Kurz und dreckig 63

Und manchmal – wie heute – denkt man an nichts und hat auch kein spezielles Anliegen.
Das heißt: Ich denke durchaus an etwas. In diesem Fall an meine neue Spritzpistole, eine alte, aber gut gepflegte Sata LMS für faire 100€ aus einem bekannten Online-Auktionshaus. Mit drei Düsensätzen, 2 Bechern und auch sonst mit allem nötigen Zubehör. Das war gestern schon ein Vergnügen, den schwarzen 2k-Lack auf die Verkleidungsteile der XJ900 zu werfen. Wie lange habe ich mich in diesem Bereich der Schrauberei mit schlechtem Werkzeug herumgeschlagen? Die Ergebnisse sind absolut ausbaufähig, aber bereits Lichtjahre von dem entfernt, was ich bisher zustande gebracht habe.
Doch, das war ein schöner Feierabend mit einem Bier vor dem satten, schwarzen Glanz unter dem Klarlack!

Solides Werkzeug und gutes Material mit nachvollziehbaren Ergebnissen. Auf der Leipziger Buchmesse suchten die ausstellenden Nazi-Verlage händeringend Journalisten zum aussperren – mangels Pressevertreter konnten sie aber niemanden… man blieb unter sich.
< Aufwachen, Pantoufle, aufwachen! >
Natürlich hatte der braunen Haufen genügend Publikum, wenn auch hauptsächlich bestehend aus Polizei und Journaille. Kaum noch Platz zwischen Männerpissoir und Notausgang, wo die sogenannten Neurechten ihre Landserromantik zum Besten geben wollten.
271.000 Besucher und 2635 Aussteller aus 46 Ländern, davon 5 Stände rechtsradikaler Verlage. Das ist ok. Wenn es die tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse der Gesellschaft widerspiegeln würde, sogar schwer in Ordnung. Leider, leider… zeigt es nur das Verhältnis des bildungsfeindlichen Teils der Bevölkerung zum Thema Literatur.
»Ich brauche kein Buch um jemanden mit einem Baseballschläger totzuschlagen!«
(Na gut: Dann sind auch fünf rechtsradikale Verlage ungefähr fünf zuviele.)

Ich erwähnte es gestern in einer Antwort an das kleine Teilchen: Die Stiftung Bauhaus Dessau stellt ihre Räumlichkeiten für die ZDF-Aufzeichnung des Konzertes von »feine Sahne Fischfilets« nicht zur Verfügung. Nazigruppen hatten in »sozialen Netzwerken« gegen das Konzert mobil gemacht.
Die Absage wurde begründet mit »um nicht erneut zum Austragungsort politischer Agitation und Aggression zu werden, auch vor dem Hintergrund des Status als Unesco-Welterbe«, so die Stiftung Bauhaus mit Hinweis auf ihr Hausrecht.
»Das ZDF nimmt dies mit Bedauern zur Kenntnis.«

 

»Zu den wiederholten Beschuldigungen einer radikal-politischen Parteinahme im Bauhaus haben die Leitung und der Meisterrat schon mehrfach mit der Erklärung Stellung genommen, daß jede politische Tätigkeit im Bauhaus von jeher untersagt war.«

Presseerklärung des staatlichen Bauhauses Weimar vom 29. Januar 1920

Diese Art der Absage hat also gewissermaßen Tradition. Zu dieser Tradition hinzugekommen ist allerdings auch die Auflösung des Bauhauses 1933 und die Vertreibung ihrer Vertreter durch die Nationalsozialisten.

Nun kann der Besitzer eines Veranstaltungsgebäudes aus ihm einleuchtenden Gründen natürlich eine Veranstaltung absagen. Ob man sich allerdings für alle Zeiten aus dem Krach heraushalten kann, sei dahingestellt.

