Kurz und dreckig 57

»Die vorhandenen Systeme werden sowohl in den Einsätzen als auch in einer Vielzahl von einsatzgleichen Verpflichtungen benötigt. Damit gehen stark erhöhte Anforderungen an Ausbildung und Übungen im Grundbetrieb einher. Insbesondere die gestiegenen Verpflichtungen im Rahmen NATO Response Force und enhanced Forward Presence sind ursächlich für eine deutlich zunehmende Nutzung des Materials. Die vorgeschaltete Ausbildungs- und Übungstätigkeit führt zu einer häufigeren und intensiveren Nutzung der Waffensysteme.«

Ja, die Bundeswehr hat’s nicht leicht! Wer konnte damit rechnen? Daß auch Waffen eine endliche Lebensdauer haben, ist bekannt. Wenn ein Pilot im Ernstfall die durchschnittliche Überlebenszeit von 2 Wochen hat – warum soll sein Gerät 12 Jahre halten? Oder nur eines? Oder auch nur – aus Sicht des Pazifisten natürlich die Ideallösung – überhaupt ausgeliefert werden?
Der Bericht zur Materiallage der Hauptwaffensysteme des laufenden Jahres liest sich wie eine überdrehte Satire. Die Einsatzbereitschaft des Geräts steigt mit ihrem Alter. Während das alte Eisen der 60er und 70er Jahre noch halbwegs funktionstüchtig zu sein scheint, werden modernen »Superwaffen« offenbar – wenn überhaupt – bereits unbrauchbar ausgeliefert. Von den sechs bei der Bundesmarine im Dienst stehenden U-Booten des Typs 212A sind momentan genau 0 Stück einsatzfähig (»Durch seine Brennstoffzellentechnologie und seine Stealth-Außenhaut ist das U-Boot fast nicht zu entdecken.« Außer im Trockendock – da wirkt das Wundermittel nicht).
Der Kampfhubschrauber ‘Tiger’ kommt auf eine durchschnittliche Einsatzbereitschaft von 31% des Gesamtbestandes von 52 Stück. Prozentual sieht es beim Transporthubschrauber Sea-King MK41 ähnlich aus, mit dem Unterschied, daß dieser bereits seit 1975 bei der Bundeswehr im Einsatz ist. Seine Piloten sind also deutlich jünger als ihr Gerät. Ersatzteile gibt es schon lange nicht mehr und wie die Einsatzbereitschaft dieses Musters überhaupt aufrechterhalten kann, wissen wohl nur die Mechaniker. Vermutlich durch ‘kannibalisierung’ des fluguntaugliche Restbestandes. Das ist bei diesem Muster tatsächlich ärgerlich, da er eine wichtige Funktion im zivilen Verbindungsdienst Land/See sowie im Such- und Rettungsdienst (SAR) ausfüllt. Sein Nachfolger NH90 gilt 20 Jahre nach seinem Erstflug immer noch als nicht einsatzfähig.

Gut dagegen sieht es bei Geräten wie den Panzern ‘Fuchs’ und ‘Marder’ aus: Qualität seit 1968 (1971)! Der 8,85 Millionen Euro teure Nachfolger ‘Puma’ (Vorserienfahrzeug 2009 geliefert, formale Übergabe an die Bundeswehr 2015) gilt als ‘nicht einsatzreif’, interessanterweise u.A. wegen der Nichtverfügbarkeit von Dokumentationen und Ersatzteilen. Vergleiche mit der Werks-Unterstützung vom iPhone 5 und ähnlich ‘veralteten’ Geräten drängen sich auf. »Industrie 4.0« funktioniert vielleicht bei Yoghurt und OBI-Bohrmaschinen; bei Diesel-Katalysatoren und und Schießprügeln sind die Defizite unübersehbar. Nicht nur beim ‘Puma’ reicht es dagegen auch nur fürs »jetzt helfe ich mir selbst«-Heftchen.

Das Un-Wort ‘Fähigkeitslücke’ bekommt einen neuen Sinn. Nicht mehr die Unfähigkeit, den Wetterbericht zu lesen (»…können die Soldaten nicht mit ausreichend Schutzwesten, Winterbekleidung und Zelten für ihren Einsatz bei der Schnellen Eingreiftruppe der Nato ausgestattet werden«), sondern die, das Kriegsspielzeug überhaupt zu bauen und zu liefern. Erinnert sich noch jemand an Verteidigungsminister de Maizière und die Untauglichkeit der milliardenteuren Drohnen? Oder an den alten Namen des Pannenfliegers Eurofighters? Jäger 90! Oder dem todsicheren Rat, ein brauchbares Flugzeug zu bauen: Mache absolut alles außer der puren Technik anders als den Transporter A400M!

