Presseschredder 22.11.2016

ausfahrt-germany-1950

Die FJ1200 präsentiert sich wieder von ihrer etwas ekligen Seite. Das ist ihre Abneigung gegen Glibber auf der Bahn und tiefere Temperaturen, bei der die BT45 Reifen hart wie die guten von Pneumant bleiben. Neu hinzugekommen im Motorrad-Erlebnis ist die rot leuchtenden Warnlampe des ABS (*), die irgend eine Fehlfunktion des Trümmers unter Sitzbank signalisiert. Funktionieren tut alles, nur das Geblinke nervte, bis ich die Birne gegen die defekte unter dem Drehzahlmesser austauschte. Jetzt ist Ruhe, aber seit Oktober war eine gewisse Sehnsucht nach der XJ900 immer wieder präsent. Fahrwerk und die schmaleren Reifen geben einen gesunderen, eher ungeschönten Eindruck vom Straßenzustand. Ich sollte vor Weihnachten doch noch ein paar Stunden in die Werkstatt und die Karre mal eben durch den TÜV scheuchen. Außerdem kann man sich bei der XJ vor roten Ampeln die Hände am Motor wärmen.

Wer nicht fährt, der liest sich das kommende Frühjahr schön. Dafür gibt es Motorradmagazine. Jetzt sogar zwei neue, wie Heise-Auto meldet. »Fuel« und »Roadster« heißen sie und aller Voraussicht nach werden sie nicht anders als die bereits vorhandenen sein.
Seit Ernst »Klacks« Leverkus selig hat sich an Form und Inhalt wenig geändert und das ist beruhigend. Ob es sich bei der Beschreibung zweirädriger Träume um eine Motobi B 200 Baujahr Dunnemals oder die neue Suhomaha 1795 XRFTZ »Terminator« handelt, bleibt ja letztlich gleich. Man sieht sie nicht auf der Straße oder jedenfalls nur extrem selten. Aber träumen wird man ja noch dürfen! Wer wollte nicht wenigstens einmal im Leben eine Münch TTS-E von Ampel zu Ampel bewegen? (häßlich wie die Nacht bei furchterregendem Fahrwerk, rund 300kg bei gerade 100PS, seiner Zeit um Jahre voraus – was schnell zum Fluch werden kann).

Was sich allerdings nachhaltig geändert hat, ist das Aussehen der Fahrer auf den Traumbildern der Magazine. Wo werden die eigentlich gezüchtet? Eher sieht man eine eine Indian Boardtrack Racer an der Eisdiele als solche Typen im Straßenverkehr. Bärtige Sonnenbrille mit einem Gesichtsausdruck, als sei gerade die gesamte Familie vor seinen Augen massakriert worden – dabei sucht er nur die nächste Tankstelle. Den Auftritt vor der Zapfsäule mag man sich dann gar nicht mehr vorstellen. Conan-Light sucht nach Kleingeld in den Taschen der viel zu engen Hosen, mit Helm, Brille und Handschuhen, damit er garantiert nichts sieht und fühlt. Aber wer fühlt noch wie ein Mensch aus Fleisch und Blut, wenn er eine MV Agusta Brutale Oro bewegen muß?

Ja, das Fahrerbild hat sich doch sehr gewandelt! Während er früher™ ohne Helm mit der Herzallerliebsten im luftigen Sommerkleidchen auf dem Weg nach Italien unterwegs war, geht heute ohne Funktionswindel in den Farben des Motorrades gar nichts mehr. Wo fängt Fahrer an und hört Motorrad auf? Er und sie gleichermaßen, auch wenn gelegentlich sie den Lenker in die Hand nehmen darf.
Kinder: Ihr seht scheiße aus! Entschuldigung, aber das muß einmal gesagt werden. Besonders scheiße sieht es aus, wenn noch eine schmucke Warnweste dazukommt. »Sieh mal: Der Bauarbeiter fährt Krad!« Und übrigens: Ist Euch schon mal der Zusammenhang von Bauarbeiterweste und dem minimalen Angst-Winkel von Schräglage in Kurven aufgefallen? Nein, nicht? Achtet mal drauf.

Das ist aber nun einmal der Zeitgeist, diese Art Geist der nicht schmerzt. Teil dessen ist auch das »Internet der Dinge«. »Das Internet of Things ist ein riesiger Haufen Scheiße«, meint Clemens Gleich bei Heise.de und diesem Standpunkt schließt man sich gerne an. Alles, was man zum Runtermachen zu diesem leidigen Thema sagen kann, sagt der Clemens dort – was mich der Pflicht enthebt, noch einen draufzusetzen. Wobei: Einen hätte ich dann doch! Da steht noch die Überlegung im Raum, ob die Software den selben Qualitätsstandards folgt wie die der Toaster, des Küchenradios, des Geschirrspüler und all dieser Dinge, die so konstruiert sind, daß sie keinesfalls länger als die Garantiezeit halten. Die bisherigen Erfahrungen sprechen jedenfalls dafür, daß das Ende der Zivilisation wie wir sie kennen nicht durch durchdrehende, hyperintelligente Roboter kommt, sondern durch »smarte« Kühlschränke und Backöfen. Ach, nicht zu vergessen Toaster. Das sind diese Geräte, mit denen man Brot verkohlt.
Toaster, nicht der Terminator.

