Presseschredder 1.2.2018

Im Firefox-Ordner Blog_Aktuell sammeln sich die Einträge. Wenn etwas lesens- oder überlegenswert ist, landet es dort gelegentlich als Lesezeichen. Die Einträge quellen mittlerweile über; wen wundert’s. Kurz vorm Ausmisten aber geht man doch noch einmal darüber und sichtet nach Häufigkeit der Themen, die sich dort abzeichnen bevor gelöscht wird. Da schau her: Mein alter Freund Sönke Neitzel, Militärhistoriker, Guido Knopps akademischer Luftschutzbunker und erklärter Gegner der pauschale Rehabilitierung von im Zweiten Weltkrieg wegen »Kriegsverrats« abgeurteilten Deserteuren und Überläufern ohne Einzelfallprüfung.

SPIEGEL: In seinem damals bahnbrechenden Werk „Griff nach der Weltmacht“ hatte der deutsche Historiker Fritz Fischer vor rund 50 Jahren argumentiert, die Führung in Berlin habe einen Krieg gezielt geplant.

Sönke Neitzel: Diese These ist längst widerlegt. Aber Fischer hat mit bis dahin unbekannten Dokumenten eine wichtige Debatte angestoßen, wofür man ihm dankbar sein sollte. Die Deutschen hatten den Weltkrieg nicht geplant, sie gingen sogar ziemlich unvorbereitet in den Krieg. Sie hatten natürlich nationale Interessen, wie die anderen ja auch.

Spiegel 1

Holla, holla. Längst widerlegt ist da gar nichts. Fritz Fischer hat im übrigen niemals behauptet, Deutschland trüge eine Alleinschuld oder hätte den Krieg gezielt geplant, sondern unterstellte lediglich eine Hauptschuld daran. Daß die Handlungen und Entscheidungen, die 1914 in Deutschland getroffen wurden, den Kriegsausbruch ermöglicht haben, ist relativ unumstritten. Frage und Antwort sind also vollkommen irrelevant, allerdings tendenziös.

»Expansive, um nicht zu sagen annexionistische Kriegsziele wurden zwischen 1914 und 1918 „nicht nur von den Gruppen der Alldeutschen und der dritten OHL [Obersten Heeresleitung] unter Ludendorff propagiert, sondern von einer breiten Front vertreten, die von dem alldeutschen Flügel der Konservativen über National-Liberale, Zentrum und Freisinn bis zu dem rechten Flügel der SPD reichte”.

Fischer 2

Kaum vorstellbar, wie diese These Fischers 1961 so viel Staub aufwirbelte; noch weniger, daß sie nun als »widerlegt« gelten kann. Eine weitere Zuspitzung erfuhr die Diskussion durch einen Artikel ’61 in der ZEIT, der kolportierte, Fischer habe die These von der Alleinschuld Deutschlands am ersten Weltkrieg erneuert. Eine Behauptung, die Fischer in einem Leserbrief richtigstellte. Wie er in seinem Buch dargelegt habe, wäre die bewußte Inkaufnahme einer militärischen Auseinandersetzung mit Russland und Frankreich durch die deutsche Reichsleitung im Juli 1914, weshalb Deutschland einen erheblichen Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des allgemeinen Krieges trage.

Die öffentliche Fischer-Debatte brach nicht sofort, dann aber mit umso vehementer los. Das war zum Teil den Generationen unter den beteiligten Historikern geschuldet: Egmont Zechlin und Hans Herzfeld hatten sich 1914 noch freiwillig an die Front gemeldet, Gerhard Ritter war 1915 eingezogen worden, während Fischer diese Zeit nicht aktiv an der Front erlebt hatte. Es wurde allgemein als wenig mitfühlend empfunden, daß Fischer den Einsatz seiner Kollegen im Krieg auf ein kaltblütiges Hasardspiel um überlegene Weltgeltung herunterbrach.

Unbestritten sind natürlich Neitzels Verdienste um Popularisierung und Vereinheitlichung historischer Vorgänge. Popularisieren wir also auch ein wenig und hoppeln durch die Geschichte.

