Je suis Jesus

Deutsch sein heißt Steckrüben essen. Bio-Steckrüben natürlich. Naturbelassen. Eigentlich waren Steckrüben Schweinefutter oder ein Arme-Leute-Essen. Eher aber Schweinefutter. Seit es über den Winter 1916/17 nichts anderes gab als die »Hindenburg-Knolle«, hielt dieser Kohl Einzug ins Küchenbewußtsein der deutschen Hausfrau für arme Schweine. Steckrübensuppe, Steckrübenbrot, Steckrübenpudding, Steckrübenmarmelade und Steckrübenschnitzel. Vor Angst wollte man als Pferd im Straßenverkehr nicht tot umfallen aus Altersschwäche oder wegen gebrochenem Bein.

Lokale Steckrüben aus kontrolliertem Anbau sind natürlich etwas anderes. Im Wok gegart mit den Kräutern des Gartens eine Delikatesse, eine Scheibe Vollkornbrot mit Grafschafter Goldsaft und Caro-Kaffee. Der Geruch deutschen Kaffees in Schullandheimen, potemkinsche Inseln Kinderglücks.

Ayurvedischer Steckrüben-Mandel-Eintopf
Zutaten: 600 Gramm Steckrüben, 1 rote Zwiebel, 1,2 Liter Gemüsebrühe, 3 Lorbeerblätter, 200 Milliliter Soya-Cuisine, 2 Teelöffel frischer gemahlener Kümmel, 1 Teelöffel Curcuma, 2 Teelöffel frischen Majoran, 1/4 Teelöffel geriebene Muskatnuss, 100 Gramm Rucola Salat, 50 Gramm gehackte Mandeln, 5 Esslöffel Olivenöl, 1 Teelöffel Tamarindenpaste, 1 Esslöffel, Agavendicksaft, Salz, Pfeffer und Döner zum Abschmecken.

Soylent green, weltkriegsgewinnend lecker. Eindimensional wie das nächste Meisterwerk Michel Houellebecqs, aber lecker. Überhaupt Houellebecq: Hat Essen etwas mit Sex zu tun? Nach diversen Orgien in italienischen Restaurants meiner Wahl würde ich diese Frage unbedingt bejahen. Trotzdem findet sich beim Heimwerkerportal für handgeklöppelten Sex »Youporn« keine Kategorie Krabbenbrötchen, Tiramisu oder Lammkarré. Suchoptionen wie Banane oder Gurke führen kulinarisch gesehen in die Irre. Und die Huffingtonpost warnt: Keine Lebensmittel bei Sexspielen mit Essen, auf das sie allergisch reagieren könnten! Niemals gemeinsames Bierbad oder zärtliches mit Nüssen bewerfen!

»Die bürgerliche Gesellschaft besteht aus zwei Arten von Männern, aus solchen, die sagen, irgendwo sei eine Lasterhöhle ausgehoben worden, und solchen, die bedauern, die Adresse zu spät erfahren zu haben. Die Einteilung hat den Vorzug, daß sie sich auch in einer und derselben Person vollzieht, weil nicht Gegensätze der Weltanschauung, sondern nur Umstände und Rücksichten für die Wahl des Standpunktes maßgebend sind.«
Karl Kraus