Nach dem gigantischer Offenbarungseid des Berichtes der Bundesregierung liest sich die geplante Erhöhung des Kriegsetats, beschlossen in den letzten Koalitionsverhandlungen, wie ein Penis-Witz am Stammtisch. Ein bedingungsloses Grundeinkommen für Airbus, Rheinmetall und Heckler&Koch.

Es cybert mal wieder gewaltig! Der Russe schickt nicht nur seine Peitsche in Form von Tief Hartmut (allein die Namensgebung zeigt in Richtung Erzfeind!), sondern sucht Geheimnisse im Intranet der Bundesregierung. Man kann nur hoffen, daß die Enttäuschung nicht zu heftig war.
Eine Meldung von DPA und dem BSI wird wortgetreu in allen Gazetten und nachfolgend falsch abgeschrieben bei allen russophoben Trollen wiederholt: Der Russe cybert kaltkriegig, wenn nicht schlimmeres. Da kommt es schon mal zu so kryptischen Sätzen wie »Es gebe zwar “hinreichende Beweise”, dass die russische Hackergruppe ‘APT28’ Kontakte zum russischen Geheimdienst habe. Man müsse aber auch untersuchen, ob andere Hacker “auf dem Ticket von ‘APT28’ fahren, obwohl es gar nicht Russland ist»

»Ausländische Hacker sind nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur in das bislang als sicher geltende Datennetzwerk des Bundes und der Sicherheitsbehörden eingedrungen.«
Jeder, der erfolgreich eine AVM-FRITZ!Box an seine Telephondose geschraubt hat, stolpert jetzt wahrscheinlich über »bislang als sicher geltende Datennetzwerk«. Zu Recht! Angefangen von den Usern dieses Neulandes, die nicht wissen was ein Browser ist und verschlüsselte E-Mails verbieten wollen bis zur anlasslosen Massenüberwachung von Mobil-Telephonen. So sicher kann ein Netz gar nicht sein. Und wenn es dann Laptop und Lederhose trifft, war’s eben der Russe.
Es ist so öde! Selbst »Cyber-Sicherheitsexperte Sandro Gaycken« in der Tagesschau zeigt sich mehr als bedeckt.
Frage: »Bislang hießt immer, die deutschen Regierungsnetze seien sicher. Hat uns die Bundesregierung da vielleicht was vorgemacht?«
Gaycken: »Ja, ich weiß auch nicht, wer da was aus welchem Katalog abgeschrieben hat, aber in Fachkreisen gelten die Regierungsnetze nur als ‘etwas sicherer’ als andere. Aber für professionelle Hacker ist es kein Problem da reinzukommen«.
Ein interessanter Nebensatz Gayckens für die Verbesserung der Sicherheit lautet dann auch »Es gibt auch verschiedene andere Maßnahmen, weitestgehend nichttechnische Maßnahmen…«, leider ohne konkreter darauf einzugehen. Es kann sich nach Lage der Dinge aber nur um erzieherische Maßnahmen der unzurechnungsfähigen Benutzer handeln.
Bis sie es begriffen haben, war es eben der hoodietragende Russe.
P.S: Der Hack auf das deutsche Außen- und Verteidigungsministerium soll nach Angaben des Tagesspiegels bereits seit einem Jahr laufen. Die Abgeordneten erfuhren davon aus der Presse. »Wir können bestätigen, dass derzeit durch das BSI und die Nachrichtendienste ein IT-Sicherheitsvorfall untersucht wird, der die Informationstechnik und Netze des Bundes betrifft«. Selbstverständlich vollkommen ergebnisoffen.

Himmel – ist das alles langweilig! Ich geh dann lieber mal mit dem Hund.

Zum lesen 1: Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren

Zum lesen 2: Iran – alte Nation, neue Gesellschaft

Dieser Beitrag wurde unter irgendwas abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

26 Kommentare zu Kurz und dreckig 57

  1. Pjotr56 sagt:

    Vorschlag: Deutschland tritt aus der Nato aus, die Bundeswehr wird aufgelöst. Deutschland unterhält eine russenpeitschenbewährte, tropenkeulenaffine, regenduschentaugliche militärische Einsatzgruppe, die ausschließlich, d.h. ohne jede Ausnahme – BASTA! – , unter UNO-Mandat weltweit eingesetzt werden darf.