Jede Dokumentation über den großen Krieg hat mit dem Attentat in Sarajevo zu beginnen. Kriegsauslöser, Menetekel und Start der Erzählung.
Eine Handvoll unkoordinierter serbischer Nationalisten verüben mit Hilfe verschwörelnder Geheimdienstler nach deutlicher Ankündigung ein Attentat auf den österreichischen Erzherzog Franz Ferdinand und dann war Krieg. So einfach geht das.

Geht das so einfach? Die Schüsse von Sarajevo lösten gar nichts aus. Attentate oder Morde an Staatsoberhäuptern oder anderen hochgestellten Personen waren gang und gäbe. Die Wikipedia zählt zwischen 1851 und 1900 allein 43 mehr oder weniger geglückte Ereignisse. Und das, ohne daß es irgend einen Krieg oder nur eine nennenswertere Krise zur Folge gehabt hätte. Elisabeth Amalie Eugenie, genannt Sissi, Ehefrau des österreichischen Kaisers Franz Josef I, wurde von einem italienischen Anarchisten ermordet (1898). Im Gegensatz zum recht unbeliebten Thronfolger Franz Ferdinand war die Kaiserin überaus populär. Politische Repressailien gegenüber Italien hatte es jedenfalls nicht zur Folge.
Der französische Präsident Poincaré erinnerte am 5. Juli 1914 den österreichischen Botschafter daran, daß sein eigener Amtsvorgänger Carnot ebenfalls Opfer eines Attentates (1894, italienischer Attentäter) geworden war. An der Stichhaltigkeit dieser Begründung gab es also bereits vor Ausbruch des Krieges massive Zweifel.

Dann wird ein Blankoscheck ausgestellt und pünktlich am 28.Juli ’14 beginnt der Krieg. Oder so ähnlich.

Erst einmal beginnt gar nichts. 24 Stunden nach dem Attentat läßt sich nur eine Person ausmachen, die unbedingt sofort losmarschieren möchte: Der österreichische Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf. In den Annalen österreichischer Geschichtsschreibung gerne als eine Art Hindenburg beschrieben, ist der General ein geistig unterbemittelter Imperialist und Amateurstratege (ein treffender Vergleich also). 1907 forderte er bereits einen Präventivkrieg gegen Italien, 1912 einen Balkankrieg und allein zwischen 1913 und 1914 fünfundzwanzigmal vergeblich einen Krieg gegen das Königreich Serbien.
Conrads ceterum censeo fand allerdings selbst in seinen Kreisen nicht unbedingt Zustimmung. Nach Sarajevo: Außenminister Graf Berchtold will sich nicht erwischen lassen und forderte erst einmal eine Untersuchung, Kaiser Franz Josef will seine Ruhe und Ungarns Ministerpräsident Graf Tisza ist dagegen. Das spiegelt durchaus repräsentativ die Gemengelage wieder.

In Deutschland will man offensichtlich auch keine Krieg, sondern hat Ferien. Im ungewöhnlich heißen Sommer 1914 geht man lieber baden oder treibt wie Kaiser Wilhelm Wassersport. Der Beginn der sogenannten Julikrise. Es dauert nur einen Monat, bis sich beinahe alle Beteiligten zum Krieg entschließen. Vom 28.Juni ’14 (Attentat) bis zum 28.Juli (Kriegserklärung Österreich-Ungarns gegen Serbien). Vier Wochen sind keine Zeitspanne, in der man einen Krieg plant und beginnt. Der Ärger war also vorprogrammiert und längst durchdacht.
Wenn der Krieg bis hierher nicht ausgebrochen ist, so hat das unterschiedliche Ursachen, nur nicht die, daß »jemand nicht daran schuld« sein möchte. 1914 wäre niemand auf die Idee gekommen, eine »Kriegsschuldfrage« zu stellen. Krieg ist zu dieser Zeit eine durchaus ehrenvolle Möglichkeit, Unstimmigkeiten zu beseitigen. Wenn allgemein von diesem Mittel kein Gebrauch gemacht wurde, dann, weil man die Kosten scheute oder die Folgen einer Niederlage zu gravierend waren. Nicht aber, weil man Bedenken hat, vor einem Tribunal als »Kriegsschuldiger« angeklagt zu werden. Ein um 1914 vollkommen undenkbarer Gedanke. Den Gedanken des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges gibt es erst seit dem Briand-Kellog-Pakt von 1928. Davor galt das ius ad bellum, das Recht der Völker zum Kriegführen. Die Qualität der Gründe hatte also eher diplomatischen als ethischen Charakter.
Wendet man diese Grundlage auf die Lage im Juli ’14 an, bedeutet das weniger ein »keinen Krieg gewollt« als vielmehr ein »ist er zu gewinnen und wenn ja, zu welchem Preis?«

Wer also wollte?