Das Laster, die Erotik  gewürzloser Hausmannskost der Huren. Steckrübe, nächst einer Kriegserklärung. Guter Bürger, magst ruhig beischlafen. Wir aber freuen uns der Hexenprozesse gegen die arme Frau, die zwar eben noch den Ortsbürgermeister sehr glücklich machte, weil sie ihn ritt wie sonst nur ihren Besen, nun aber solange im Kerker sitzt, bis der Obrigkeit eine Untat einfiele, derer man sie anklagen könnte. Bei Steckrübenmarmelade und Caro-Kaffee. Recht geschiehts der Beischläferin und der Ortsbürgermeister erigiert nun gar nicht mehr, weil ihm die Hexe nicht mehr aus den Lenden geht. Besuchen kann er sie blamabel schlecht und das eigene Weib ist wie ein Verlies. Und so liegt er auf dem Sofa, hört Joe Zawinul und weint ein wenig. Morgen ist zum Glück Ostern und dann gibt es Fleisch mit viel Soße. Die Geschichte hört er in der Kirche besonders gerne: Wie Jesus wegen nicht geleisteter Unterhaltszahlungen verurteilt wurde, aber trotz alledem auferstanden ist. Das nennt man eine lange Nase drehen!
Das Schweigen der Pilze, das Schnattern des Gemüses und breit und fettig das Fleisch in der Mitte des Tellers.
»Könnte ich noch etwas Soße…?« und das Tischgebet. Ostern ist nur einmal im Jahr… »der Du bist im Himmel«… und irgendwann wird die Hexe wieder freikommen. »Nehmt Euch doch noch etwas vom Braten!« Laßt das Vieh erkranken und Getreide am Halm verdorren, wenn sie ihn doch nur noch einmal… »gesegnet sei Dein Name«, Weib.

Vorm Stühlerücken des Aufbruchs der Gäste gab’s noch viel gynäkologisches zum Schnaps. Wie eine Aufführung unter Frank Castorf und auch genau so lang. Und natürlich Häppchen. Knochen mit Fetzen Fleisch und Cracker. An der Bushaltestelle vorm Haus das Plakat, auf dem Fräuleinwunder Charlotte Roche Werbung für Nordsee-Fisch macht.

»Als ich am 13. August zu Brod kam, saß sie bei Tische und kam mir doch wie ein Dienstmädchen vor. Ich war auch gar nicht neugierig darauf, wer sie war, sondern fand mich sofort mit ihr ab. Knochiges leeres Gesicht, das seine Leere offen trug. Freier Hals. Überworfene Bluse. Sah ganz häuslich angezogen aus, trotzdem sie es, wie sich später zeigte, gar nicht war. […] Fast zerbrochene Nase, blondes, etwas steifes, reizloses Haar, starkes Kinn. Während ich mich setzte, sah ich sie zum erstenmal genauer an, als ich saß, hatte ich schon ein unerschütterliches Urteil.«
Franz Kafka.

ENDE

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52 Kommentare zu Je suis Jesus

  1. Marc sagt:

    Wichtig ist doch nur, die Steckrüben ästhetisch zu arrangieren, ein schönes Photo zu schießen und sich an der eigenen Genialität zu laben.
    Und das sie Hunden schmecken.

  2. DasKleineTeilchen sagt:

    boah, is mirjezzschlescht. das vollkornbrot mit goldsaft und der dazu gereichte caro ham mir echt den rest gegeben; ach, du grausame kindheit unter 70ger öklern, willst doch nie verblassen…epigenetik als fluch.

    ps. iss ihm etwa kalt? dachte, dichtfelltatze wär angehöriger der rumfässchenträger zur rettung von verschütteten steckrübenwinteropfern?

    • Pantoufle sagt:

      Hmm, ja, kann ich verstehen. Ewige Erinnerung an die Sommerferien, die ich in irgendwelchen Heimen zubringen mußte. Um wieder daheim zu sehen, daß der Bauer von nebenan genau das auf die Silage warf, was man eben noch auf dem Teller hatte. Es sah genau so aus, roch so, nur daß der Nährwert durch Fermentierung höher war. Gut für Schweine und Rinder. Deswegen verbindet sich bei mir »Rübe« grundsätzlich mit Schweinefutter. (Was technisch übrigens falsch ist – da sollen nur die Rübenblätter drin landen und es ist vorzugsweise für Rinder). Aber wer korrigiert schon erfolgreich ein solches Trauma?

      Was das gewaltige Tier betrifft: Heute Morgen hat sich Rumo eine Decke vom Sessel gemopst und ist damit gerade bis zur Tür gekommen. Dann war die Sicht auf einmal weg und ich lief los, das Stilleben zu photographieren. Dann habe ich ihn vor Überhitzung gerettet.

