Presseschredder 16.11.2013

Ausland
Da müssen Köpfe rollen! Aber bitte, meine Herren, die richtigen! Jetzt rollte mal wieder ein falscher. Das ist ärgerlich, aber der militante Islamist von Welt handelt auch hier souverän: Er entschuldigt sich. Immerhin.
Wie der Telegraph/Uk berichtet (Link via Fefe), bittet die al-Quaida-Gruppe Syrien-Nord um »Verständnis und Vergebung«, in der Hitze des Dschihad den falschen Kopf abgeschnitten zu haben. Der anschließend zur Schau gestellte Kopf war erheblich gläubiger als angenommen. Der Hingerichtete, der es posthum durch ein Video seiner Hinrichtung im Internet zu einer gewissen Bekanntheit brachte, sei Opfer eines bedauerlichen Mißverständnisses geworden. In einer Erklärung der Killer wird der Hoffnung Ausdruck verliehen, daß Allah die Tötung eines Gläubigen verzeihen wird, wenn das Aufgrund eines groben Aussetzers erfolgte.
Die Redaktion der Schrottpresse möchte sich auch entschuldigen, wenn sie bei dieser Nachricht den nötigen Ernst vermissen lässt. Leider erinnert das Ganze zu sehr an »four Lions« und bedauerlicherweise sind die aktuellen Nachrichten nur noch mit Zynismus zu ertragen.

Inland

Da müssen Köpfe rollen! Aber bitte, meine Herren, die richtigen! Ähh… zu spät! Der Parteitag der SPD ist gelaufen. Die zur Wahl stehenden Verantwortlichen für das Debakel sind in ihren Ämtern bestätigt worden, wenn auch nicht mit den 99,5%, mit denen man für gewöhnlich Geschlossenheit vortäuscht.
Wenn es von diesem Parteitag erfreuliches zu berichten gibt, so ist das der offizielle Rücktritt des Spitzenkandidaten Peer Steinbrück. Das war es dann aber auch. Sigmar Gabriel, die neue Nummer eins der Partei, beschrieb in seiner selbstkritischen Rede analytisch einige Fehler innerhalb der SPD. Zu wenig Migranten und Frauen, zu wenig Junge, zu große Distanz zur Lebenswirklichkeit der Wählerschaft. Sehr schön und absolut richtig. Die Liste ließe sich erweitern, aber wozu? Bestätigt wurden die alten Zöpfe: Zu wenig Migranten, Frauen, Junge…
Nichts Neues also? Vielleicht doch: Die SPD zeigte sich in Leipzig als demoralisierter, zerstrittener Haufen. Der Gedanke, daß sie in der Regierungsverantwortung stehen könnten, erfüllt einen mit Schaudern. Der Vorwurf von Regierungsunfähigkeit gegenüber den Linken klingt dabei wie Hohn. Auch etwas anderes wurde deutlich: Die Basis ist der großen Koalition abgeneigter als angenommen.
Während man noch vorgibt zu sondieren, weht das Gespenst Neuwahlen bereits sehr konkret durch die Hallen. Sigmar Gabriels Kalkül ist die Wahl 2017 – seine persönliche Chance als Spitzenkandidat, auf die er so lange warten mußte. Bis dahin bestünde eine wenigstens theoretische Chance, eine rot-rot-grüne Koalition salonfähig zu machen; eine Option, der man sich im Vorfeld der letzten Wahl verweigerte.

Die Gefahr der großen Koalition sind offensichtlich: Als Rosstäuscher wegen ein paar Ministerposten in der Drittklassigkeit zu verschwinden. Oder besser für vier weitere Jahre sogenannte stabile Verhältnisse zu ertragen und durch konstrukive Oppositionsarbeit punkten.
Stärkend für Gabriels Position könnte sich das verwirrende Hütchenspiel Hannelore Krafts – eine denkbare Kanzlerkandidatin – herausstellen. Läßt Gabriel die Sondierungsgespräche platzen, stände Kraft blamiert da; zu laut hatte sie vor der Wahl die große Koalition ausgeschlossen, zu überraschend ihre plötzliche Meinungsänderung.