Deutsches Reich – Österreich-Ungarische Doppelmonarchie. Um diese historisch widersinnige Konstellation zu verstehen, muß man ins Jahr 1878 zurückgehen, zum Berliner Kongress.
Im Russisch-Osmanischen Krieg 1877–1878 hatte die osmanische Armee mehrere schwere Niederlagen hinnehmen müssen und Sultan Abdülhamid II war gezwungen, nach dem Waffenstillstand den Frieden von Stefano zu unterzeichnen. Das Osmanische Reich mußte die volle Unabhängigkeit Rumäniens, Serbiens und Montenegros anerkennen und kleinere Gebiete an diese Länder abtreten. Für Russland bedeutete der Sieg in erster Linie die Verwirklichung des alten Traumes eines eisfreien Hafens für ihre Marine. Das wiederum rief England auf den Plan, die damit ihre Vorherrschaft im Mittelmeer sowie ihre Handelsbeziehungen zum Osmanischen Reich bedroht sahen. Das angeblich bedrohte »Gleichgewicht der Kräfte« ließen sowohl Wien als auch Russland mobil machen; England besetzte Malta und ließ die Flotte im Marmarameer drohend spazierenschwimmen. Ein Krieg der Großmächte stand unmittelbar bevor. Die Östereich-Ungarische Doppelmonarchie wedelte zwar mit dem Säbel, war tatsächlich für eine Auseinandersetzung aber nicht gerüstet. Außenminister Gyula Andrássy schlug daher eine diplomatische Lösung der Großmächte in Berlin unter dem Vorsitz Reichskanzler Bismarcks vor. Man einigte sich. Gemäß den Gepflogenheiten des 19. Jahrhunderts wurden ein paar Grenzen willkürlich gezogen, Ländereien neu verteilt und kritische Schaulustige mit Häppchen mundtot gemacht (Frankreich bekam für seine Zustimmung den osmanischen Vasallenstaats Tunis). In der Nachschau betrachtet hinterließ der Berliner Kongresses allerdings mehr Fragen als Antworten.

Alle waren mehr oder weniger zufrieden bis auf Russland, daß sich um die Früchte des siegreichen Krieges verhandelt sah. Die Beziehungen zu Österreich Ungarn waren durch den Kongress und die faktische Aufhebung der Ergebnisse des Stefano-Friedens dauerhaft geschädigt, die zum Deutschen Reich wenigstens gestört. In der russischen Presse und Diplomatie entstand ein Anti-Deutscher und Anti-Bismarkscher Zug, der Aufgrund der historisch gewachsenen Freundschaft beider Länder zumindest ungewohnt war. Bismarck reagierte darauf 1879 gereizt mit einem Bündnis des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns. Ohne sich den tatsächlichen Machtverhältnissen verschließend, mit dem berühmten »geheimen Rückversicherungsvertrag« von 1887 mit Russland.
Darin verpflichten sich beide Teile zur Neutralität, sollte Deutschland unprovoziert von Frankreich oder Russland von Österreich-Ungarn angegriffen werden. Nicht zum Tragen gekommen wäre dieser Geheimvertrag gegen einen Deutschen Angriffskrieg gegen Frankreich oder den Russlands gegen die Doppelmonarchie.

In den Bismarckschen Überlegungen war die Hinwendung zu Österreich-Ungarn sicher nur temporär und den Umständen geschuldet, die es bei nächster Gelegenheit wieder rückgängig zu machen galt. Allein: Die Gelegenheit ergab sich wenigstens zu Zeiten seiner »Regentschaft« nicht. Seinem Nachfolger Leo von Caprivi fehlte sowohl das Format wie auch die Einsicht in die Notwendigkeit, Bismarcks fragile Gedankengespinnste weiter zu verfolgen.

[Na? Wer hat denn bis hier her gelesen?]