      • pentimento sagt:

        Sieht aus, als hätte Rumo, der Prächtige ein tolles Spielzeug erbeutet, das ihm dann irgenwie über den Kopf gewachsen ist, weswegen er sich nun im Rückwärtsgang daraus zu befreien versucht. – Steckrüben sind ein Kindheitstrauma und kommen mir nicht mehr auf den Tisch. In keiner Verkleidung nicht!! – Schöne Ostertage!

        • Pantoufle sagt:

          Rückwärtsgang ging nicht. Er hatte sich einfach in die Tür gelegt und gewartet daß ihn jemand befreit.
          Steckrüben sind Schweinefutter – Dir auch ein paar ruhige Tage!

          • pentimento sagt:

            Dir auch,Pantoufle! Und schon kommen die Kinderheime wieder in den Sinn, kannenweise Milchkaffee-Ersatz und große Tablets voll rot- und gelbbeschmierter Schwarzbrotstullen, abends Milchsuppe mit kleinen Klüten drin, die nur schwer runtergingen, in Zweierreihen “antreten” und die Spiele am Abend innerhalb der zum Viereck verbauten Essensbänke. Verschicken hieß das, wir wurden ‘verschickt.’ Alles noch Nazi Stil irgendwie. Einen Fascho erkenne ich sofort.

  3. flurdab sagt:

    Ist das dein Ernst?
    “Ayurvedischer Steckrüben-Mandel-Eintopf”
    Mit der Menge an Gewürzen wird selbst Polystyrol ungenießbar.
    Ich meine Styropor taugt eh nicht als Nahrungsmittel, aber mit wenig Salz könnte man es runter würgen.
    Die mecklenburger Ananas ist im Vergleich ein hochwertiges Nahrungsmittel, quasi eine Parlaments- Frucht. Kein eigener Geschmack, beliebig in der Zubereitung, passt sich an alles an.

    • Pantoufle sagt:

      »Ist das dein Ernst?«
      Öhhh… na, geht so…
      Es ist schon so, wie ich da oben anmerkte: Steckrübenwinter und die Überlegung, ob so etwas heutzutage noch jemand isst. Mein Freund, die Suchmaschine, würgte mir dieses Rezept vor die Füße. Zugegeben – ich habe es nicht verlinkt und in einem kleinen Detail ergänzt. Als Chance sozusagen.
      1 Teelöffel Curcuma und 1/4 Teelöffel geriebene Muskatnuss reichen vielleicht eben doch nicht.

      Dann verbreiten sich “Ohhs” und “Ahhs” – die Gerichte schmecken wie sie duften: Fein, anregend, appetitlich: Kurz ausgezeichnet. Die Köchinnen dieser Gerichte, stellen in Kürze nochmals ihr gekochtes Gericht vor: “Weil wir keine Steckrüben hatten, haben wir Möhren und Kohlrabi genommen. Zuletzt wurden die Gemüse gekocht, dann mit einem Pürierstab verquirlt, so dass der Eintopf eine sämige, cremige Konsistenz hat”, erklärt Sissi.

      Wenn der Pürierstab nur durchhält, schadet ein wenig Döner auch nicht.

      • flurdab sagt:

        Ich habe tatsächlich vor knapp 4 Wochen eine Steckrübe erworben und auch gekocht.
        Das beste was ich sagen kann ist, sie war schön Orange.
        Ein nennenswerter Eigengeschmack wollte sich nicht einstellen, ob gekocht oder in Butter geschwenkt. Die Struktur, das Mundgefühl war allerdings nett.
        Als Sättigungsbeilage zur Sättigungsbeilage mag die Rübe renommieren, aber das war es dann auch.
        Da möchte man kein Schwein sein.
        Das Professorenschlachten war mir neu und zeigt eigentlich nur wie wenig die “Politik”und die “gebildeten Eliten” von ihren Mitbürgern damals wussten.
        Als ob ein Bur jemals ehrliche Auskunft über die Erträge oder Vorräte seines Hof gegeben hätte. Ihm Leben nicht ” selber fressen macht fett” war spätestens nach dem 30 jährigen Krieg die Losung.
        Steckrüben lassen sich übrigens ganz hervorragend durch ein ordentliches Rumpsteak ersetzen, da braucht es auch nicht so viele Gewürze.