    Zur – nichts genaues weiß man zwar nicht – russischen/putinschen Penetration des als sicher geltende Datennetzwerk des Bundes und der Sicherheitsbehörden: http://blog.fefe.de/?ts=a4681be4

    OT: Gibt es Lösungen zur hardwaregestützten Minderung der mittels Schummelsoftware genannten Betrugssoftware in Dieselfahrzeugen verursachten Umweltprobleme?
    Ja (via rume.de): https://www.autozeitung.de/euro-6-nachruesten-183792.html

    • Pantoufle sagt:

      Moin Pjotr56

      »Deutschland tritt aus der Nato aus, die Bundeswehr wird aufgelöst.«
      Kann man natürlich fordern. Wird aber nicht passieren, selbst wenn man sich vor Wut sogar ein Plakat gemalt hat.
      Sehen wir es wie es ist: Es ist in absehbarer Zeit keine politische Konstellation oder ein Ereignis vorstellbar, das die Verhältnisse in der BRD auch nur im kleinsten zum Besseren wendet. Weder beim ÖVP noch beim NATO-Austritt. Astro-TV wird nicht verboten noch die AFD. Nichts dergleichen wird passieren. Im Moment ist man vollständig damit beschäftigt, den Russen bei Youtube zu bekämpfen.

      Zum Baumot-Dieselcat: Das erinnert mich etwas an den ‘Wurm-Cat’, die Älteren werden sich vielleicht erinnern. Wenn die Massenhersteller sich nicht kümmern, findet sich vielleicht ein Kleinunternehmer, der sogenannte richtende Markt. Nun ist es aber, daß die von den Massenherstellern diktierte Gesetzeslage so ist, daß sich solche Lösungen bestenfalls auf einer Insel verbreiten können. Das ist der Unterschied zwischen BMW und Wurm: Wurm muß nachweisen, daß seine Lösung tatsächlich funktioniert und keinerlei Nebenwirkungen hat.
      Auf der anderen Seite ist es doch aber auch so: Die Massenhersteller sind ja durchaus in der Lage, diese Grenzwerte zu realisieren. Sie standen ja auch im Katalog. Sie müssen nur die entsprechenden Katalysatoren nachrüsten. Auf eigene Kosten natürlich – oder bei Licht betrachtet: Das Bestellte auch liefern. Eigentlich ganz einfach – bei IKEA funktioniert das oder auch bei jedem Handwerksbetrieb.

      • Pjotr56 sagt:

        Moin Pantoufle,
        “Es ist in absehbarer Zeit keine politische Konstellation oder ein Ereignis vorstellbar, das die Verhältnisse in der BRD auch nur im kleinsten zum Besseren wendet.”
        Wie recht du hast! Aber die Konsequenz kann – zumindest für mich – nicht darin bestehen aufzugeben, zu resignieren.

        Auch nicht darin, dass ich diese ganze Querfront-Spalter Scheiße kommentarlos giften lasse.
        Wer auch nur einen Buchstaben in die Tastatur kloppt, um darzulegen, dass Müller, Mausfeld, Flassbeck, Fitz, Jebsen und wie sie alle heißen, ein Problem sind hat ein Problemerkennungsproblem und sollte sich besser nicht mit der Lösung von Problemen beschäftigen.

        “Frieden ist nicht alles, aber alles ist nichts ohne Frieden” (Willy Brandt) – müsste für jeden denkenden Deutschen nach 1945 die Maxime lauten, meine ich.
        Als es früher* immer hieß “Ich muss zum Bund” hieß, war Tacheles angesagt: N’ Scheiß musst du!
        (*als die Wehrpflicht noch nicht ausgesetzt war, abgeschafft ist sie nach wie vor nicht)

        “Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen.” (Jean Jaurès)
        In ganz dunklen Augenblicken fürchte ich, dass die Deutschen vielleicht mal wieder in ihren zerbombten Behausungen vor sich hin vegetieren müssen, ohne Nahrung und sauberes Wasser, ohne medizinische Hilfe – ohne Hoffnung auf all das.

        2018 – 75 Jahre Ende der Schlacht von Stalingrad,
        zwei lesenswerte Texte:
        http://www.nachdenkseiten.de/?p=42290
        https://germania.diplo.de/ru-de/aktuelles/-/1224282

        Beim Diesel Betrugsskandal (das war kein schummeln, sondern Betrug!) hoffe ich, dass die horrenden Wertverluste der Autos in der Öffentlichkeit Wirkung zeigen.
        Allein bei VW betrug 2017 der Gewinn vor Steuern 7,1 Milliarden Euro, nach Steuern 5,1 Milliarden Euro.

        Aber, was sagte nochmal Albert Einstein zur Unendlichkeit?

        Übrigens, den Steuertrickser IKEA (und die anderen auch) kann man ohne jeden Verlust an Lebensqualität boykottieren.
        Zuverlässige Handwerker vor Ort sind dagegen unentbehrlich.