Oberflächlich betrachtet war Caprivis Fehler nicht die Nichtverlängerung des Rücksicherungsvertrages, sonder das Pflegen einer widersinnigen Allianz mit Österreich, deren Deckungslücken durch den Deutsch-Russischen Vertrag ohnehin nur notdürftig übertüncht wurden. Was der neue Reichskanzler nicht vermochte, wurde durch seinen Dienstherren Wilhelm II verschlimmert, der nach der Ära Bismarck auch einmal regieren wollte. Krüger-Depesche, Daily-Telegraph-Affäre, erste Marokko-Krise, zweite Marokko-Krise… es wurde mitregiert, daß die Schwarte kracht. Und solange Alfred von Waldersee Chef des großen Generalstabs blieb, wurde auch nicht an der Allianz mit Österreich, das Waldersees Planung für seine »präventiven« Kriegspläne gegen Russland benötigte, gerüttelt.
An denen bastelte er mit ähnlichem Elan, wie Conrad von Hötzendorf an seinen gegen Serbien. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, an dem er seinen Dienstherren Kaiser Wilhelm II im Manöver besiegte, was 1891 zu seinem vorzeitigem Ruhestand führte. Abgelöst wurde er von Alfred von Schlieffen, Erfinder des gleichnamigen. Also auch gegen Russland, nur über die Umweg Paris. Schlieffens Nachfolger Helmuth Johannes Ludwig von Moltke führte sich bei der »militärpolitischen Besprechung« seines Kaisers 1912 mit den Worten »je eher, desto besser« gut ein. Er und Hötzendorf verstanden sich auf Anhieb.

Während der Juli-Krise 1914 schickte er diesem Bruder im Geiste ein Telegramm: »Für Österreich-Ungarns Erhaltung ist Durchhalten des europäischen Krieges das letzte Mittel. Deutschland geht unbedingt mit.« Außerdem sei jeder englische Vermittlungsversuch zu ignorieren. Damit überschritt er zwar gewaltig seine Kompetenzen, was für ihn allerdings gänzlich folgenlos blieb. Wilhelm II hatte »seinen« Moltke gewollt und nun hatte er ihn.

Dritter im Bunde war der Staatssekretär des Innern Theobald von Bethmann Hollweg.
Übergehen wir kurz diesen Unglücksraben und konzentrieren wir uns auf seinen Adlatus Kurt Riezler (1882 bis 1955), Altphilologe, Philosoph und politischer Publizist. 1906 wurde er im Alter von 24 Jahren als Pressereferent ins Auswärtige Amt berufen und avancierte rasch zum engsten Vertrauten und Assistenten Bethmann Hollwegs, nachdem dieser im Juli 1909 von Kaiser Wilhelm II. zum Reichskanzler ernannt worden war.

Riezler war emsiger Briefschreiber und seine Korrespondenz ist im Gegensatz zum Privatnachlass Bethmann Hollwegs erhalten. Kaum jemand erlebte die Julikrise in so enger Nähe zum Reichskanzler Bethmann Hollweg und die Nachricht auf dem Höhepunkt der Fischer-Kontroverse 1964, daß Riezlers Tagebücher gefunden und veröffentlicht werden sollten, war eine Sensation. Die Fachwelt mußte sich allerdings noch bis 1972 gedulden, bis der 766-Seiten-Band Kurt Riezler: Tagebücher, Aufsätze, Dokumente in der renommierten Reihe Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts endlich erschien (Karl Dietrich Erdmann im Auftrag der Historischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften).

Die Überraschung nach der Veröffentlichung war allerdings groß, als sich herausstellte, daß ausgerechnet die ersten 30 Hefte von 1909 bis August 1914 fehlten. Wie sich bald herausstellte, hatte der Vorbesitzer der Aufzeichnungen Walter Riezler (Bruder des 1955 verstorbenen Kurt Riezler) sich für die Vernichtung dieser Tagebücher entschieden, nachdem er sich einige interessante und seiner Meinung nach unverfängliche Stellen abgeschrieben hatte. Aber auch das Erhaltene war wenig dazu geeignet, das Bild Bethmann Hollwegs als einen um Frieden bemühten Zauderers aufrecht zu erhalten. Erdmanns Veröffentlichung blieb – wenngleich umstritten – eine oft und gern zitierte Quelle beider Seiten in der Fischer-Debatte.