Vor all dem steht aber noch die Abstimmung der SPD-Basis, die all diese Überlegungen über den Haufen werfen könnte. Die Einigung, von der der Parteitag so weit entfernt war, könnte durch ein entschiedenes Nein zu großen Koalition doch noch stattfinden. Wie Vera Bunse auf Carta richtig schreibt:

»Wenn die Basis gegen die Regierungsbeteiligung stimmte, würde sie ihrer Partei einen großen Gefallen tun. Was würde denn passieren? Der Vorwurf, die SPD sei nur Mehrheitsbeschafferin und Steigbügelhalterin, wäre erledigt. Mit der Politik per Diktum, mit Merkels Ignoranz wäre es vorbei. Merkel und Seehofer müssten die Karten auf den Tisch legen, Vorhaben erläutern und um Mehrheiten werben. Im Bundestag würde wieder diskutiert, das öffentliche Interesse an politischen Debatten würde steigen.«

Eine zugegeben recht optimistische Ansicht, für die aber die Vernunft sprechen würde. Münteferings Dictum »Opposition ist Mist« (ohnehin fragwürdig) ist nicht in Erz gegossen. Sich bei all den ausgesessenen Problemen der Regierung Merkel in der Opposition zu befinden, ist nicht die schlechteste Grundlage für die nächsten Bundestagswahlen.

Während der Entstehung dieses Artikels erschien auf taz.de ein Artikel über ein angeblich geleaktes Strategiepapier aus Kreisen der Friedrich-Ebert-Stiftung. Dieses Dokument ergänzt in dankenswertester Art die Analyse der Schrottpresse. Autoren des Strategiepapieres sind angeblich Politikberater, Kommunikationswissenschaftler und ehemalige SPD-Bonzen.
Ob es nun ein Fake ist oder nicht: Der Inhalt, den die taz »in Auszügen« veröffentlicht, ist jedenfalls äußerst amüsant.

»Juniorpartner in Regierungskoalitionen haben kaum zu kompensierende wahlstrategische Nachteile. Deshalb muss unser Hauptaugenmerk realistischerweise darauf liegen, wie wir 2017 ohne weiteren Aderlass überstehen […]«

Soweit waren wir bereits. Aber wie machen wir das nur, liebe SPD?

»Erste und oberste Erkenntnis: Moderne Politik wird mit Optik, psychologischen Markern und strategisch-kommunikativen Angeboten gemacht. Im Klartext: mit Gesichtern und Parolen, die ankommen. Programme spielen demgegenüber keine Rolle.

Hmm… das klingt vielversprechend! Das klingt so richtig nach – wer hat`s erraten? Genau: Der SPD! Mit dem Mangel an Programm hat man die letzten Jahre gelernt zu leben. Nur daß man eben genau diese Gesichter nicht hat (von den Parolen wollen wir beschämt schweigen). Aber auch zu dieser Erkenntnis kommen die Politikberater und Kommunikationswissenschaftler:

»Gabriel: Sicherlich das heißeste Eisen. Unbezweifelbare Intelligenz, Beweglichkeit (politisch) sowie großer Ehrgeiz. Aber, was die Optik betrifft, medial nur sehr schwer vermittelbar. Radikaler Personality Relaunch unbedingt notwendig.«

Es ist eigentlich erstaunlich, daß das noch niemandem aufgefallen ist. Oder es wenigstens nicht laut ausgesprochen wurde. Misstrauisch gegen Anglizismen fragt sich die Schrottpresseredaktion, ob »Personality Relaunch« ein Synonym für Diät ist?
Gutes Personal ist nun einmal schwer zu bekommen. Den Autoren des Papiers (ob das nicht doch die Titanic-Redaktion war? Es riecht hier förmlich nach Martin Sonneborn) beschäftigt sich in rührender Weise mit dem zur Verfügung stehenden Stammpersonal:

»Nahles: Keine Zukunft. Wird sich spätestens 2017 als Personalie erledigt haben. Hat in keiner Weise die Funktion erfüllt, jüngere Wähler, vor allem Wählerinnen, zu binden, innerparteilich schwindende Unterstützung. Unmusikalisch.«

