Presseschredder 16.11.2021

»Schon wenig Alkohol macht E-Scooterfahren deutlich unsicherer«

Schreibt irgend eine Postille, weil es ja sonst nichts zu schreiben gibt. Wer kennt dieses Problem nicht?

»Das Kulturleben ist zurückkehrt, es gibt wieder Veranstaltungen.«

Auch so ein Satz.
Wo denn?
Ein Konzert in zwei Jahren, das ist meine persönliche Bilanz fürs Finanzamt, das selbstverständlich mit ständig steigenden Vorauszahlungen offenbar auf solche Schlagzeilen reagiert, von IHK und Versicherungen gar nicht zu reden. Und das »Konzert« war auch noch ein kirchliches. Musik, unterbrochen durch gefühlsschwangeres und inhaltsleeres Gestammel fernab der Mikrophone.
Als bei dem Genuschel auf der Bühne so überhaupt nichts mehr zu verstehen war und mich böse Blicke am Pult versuchten zu töten, brüllte eine resolute ältere Dame aus dem Publikum »Sprecht in die verdammten Mikrophone!«
Geht doch!
Mehr Gutes ist darüber nicht zu erzählen.

Mehr KI, Blockchain und »Events einfach streamen«. Kann eine KI Beethoven? Taxifahren oder Binnenschifferkapitän kann sie nicht, aber für Beethoven wird’s schon reichen. Ok, und Beethoven konnte nicht Taxifahren und am Helmholz eines Kümo wäre die Katastrophe vorprogrammiert gewesen.
Mithilfe dieser Logik wurden die fehlenden Teile von Beethovens unvollendeter 10. Sinfonie mithilfe der Telecom und ein paar Rechnern ergänzt. Und so klingt sie dann auch. Dem Vernehmen nach machte der Rechner ein paar Vorschläge und ein Team von Musikhistorikern und Komponisten sortierten sich dann die weniger peinlichen Vorschläge zusammen. Wie es allerdings die doch ziemlich überraschende Orgel durch die Endkontrolle geschafft hat, ist unklar. In anerkennenswerter Weise bemerkt Dirigent Dirk Kaftan dann auch »das ist nicht Beethoven«.
Was die Telecom nicht daran hindert, den Satz »Am 9. Oktober (2021) wurde die 10. Sinfonie vom Beethoven Orchester Bonn unter der Leitung von von Dirk Kaftan in Bonn uraufgeführt.« zu verbreiten. Nein, das wurde sie eben nicht.
So wenig wie Schuberts Unvollendete (vollendet »uraufgeführt« 2019 von einem Huawei-Mobiltelephon)… nein, das war dann schon ein Orchester, nur die Vorlage stammt aus dem Telephon!
Und wirklich neu sind solche Versuche aus der Retorte nun auch nicht. Setzt man das Vorhandensein von Strom aus der Steckdose voraus, datiert der meines Wissens erste Versuch aus dem Jahr 1957, die Illiac-Suite.Talent durch Maschinenarbeit zu ersetzen – der alte Traum des Positivismus.

Kommerziell erheblich erfolgreicher gestalteten sich in den folgenden Jahren künstlerische Limbotänze (Milli Vanilli, Peter Maffay, Helene Fischer u.v.A.) mit ihrem Wahlspruch »Musik für Amöben und andere Einzeller«.
Wie gesagt – das ist nicht alles neu.
Jetzt also Beethoven! In Zeiten der Pandemie das schlechteste aller möglichen Zeichen. Abgesehen von einem lieben Freund, der da arbeitet und seinen Kollegen, die sich in diesen schweren Zeiten ein paar Kröten verdienen können, ist das nicht nur musikalisch lausig. Fehlt eigentlich nur noch ein Bataillon Roboter von Toyota, die die Trommel schlagen und die Fiedel streichen. »Seht doch: Geht doch alles! Und streamen kann man das auch und jetzt mit App der Telekom.de, damit sich jeder beliebig viele Werke von Schostakowitsch zum Frühstück komponieren lassen kann.«

 

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27 Antworten zu Presseschredder 16.11.2021

  1. rainer sagt:

    …sei mir bitte nicht böse…….das mit den ständig steigenden Vorauszahlungen beim Finanzamt nehme ich dir nicht ab….ich weiss aus eigener Erfahrung, dass man mit denen bei solchen Umsatzeinbrüchen reden kann…..

    • Pantoufle sagt:

      »reden kann…..«
      Ja, immer wieder 🙂 Ich habe gerade geredet und bin auch wieder auf »normal«. Trotzdem ist das nicht schön, so einen Brief ins Haus zu bekommen, wo eine Zahl draufsteht, die durchaus dazu geeignet ist, dir das Genick zu brechen.

      Edith

      Außerdem gehen wir ins Jahr 3 nach normal. Es ist ja nicht so, daß die nicht wüßten was bei mir und anderen los ist.
      Und ja: Sie meinen das auch nicht persönlich böse, es ist nur die Macht der Gewohnheit. Ich würde das Finanzamt auch eher in der Mitte verorten: IHK schickte eine Androhung zur Zwangsvollstreckung, die Versicherung begnügte sich mit dem Anruf, daß ich Ende des Monats zahle.