Während sich im September 2013 die deutsche Übersetzung von Christopher Clarks »Schlafwandler« in die Bestsellerlisten hangelte – endlich konnte man wieder ruhig weiterschlafen! – wurden durch einen unglaublichen Zufall die Briefe Käthe Liebermann von 1914 gefunden in den USA gefunden 3. Die rund 100 Briefe und die enthaltenen Einschätzungen deckten wenigstens die Zeit zwischen dem 17. August ’14 bis Mai ’15 ab, kamen für die Fischer-Kontroverse allerdings ein paar Jahrzehnte zu spät.

»Der Reichskanzler ist doch [ein] sehr guter Kopf – und die Leute müssen doch wenigstens zugeben, daß die Inszenierung sehr gut war. Im übrigen ist der Krieg zwar nicht gewollt aber doch berechnet und im günstigsten Moment losgebrochen«

Kurt Riezler, Ende August/Anfang September 1914 an seine Verlobte Käthe Liebermann 4

»Der Traum des Sieges nach allen drei Seiten ist jedenfalls aus – mit dem Versuch, Deutschland an die erste Stelle zu bringen, ist es auch nichts.«

Kurt Riezler, 27. Oktober 1914 an seine Verlobte Käthe Liebermann

Die Diskussion Fischers hätte also an dieser Stelle mit viel Schwung weitergehen können, was sie aufgrund der politisch beruhigenden Diskussion über Clarks Thesen nicht tat.

Zeitgenössische Historiker wie Herfried Münkler, Dominik Geppert, Sönke Neitzel und andere bedienten sich statt dessen freigiebig des Angebotes, die Geschichtsschreibung zurück auf revisionistische Pfade zu führen. Die altmodische »Geschichtsschreibung der Diplomaten« Clarks war wieder salonfähig geworden. Trost für Deutschen Seelen, nicht auch noch daran schuld zu sein wollen – Schlafwandler eben, im Gegensatz zu Serbien, dem sich Christopher Clark gleich kapitelweise widmet. Beschrieben als üble Räuberpistole unzurechnungsfähiger Verschwörer, weswegen sein Werk in Serbien auch wenig positive Resonanz erzeugte. Aber was weiß der bäuerlich-schlichte Afghane schon über die Gründe, weshalb in seinem Land Krieg geführt wird? (Um sich des unstatthaften Mittels Clarks von Vergleichen gestern-heute zu bedienen).

» Die Deutschen hatten den Weltkrieg nicht geplant, sie gingen sogar ziemlich unvorbereitet in den Krieg«

S. Neitzel

Wo er Recht hat…

»Dieser Krieg wäre alles wunderschön, die ganze politische und militärische Rechnung, wenn nicht dieser schreckliche Zusammenbruch des absolut morschen österreichischen Staates alles über den Haufen geworfen [hätte]. Dieses Gebäude war durch einen Sieg zu retten, jetzt ist alles erledigt. Da dieses Problem die Zukunft nach dem Krieg beherrschen wird, glaube ich auch nicht an einen dauernden Frieden. Europa wird überhaupt eine bewegte Sache bleiben«

Kurt Riezler, Anfang September 1914 an seine Verlobte Käthe Liebermann (Rechtschreibung im Original) 5

Zur Einordnung: »Der am 2. August begonnene deutsche Vormarsch der fünf Armeen des rechten deutschen Flügels wird durch eine überraschende französisch-englische Gegenoffensive unter Marschall Joseph Joffre und Feldmarschall John French gestoppt. Die daraus resultierende Schlacht an der Marne dauert bis zum 12. September und geht für die Deutsche Armee verloren.«

Geplant hatte man schon: Schlieffenplan nannte sich das erste große Verbrechen der obersten deutschen Heeresleitung. Er ging völlig selbstverständlich von einem Krieg gegen Russland und Frankreich aus und datierte aus dem Jahr 1905.