  2. Der Duderich sagt:

    “»Es gibt auch verschiedene andere Maßnahmen, weitestgehend nichttechnische Maßnahmen…«

    Ich glaube, damit sind eher so archaische Altertümchen wie Zettel und Stift gemeint. Notizblöcke können nämlich seltsamerweise immer noch nicht gehackt werden.
    Die Hacksoftware ist dahingehend nicht wirklich abwärtskompatibel.
    Mein Vorschlag: Taubenschlag im Bundestag!

  3. DasKleineTeilchen sagt:

    doesnt matter at all anymore; mit der bekanntgabe der russischen version des projekts “pluto” (https://en.wikipedia.org/wiki/Project_Pluto) bestätigt “der russe” quasie jegliche “westliche” propaganda:

    Putin claimed that, late last year, Russia had successfully tested a cruise missile that was propelled by a nuclear-powered engine. This engine gave the cruise missile an effective unlimited range, he said, distinguishing it from existing cruise missiles that typically have a range of about 600 miles. The missile would be able to fly close to the ground and follow an unpredictable flight path, rendering existing missile defenses “useless,” Putin said

    https://www.washingtonpost.com/world/europe/putin-claims-russia-has-nuclear-arsenal-capable-of-avoiding-missile-defenses/2018/03/01/d2dcf522-1d3b-11e8-b2d9-08e748f892c0_story.html

    diese waffe ist jenseits allem, was man mit genug euphemismus noch als “strategisch vernünftig” bezeichnen würde, in einer liga mit der “weltvernichtungsmaschine” der russen in dr. strangelove. kompletter. irrsinn.

    es ist bezeichnend, daß der spon-artikel dazu auf die technischen details nicht mal im ansatz eingeht.

  4. ein anderer Stefan sagt:

    Zur allgemeinen Überraschung aller Militärexperten braucht man mehr Material, wenn man mehr Kriege führt bzw. vorbereitet. Nein! Doch! Oh! Und zur noch größeren Überraschung machen die Konzerne, was sie immer machen: den Staat (vulgo Steuerzahler) doppelt und dreifach schröpfen und Betrug und Schrott abliefern, egal ob bei untauglichem Militärmaterial oder bei Betrugssoftware in Autos. Und wer soll sich bitte über Sicherheitslücken in Datennetzen aufregen, wenn die Geheimdienste die Sicherheitslücken lieber ausnutzen, statt sie abstellen zu lassen. Von der Unfähigkeit der Nutzer mal ganz zu schweigen.

    • Pantoufle sagt:

      »…doppelt und dreifach schröpfen und Betrug und Schrott abliefern«

      Wohl wahr! Von der Schlagbohrmaschine bis zum Rasenmäher.
      Vielleicht sollte man die europäischen Rüstungskonzerne vor Aufgaben stellen, denen sie gewachsen sind. Zum Beispiel die Schaffung der iMace. Vernetzt und mit USB-Anschluß, Erst-, zweit- und drittschlagsfähig – auch in asymetrischen Konfliktsituationen. Mobil, robust, vielseitig und funktional, mit einer Watfähigkeit von mindestens 56cm und auch in tropischem Klima voll einsatzfähig. Veränderte Anforderungen und neue Waffensysteme erforderten innovative Wege, deswegen auch mit Schutzhülle im Tarnlook der Saison lieferbar!

      • ein anderer Stefan sagt:

        Was mich an das Einstein zugeschriebene Zitat erinnert: “Egal, welche Waffen wir im dritten Weltkrieg verwenden, hinterher nehmen wir Stöcke und Steine”. Im Übrigen bin ich zuversichtlich, dass es dazu nicht kommt – die Menschheit ist gerade dabei, ihre Existenzgrundlage im Namen des Profits das Klo runterzuspülen, damit der Klohersteller noch was verdienen kann. Gut, dabei sind Konflikte abzusehen, wenn den ersten das Wasser bis zum Hals steht. Schaun mer mal, wann die Kriege nicht mehr um Öl, sondern um Wasser geführt werden – lange kanns nicht mehr dauern.

  5. OldFart sagt:

    Wg. Cybercyber, die Russen mal wieder:

    Der Hinweis auf die dezente Zurückhaltung des “Cyberexperten” Sandro Gayken sollte deutlicher unterfüttert werden. Das hat nämlich eine Qualität, die völlig übersehen wird.

