Presseschredder 2.9.2018

Amerikanischer Präsident verkündet über Twitter, daß der Kammerton a‘ rückwirkend und für alle Zeiten auf 680 Hz festgelegt wird. 440 Hz seien sehr, sehr traurig.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer verkündet, daß Hitlergrüße nicht ok wären. Die wären sehr, sehr traurig.

Ja, auf der Schrottpresse stand lange nichts neues. Das liegt zu einem guten Teil an den Neuigkeiten. War was?

Zwei »Ausländer« hatten einen anderen »Ausländer« niedergestochen – soweit man weiß. Das Opfer soll weniger ausländisch gewesen sein als seine Mörder. Ob er nach den jetzt veröffentlichten Photos von jedem der nun trauernden Nazis am Dönerstand oder am Bahnhof als »Deutscher« klassifiziert worden wäre, steht noch auf einem anderen Blatt.
In Chemnitz zog daraufhin ein Mob von einigen tausend Nazis durch die Straßen und versuchten »Ausländer« zu jagen. Da bei dem Differenzierungsvermögen der blutbesoffenen Horde ein zu langer Besuch im Solarium jeden Schrumpfgermanen zum »Türken« mutieren läßt, kann man froh sein, daß dabei niemand zu Schaden kam. Da liefen sie also herum und suchten »Ausländer« – gar nicht so einfach in Chemnitz; nicht so leicht wie in London, Paris oder Marseille (OK: Da gibt es ausschließlich Ausländer). In Chemnitz fand sich nur eine Handvoll, die sich trotz der Polizei in Sicherheit bringen konnten.
So weit, so schön.

Das waren sie also, die betroffenen Bürger, von denen immer so viel die Rede ist. Die vom Verfassungsschutz nach wie vor unbehelligte Nazi-Partei im Bundestag sekundierte fleißig mit erbaulichen Statements wie

»Bei uns bekannten Revolutionen wurden irgendwann die Funkhäuser und Presseverlage gestürmt und die Mitarbeiter auf die Straße gezerrt. Darüber sollten Medienvertreter einmal nachdenken. Denn wenn die Stimmung kippt, ist es endgültig zu spät.«

…und auch auf der Hauspostille der Nazis und solchen, die es werden wollen – Twitter – wogte der braune Sturm. Ach, selige Erinnerungen an die siebziger Jahre und die Vorstellung, die RAF und Göttinger Stadtguerilla hätten ähnliche Aufrufe über dieses Medium veröffentlicht: Twitter wäre seit Jahren Geschichte!

Heute, dem ersten September Zweitausendachtzehn, ist eine weitere Demonstration der Nazis in Chemnitz angesetzt. Aufgerufen dazu hat ihr parlamentarischer Arm im Bundestag und keiner hat’s verboten. Wie auch – die marschieren ja trotzdem. »Im unteren fünfstelligen Bereich«, wie es der Landespolizeipräsident Jürgen Georgie elegant formulierte. Auch diese vage Größenangabe werden die üblichen »ich bin ja kein Nazi, aber…« wieder ihrer Propaganda anpassen. Gibt’s Mord oder eine Schlägerei, war es das verwirrte Dutzend, wenn nicht, steht’s für den machtvollen Marsch der nicht mehr schweigenden Mehrheit ins vierte Reich.
Eine Gegendemonstration gibt es natürlich auch, die unter den zum Regenschutz hochgereckten rechten Armen marschiert. Mit aus Rundfunk und Fernsehen bekannten Prominenten – sogar Politiker haben sich angemeldet. Immer auf der Suche nach der politischen Mitte: Kommen Sie nach Chemnitz – da werden Sie fündig! Die Hitlergrüße werden linke Provokateure der Antifa gewesen sein – so hoffnungslos hirnerweichend sind die Erklärungsmodelle bereits.
Genau so hirnerweichend wie die Tatsache, daß bei jeder anderen Demo gegen irgend etwas vernünftiges bereits hunderte von Kilometern völlig verdachtsunabhängige Kontrollen durchgeführt werden, um möglichst viele von der Anreise abzuhalten oder sie zu verhindern. Wo ist der Bullenterror wenn man ihn mal braucht?

Einsam läuft ein Ministerpräsident durchs Land Sachsen im Dialog mit sehr besorgten Bürgern. Fußballstadion – das klang erst einmal gut, wenn es mit Bürgerdialog in Verbindung gebracht wird. Es war dann aber nur die VIP-Area der örtlichen Kicker, in der sich 500 gemäßigte besorgte Nazis und der Landesherr trafen. Schlagstöcke und Senfgas mußten draußen bleiben; genau so wie »Ausländer«. Die verpasste Chance Kretschmers, sich an die Spitze einer machtvollen Bewegung zu setzen oder wenigstens als hinhaltenden Widerstand noch für ein paar Monate den besorgten, wenn auch durchaus zustimmenden Landesvater zu spielen, bis sich die Marke »besorgter Bürger« auch mit öffentlichen Hetzjagden etabliert hat. Zwei Personen gibt es nach dieser Sonnabends-Demo nicht mehr: Michael Kretschmer und Horst Seehofer. Den einen aus den genannten Gründen, den anderen wegen schwerer Dienstaufsichtsverletzung. Oder ist es anders erklärbar, daß die Nachricht von den marodierenden Nazi-Horden aus Chemnitz bis nach London, New York oder Tokio dringt, nicht aber bis München? So fest geschlossene Augen sind selbst für einen CSU-Politiker recht ungewöhnlich. Einem FJS wäre das nicht passiert.
Überraschend auch aus dem Grunde, als daß man etwas mehr Freude darüber erwartet hätte, daß die Saat nun aufgeht. Die der Söders, Seehofers oder Tillichs. Das könnte sie doch sein, die konservative Revolution.

Zu Glück hat niemand von irgend etwas gewußt.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.