Wer wollte dem nicht zustimmen? Auch sie nicht nur optisch schwer vermittelbar. Dabei kommt Andrea Nahles sogar noch vergleichsweise gut weg. Bei Hannelore Kraft dagegen schlägt das Schwert erbarmungslos zu:

»Kraft: Interessanter, aber musealer Fall. Derzeit noch Hoffnungsträgerimage. 2013 hätte sie bei richtiger Parteistrategie bundespolitisch Chancen gehabt. Wo sie 2017 steht, ist ungewiss. Vermutung: am Abgrund ihrer rot-grünen Koalition. Daher ungünstige Prognose für längerfristige Bundesperspektive, auch aus Altersgründen.«

Das Alter spielt also eine nicht unwichtige Rolle. Genau wie Aussehen, der Mangel an Programm und die innerparteiliche Unterstützung. Aber wie sieht es denn nun aus, das Traumpersonal, mit dem man die Herzen der Wähler erobert? Wenn Intelligenz, Lebenserfahrung und Charisma nicht mehr vermittelbar sind, bleibt was genau übrig?

»Gut wären ein bis zwei Kinder, möglichst Ostherkunft; optimal ein persönlicher Migrationshintergrund (3. Generation), ersatzweise ein Ehemann mit nichtdeutschen Wurzeln. Ebenfalls positiv: christliche Bindung, aber keineswegs klerikal.«

Das ist jetzt… ja! Großvater war KZ-Häftling? Nicht so gut? Lieber doch was für’s Herz?

»Die Karte Optik muss selbstverständlich wirken, darf keinesfalls „ausgespielt“ werden. Performance: Die Kandidatin muss verbindlich und klar, darf aber nicht zu straight sprechen.«

Aha: Es spricht also.

»Die Balance zwischen einer Aura von Mütterlichkeit und einer strikt „instrumentellen“ Einstellung in allen Sachfragen als Kennzeichen der unbestechlichen Problemlöserin. Gefragt ist eine Weiterentwicklung des Merkeltyps.«

Völlig neue Aspekte der Gen-Manipulation. Es ging also gar nicht um Schafe!

»Zentrales Problem: sie als Spitzenkraft aufzubauen, ohne sie mit den Pannen der Regierung in Verbindung zu bringen. Die Partei muss ihr eine Nische schaffen, in der sie sich als radikale Reformerin ohne Angst vor Tabubrüchen inszenieren kann.«

Wir verlassen an dieser Stelle das Strategiepapier der SPD. Das alles liest sich so atemberaubend, daß sich notorische Nichtwähler fragen werden, warum sie eigentlich so viel Energie zur Verdeutlichung ihres Standpunktes investiert haben. Hier liegen tonnenweise Munition für die nächsten 20 Bundestagswahlen.
Es bleibt zu hoffen, daß der Rest des Dokuments eines Tages in voller Länge die Öffentlichkeit erreicht. Es reicht einfach nicht aus, mit altmodischen Vorstellungen von Grundgesetz und Demokratieverständnis zur Urne zu schreiten. Volksvertreter war gestern:

»Erste und oberste Erkenntnis: Moderne Politik wird mit Optik, psychologischen Markern und strategisch-kommunikativen Angeboten gemacht.«

Nuff said.

Dieser Beitrag wurde unter Polemik abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

0 Kommentare zu Presseschredder 16.11.2013

  1. gnaddrig sagt:

    Und da wundert man sich über Politikverdrossenheit. Deprimierend…

    • pantoufle sagt:

      ganddrig: Das war nur ein kleiner Ausschnitt. In diesen Haufen muß man hineingetreten sein, sonst glaubt man es nicht. Nicht, daß man mit der Beurteilung der zitierten Personen nicht recht hätte – die reden aber von Klonschafen, nicht von Nachwuchs.
      Zu Erbrechen.

  2. Pingback: Salamitaktik, weitersäbeln | gnaddrig ad libitum

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.