    Der Mann ist Direktor des “Digital Society Institute”, eine Agenda-Schmiede, die von 25 Großunternehmen und Interessensverbänden gegründet wurde und finanziert wird:

    Airbus Group, Allianz SE, Axel Springer SE, Bayer AG, Bayerische Motoren Werke AG, Bundesverband der Deutschen Industrie e.V., Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände e.V., Daimler AG, Deutsche Bank AG, Deutsche Lufthansa AG, Deutsche Post AG, Deutsche Telekom AG, E.ON SE, GAZPROM Germania GmbH, HypoVereinsbank – UniCredit Bank AG, innogy SE, KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, MAN SE, McKinsey & Company Inc., Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft AG, Robert Bosch GmbH, SAP SE, Siemens AG, The Boston Consulting Group, thyssenkrupp AG

    Aufgabe dieses “Instituts” ist es

    1. Führungskräfte und Manager gegen teuer Geld im (Cyber-)Bullshitbingo zu briefen, so daß sie Kompetenz simulierend mitschwafeln können. Kostprobe:

    https://www.esmt.org/executive-education
    https://www.esmt.org/digitalization-and-innovation-executives

    2. Eine Plattform umd ein Biotop für die einschlägigen Protagonisten des Überwachungs-, Repressions- und Militärapparates zu bieten, wo sie ihre dystopischen Projekte im seriös daherkommenden Umfeld eines “wissenschaftlichen Institits” präsentieren können. Kostprobe:

    https://www.heise.de/newsticker/meldung/Neuer-Vorstoss-zur-Vorratsdatenspeicherung-gegen-Hacker-und-Cyberangriffe-geplant-3097480.html
    https://www.heise.de/newsticker/meldung/Sicherheitskonferenz-Chef-Ischinger-fordert-Fakten-Ombudsmann-fuers-Netz-3097464.html
    https://press.esmt.org/alle-pressemitteilungen/new-affiliate-clemens-binninger-supports-digital-society-institute

    (Einschub: Ja, letzteres ist DER Binninger, der NSA- und NSU-Untersuchungsausschuss als Vorsitzender hat im Sande verlaufen lassen und in erster Reihe an BSI- und BKA-Gesetz mitgewirkt hat)

    So, wenn also jemand wie Sandro Gayken, der dermaßen arriviert in voller Körperlänge im Enddarm ebendieser Protagonisten steckt, tatsächlich leise Zweifel an der uns präsentierten Legende artikuliert, dann sollte jedem klar sein, daß es keine komplettere Demontage der Story geben kann. Das, was uns diese Politbande da erzählt, läßt den Baron von Münchhausen wie einen langweiligen Faktenerzähler aussehen.

    Elaborierter, zielgerichteter Cyberangriff der Putin-Horden in hochsichere Netzwerke. Ja, klar. Völlig ausgeschlossen, daß da irgendwelche inkompetenten und ignoranten, mit Anweisungsbefugnis gegenüber der IT ausgestatteten Politdeppen bei offensichtlich dubiosen Mails irgendwelche Mailattachments im MS-Office-Format mit eingebetteten Makros anklicken, nicht wahr? Wer auch nur ein bißchen Einblick in politisch geführte Organisationen hat, weiß ganz genau, was mit weitestgehend nichttechnischen Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit gemeint ist. Da hat sich der Herr Gayken für seine Verhältnisse schon sehr sehr deutlich aus dem Fenster gelehnt. Das hat in etwa die Qualität, wie wenn der Papst zu bedenken gibt, daß an der Jungfrauengeburt der Maria möglicherweise Zweifel nicht völlig von der Hand zu weisen sind.

    • Pantoufle sagt:

      Huiuiui! Mir war Name ‘Sandro Gayken’ dunkel aus dem Dunstkreis des CCC in Erinnerung. Daß er sich allerdings nur noch Sprachschöpfungen widmet, war mir entgangen. »Leadership und gesellschaftliche Verantwortung, europäische Wettbewerbsfähigkeit und Technologiemanagement. […] Together with our clients, we analyze a company’s needs to design a learning content that will achieve the particular objectives. « Mit Diplom.
      Das hat man nun davon, bei solchen Beiträgen von Heise immer nur weiterzuklicken: »Es könne nicht sein, sagte der Konzernvertreter (Ralf Schneider CEO der Allianz) , dass Unternehmen riesige digitale Welten aufbauten und jemand diese “schnurstracks einfach zerstören kann”. Durch Datei-Anhänge zum Beispiel.

