zu sehen ist. Gelegentlich andere T-Shirts, kittelgleiche Oberbekleidung die um ihn umweht. Aber immer eine gelbe Hose. Seit nun fast drei Monaten.

Lange nicht getroffen, aber immer wieder reizvoll anzusehen: Die Zeugen Jehovas und ihr Zeitungsständer. Die eine der beiden Damen ist überraschend attraktiv. Tja, warum eigentlich sollten die Heiligen der letzten paar Tage nicht gutaussehend sein? Ich dachte immer, die würden nur herumstehen und warten, aber die da spricht mich an. Keine Strickstrümpfe und grauer Lodenmantel in der prallen Sonne. Vielleicht sind es doch keine Zeugen, sondern die von der Konkurrenz. Auch heilig, aber mit Kommunikationsbedürfnis. Ob ich nicht vielleicht ein paar unbeantwortete Fragen in meinem Leben hätte?
»Nein, leider nicht.«
Bei schönen Frauen werde ich immer schwach und höflich.
»Eher leide ich an einem Übermaß an Antworten. Auch das ist eine schwere Last, wenn sich die Menschen immer die falschen Fragen stellen.«
Und mit einem Blick auf ihrer Literaturauslage »Die nach Gott zum Beispiel ist eine dieser falsch gestellten Fragen.«

Ach, es wäre sicherlich noch eine sehr anregende Unterhaltung geworden, aber leider ist die Mittagspause schon vorbei. Ich mag dieses Zentrum und seine Spargelschälmaschine vor Edeka. Von Januar bis November. Kaum 100m lang und schlauchförmig; man braucht keine 10 Minuten um alle Schaufenster zu besichtigen. Eher der Marktplatz eines Vorortes, der zur Gemeinde eines Vorortes gehört. Ob die beiden wohl einer Einladung zu einem Eis gefolgt wären? Was Jesus wohl zu Haselnuß-Krokant mit Amaretto gesagt hätte?

Ein sehr übersichtlicher Marktplatz, in dessen Mitte man sich stellen könnte, um alle drei Apotheken im Auge zu behalten… wer zuerst ein Sonderangebot raushaut, wird gestürmt! Und alles so schön zentral. Kein Platz für eine Ecke mit Bäcker und ein Unterschlupf für eine Kneipe. Dafür sind sie eingepflegt in die triste Landschaft der Schaufenster, es könnte genau so gut ein Friseur oder ein Uhrenschäft sein.
Energisch schieben die Rentner – und hier sind so gut wie alle über 60 – ihre vollen Einkaufswagen bis zum Auto auf dem Parkplatz. Und bringen sie natürlich zurück! Jeden einzelnen.
Unter Franz Josef Strauss war auch nicht alles schlecht. Das wird man ja wohl wieder erzählen dürfen. Ja, darf man, und Azmi und Djadi vom Grill berichten sie es auch davon. Von den guten Zeiten, als man noch Einkaufszentren wie Brücken über die Straße baute. Oder Restaurants auf Autobahngaststätten einmal quer über die vierspurige Rennstrecke. Zum Glück lies man von solcherlei Unsinn ab Mitte der sechziger Jahre ab. Ein paar dieser Schauerstücke deutscher Nachkriegsarchitektur haben sich erhalten, auch wenn sie nicht mehr alle in Betrieb sind. Die guten Zeiten nach dem Krieg, Trümmerfrauen und Wirtschaftswunder, Plattenbauten als ultima ratio der Architekturkunst, VW-Käfer und Urlaub in Italien. Hier aber spannt sie sich noch über die Schlaglöcher der darunterlegenden Straße, beherbergt Lottoannahmestelle und Drogerie und Lettern einer Schrift aus einer anderen Zeit verkünden »Endzeitzentrum«. Zum Plündern und Brandschatzen bitte links anstellen.

Eine kleine Zeitmaschine unzulänglicher Ideen und eingekochter stadtplanerischer Sünden. Erstaunlich friedlich ist es hier, solange etwas Geld fließt; das »Werk« erbrachte ein gedeihliches Einkommen für die meisten und der erste FC erste Achtungserfolge. Aus dem Urlaub am Lago Maggiore kamen als Mitbringsel der schiefen Turm von Pisa aus Porzellan und ein paar arbeitsversessene Italiener für’s Stammwerk.

Deutschlands erstes serienmäßig produziertes Concept-Car entstand hier: Wie klein kann man eine Fahrzeug-Karosserie bauen, die für den Transport von vier unzerstückelten Menschen geeignet ist? Des Führers Traum von Kraft durch Freude, ersatzweise einem luftgekühlten 4-Zylinder-Boxermotor. Die Geschichte großer Betrügereien in der Automobilgeschichte ist sehr, sehr lang. Das fing bereits mit den Daten der Ausschreibung an. 7l Benzin per 100 km sollte er verbrauchen, ein Wert, den er auch später nur mühsam bergab rollend bei abgeschaltetem Motor erreichte. Für weniger als Tausend Reichsmark sollte ihn sich jedermann leisten können und sogar eine Heizung gab es auf dem Papier. Als die Blechhülle des Freudenwagens ganz und gar nicht fertig wurde, nahm man kurzerhand die des Mercedes 130 /w14. Für des Führers Ungeduld zahlte man in den sechziger Jahren mindestens eine Million deutsche Mark wegen Patentverletzungen an den tschechischen Tatra-Konzern. Oder auch drei davon – so genau war das nie zu rekonstruieren. Anstelle des Motor-Giganten aus Untertürkheim. Das hatte Hitler 1938 geschickter gelöst, auf die ihm ganz eigene Weise durch eine Okkupation.