»„Der Kanzler hofft noch immer, um den Krieg mit Russland herumzukommen. Es wird ihm alles nichts helfen, wir treiben in den Krieg hinein, und zwar zum Frühjahr.«

Alfred Graf von Waldersee, 1887

1913 wurden sämtliche Alternativen zum Schlieffenplan der Heeresleitung verworfen, was nach Fritz Fischers Ansicht auf die prinzipielle Zustimmung des Kaisers zum Präventivkrieg im Kriegsrat vom 8. Dezember 1912 zurückzuführen war. Als man bei Kriegsausbruch 1914 darauf zurückgriff, bestand das Versagen nicht darin, dieser Idee zu folgen, sondern keinerlei Alternativen dafür in der Schublade zu haben. Mindestens die Verletzung der Neutralität Belgiens mußte zwangsläufig den Kriegseintritt Englands nach sich ziehen und damit ein politisches Konstrukt schaffen, für das diese Planung niemals gedacht war.
Die zügige Entmachtung Kaiser Wilhelm II zugunsten einer faktischen Militärdiktatur: Da wird nicht »geschliddert«, da wurde hereinmarschiert, von langer Hand geplant und herbeigesehnt. Vollkommen gleichgültig, was Reichskanzler und Zivilgesellschaft sich als Kriegsziele erhofften, ob lang vorher geplant oder in der Sektlaune patriotischer Begeisterung der ersten Monate, ab 1915 regiert die oberste Heeresleitung. Und deren Vorstellungen und Ziele stammten aus dem vorherigen Jahrhundert und anderen politischen Konstellationen.

Die Entscheidung für Österreichs Krieg gegen Serbien fiel in Potsdam am 5. Juli 1914. Und zwar ausdrücklich auch für den Fall, daß das »ernste europäische Komplikationen« nach sich ziehen sollte. Konsequenterweise behandelte man den Krieg gegen Serbien als Österreichs Privatangelegenheit und blockierte jede Initiative zur Beilegung des Konfliktes der anderen Großmächte. Hätte Deutschland tatsächlich den Frieden bewahren wollen, wäre das ganz und gar unverständlich gewesen. Aber sie wollten eben nicht den Frieden – daß sie auch den Krieg nicht wollten, ist eine sehr abenteuerliche Annahme.

Das ist natürlich alles Schnee von gestern, hundertjähriger Schnee in einer Landschaft einer Berufsarmee der Bundesrepublik. Mit (Bundes)deutschen Soldaten in Mali, Afghanistan oder Syrien. Auch wird in kommenden Jahren es unter Historikern keine Diskussion über eine Alleinschuld Deutschlands daran geben. Und ebenfalls keine über eine Schuld an sich. Daran arbeiten Historiker wie Münkler oder Neitzel bereits jetzt. Prophylaktische Historiker. Kein neues Berufsbild; eher ein sehr, sehr altes.

P.S. »Nicht durchgesetzt hat sich Fischer mit seiner in späteren Arbeiten verschärften These, die Reichsleitung habe seit dem berüchtigten „Kriegsrat“ vom Dezember 1912 den großen Krieg geplant und ihn eineinhalb Jahre später zielstrebig herbeigeführt. Mehr Plausibilität erlangte eine konkurrierende Deutung: Danach hatten Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg und das Auswärtige Amt nach dem Attentat von Sarajevo im Juni 1914 eine hochgefährliche Strategie des „kalkulierten Risikos“ eingeschlagen, die den großen Krieg zwar nicht gewollt, ihn aber bewusst als Option in Kauf genommen hatte.«
Volker Ulrich, Nun schlittern sie wieder
Was allerdings nichts an dem Ereignis 1912 ändert. Ebensowenig wie an der Tatsache, daß der Schlieffenplan ab diesem Datum alternativlos war.

1 Spiegel

2 Fritz Fischer, Deutsche Kriegsziele. Revolutionierung und Separatfrieden im Osten 1914–1918, in: Ernst W. Graf Lynar (Hrsg.), Deutsche Kriegsziele 1914–1918. Eine Diskussion, Frankfurt a.M. 1964, S. 18-83, hier S. 23 (zuerst in: Historische Zeitschrift 188 [1959])

Zeit.de

4 Digital.cjh.org 1

5 Digital.cjh.org 2

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6 Kommentare zu Presseschredder 1.2.2018