  4. Pantoufle sagt:

    Bei der Gelegenheit natürlich allen Lesern ein lustiges Osterfest!

    • flurdab sagt:

      Oh Danke.
      Das Stück hat mir gut gefallen, zumindest bis der “Tastenquäler” seinen Flow hatte.
      Aber warum tragen alle Personen, auch die Nichtmusiker, in dem Video “Gehörschutz”?
      Ist das der Standard bei Studioaufnahmen?

  5. flatter sagt:

    Ich verstehe euch nicht mehr. Nicht mehr ich euch verstehe. Diese Twitterbumsdings. Ich verstehe nicht, wer da was echt ist oder falsch nicht, und wenn du was gucken willst, sollst du zum Account gezwungen. Nein. Ich habe auch kein Smartfon und frage für einen Freund.

    Was, fragt ihr euch? Ich sage nur: Karaokebar. Mein Leben ist dahin. Da sind Leute und freuen sich über das tonal und ‘rhythmisch’ allerdenkbarst Furchtbare. Vergebt die Unordnung, nicht nur in der Frisur.

    Adieu!

    • pentimento sagt:

      Ein interessantes Video, Danke!

      • Pantoufle sagt:

        Ja, das ist ein sehr schönes Video. Die Faszination, wenn sich Menschen so darstellen wie sie sein wollen. Keine Maskerade, sondern demaskieren. Und auf einmal sind sie alle schön, weil sie lächeln, weil sie mit sich einig sind in ihrer Erscheinungsform. Nicht »wie Gott sie geschaffen hat«, sondern ihr ureigenstes Spiegelbild. Ich liebe Steampunk und respektive beinahe jede Art von Cosplay. Es internationalisiert, es ist tatsächlich grenzenlos und kann deswegen mit Hautfarben, Kulturen oder nur Körpern spielen. Spiel in reinstem Sinne.

    • flurdab sagt:

      Ich bin kein Metal- Fan.
      Aber was ist in Japan los?
      https://www.youtube.com/watch?v=XKwscPp1kLs
      Erst habe ich gedacht OK, japanischer Metal.
      Aber dann…
      Ganz seltsam, die Musiker sind nur Backstage, die Mädels sind der Gig.
      Angeblich nennt sich die Musikrichtung “Niedlich”.

      Ich bin wohl mittlerweile in dem Alter um Nabokovs “Lolita” zu lesen.
      Vielleicht kann ich das ja heute verstehen.
      Alt werden ist echt scheixe.

      • Pantoufle sagt:

        Babymetal? Ja, die muß man mögen. Ich hatte das vor ein paar Jahren über die Kinder kennengelernt und dann vor 2 Jahren live auf Schalke gehabt. Zum damaligen Zeitpunkt war das – glaube ich – noch streng verbotene Kinderarbeit. Aber live haben sie mir richtig gut gefallen. Da waren sie aber auch nicht niedlich, sondern klitschnass, weil das Wetter nachts… ach, reden wir nicht drüber!
        Es hilft natürlich, wenn man ein Failble für Metal hat. Aber die Herrschaften waren ziemlich auf den Punkt und irre präzise. Ja, ich habe eine kleine Schwäche für die Band.

        https://www.youtube.com/watch?v=WIKqgE4BwAY

        • flurdab sagt:

          Das schräge ist ja das hier alle “Knöpfe” gedrückt werden, die zum drücken geeignet sind, der Japaner aber allgemein der Sexualität entsagt.
          Angeblich hat der Japaner unter 30, ob männlich oder weiblich, überhaupt kein Interesse mehr an “Körperichkeit”.
          Das Sushi derart schreckliche Folgen haben soll, hat niemand bedacht.

          • Pantoufle sagt:

            Seltsam: Das Wort Sex ist so ziemlich das letzte, was mir bei den Kindern einfällt. Ist wohl das Alter.
            Über Sex habe ich in meinem Text geschrieben.