Ein hartes Rennen liefern sich Toaster mit dem neugebackenen Präsidenten der US of A, der glaubt, bis auf seine Frisur würde er dem Terminator gleichen. Saubere Kohle – eine Erfindung, wie sie nur US-Amerikaner machen können – und die zugleich Millionen von Arbeitsplätzen schafft. Das neue Regierungsprogramm, das Amerika wieder groß macht. Etwas verkürzt, zugegeben, aber der Rest ist von ähnlicher Qualität. Soll man das kommentieren? Besser nicht, weil man sich ansonsten auch über »Volle Kraft voraus auf dem Landwehrkanal – alter Wein in noch älteren Schläuchen!« der Bundesregierung ärgern müßte. Und das wollen wir doch nicht.

P.S. Warum hat der Terminator (also der echte) eigentlich überhaupt eine Frisur? Mehr als brennen kann die doch eigentlich nicht?
Fragen, die das Leben an uns stellt.

(*) Bevor noch jemand auf die erzählerische Volte mit dem ABS hereinfällt: Bei der FJ mit ABS ist das Geblinke der Warnlampe in 98% aller Fälle ein korrodierter Bremslichtschalter! Vorsichtig öffnen (da sind Federn und son Zeuch drin), etwas Kontaktspray, anschließend Video-Spray (um die Kontakte wieder vom Öl zu säubern. Sonst wird das zum Dreckmagnet) und abschließend einen Hauch Vaseline als Korrosionsschutz auf die Kontakte.
Einen Hauch!!!
Danach den Schalter genau so wie er war wieder zusammenprokeln. Das reicht in der Regel für mindestens eine Saison.

P.P.S. Wer will, darf natürlich auch Batteriefett nehmen! Das zwar das selbe, aber viel, viel teurer.

0
Dieser Beitrag wurde unter Benzin, Bildungsfernsehen abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Kommentare zu Presseschredder 22.11.2016

  1. OldFart sagt:

    Natürlich ist der Rant über das Internet of Shit bei Heise Online völlig zutreffend. Faßt er doch im Großen und Ganzen all das zusammen, was weniger Verblendete zu dem Mist schon seit Jahren sagen.

    Allerdings hat für mich der Rant ein Geschmäckle. Seit Jahren ist Heise auf den Consumer-Gadget, Smart-Hastenichgesehn und Alles-muß-ans-Netz-Zug aufgesprungen – nein, zu tief gestapelt: sie bejubeln und forcieren das Zeug. Heft um Heft, und gerade unlängst wieder seitenlange Schwerpunktartikel über “Quantified Self”, “Smart Home” & Co. Gerade frisch haben die sogar noch ein Sonderheft dazu herausgegeben. Jubel, jubel. Schöne bunte Technikwelt. Regelmäßig Leser der Printausgabe verstehen, was ich meine.

    In Anbetracht des Gesamtbilds wirkt der liebe Ranter aus der Heise-Redaktion, so Recht er auch hat, wie der Quotenmeckerer, der das zunehmend von Heise irritierte kundige Publikum bei der Stange halten soll. Ich kaufe ihm die persönliche Wertung jederzeit ab, aber Heise insgesamt ist diesbezüglich inkonsequent und unglaubwürdig.

    Hatten wir den hier schon? Realsatire. *Facepalm*.

    0

    • Pantoufle sagt:

      Moin OldFart

      Das ist da nicht anders als in jedem anderen Magazin auch, wenn zum Teil noch verständlicher. Es handelt sich eben um extrem technikaffine Menschen, die tendenziell erst einmal alles gut finden, was da blinkt, raucht oder sich via DHCP eine Verbindung sucht. Und wenn es nur die Turnschuhe sind.
      Da gibt es noch andere Dinge die mich stören: Zum Beispiel dieses Heise-Magazin »Maker«. Wenn früher über den Umgang mit Laubsäge und Bohrmaschine philosophiert wurde, dann hieß das … Na, wer weiß es? Nur weil heute ein Arduino die Drehrichtung der Weihnachtspyramide regelt muß man das jedenfalls nicht gleich »Macher« nennen.