Die Meister des Bauhaus. Von links nach rechts

Josef Albers: Berufsverbot, Flucht 1933 in die USA
Hinnerk Scheper: Berufsverbot ab 1933, überlebte den Krieg als Soldat
Georg Muche: Berufsverbot ab 1933, überlebte den Krieg als Freskenmaler
László Moholy-Nagy: Flucht aus Deutschland 1934
Herbert Bayer: Flucht aus Deutschland 1938
Joost Schmidt: Lehrverbot ab 1935
Walter Gropius: Flucht aus Deutschland 1934
Marcel Breuer: Flucht aus Deutschland 1933
Wassily Kandinsky: Flucht aus Deutschland 1933, Tod im Exil 1944
Paul Klee: Flucht aus Deutschland 1933, Tod im Exil 1940
Lyonel Feininger: Flucht aus Deutschland 1937
Gunta Stölzl: Verließ 1931 unter anderem aus politischen Gründen Deutschland
Oskar Schlemmer: Berufsverbot 1933,

Natürlich kann man das Konzert einer antifaschistischen Band untersagen. Verboten ist es nicht.

»1933
Am 11. April, bei Beginn des Sommersemesters, wird das Bauhaus-Gebäude in Berlin polizeilich durchsucht und versiegelt. 32 Studierende werden vorübergehend festgenommen. Es herrscht große Unsicherheit über das weitere Schicksal der Schule, die sich in einer finanziellen Notlage befindet.
Am 20. Juli beschließt eine Konferenz der Lehrkräfte, das Bauhaus aufzulösen. In einem Schreiben der Geheimen Staatspolizei vom 21. Juli wird die Wiedereröffnung des Bauhauses von mehreren Bedingungen abhängig gemacht. Wassily Kandinsky und Ludwig Hilberseimer seien durch Lehrkräfte zu ersetzen, die “auf dem Boden der nationalsozialistischen Ideenwelt stehen”, ein neu aufzustellender Lehrplan habe den “Ansprüchen des neuen Staates an seinen innerlichen Aufbau” zu genügen.«
Aus der Website von bauhaus.de

(P.S. Am 16.1018 wurde die Deutschland-Tournee der Drag-Queen Conchita Wurst überraschend von Seiten des deutschen Veranstalters MSK Meistersinger ohne jede Begründung abgesagt. Ausweichtermine wurden nicht genannt. Das ist wenigstens erklärungsbedürftig.)

Über die selbsternannten Hüter »demokratischer Werte«, die sich nun über die Band »feine Sahne Fischfilets« und ihre vorgebliche Staatsfeindlichkeit echauffieren, ist jedes Wort zuviel. Wer den Unterschied zwischen links und rechts nicht bemerkt, ist im besten Falle einfach nur unsäglich dumm. Im übrigen ist das hier gar nicht das Thema. Wo die Nazihorden mit ihren Drohungen das Konzert verhindert haben, adelt der Gesinnungsmob den Druck der Gosse und faselt etwas von rechtsstaatlichkeit. Wie es zur Katastrophe der Weimarer Republik kommen konnte? So! Genau so!


Wie man den Faschisten den Weg fegt.

Update

Ist eine Aufführung von Shakespeares McBeth ein Aufruf zur Gewalt? Jens Balzer beantwortet diese hochaktuelle Frage auf Zeit.Online mit einem einfachen Artikel über ein längst abgearbeitetes Problem.

Die Perversion von Politik und Kunst

Aber das ist auch nur einer der Punkte.
»Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Die CDU schüchtert zusammen mit der AFD und Neonazis eine Kultur- und Bildungsstätte ein, um ein Konzert von uns in Dessau zu verhindern.
Sie greifen in Programmentscheidungen von einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt ein. Die CDU in Sachsen-Anhalt betreibt in diesem Punkt nichts anderes als einen Schulterschluss mit AFD und Nazi-Kameradschaften.«

Feine Sahne Fischfilets auf Facebook

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6 Kommentare zu Kurz und dreckig 63

  1. Publicviewer sagt:

    Mit “Conchita Wurst” fing alles an. 😉

  2. Hagnum sagt:

    Moin,

    der Locus ist in die Bayernvertretung eingezogen.Der Locus wird 81jährig
    Alterspräsident.Hat die meisten Erststimmen aller FDPler erhalten.
    Der Locus schraubt gerade an seiner Eröffnungsrede, der alte RECHTSliberale.

    Es fügt sich alles.

  3. Juri Nello sagt:

    Es gibt einfach zu wenig Gewalt auf der Welt.

  4. Pingback: Werch ein Illtum | dame.von.welt

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