Kompetenz, geballt

Es rutschte gerade noch auf den Gabentisch: Frau Dorothee Bär (CSU) will die Regeln zum Datenschutz anpassen. Patientenakten sollen jetzt auch für unterbemittelte Script-Kiddys leichter lesbar werden.

»Wir brauchen eine digitale Anwendung, am besten für das Smartphone«.

Sicherer ist die Gesundheitskarte kaum vorstellbar.

»Wir haben in Deutschland mit die strengsten Datenschutzgesetze weltweit und die höchsten Anforderungen an den Schutz der Privatsphäre. Das blockiert viele Entwicklungen im Gesundheitswesen, deshalb müssen wir da auch an der einen oder anderen Stelle abrüsten, einige Regeln streichen und andere lockern«

Das sagte Frau Bär gegenüber der Welt am Sonntag. Das muß sie sagen, weil a.) die Welt am Sonntag neben der Bildzeitung das einzige Medium sein dürfte, wo man so einen Quark unwidersprochen abdruckt und sie b.) Staatsministerin für Digitalisierung bei der Bundeskanzlerin im Kabinett Merkel IV ist. Als dritter Punkt dürfte auch ihre Funktion als Beirat in der Rhön-Klinikum AG eine Rolle spielen.

Wir erinnern uns: Alexander Dobrindt war der Vorgänger Bärs im Bereich des digitalen und auch damit überfordert. »Wir brauchen eine digitale Staatsministerin, am besten mit Smartphone« lautete die Forderung der CSU und *schwupps* war Doro in Amt und Würden. Nichts beschreibt die Wertschätzung der Bundesregierung gegenüber der Digitalisierung besser als diese Personalie.
Es gibt (leider nur noch bis zum 5.3.2019) ein Interview des ZDF Heute-Journals, das ihre ersten Sprechversuche dokumentiert. Dieser einfühlsamen Charakterstudie ist nichts hinzuzufügen, still ins Sofa kuscheln und genießen! 

Wie die Staatsministerin betont, hat »eine Studie der Bertelsmann-Stiftung Ende November ergeben, dass der digitale Fortschritt mit seinen Chancen für die Gesundheitsversorgung bei Patienten in Deutschland längst nicht ausreichend ankomme.«
Diese Studie ist im Netz zu finden und ein gar merkwürdiges Dokument. Geschrieben mit Hilfe kindlicher Intelligenz und einem klarem Auftrag. Hilfreich dabei zu wissen ist, daß die Firma Arvato Systems, die hinter der Totgeburt »Gesundheitskarte« und ihren fortwährenden Sicherheitsmängeln steckt, ein Unternehmensbereich von Bertelsmann ist.

»Dabei ging es nicht einfach nur darum, den Stand der Digitalisierung festzustellen und zu beschreiben: Für den ersten Teil der Studie hat empirica einen speziellen, neuartigen Digital-Health-Index entwickelt. Dieser legt das Augenmerk auf die Strategien, technische Readiness sowie die tatsächliche Datennutzung in den einzelnen Ländern und führt anhand von drei entsprechenden Sub-Indizes zu einer Bewertung jedes Landes und einem entsprechenden Platz im Digital-Health-Ranking.«

Und dazu gibt es klare, eindeutige Handlungsempfehlungen mit auf den Weg, um die »insgesamt bei allem zu zögerlich und zu sehr von Ängsten getrieben(nen)« (Bär) dort abzuholen wo sie gerade herumlungern.

»Entwicklungen Schritt für Schritt angehen: Bei der weiteren Ausgestaltung der Digitalisierung im Gesundheitswesen sollten einzelne Behandlungsbereiche und Prozesse gezielt angegangen werden – in pragmatischen Schritten. Handlungsleitend sollten dabei die erwartete Verbesserung der Versorgung sowie mögliche Effizienzgewinne sein.«

Mit so vielen Worten kann man schlecht noch weniger sagen. Wer sprünge da nicht freudig auf, um in die gefühlte Richtung zu laufen! Und natürlich muß soviel warme Luft an nationaler Stelle konzentriert werden:

»Nationales Kompetenzzentrum etablieren: Entscheidend für eine erfolgreiche Digitalisierung ist die Koordination der Prozesse von zentraler Stelle. Das Kompetenzzentrum sollte verantwortlich sein für die Einbindung bestehender Institutionen, Interessengruppen, Experten und Nutzer sowie für die Standardisierung digitaler Anwendungen und die Definition von Schnittstellen. Es sollte politisch gesteuert und unabhängig von Akteursinteressen getragen werden.«

Man kann suchen solange man will. Diese Studie drischt ausschließlich solch leeres Stroh als ideale Grundlage für Dorothee Bärs Ideen.
Das Gute daran ist: Bär hat hier überhaupt nichts zu entscheiden. Das schlechte: Der tatsächlich Verantwortliche heißt Jens Spahn.

