Kurz und dreckig 64

Oder die vertwitterung der Welt. Mal im Ernst: Liest das eigentlich jemand? Also anders als ein Comic-Heftchen auf dem Klo oder einen dummen Witz, aufgeschnappt in einem Straßencafé? Bei all den Milliarden Zeichen die dort »gedruckt« werden, sollte sich doch irgendwann der Effekt einstellen, daß genügend Affen eine Encyclopedia Britannica zustande bringen. Aber ganz offensichtlich ist diese Theorie apokryph.

Das könnte unter anderem damit zusammenhängen, daß vorzugsweise andere Affen zitiert werden. Der unverhältnismäßig hohe Prozentsatz von Plagiaten reduziert naturgemäß den Output an originärem. Zudem sorgt die Anzahl von gleichartigen Säuen, die in großer Zahl parallel durch die Dörfer getrieben werden ebenso wenig für Fortschritt.
Eine »Ausländerin« trägt eine teure Armbanduhr.
Ein TV-Komiker ist »gegen Israel«
Ein anderer TV-Komiker ist »für Israel«
Nur Julian Röpcke will wie üblich auf alles Bomben werfen – wenigstens darauf kann man sich hundertprozentig verlassen.

Genug!

Warum eigentlich keine Union Glashütte oder eine Dodane Typ 20? Kein Schwein hätte etwas gemerkt.

Kollege Stefan Rose liest sich durch die Welt oberhalb von 40 Zeichen (ja, ich weiß: Es sind mehr! Aber wieso nutzt dann niemand diese Möglichkeit?) und fördert lesenswertes Zutage. Jenseits der Blogroll – 10/2018
Fast alles interessant. An Bert Pampels »Warum wir aus der Geschichte nichts lernen« blieb ich etwas länger hängen. Pampel buddelt mit Akribie eine handvoll Fallgruben, in denen er sich dann selbst versenkt. Aber die Gruben gefallen mir! Der Autor beklagt vollkommen zu Recht eine oberflächliche »Nutzbarmachung« historischer Lehren, die unzuläßig verkürzt (»vertwittert«) und aus ihrem zeitlichen Kontext losgelöst sind.

»Hinzu kommt, dass wir beim Lernen aus der Geschichte nicht weit und tief genug zurückblicken und zudem einem „Home-Bias“ erliegen. Wir denken historisch kurzsichtig, wählen zeitlich und örtlich zu enge Räume für unsere vergleichenden Betrachtungen, etwa 1914-1989 in Europa oder 1933-1945 in Deutschland.«

Wer ist »Wir« möchte man da fragen. Ein Schuh, den sich die zur Zeit tätige Historiker-Gilde in der Regel nicht anziehen muß. Es sind doch eher bestimmte Leser, die sich das ihnen passende herausschneiden und zusammenhanglos wiederkäuen – Stichwort vertwitterung.

»Kultur- und epochenübergreifende Betrachtungen, wie etwa die „Lessons of history“ (1968) von Ariel und Will Durant, werden in Deutschland kaum rezipiert, obgleich sie die geschichtlichen Lektionen verbessern könnten.«

5000 Jahre Menschheitsgeschichte auf knapp 100 Seiten – bei aller Brillianz des Buches empfinde ich das als unzulässige Verkürzung. Damit kann man zur Not eine Botschaft transportieren, aber keine adäquaten Zusammenhänge darstellen. Genau das aber ist es, was Pampel (zu Recht) anprangert.

»Diese Hoffnung erscheint heute bestenfalls naiv, die folgende wachsende Begeisterung für das neue Regime [des Nationalsozialismus] dagegen begründet den Vorwurf der Mittäterschaft. Doch sah selbst Winston Churchill Adolf Hitler noch 1937 ausweislich seines Buches gleichnamigen Titels in einer Reihe mit Roosevelt, Trotzki, Chaplin und anderen anerkennend als „großen Zeitgenossen“.«

Eine Erklärung ist angebracht. Das Buch, gerne von Altnazis und Linken, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Gründen zitiert, heißt »Great Contemporaries«. Das Kapitel, auf das sich Pampel bezieht, stammt aus einem zuvor an anderer Stelle veröffentlichten Text Churchills »Hitler and his Choice« von 1935. Um wenigstens eine Ahnung darüber zu vermitteln, was W.S. Churchill damals schrieb, ein etwas längerer Auszug.

»Hitler arrived at supreme power in Germany at the head of a National Socialist movement which wiped out all the states and old kingdoms of Germany and fused them into one whole. At the same time, Nazidom suppressed and obliterated by force, wherever necessary, all other parties in the State. At this very moment he found that the secret organization of German industry and aviation, which the German general staff and latterly the Brüning Government had built up, was in fact absolutely ready to be put into operation.

So far, no one had dared to take this step. Fear that the Allies would intervene and nip everything in the bud, had restrained them. But Hitler had risen by violence and passion; he was surrounded by men as ruthless as he. It is probable that, when he overthrew the existing constitutional Government of Germany, he did not know how far they had prepared the ground for his action; certainly he has never done them the justice to recognize their contribution to his success. He even drove the patriotic Brüning, under threat of murder, from German soil.

The fact remains that all he and Goering had to do was to give the signal for the most gigantic process of secret rearmament  that has ever taken place. He had long proclaimed that, if he came into power, he would do two things that no one else could do for Germany but himself. First, he would restore Germany to the height of her power in Europe, and secondly, he would cure the cruel unemployment that afflicted the people.

His methods are now apparent. Germany was to recover her place in Europe by rearming, and the Germans were to be largely freed from the curse of unemployment by being set to work on making the armaments and other military preparations. Thus from the year 1933 onwards the whole available energies of Germany were directed to preparations for war, not only in the factories, in the barracks, and on the aviation grounds, but in the schools, the colleges, and almost in the nursery, by every resource of State power and modern propaganda; and the preparation and education of the whole people for war-readiness was undertaken.
[…]
Meanwhile, he makes speeches to the nations, which are sometimes characterized by candour and moderation. Recently he has offered many words of reassurance, eagerly lapped up by those who have been so tragically wrong about Germany in the past. Only time can show, but, meanwhile, the great wheels revolve; the rifles, the cannon, the tanks, the shot and shell, the air-bombs, the poison-gas cylinders, the aeroplanes, the submarines, and now the beginnings of a fleet flow in ever-broadening streams from the already largely war-mobilized arsenals and factories of Germany.«

W.S.Churchill

»Wir lernen auch dann zu wenig aus der Vergangenheit, wenn wir sie nicht mit den Augen der Zeitgenossen zu sehen versuchen.«

Bert Pampel

Aber ansonsten, wie schon gesagt, schön zu lesen.

Zu guter Letzt:
Prügeln sich zwei Nazis von der AFD auf dem Klo… pruuuust!!!

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5 Kommentare zu Kurz und dreckig 64

  1. GrooveX sagt:

    da sind einige unangenehme doppelungen im churchill-text. unangenehm, weil ich beim ersten drüberfliegen nicht erkennen kann, ob es fehler fehler sind oder sprachliche eigenheiten eigenheiten. verstehst du?

    • Pantoufle sagt:

      Besten Dank für den Hinweis. Der Grund dafür war mein Fehler, einen Text zu kopieren, der die Veränderungen zwischen der ersten und zweiten Ausgabe des Buches zeigt – im Original allerdings durchgestrichen und farblich markiert. Das wurde von der OCR geschluckt.

  2. flatter sagt:

    OCR? Wat dat denn?

  3. DasKleineTeilchen sagt:

    btw; bekomme ich immer noch auf fresse, wenn ich hier “weimarer republik” schreibe?

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