Kurz und dreckig 65

Dahinter steckt immer ein kluger Kopf! Die FAZ versucht sich auf dem Schulhof mit Erklärungen fürs Kind:

(via Bildblog)

Einfache Antworten auf kniffelige Fragen von Julia Schaaf; nomen est omen. Wie Moritz Tschermak auf Bildblog so richtig feststellt: »Die Reichspogromnacht war eine staatlich organisierte Aktion«. Und wo sich so eine Kluge um Kopf und Kragen twittert, ist ein zweiter selten weit:

»Salopp gesagt ist das Gefährlichste, was die menschliche Evolution hervorgebracht hat, junge Männerhorden. Solche testosterongesteuerte Gruppen können immer Böses anrichten.«

Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann spricht dabei nicht von sich selber, besoffenen Fußball-Hooligans, Soldaten in Afghanistan oder einer entfesselten Polizei bei einer Demo, sondern von Flüchtlingen.
»Der Gedanke, dass man da welche in die Pampa schickt, ist nicht falsch.«
Womit Kretschmann den schlagenden Beweis dafür liefert, daß eine testosterongesteuerte Gruppe nicht zwangsläufig jung sein muß.

»Ich hätte es anders formuliert, aber in der Sache unterstreicht Kretschmann das, wofür wir Grünen lange streiten«

Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende der Grünen, MdB

Da waren’s schon drei kluge Köpfe. (Die Schrottpresse ist zwar der Meinung, daß Kasernen ebenso inhuman sind und zu einem Sicherheitsproblem führen, aber das nur nebenbei.)
Trotz alledem kann man sich des Gefühls nicht erwehren, daß da jemand eine Schulhofschlägerei anzetteln will.

11. November 1918. »Ein schmerzhafter Neubeginn«, so die Tagesschau zum 100jährigen Jubiläum der parlamentarischen Demokratie. Vorweggenommene Jubiläen sind doch immer noch die besten.

»Wie würde wohl Deutschlands Demokratie heute aussehen ohne 1918? Wenn, wie vor diesem Schicksalsjahr üblich, allein Männer Männer wählen könnten? Und auch nur Wähler mit gutem Einkommen, die älter sind als 25 Jahre?«

Aber zum Glück ist es ja ganz anders gekommen. Wobei die Überlegung, wie es mit dem November 1918 aussehen würde, durchaus lohnenswert ist.

»Sorgt dafür, daß dieser stolze Tag durch nichts beschmutzt werde. Er sei ein Ehrentag für immer in der Geschichte Deutschlands. Es lebe die deutsche Republik!«
Philipp Scheidemann

Und weil es so ergreifend schön war, wurde gleich zweimal ausgerufen.

»Durch dieses Tor wird die neue sozialistische Freiheit der Arbeiter und Soldaten einziehen. Wir wollen an der Stelle, wo die Kaiserstandarte wehte, die rote Fahne der freien Republik Deutschland hissen!«
Karl Liebknecht

Die eine Republik war deutsch, die andere sollte frei sein. So wurde am 19. Januar die Wahl zur Deutschen Nationalversammlung abgehalten, am 11. Februar wählte die Nationalversammlung Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten, am 14. August
trat die Weimarer Reichsverfassung in Kraft. 1919 wohlgemerkt. Die Verfassung des Deutschen Reiches datiert auf den 11. August des gleichen Jahres. Endlich konnte die parlamentarische Demokratie loslegen!

Am 11. November 1918 aber wurde erst einmal der Waffenstillstand unterzeichnet. Von parlamentarischer Demokratie keine Spur – es war Matrosenaufstand in Kiel und Kurt Eisner im gerade ausgerufenen Freien Volksstaat Bayern. Kurz: Es war Revolution. Selbst die Ausrufung der Republik durch Scheidemann war verfassungsrechtlich nicht gedeckt; mithin auch eine revolutionäre Handlung, wenngleich von Personen, die sie unter allen Umständen verhindern wollten. Einigkeit auf allen Seiten herrschte weder über Staats- noch über die Wirtschaftsform.
Und wenn es mir noch so sehr in den Fingern juckt: Die Geschichte der »deutschen parlamentarischen Demokratie« bis zum Zeitpunkt der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts zu beschreiben, erspare ich dem Leser jetzt einmal. Genau wie die des SPD-Abgeordneten Noske und seinen Bluthunden von den Freikorps. Bei diesem Hintergrund erscheint die parlamentarische Demokratie mit ihren »ersten freien Wahlen« erst mal als ein Zuckerchen, das man den aufgebrachten Massen hinwirft, ein Herrschaftsinstrument, das vorrangig dazu dient, die bewährten Eliten zu legitimieren. Und sowieso mußte man erst einmal die Revolutionäre totschlagen, bevor es parlamentarisch werden konnte. Es galt die Erinnerung daran auszulöschen, daß es die Soldaten und Matrosen gewesen waren, die ihre Waffen gegen ihre Offiziere und den Krieg erhoben hatten und kein Noske, Scheidemann oder Ebert.