      • DasKleineTeilchen sagt:

        Es ist ja nicht so, daß die nicht wüßten was bei mir und anderen los ist

        automatismus. und wegfallendes personal/und/oder/homeoffice/ungeimpft/IT weggebrochen wegen “angriff” und nicht kommuniziert nach aussen. ich darf jetzt zum dritten mal innerhalb von 2 monaten nach der immer gleichen aufforderung irgendwelche nachweise an die gleiche behörde abschicken, weil…tja, keine ahnung, die eingangspost regelmässig vom amtsköter gefressen wurde? ans telefon geht natürlich keiner ran und mails werden seit monaten nicht mehr beantwortet.

        • Pantoufle sagt:

          Ich will mich gar nicht an den Personen abarbeiten. Die tun auch nur ihren (?) Job. Telephon sinnlos, Mail geht noch. Ich habe mich etwas über Rainers Vorwurf geärgert: Es stimmt schon – man kann mit ihnen reden. »Immer wieder« fehlte da ein klein wenig.

          • DasKleineTeilchen sagt:

            »Immer wieder«. genau das.

          • rainer sagt:

            ….wo ist da ein Vorwurf?…..wenn ich Umsatzsteuererklärungen mit “NULL”-Umsatz abgebe, habe ich nichts zu zahlen, ….und dann habe ich auch sofort die Möglichkeit die Einkommenssteuer-Vorauszahlungen auf null zu drücken….und so weiter und so weiter….und dazu brauche ich nicht mal einen Steuerberater….

  2. DasKleineTeilchen sagt:

    oha! “verdammte!mikrophone!” und das inna kirche! nix is den menschn meer heilich! nich ma technik. wo soll dat bloss enden?

  3. Pantoufle sagt:

    Wieso finden sich hier eigentlich keine John Cage Fans?

  4. Herzlichen dank. Ich LIEBE dies musikstück. Ich mag es lieber, wenn es eher großorchestral aufgeführt wird, aber auch diese fassung ist mir ein vergnügen.

    • Pantoufle sagt:

      Moin Mechthild

      Großorchestral, großorchestral … das ist aber verdammt schwere Kost! Ich habe mich hier bereits mit Glenn Gould auf die Nase gelegt, John Cage mit Nick Cave vertauscht, und auffälligerweise werden Musiktips immer mit Gegenvorschlägen gekontert. »Hör doch lieber das – das ist viel besser!« Manchmal klappt das ja, meist aber nicht.
      Aber trotzdem! Nur für Dich (weil Du vermutlich die einzige bist, die so etwas hört). Die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Kirill Petrenko. Ein Genuß, der sich nur wenigen echten Freunden dieser Musik erschließt.

      P.S. Obwohl ich mangels Stoppuhr Zweifel an der werktreue der Aufführung habe!

      • Kenne ich natürlich schon. Kirill Petrenko ist großartig, hoffentlich werde ich demnächst mal in der Philharmonie sitzen und zuhören und mich freuen.

        Das tolle an kompositionen von John Cage ist, daß er es für gewöhnlich von anfang an vorgesehen hat, daß die stücke frei interpretierbar sind. Du kannst sie extrem schneller oder langsamer spielen, als er es vorgesehen hatte und das finde ich einfach genial. Würde ich 4’33 inszenieren, dürfte es gern auch ein bißchen mehr sein. Ich würd Stockhausens Hubschauberquartett winzig aussehen lassen und die komplette luftwaffe der Bundeswehr auftreten lassen. 433 jahre lang. Leider gibt es keine tontechniker, die für den perfekten sound sorgen könnten.

        • Pantoufle sagt:

          Moin Mechthild

          433 Jahre – ein realistischer Zeitraum für die Bundeswehr, ihren teuren Schrott mal zeitgleich in die Luft zu bekommen.
          Eine passende Anlage wüßte ich schon: Martin-Audio (»Muß das so laut sein?») W8LC mit einer ausreichenden Menge Lab Gruppen FP10000Q Verstärker.

          »hoffentlich werde ich demnächst…«
          Ach herrje… ich habe gerade gestern meine alten Rechnungen durchgesehen. Silvester 19/20 hab ich das Deutsche Sinfonieorchester unter Cristian Măcelaru zusammen mit dem Circus Roncalli im Tempodrom stehen. Das war schön. Danach sollte dann eine Tour (mit einem anderen Orchester) durch Skandinavien kommen. Auf der Zugfahrkarte nach Warnemünde sitze ich immer noch fest. Die Agentur gibt es, glaube ich, gar nicht mehr.
          An die Leine gelegt.

  5. Siewurdengelesen sagt:

    Da bin ich gerade etwas überfordert und muss das erstmal etwas setzen lassen!

    Am besten bei Helene Fischer. Ich verstehe gar nicht, was es an der immer so herumzunörgeln gibt.

  6. rainer sagt:

    ….wo ist da ein Vorwurf?…..wenn ich Umsatzsteuererklärungen mit “NULL”-Umsatz abgebe, habe ich nichts zu zahlen, ….und dann habe ich auch sofort die Möglichkeit die Einkommenssteuer-Vorauszahlungen auf null zu drücken….und so weiter und so weiter….und dazu brauche ich nicht mal einen Steuerberater….

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