Nabelschau

Mir gefällt es hier auf der Schrottpresse eigentlich ganz gut. Das fiel mir gestern erst wieder auf, als Flatter mit »schön hast Du es hier« kommentierte. Stimmt! Nicht daß das mein Verdienst wäre, aber man sollte auch mal anmerken, wenn einem etwas gefällt.

Bloggen ist ja auch Glückssache. Man kann mit den besten Vorsätzen und Gaben an so eine Sache herangehen und trotzdem geht irgend etwas schief. Vielleicht findet das Thema keine Interessenten, der Ton paßt der Kundschaft nicht oder man tritt in eine Marktlücke herein, die gar keine ist. Da sitzen dann schon andere, die diese Nische besetzt halten und eifersüchtig alles weghacken, die auch mal wollen. Ich glaube, das kommt häufiger vor als man denkt. Vor allem in linken Kreisen, wo die Hüter der Wahrheit ein ganz spezielles Verständnis zu Solidarität und gemeinsamen Handeln haben.

Oder aber man trifft – was ich immer wieder niedlich finde – auf Leser, die mit Empörung fordern, daß man sich eines speziellen Themas annehmen solle. So wie gestern erst wieder bei Flatter, wo sich die Unkenntnis eines Kommentators mit gewöhnungsbedürftigen Tonfall paarte. Soll man darauf eigentlich eingehen? Man sollte die Frage nicht einmal diskutieren. Solche Forderungen kann man an das Blättchen stellen, das jeden Morgen auf dem Frühstückstisch liegt und in das anschließend Makrele und Brötchen für Mittach eingewickelt werden. Da gehört es hin (nicht die Makrele!), sondern dieser Anspruch. Die Schreiberlinge solcher Blätter werden dafür bezahlt, mit eigenen Geld überdies und schließlich will man selber bestimmen, worin man den Fisch einwickelt.

»Du als Betreiber des Blogs „der scharfe Hund“ hast gefälligst über die gemeine Killerkatze Wurzel zu schreiben, die schon 4 (vier!) Teckel gerissen hat!«
Nichts habe ich. Wir werden schon sehen, was passiert wenn mein Brutus der Killerkatze begegnet.
»… und wenn Du das nicht schreibst, verfällst Du der Ächtung!«
Bei Lichte betrachtet ist man selbst in diesem Fall immer noch Hundebesitzer und hält die Killerkatze nach wie vor für ein Latrinengerücht. So einfach ist das.
Aber so einfach ist das natürlich nicht – immerhin gibt es ja noch die lieben Nachbarn und die werden schon dafür sorgen, daß man diesen Frevel nicht vergisst. Da hat jemand Jehova gesagt… Sei’s drum! Das ist dann wohl das, was man unter Meinungsfreiheit versteht.

Aber ich gestehe ja, daß man gelegentlich selbst seine Zweifel hat. Gestern stürmte ein Räumkommando der Polizei in bataillonsstärke in Berlin ein Haus, das die Ordnungsmacht immer schon mal einreißen wollte. Die Verhältnismäßigkeit stand wie üblich in keinem Zusammenhang zum Ergebnis – nun ja: Irgendwer wird schon kompetent darüber schreiben. Nur eben nicht ich; vielleicht das nächste Mal oder wenn es mein eigenes Haus ist.
Die Ereignisse in Köln und Leipzig locken zwar mit einem Vergleich, aber mal ganz ehrlich: Worin besteht die Neuigkeit? Also schreibt man nichts. Vielleicht hatte man auch einfach keine Lust. (»Wie kannst Du keine Lust haben? Denkst Du auch mal an die hungernden Kinder in Nordkorea und Deine billigen T-Shirts???«)
Nur! Ausschließlich! Tag und auch in der Nacht!

Ein schwieriges Thema: Wo sind die Grenzen dessen, mit man sich gemein macht? Der Zuwachs an Feministen nach Köln-Hauptbahnhof ist gerade unter der männlichen Bevölkerung erschreckend hoch. Soll man da jetzt auch noch…? Irgendwann mutiert bloggen dann zur reinen Unterschriftensammlung »… die Schrottpresse, Kiezneurotiker und die Bürgerwehr Köln-Ehrenfeld sind auch dagegen.« Interessiert das eigentlich tatsächlich jemanden? Vielleicht tut es das, aber dann ist da immer noch die Fallgrube, daß man vielleicht selber gar nichts davon versteht. Das soll schon vorgekommen sein, auch wenn es immer bestritten wird – keine Ahnung zu haben hat den Stellenwert von Mundgeruch. »Aber eine Meinung wirst Du ja wohl haben!« Nein, in diesem Augenblick gerade nicht. Empörtes Naserümpfen, Abgang, Türenschlagen. Keine Ahnung, aber eine Meinung… Internet, wie es leibt und lebt.

Meine Vermutung ist ja, daß die Inspektoren die das Internet nach gefälligen Meinungen durchforsten, bestenfalls auf entsprechende Reizworte reagieren – vollkommen gleichgültig was da sonst noch steht. Die Zusammenhänge werden sowieso woanders zusammengenagelt. Man reibt sich als Blogger gelegentlich die Äuglein, wer einen da wieder in gestolperten Zusammenhang zitiert.
Da kommen Zweifel auf, wie im realen Leben Konversation stattfindet. Sitzen die Leute eigentlich auf Parkbänken, an Kneipentischen oder in der Schlange bei Lidl:
»Ich danke Dir für diesen Text, Verkäuferin !!einzelfzig!!«
»Ab Minute 19:23 überschlägt sich seine Stimme!«
»Warum hört man von Dir eigentlich nichts zum Thema Orientierung der Kettenbausteinfolge von Nukleinsäure? Maschinenstürmer, was??«

Vermutlich läuft das so ab und ich bin nur nie dabei. David Bowie ist tot und das Personal im Supermarkt feudelt rund um die Uhr die Tränen vom Fußboden. Vielleicht sollte ich noch schnell einen Text über Bowie… solange noch jemand weiß, wer das war und das er nun gestorben ist…
Keine Lust!

Man sollte Katzenbilder nicht von Grund auf verdammen. Auch wenn das Internet in der Reihenfolge Sex und Autos von ihnen beherrscht wird (und einer gehörigen Portion Selbstmitleid, deren Ursachen vergeblich ausgerechnet auf einem Bildschirm gesucht werden.)
Essen und Miezekatzen – man muß gelegentlich zur Kenntnis nehmen, daß die Menschheit sich für ganz profane Dinge interessiert. Und ganz profane Sorgen und Ängste hat. Vegane Pullover zum Beispiel.
Oder sich, wie die Redaktion der Schrottpresse, die letzten Wochen intensiv mit der Entwicklung von Flugmotoren um die Jahrhundertwende beschäftigt hat. Missgeburten in Stahl und Aluminium. Klickgift, wie es Kiezneurotiker nennt.
Aber hoch interessant.

Mir gefällt es hier. Gemüsetopf mit Einlage, etwas Geschwätzigkeit und nette Leser.

ahnungslos

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110 Antworten zu Nabelschau

  1. R@iner sagt:

    Andere kämpfen mit der gleichen Scheiße:

    https://www.youtube.com/watch?v=_5Jwe9FVqKI

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