»Gottesfurcht, Treue gegen dem König, Achtung von Gesetz und Obrigkeit, begeisterte Hingebung für das Vaterland und seine glorreiche Entwicklung, echte Liebe zum Volk und treue Fürsorge für alle gesunden Keime der Volkswohlfahrt und Bildung.«

Otto Graf von Bismarck-Schönhausen hatte es mit seinem Wahlaufruf für die Wahlen zum Preußischen Abgeordnetenhaus 1867 sehr schön auf den Punkt gebracht. Soviel zur Frage, wer zur Nation gehört und wem Herrschaft gebührt. Politische Wahlen als Instrument, die Bevölkerung zu homogenisieren, die Nation in den Vordergrund zu rücken und als Disziplinierungsmaßnahme. Leise, effektiv und immer mit dem Satz im Hintergrund » Was wollt Ihr eigentlich – Ihr habt doch so gewählt«.

Kurt Eisner erschlagen wie Gustav Landauer, Luxemburg und Tausende andere. Ja, dann feiert mal schön.

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6 Kommentare zu Kurz und dreckig 65

  1. Peinhart sagt:

    Kurz und treffend, Chapeau!

  2. Frau Lehmann sagt:

    “Und wo sich so eine Kluge um Kopf und Kragen twittert,…”

    Ja, wenn man sich heutzutage mit solchen “klugen” Sprüchen tatsächlich um Kopf und Kragen reden oder schreiben würde, dann wär die Welt noch ein wenig in Ordnung. Ist aber nicht so.

    Und das hat die Tagesschau doch auch fein gesagt:” Kurz darauf wird am 30. November die erste parlamentarische Demokratie in Deutschland verordnet.” Verordnete Demokratie, schön, oder? Wen wunderts dann, wenn heute das Ende der Weimarer Republik damit erklärt wird, dass es zu wenige Demokraten in Deutschland gegeben habe…

    Ich danke dir für diesen bitterböse und mir aus dem Herzen sprechenden Kommentar.

    • Pantoufle sagt:

      Moin, Frau Lehmann
      Schön, Dich mal wieder zu lesen.
      Das mit Twitter… es ist doch eigenartig, daß man sich lauthals darüber beklagt, daß die Welt jeden Tag komplizierter wird – und dafür richtet man ein Forum ein, auf dem die Diskussionsbeiträge auf eine Handvoll Zeichen beschränkt sind (wobei die Geschäftsleitung peinlich darauf achtet, daß die vollkommen schwachsinnigen keinesfalls zensiert werden dürfen).

      Die Tagesschau und andere haben alle viel Unsinn geredet. Wenn man ihnen so zuhört, so klingt das unterm Strich, als wäre der revolutionäre Sturmtrupp mit MG stehengeblieben, weil eine Ampel auf rot sprang. Auch das ist eigenartig: Bei Babylon Berlin versuchte man jede Kleiderfaser und jede Droge so authentisch wie möglich darzustellen. Wenn’s aber um die Revolution 18/19 geht, dann wird es in der Darstellung immer so eigenartig rechtsstaatlich. Das alte Dilemma. Auf der einen Seite war der nunmerige Feind im Inneren »im Felde unbesiegt«, aber kaum nach Hause gekommen, hatte er mit der Faust auf den Tisch geschlagen. Ich glaube, daß das die Geburtsstunde des deutschen Hasses auf den Kommunismus war. Diesen Widerspruch kann man bis zum heutigen Tage nicht auflösen. In anderen Ländern ist die Grenze der Klassen deutlicher gewesen – hier waren es »welche von uns«. Das hat man ihnen nie verziehen. Am 30. November wurde niemand »die erste parlamentarische Demokratie in Deutschland verordnet.«
      Das tat ein Schreiberling der Tagesschau erst 100 Jahre später.

  3. RuePoe sagt:

    Da passt es doch wenn der Herr Sozialdemokrat Steinmeier von demokratischem Patriotismus schwadroniert.

    Frau Lehmann hat recht, guter Kommentar.

    • Pantoufle sagt:

      Moin RuePoe

      Jo, genau. Da und ausschließlich da ist die Nahtstelle zur Weimarer Republik über die sie alle tröten. »Wir waren doch schon einmal so windelweich! Also laßt es uns windelweichen«.
      Ich habe den Satz von der »Demokratie ohne Demokraten« über die Weimarer Republik immer gehaßt. Und im Moment sehe mich gerade auf das Übelste bestätigt. Gegen das, was hier und jetzt gerade gegen Rechts geschieht, war die Weimarer Republik ein Volksaufstand.
      Steinmeier? Jeder Generation seinen eigenen Franz von Papen!

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