Stichwort Scheibengestalt der Erde! Das Jahr 2018 soll nicht zu Ende gehen ohne meines Helden Mike Hughes zu gedenken. Mike startete am 24. März diesen Jahres mit seiner selbstgebauten Rakete in den Luftäther, um die flache Gestalt unseres Planeten zu dokumentieren. Sein Geschoß startete planmäßig und flog auch ein gutes Stück. Wie man so sagt: Eine glückliche Landung ist diejenige, wenn du auf deinen eigenen Beinen davongehen kannst. Mikes Landung war sehr, sehr glücklich. Es wurden ihm sogar Beine zu Verfügung gestellt, die ihn und seine Bahre davontrugen; immerhin lebend. Leider war die erreichte Flughöhe zu niedrig, um die Scheibe in ganzer Schönheit sehen zu können. Die Erde war danach immer noch rund.
Lange war es etwas ruhiger um den mutigen Raketenpionier geworden. Bis zum 25. November!

Wieder ohne Fahrwerk, Bremsfallschirm und Ersatzrad! Die pure Kraft der Rakete und ein Traum! Ich liebe Mike und hoffe, daß ihm nicht irgend so ein Pfosten einen Flug mit einer schnöden Airline schenkt. Irgend so einen doofen Parabelflug von Küste zu Küste oder auch nur in die nächste große Stadt.

Höher, Mike, höher!

Wir bleiben auf der Erde. »Tausende verpassen Flüge wegen Stau an den Sicherheitskontrollen.« beobachtet der SPIEGEL sehr fein. Es ist nur ein ganz kurzer Artikel, aber durchaus lesenswert.
Also! Weihnachten, 24.Dezember, Flughafen. Zu jedermanns Überraschung herrscht reger Andrang. Wer konnte damit rechnen??? Beginnen wir den Artikel also mit dem sorgsam abwägenden Konjunktiv, der den guten Journalisten von Claas Relotius unterscheidet.

»Grund hierfür sollen überlastete Sicherheitskontrollen gewesen sein.«

Ja, was denn sonst, du Horst? Das sind sie übrigens von Natur aus. Vor allem in Deutschland. Zu weniges unterbezahltes Personal und auf ein hysterisches Horrorszenario eines eingebildeten Terrors gedrillt. Nein, es sind nicht die besten, die sich dort als Handlanger verdingen.

»Üblich seien derzeit 150.000 bis 180.000 Reisende pro Tag.«

An diesem Tag waren es aber knapp 200.000. Also etwa 10% mehr. Dadurch ging das System in die Knie und die Wartezeit erhöhte sich auf 90 Minuten (neunzig Minuten!) Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: ca. 10% über normal und das System kollabiert. Man kann sich glücklich schätzen, daß der Betreiber Fraport keine Bremsen für Autos baut.
Folge davon waren Verspätungen der Flüge. Hmmmm!

»Weil Passagiere nicht rechtzeitig zum Flieger kamen und ihr Gepäck daher wieder ausgeladen werden musste, hoben laut der Fluggesellschaft (Lufthansa) 88 ihrer Maschinen zu spät ab. Die so entstandenen Verspätungen hätten sich auf 16 Stunden summiert.«

Ach, Gepäck ohne Passagiere geht nicht. Passagiere ohne Gepäck aber sehr wohl. Jetzt ist es raus: Der Autor ist noch nie geflogen.

»Die für die Kontrollen zuständige Bundespolizei will einem Sprecher zufolge gemeinsam mit ihren drei Sicherheitsdienstleistern analysieren,…«

Zu spät! Da gibt es nichts mehr zu analysieren. Ein »Sicherheitssystem«, das nur noch um sich selber kreiselt. »Bedrohungslagen« von vollkommener Realitätsferne verbunden mit einem Getue, das an einen Schutzmann des Kaiserreiches erinnert. Diese Harlekiniade an jedem Flughafen mit ihren Bataillonen von Wachtmeistern Alois Dimpfelmoser ist nur noch erklärbar durch die Schockstarre, die das Wort »Sicherheit« mittlerweile auslöst.