  1. Christian Brock sagt:

    Mit welchem Ziel soll es denn nun wieder eine Diskussion ausgerechnet über die „Alleinschuld“ Deutschland am Krieg geben ?
    Dass die Unterschrift zur Alleinschuld Deutschland am Kriege eine der Bedingungen der Alliierten für die Friedensverhandlungen war, die von der ersten Kommision unter dem Grafen Brockdorf übrigens nicht unterschrieben wurde, sondern erst von Parteipolitikern, ist für niemanden besonders glücklich ausgegangen. Und warum bitte, soll denn Deutschland diese Alleinschuld anerkennen bzw. was verspricht man sich denn wohl davon. Ihr salopper Schnelldurchgang durch diese doch sehr wesentliche Geschichtsfrage, die für Deutschland auch sehr viel Leid gebracht hat, lässt den Verdacht aufkommen, daß Ihr Artikel auch nicht die Empfindlichkeit mitbringt, die hier notwendig wäre – und damit leider auch nicht sehr weit von der Qualität des Herrn Münkler und Co.welche in den einschlägigen Artikeln der Zeitschriften entsteht – die Sie hier eben durchaus zu Recht monieren. Schade.

  2. Pantoufle sagt:

    Moin Christian Brock

    Mein salopper Schnelldurchlauf ist der Tatsache geschuldet, daß es sich hier um ein Blog und kein Geschichtsseminar handelt. Leider.

    Meine Empfindlichkeit gegenüber deutschem Leiden allerdings ist tatsächlich etwas unterbelichtet. Das gebe ich gerne zu. Wenn ich vielleicht korrigieren darf: Münkler, Neitzel und Co sind die Guten. Die haben beliebig viel Empfindungen für deutsche Leiden. Fritz Fischer, Hans-Ulrich Wehler und Co sind die Bösen.

    Zur Sache zwei Anmerkungen: Wie Eingangs schon deutlich erwähnt wurde, ging es Fischer ’65 gar nicht um eine Alleinschuld.

    Zweitens:
    »Daß die Unterschrift zur Alleinschuld Deutschland am Kriege eine der Bedingungen der Alliierten für die Friedensverhandlungen war, die von der ersten Kommission unter dem Grafen Brockdorf übrigens nicht unterschrieben wurde, sondern erst von Parteipolitikern, ist für niemanden besonders glücklich ausgegangen.«

    Ehrlich gesagt erkenne ich nicht den Unterschied, bei welcher der anwesenden Fraktionen eine Unterschrift glücklicher ausgegangen wäre. Es wäre natürlich in der Nachschau erheblich glücklicher für die Weimarer Republik und die folgende Zeit gewesen, wäre dort Wilhelm II und eine Abordnung der Obersten Heeresleitung anstelle von Ulrich v. Brockdorff-Rantzau erschienen. Aber die Herren waren ja verhindert. Nur nebenbei: Brockdorff-Rantzaus Kommission bestand ebenfalls nur aus zivilen Parteipolitikern des hastig zusammengewählten Kabinetts Scheidemanns.

    Zur Kriegsschuldformulierung in Versaille: Daß die Konferenz der Siegermächte wenig Fingerspitzengefühl und psychologisches Geschick an den Tag legte, ist evident, wenn auch Angesichts der ungeheuren Leichenberge verständlich. Wie groß und ungeheuerlich dieser zivilisatorische Scherbenhaufen tatsächlich war und welche Folgen er auf das Bewußtsein der Überlebenden hatte – das entzieht sich vollständig unserer Vorstellung. Daß man dafür einen »Schuldigen« suchte, ist nachvollziehbar. Aber durch die alleinige Formulierung wird daraus noch kein Völkerrecht. Das kam erst ansatzweise 1928.

    Noch einen Satz zum schlafwandlerischen schlittern, diesem oft falsch zitierten David Loyd George. Es lautet im Original

    »Die Nationen schlitterten über den Rand in den brodelnden Hexenkessel des Krieges, ohne ein Spur von Besorgnis oder Bestürzung. […] Die Welt war [im Juli 1914] außergewöhnlich glücklos im Hinblick auf die Qualität ihrer Staatsmänner in diesem schrecklichen Notfall. Hätte es damals in Deutschland einen Bismarck, einen Palmerston oder Disraeli in Großbritannien, einen Roosevelt in Amerika oder einen Clemenceau in verantwortlicher Position in Frankreich gegeben, hätte die Katastrophe abgewendet werden können – und wäre meiner Ansicht nach abgewendet worden. Aber es war nicht ein Politiker solcher Qualität zu sehen auf der Kommandobrücke eines großen Staates.«

    Das kann man also auch völlig anders lesen. Und die Qualität der deutschen Verantwortlichen zeigt sich dann ja in der Zusammensetzung der Delegation in Versaille. Beziehungsweise nicht.