      Aber die Zeit hackt voran. Mittlerweile ist es bereits Turla, die dritte Hackergruppe, nach APT26 und Snake. Aber eine wie die andere von Putin© gesteuert und finanziert, vahstehtsich. Presseberichte darüber grenzen nach Einstellung der CDU an Geheimnisverrat (lieb Vaterland) – als würde es keine europäische Meldepflicht bei Einbrüchen in die IT-Struktur geben.
      Warum eigentlich der Russe oder Chinese? Das muß wohl mit der Vorstellung zusammenhängen, daß eine riesige (von der heimischen Industrie noch zu erstellende) Infrastruktur für solche Angriffe nötig ist und nicht eine Schublade voller Laptops ausreicht, um das supergeheime, todsicher Netz der Bundesregierung zu cybern. Na ja – auch wenn ich mir unter ‘open Data’ immer etwas konkreteres vorgestellt hatte. Es ist schon der richtige Schritt in die richtige Richtung.

      Was wir über den russischen Virus wissen:

      Edit: Welcher Russe steckt dahinter?

      ‘Quelle’: Tagesschau

      • OldFart sagt:

        Ob beim ARD irgendjemand beim Runterschreiben der Pamphlete auch mal eine Sekunde nachdenkt?

        Beide Zitate wörtlich und von derselben Seite:

        “Der IVBB arbeitet als Netzwerk komplett getrennt vom öffentlichen Internet.”
        […]
        “Experten des BSI sind momentan damit beschäftigt, den Internetverkehr zu durchforsten, der von den betroffenen Netzwerken ausging.”

        Finde den Fehler.

    • OldFart sagt:

      Der Gaycken wird, als systemkonformer Cyberexperte, gerade im ÖR rumgereicht. Der DLF führt ihn so ein: “IT-Sicherheitsexperten und NATO-Berater Sandro Gaycken von der European School of Management und Technology in Berlin”. Das finde ich noch nett formuliert, aber deutlich offener und ehrlicher, als ARD und ZDF, die ihn nur als “Experten” titulieren und seine Interessengebundenheit verschweigen.

      http://www.deutschlandfunk.de/hacker-angriff-it-experte-im-potenzial-aequivalent-zu-einem.694.de.html?dram:article_id=411978

      Aber auch dort läßt er sich nicht auf die unfundierte Attributierung ein. Das ist für jemand dieser Interessenlage schonmal was und zeigt doch, wie hanebüchen der Scheiß ist, der uns da aufgetischt wird.

      Es wäre natürlich noch besser, wenn er darauf hingewiesen hätte, daß NSA und CIA nicht nur jede Menge digitaler Angriffswerkzeuge fix und fertig haben, sondern sich die auch noch haben klauen lassen und damit einschlägige Verwüstungen angerichtet wurden. Stichwort Wannacry. Und mit Vault 7 kennen wir auch deren Werkzeuge zur automatischen Generierung falscher Beweise. Da könnte man doch mal fragen, inwieweit diese oder vergleichbare Dinge jetzt vielleicht zum Einsatz kommen, wieso staatliche Organisationen Sicherheitslücken zu ihrem Vorteil verschweigen und ausnutzen (Zitis, Staatstrojaner) und ob das Schaffen der Geheimdienste des Wertewestens wirklich so zu unserer Sicherheit beiträgt. Aber das wäre dann doch zuviel für einen systemkonformen Experten.

  6. Hagnum sagt:

    Moin,

    so, der Herr Gayken gibt also für Führungskräfte Marquard-Seminare?
    Kompetenz simulieren lernen, also die Fähigkeit der Inkompetenzkompensationskompetenz erwerben.

    Ich wollte hier nur noch mal an den feinen Begriff und seinen Schöpfer, Odo Marquard erinnern.

    lg

    • Pantoufle sagt:

      »Gott muß – zugunsten seiner Güte – aus der Rolle des Schöpfers befreit, ihm muß – zur Rettung seiner Güte – sein Nichtsein erlaubt oder gar nahegelegt werden.«
      Odo Marquard

      Besten Dank! Das scheint eine amüsante Leseempfehlung zu sein.

  7. … und natürlich CYBERN die Amis und die Briten und die Deutschen auch in Russland 😉
    nur der Putin hängt’s natürlich nicht an die große Glocke 😉

    LG, Hiltrud

    • Pantoufle sagt:

      Moin Calotta (!) und herzlich willkommen bei der Schrottpresse

      Daß die alle im Rahmen ihrer Fähigkeit cybern, ist unbestritten. Nur müssen sie es in diesem Fall deswegen nicht zwangsläufig getan haben. Der Markt für Informationen ist sehr, sehr groß und da können auch Freischaffende mittun. Der mögliche Gewinn steht in keinem Verhältnis zu den Investitionskosten – wie ich bereits gegenüber OldFart anmerkte, kann sich allerdings die Bundesregierung (und andere) natürlich nicht die Blamage erlauben, von ‘Amateuren’ gecybert worden zu sein. Obwohl das nach Lage der Dinge ziemlich wahrscheinlich ist.
      Dazu kommt, daß die Amateure vor allem auf der Opferseite zu finden sind. Die haben ihre Inkompetenz im Punkt IT-Sicherheit bereits so oft unter Beweis gestellt, daß ein ‘sicheres Netz’ mit solchen Kunden ein Ding der Unmöglichkeit ist. Sicherheit ist in diesem Fall eben keine technische, sondern eine psychologische Frage.
      Und wenn man gegen einen Drachen kämpft, macht sich das natürlich besser, als wäre dem Schwerthieb nur eine Eidechse zum Opfer gefallen. Zutiefst menschlich!