Flache Erde und Alois Dimpfelmoser! Um meinen schweizer Lieblingstroll ist es sehr ruhig geworden. Zu ruhig – ich vermisse ihn sehr! Das Geld ging ihm aus und er muß jedenfalls zeitweise wieder einer bezahlten Arbeit nachgehen. Bitter! Sein Wirken ist dadurch praktisch zum Erliegen gekommen. Gränichens Straßenreinigung drückte ihm einen Besen in die Hand und erreichte damit mehr als sämtliche freiwilligen Säuberungsaktivitäten von Facebook und Twitter zusammen.
So einfach kann das gehen!

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5 Kommentare zu Kompetenz, geballt

  1. gnaddrig sagt:

    Tja, Digi-Doro und der Datenschutz. Ich finde es wirklich klasse, wie sie sich für die, hm, Programmiererszene einsetzt und niederschwellige Einstiegsangebote für Nachwuchshacker schafft. Vorsprung durch Technik hieß das mal, oder? Zuviel Datenschutz ist sowieso nicht gut. Erstens zu teuer und zweitens geht es in China doch auch ohne.

    Danke übrigens für die Passagen aus der Bertelsmann-Studie. In der Perfektion sieht man Worthülsen nur noch selten, das hat einen ganz eigentümlichen Charme. Es gibt sie noch, die guten Dinge…

  2. Pantoufle sagt:

    Moin Gnaddrig

    Unverzeihlich! Vollkommen unverzeihlich, daß ich den Link zu dieser Studie vergessen habe! Ist aber nachgetragen, damit man sie in voller Schönheit genießen kann.

    Sie passen sehr schön zusammen, die Flugtaxi-Hubschrauber-Staatsministerin mit ihren Halluzinationen und die Kreativen von Bertelsmann.

    Wobei sich ein tieferer Blick unter die Haube der Bertelsmann-Studie eventuell lohnt. Zum Beispiel ist empirica mit ihrem selbst entwickelten speziellen, neuartigen Digital-Health-Index bisher nicht gerade durch wissenschaftlichen Fleiss aufgefallen. Obwohl durch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur gefördert, gibt es gerade mal eine (1) veröffentlichte Publikation. »Stand und Entwicklungsperspektiven des elektronischen Geschäftsverkehrs in Deutschland, Europa und den USA unter besonderer Berücksichtigung der Nutzung in KMU in 1999 und 2001«Erstellt am: 06.05.2003.

    empirica ist ein Forschungs- und Beratungsunternehmen, das international tätig ist in der 
    • Konzeption und Umsetzung von Pilotprojekten
    • Beratung zur Produktentwicklung und bei Einführungsprozessen
    • Organisations- und Geschäftsprozeßanalyse
    • Marktforschung, Begleitforschung, Wirtschaftlichkeitsanalyse
    Politik- und Strategieberatung, Technikfolgenabschätzung
    • Organisation von Konferenzen, Workshops und Seminaren

    Das klingt nach einem Büro von Telephon-Desinifizierern und keinesfalls nach Arbeit. »Neuartigen Digital-Health-Index«. Nee, ja… ist schon klar! »Es ist ein Artikel, der schon durch seine gefällige Form anspricht, gell? Er ist formschön, wetterfest, geräuschlos, hautfreundlich, pflegeleicht, völlig zweckfrei und – gegen Aufpreis – auch entnehmbar. Ein Geschenk, das Freude macht, für den Herrn, für die Dame, für das Kind, gell?«

    Aber jetzt ist Baum-Fescht und ich habe keine Lust zur Fleißarbeit.

  3. dergl sagt:

    Wie alt ist die Babydecke? Ernst gemeinte Frage, ich habe “Muppet Babies” als Kind im Fernsehen geschaut. Gibt es da ein Remake oder ist das noch ein Mechandise-Überbleibsel von damals (späte 80er)? Vielen Dank für den Ohrwurm mit der Titelmelodie, die ich jetzt im Kopf habe 😉

    • Pantoufle sagt:

      Moin Dergl
      Also so alt ist die Decke mit Sicherheit nicht. Merchandise via Aldi oder ein Geschenk, vermute ich. Sie passte einfach gut in den Titel, weil sie und das Kleinkind so hervorragend den Optimismus und die feste Entschlossenheit Frau Bärs symbolisiert.

  4. Martin Däniken sagt:

    Frau Bähr ist ganz cyber-haft in ihrer technischen Readiness …
    Sind wir Deutschen so schlimm,das wir diese Intelligenzallergiker verdient haben,
    was haben wir getan,so gestraft zuwerden….

    https://www.youtube.com/watch?v=R_4KtMxGmgM
    https://www.youtube.com/watch?v=3bCAUa0GEZQ
    Oh wie gut das die Zukunft nicht unsere Kompetenzprobleme hat…
    wie diese audiovisuelle Dokumente beweisen?!

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