      Im übrigen gilt die alte Regel, daß man das was gelesen wird, eben vorsortieren muß. Ich selber bin dort recht gerne unterwegs, weil ich ebenfalls ein Faible für Rauch, Abgase, Lötstellen und ähnliches habe.

      P.S. Hatten wir schon, ist aber immer wieder schön anzusehen

      0

    • DasKleineTeilchen sagt:

      “…Ranter aus der Heise-Redaktion, so Recht er auch hat, wie der Quotenmeckerer…”

      aus der autorenbeschreibung:

      “…saß vor langer Zeit als c’t-Redakteur in einem Büro des Heise-Verlags, bevor ihn einschneidende Erlebnisse dazu brachten, fürderhin in den Sätteln von Motorrädern sein Geld zu verdienen…Als freier Autor schreibt er…”

      hence, status wie die kommentar-feigenblätter beim SPEICHEL, passt also alles.

      0

  2. Stony sagt:

    Sommerimpression: ‘Mittach’ in der Spätschicht. Kollegen sitzen hinter der Halle im Freien (Schatten & Frischluft ftw!). Auftritt: 750er Staubsauger, langsam über Panzerplatten zu uns tuckernd.

    Ich so: Wer is’ das denn?
    Kollege: Die Freundin vom T., bringt ihm sein Freßchen; hatter vergessen.
    Ich so: Das is’ ’ne Frau?
    Kollege: *kichern*

    Mopped hält an, fällt fast um. Paar Schritte, Helm wird abgenommen: langes Blondhaar. Muß wohl wirklich ’ne Frau sein. Funktionswindel (was ein schönes Wort!) sitzt. “Sieht scheiße aus” trifft es nicht ganz; ich beiß mir aber lieber ganz feste auf die Zunge, als…

    [Echt mal: Wenn der Doctor nach ’nem Rennen so seltsam geformt rumläuft geht das ja noch; ’ne Frau fern einer offiziösen Rennstrecke so zu sehen, tut mir in der Seele weh.]

    ***

    Donnerstag die Karre vom Schrauber geholt: TÜV frisch, ebenso die Pneus, Bremsen, Stoßdämpfer, Federn (eine war gebrochen, was mir fast den nahezu nackten Reifen aufgeschlitzt hätte). 25 Kilometer später leuchtet erstmalig das ABS-Lämpchen, Sekunden später meldet sich das ESP ab. Gedanke: gelegendlich mal beim Schrauber vorstellig werden.
    Gestern Abend dann Geräusche ausm Radkasten. Bremsversuch wird dankend abgelehnt; Restfahrt mittels Schaltung. Irgendwann war ich dann doch noch zu Hause, ohne daß mich das linke Vorderrad überholt hätte.

    Schrauber: steht erstmal auf der Poleposition der Abschußliste.
    (Mal sehn, vllt. kriegt er das Ding ja jetzt vernünftig hin. Andernfalls: Rache aus dem Jenseits!)

    0

    • Pantoufle sagt:

      Stony: Das sollte ein Witz sein, das mit dem ABS! Ein Witz, ein Bonmot, eine Scherz, ein…
      Oder glaubst Du etwa, ich schraube die ganze Verkleidung ab, löse die Anzeigeeinheit aus ihrem Grab und suche eine verdammte Birne, wenn’s ein wenig Kontaktspray am Bremslichtschalter der Vorderradbremse auch tut? Mensch! Ich bin ein fauler Schrauber! Das werde ich gleich mal im Text korrigieren, bevor noch jemand drauf reinfällt. Bei allen Göttern meiner Vorfahren: Man kann ja gar nicht vorsichtig genug sein!

      Ja, das ist eine ästhetische Katastrophe, was sich dort gelegentlich abspielt. Diese fest vernähten O-Beine, die quasimodischen Protektoren, der resultierende Gang: Halb trächtige Stute, halb Schimpanse. Es ist nicht schön! Sehen denn wenigstens die Frauen dabei nicht in den Spiegel? Tun sie doch sonst auch dauernd.

      0

  3. Stony sagt:

    Oh! Naja, ich schiebe das mal auf den Reflex des ‘Augenblicks’, auch wenn ich’s mir hätte denken können.

    ***

    Yepp.

    0

  4. noemix sagt:

    Freilich gibt es für den Soziustransport von Minderjährigen auch elegantere Methoden:
    http://noemix.twoday.net/stories/483767833

    0

    • Pantoufle sagt:

      Zwei Dinge wären dazu anzumerken: Wie elegant das ist, zeigt sich im nächsten Stau. Das baut zu breit!
      Zum anderen: Wenn dem Nachwuchs Aufgrund des zügigen Fahrstils des Erziehungsberechtigtem zum kotzen ist, richtet das bei der Rucksacklösung weniger Schaden an.

      0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.