      »Oft wird behauptet, dass die Angreifer “extrem professionell” vorgehen würden, so dass man sich gar nicht schützen könne. Eines der wenigen öffentlich bekannten Dokumente – die Analyse des Hacks der Linksfraktion im Bundestag aus dem Jahr 2015 – zeigt aber: die Angreifer (angeblich die berüchtigten von APT28) waren eher amateurhaft unterwegs und nur erfolgreich, weil die Server-Administratoren noch laienhafter agierten.«

      Alvar Freude

  8. Pantoufle sagt:

    Halb OT:

    Die nächste Bundesregierung (Oktober 2018) bekommt vermutlich nun doch ein Ministerium fürs digitale. Im Gespräch ist der Dirndl-Vamp Dorothee Bär (CSU). Erben wird Frau Bär von ihrem Vorgänger Dobrindt einen Verbund, der sich gemäß einer kleinen Anfrage der Grünen-Abgeordneten Anne Christmann wie folgt aufteilt:
    Verteilt auf 14 Bundesministerien arbeiten 482 Mitarbeiter in 244 Teams in 76 Abteilungen. Also durchschnittlich die Personalstärke von 6,34210526316 Abteilungsangehörigen der physikalischen Größe ‘Team’ von 1,97540983607 ( = 1 Dobrindt).

    Es gilt, Großes zu erschaffen:

    »Intelligente emissionsarme Mobilitätslösungen in Städten – damit befasst sich der 3rd DATA-RUN, für den die Parlamentarischen Staatssekretärin Dorothee Bär, am 2. März 2018 den Startschuß geben wird. 24 Stunden lang entwickeln Programmierer und Gründer innovative Lösungen rund um die Mobilität 4.0. Für den Hackathon stellen das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) und seine nachgeordneten Behörden sowie die Städte Berlin und Bonn Datenschätze offen zur Verfügung. Das Spektrum der Daten umfasst beispielsweise aktuelle Wetterlagen und Verkehrsmeldungen sowie Fahrplandaten von Verkehrsverbünden, Parkhausbelegungen, Fahrradzählungen oder Standorte von Carsharing- oder Elektroladestationen in beiden Kommunen.«

    Bär:

    »Wir wollen unsere Datenschätze auch für saubere Luft in Städten einsetzen. Mit dem 3rd DATA-RUN bieten wir ein Experimentierfeld, um digitale Ideen für eine intelligente Mobilität mit weniger Emissionen zu entwickeln. Dafür stellen wir eine einzigartige Kombination aus Daten von Bund und Kommunen bereit.«

    Pressemitteilung des BMVI

    Preisfrage: Welche Person fällt einem beim Stichwort ‘CSU’ sofort ein, mit der man den Begriff ‘IT-Kompetenz’ verbindet.

    • OldFart sagt:

      Zur Preisfrage: Schwierig, die ham so viele Experten, auch in Sachen IT.

      Der mit dem Haargel? Der ist seit 2011 schließlich EU-Berater für sowas. Der mit der AOK-Brille und den mutigen Sakkos? Der kennt sich mit jeder Autobahn aus, auch solchen für Daten, wie er mit der Breitbanderschließung gezeigt hat. Der andere mit der AOK-Brille und dem guten Draht zur NSA? Der kann IT-Probleme einfach für nicht existent und obendrein beendet erklären. Oh, Letzterer ist von der CDU, denn könnwer dann schonma streichen. Ich kann diese ganzen Experten echt nich mehr auseinanderhalten.

      Choose your poison.

      • Pantoufle sagt:

        Mann ey!!! Doro Bär natürlich! Politik 4.0, 24 Stunden Zeit die Mobilitätsfrage (4.0) zu lösen! 3rd DATA-RUN, und Datenschätzchen.

        Ich wühle mich gerade durch Tonnen von Bullshitbingo. Man muß eigentlich nur ‘4.0’ googeln. Unfassbar!