  3. Christian Brock sagt:

    Inhaltlich auszusetzen ? Nein, inhaltlich auszusetzen habe ich schon deshalb nicht, weil ich wenig Neigung habe, mich, bzw. meine Frage hier vorführen zu lassen. Das die Dinge hier, wie Sie sie geschildert haben, nicht der Sache angemessen sind – nebenbei auch nicht meine Frage beantworten – hat auch nichts damit zu tun ob sie hier ein Geschichtskolleg betreiben oder nicht. Ihr Artikel muß bei denjenigen, die sich dieser Fragen inhaltlich oder beruflich annehmen, etwas fragwürdig bleiben. Letztlich können Sie schreiben was sie wollen. ( Wenn es das war, was Sie zu hören wünschten)

  4. Pantoufle sagt:

    »Mit welchem Ziel soll es denn nun wieder eine Diskussion ausgerechnet über die “Alleinschuld” Deutschland am Krieg geben ?«
    Das steht in meinem Text. Es gibt diese Debatte nun mal. Warum sie es machen, darüber kann ich auch nur spekulieren. Das habe ich getan.

    Irgend etwas scheint Sie zu stören, daß ich diese Alleinschuld auch außerhalb des einen Passus bei den Friedensverhandlungen in Versailles ausmache.

  5. Christian Brock sagt:

    Ich habe jetzt einmal darüber nachdenken müssen was mich stört, wie Sie ganz richtig vermuten. Allerdings möchte ich Ihnen damit weder zu nahe treten, noch bin ich mir sicher, ob ich nochmals etwas dazu kommentieren möchte, da ich bei mehrmaligen Lesen inzwischen meine Schwierigkeiten habe Ihrem Artikel überhaupt noch folgen zu können. Ihre Nachsetzung z.B. nun, in dem Sie mir „nebenbei“ mitteilen, aus wem die Delegation bestehe, ist schon allein eine Provokation dem etwas hinzuzufügen zu wollen– als das sie etwa vermittelt diese Delegation wäre aus „irgendwem“ aus der Parteipolitik delegiert worden – die sich hastig organisiert hätte. Gerade aber diese erste Delegation hat eine sehr wohl spannende, als beachtenswerte Geschichte, die mit Gewinn zu lesen wäre; unter anderem in der Dokumentation Victor Schiffs, der die Delegation damals begleitete. Auch die Delegierten, Volks-und Sozialökonomen Prof.Max Weber , Lujo Brentano und viele andere haben Nachricht und Bericht darüber hinterlassen.
    Mein Argwohn gegen diesen Artikel, das zugunsten feuilletonistischer Stilmerkmale wie sie im Infotainment der heutigen Medien Begünstigung erfahren, Inhalte vernachlässigt, oder geglättet werden, ist durch Ihre inhaltlichen Hinzufügungen auch zunächst wenig befriedet. Sie sehen mich also durchaus unentschlossen und enttäuscht.

    • Pantoufle sagt:

      »…da ich bei mehrmaligen Lesen inzwischen meine Schwierigkeiten habe Ihrem Artikel überhaupt noch folgen zu können.«

      Ganz kurz: Es geht um die Kriegsschuldfrage. Und es geht nicht um den folgenden Versailler Vertrag. Das ist ein anderes Thema. Sicherlich ebenfalls sehr interessant und vielleicht schreibe ich darüber auch einmal etwas darüber.
      Aber auch das würde sich mehr mit der Frage beschäftigen, warum dort nicht Wilhelm II, Ludendorff, Hindeburg und von Tirpitz den Vertrag unterschrieben, sondern die besagt hastig zusammengestoppelte Kommission. Kabinett Scheidemann: 13. Februar 1919 bis 20. Juni 1919. Wenn das nicht hastig ist.

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