VW-Chef Heinrich Nordhoff fing nach 1945 dort an, wo die Entwicklung dieser Ikone der Mobilität zuletzt aufgehört hatte. Am Anfang der dreißiger Jahre mit einem patentrechtlich zusammengestohlenen und bereits zu diesem Zeitpunkt technisch nicht mehr sehr aktuellen Produkt. Wirklich neuzeitlich waren nur die Errungenschaften des 1000jährigen Reiches wie der sehr überschaubaren Halbwertzeit und die spartanische Ausstattung. Man mußte einen Krieg schon sehr gründlich verloren haben, um sich Fortschritt und die Zukunft genau so vorzustellen. Das Produkt wurde nur deswegen ein Erfolg, weil die Konkurrenz bewies, daß man es noch erheblich schlechter machen konnte.
Technikgeschichtlich überlebten bei den Nachfolgern als einzige Details vier Räder an den Ecken und die seitlich angeschlagene Türen.

Zusammen mit der Ausschreibung des KDF-Wagens und offensichtlich den selben Kriterien entstand die Stadt um das »Werk«. Zwei Werke also. Dank der höheren Haltbarkeit von Beton überlebte die Siedlung bis heute. Der Charme ist allerdings derselbe. Man muß einen Krieg schon sehr gründlich… und so weiter.
Die Italiener sind nicht in ihre Heimat zurückgekehrt so wenig wie die Porzellanputten in den Wohnzimmer-Fenstern der Eltern. Ein Völkergemisch, so gar nicht nach den Vorstellungen des ehemaligen Führers. Der brauner Beifang Jürgen Rieger und Kameraden wollten vor einigen Jahren in einem leerstehenden Möbelhaus ein Museum errichten, das an die Nazi-Organisation »Kraft durch Freude« erinnern sollte; AFD 11,7 Prozent. Der Vorsitzende des Wolfsburger Integrationsausschusses Alexander Schlegel (AfD) bezeichnet anläßlich einer Sitzung die Stadt als »Islamisten-Nest«. Nicht nur der Ausschussvorsitzende von der SPD, Francescantonio Garippo, verließen daraufhin den Saal. Nur: Wohin sollte man sinnvollerweise gehen?

Warum soll es hier anders sein als anderswo? So geht Deutschland, Deutschland geht so. Restvernunft gegen Ungeist. Dem Ausland konnte damals der »Käfer« nur Mithilfe modernster Werbetechniken schmackhaft gemacht werden – derer bedient sich jetzt der Ungeist, um gegen Francescantonio, Azmi und Tereza mobil zu machen.

Über dem Eingang des Kindergartens in sehr bunten Buchstaben das Wort »Kindergarten«, genau wie auf der Schule; nur weniger Buchstaben. Der Sportplatz für beide liegt inmitten der Wohnanlagen. Endlich ist dieses Wort einmal angebracht. Es war eine Anlage. Keine Hinterhöfe, keine dunklen Gassen, keine Eckkneipe und nur die Mülltonnen an der Straße verraten Bewohner. Herrschaftsinstrument sozialer Wohnungsbau, niemand stirbt niemand unbeobachtet – die Nachbarn sehen Dir dabei durch die Fenster zu, die von überall einsichtig sind. Kann man überhaupt etwas flicken, was erst einmal so zerbrochen ist? Hier finden sich nicht einmal die Reste des Kits, der eine Gesellschaft zusammenhalten könnte.
Jeder sollte sich dieses ein Auto leisten können, für weniger als 1000 RM. Denjenigen, die das Heft mit den Rabattmarken dafür teuer ausgeklebt hatten, zahlte das Werk nach dem großen Kriege eine Entschädigung von inflationsbereinigten 100 neudeutschen Mark aus. Diesem Prinzip blieb man treu.
Ruinierte Anleger, wohin man auch blickt.

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Ein Kommentar zu Solange es geht

  1. Siewurdengelesen sagt:

    „Ruinierte Anleger, wohin man auch blickt.“

    Die können sich jetzt ihre „Kapitalanlage“ am BER anschauen.

    In den USA sind die Parkplätze nämlich langsam bereits voll mit dem auf Halde produzierten Schrott ab Werk und ohne Zulassung durch die Behörden.

    Immerhin wird dieser Murks dann auch noch neoliberal wirtschaftlich damit verbrämt, dass der BER durch diese Nummer „weniger Verlust“ macht…

    Und die GfK und das Orakel vom Ifo München hat nach dem WM-Aus der deutschen Mannschaft gleich mal die Prognose gesenkt, wird´s wieder nix mit schnellem Umsatz dank überteuerten Werbe-Tünnefs. Liegt dort natürlich am Handelsstreit zwischen den USA und der EU.

    Man bedenke dabei: Es handelt sich um die Institute, welche die meiste Zeit ausser mit Korrigieren der eigenen „Prognosen“ damit beschäftigt sind, hinterher zu erklären, warum diese denn doch nicht zugetroffen haben. Aber das liest eh meist keine Sau mehr, denn wen interessiert schon im Business das Gewäsch von voriger Woche, welches aber dem tumben Anleger — ääh Bürger — dräuend wie das Wetter um die Wattekapsel geballert wird.

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