        Edith:

        Berechtigte Frage
        Neulich im Bus, zwei Sitzreihen hinter mir, disst ein Kind ein anderes: »Wie kann Gott zulassen, daß du so dumm bist?!« Da wußte ich, daß die Theodizee heute so aktuell ist wie eh und je.
        Wanja Lindenthal

      • OldFart sagt:

        Das ist das Schöne an sich selbst maßlos fehleinschätzenden Überzeugungstätern ohne rechtliche Haftbarkeit für ihr Treiben. Was sie anpacken fliegt ihnen (nein, eigentlich uns) um die Ohren. Wir bezahlen für den Schaden und auf gehts ins nächste Zukunftsprojekt. Ich sehe den steten Aufwärtspfad der permanenten Verbesserung unseres Lebens förmlich vor mir.

  9. ein anderer Stefan sagt:

    Eigentlich muss man bei diesem Mist die ganze Zeit lachen, um nicht in tiefste Verzweiflung zu verfallen.

    Ich finde es übrigens bemerkenswert, wie alle bei der SPD auf die Personaldebatte verweisen und das als überflüssig bezeichnen, man möge sich doch auf Sachthemen konzentrieren. Dass in der Union die “Enttäuschung” über entgangene Ministerposten groß ist und mit der Personalie Bär das große Postengeschacher in eine neue Runde geht (nebenbei bemerkt, wird offenbar eine Zustimmung der SPD zur KleGroKo vorausgesetzt), interessiert wieder kein Schwein. Fachkompetenz ist ja sowieso kein Thema, was ja auch verschmerzbar wäre, wenn es 1. genügend Fachleute in den Ministerien gäbe, 2. und auf diese dann auch mal gehört würde. 1. kann ich nicht einschätzen, aber zumindest was Digitales angeht, strotzen öffentliche Verwaltungen im Allgemeinen nicht vor Kompetenz, dafür die Ministerien umso mehr vor Lobbyisten, die solchen “neumodernen Krams” zugunsten veralteter Technologien so lange wie möglich blockieren. Zu 2. muss ich wohl nichts sagen – wenn die Herrschaften es nicht mal auf die Reihe kriegen, die Anweisungen bezüglich Datensicherheit zu befolgen und die lieber per Ordre de Mufti außer Kraft setzen (oder stumpf ignorieren), kann man sich den Rest denken.

  10. OldFart sagt:

    So, wir können jetzt das mit dem Russen-Cyberangriff für beendet erklären. Die Bundesanwaltschaft nimmt Ermittlungen wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit auf. Kennenwirschon. Die wird dann wie gewohnt feststellen, daß es nicht die NASA war und den Fall abschließen. Ende gut, alles gut.

    Jenen Vaterlandsverräter, der das Ganze der Presse gesteckt und unsere komplette hochqualifizierte Cybersecurity von Verfassungsschutz, BSI und Cyberabwehrzentrum dermaßen blamiert hat, den will man schon noch aufknüpfen.

  11. Der Verteidigungetat lag 2014 bei 32,97 Milliarden Euro, hat sich seit 1999 mehr als verdoppelt. Zwischen 2006 und 2014 sind das 219,34 Milliarden. Man fragt sich, wo das Geld geblieben ist. Da hatten doch sicher wieder diese Putintrolle ihre Finger im Spiel. Aber egal. Als Kriegsdienstverweigerer und Pazifist freue ich mich natürlich über Ausrüstungsmängel der Bundeswehr, finde aber die Witzeleien in allen Medien unangemessen, weil es letztlich darum geht, die Erhöhung des Verteidigungsetats zu legitimieren. Ich habe ein Déjà-vu, denn schon 2014 waren die Ausrüstungsmängel ein Thema, wurden wir mit medialer Kriegspropaganda überschwemmt, wurde gefaselt von der neuen kriegerischen Verantwortung, die Deutschland übernehmen müsse. Plötzlich kamen die Nachrichten von Ausrüstungsmängeln bei der Bundeswehr auf den Tisch. Keine Zeitung, keine Nachrichtensendung ohne neue Hiobsbotschaften von fluguntauglichen Hubschraubern, veralteten Transportmaschinen, von einer nicht einsatzfähigen Bundeswehr. Die Journaille reagierte schon damals besinnungslos und reichte als Fakt weiter, was ebenso gut von den PR-Abteilungen der Bundeswehr oder der Waffenindustrie lanciert sein könnte.

    Schon die Plötzlichkeit, in der diese „Informationen“ regelmäßig aufkommen, ist verdächtig, denn die Bundesregierung und ihre Sprachrohre sind ja nicht erst gestern von hinterm Mond eingewandert und stellen jetzt fest: „Huch, hier bei der Bundeswehr ist ja noch immer alles kaputt!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.