          • flurdab sagt:

            Da muss ich nochmal darüber nachdenken, ob wir wohl vom selben reden.

          • Pantoufle sagt:

            Weiß ich jetzt auch nicht – hatte ich so verstanden 🙂
            Ne, für mich ist das einfach nur eine japanische Art Metal. Mein Sohn könnte Dir die einzig richtige Lesart frisch aus dem Mosh-Pit erklären… ich jetzt nicht so.

  6. Josi sagt:

    Lieber Pentimento, ich habe völlig andere Kindheitserlebnisse mit Grafschafter Goldsaft und Paletten von geschmierten Magarinebroten, aus dem von Ihnen geschilderten Kinderheim bin ich selbstverständlich nachts ausgestiegen, habe ein Rudel von zwangsverschickten Kindern hinter mir hergezogen, die dann – weil ich ein Mädchen bin und das Rudel Jungens waren – vom Kinderheim-Patriarch mit dem Ochsenziemer gezüchtigt wurden. Selbstverständlich in Gegenwart des frechen Mädchens, das mit “aha, natürlich wieder die Rädelsführerin” der Züchtigung beiwohnen durfte wie einst Friedrich der Grosse bei seinem schwulen Freund. Aber Rübensirup und Muckefuck in Blechtkannen war bei mir Rotkreuzzeltlager, in das verwilderte Kinder wie ich und meine drei Geschwister gesteckt wurden, wenn die Eltern Flüchtlinge waren und kein Geld für Ferien ausgegeben werden konnte. Wir haben 6 Wochen in den Sommerferien in Wehrmachtszelten für jeweils 24 Kindern gehaust, die Feldbetten waren angenehm schimmelig, die decken rochen nach Pferden, Mist und Heu und waren immer feucht, morgens schepperte der große Zapfenstreich durch die Lautsprecher und nach einer Woche wurde beschlossen, ihn zu ersetzen durch den, der am lautesten und längsten Rülpsen konnte, was natürlich ich war. Ich profitiere noch heute von dieser Fähigkeit und verblüffe sämtliche Enkelgenerationen mit meinen dort erworbenen Fähigkeiten. Die Margarinebrote auf Roggenbrot mussten samt den Muckefuck Kannen jeden Abend von einer Abordnung bei einer Bäuerin abgeholt werden, die sie erst dann zum Fenster herausgereicht hat, wenn die Ordonanz “Jenseits des Tales standen ihre Pferde” gegrölt hatten, bei der zweiten Strophe flossen regelmässig dicke Tränen. Unsere Mutter war jedesmal entsetzt, wenn wir aus dem Lager zurück kamen und schwor auch Jahre später noch, sie hätte ein halbes Jahr benötigt, um uns in die Zivilisation zurück zu holen. “Walden” ist ein Dreck dagegen gewesen, ich und meine Geschister haben es bis zum letzten Tag genossen – denn mit 14 Jahren war Schluss damit. Und kurz darauf wurde es ohnehin verboten: Zu lasch, zu locker, zu frei und vor allem Jungens und Mädchen in einem einzigen Lager! Mein jüngster Bruder hat erst vor kurzem nach dem tragischen Verlust seiner Frau seine seinerzeitige Lagerliebe im Internet gesucht und gefunden, die sofort erklärt hat, sie habe ihn auch nicht vergessen und alle seine Liebesbriefe über alle die Jahrzehnte mitgeschleppt. Sie sind heute ein Paar – seinerzeit war er mit 14 Jahren vor meine Mutter getreten und hat erklärt, er hätte soeben eine Sondergenehmigung bei Kiesinger für die Hochzeit einer Minderjährigen mit einer Minderjährigen beantragt. Das homerische Lachen meiner Mutter nahm er ihr bis zu ihrem Tod übel.

    Also nichts mit schlechten Erinnerungen, sondern jedes Mal, wenn ich an Grafschaften Goldsaft vorbei gehe im Supermarkt kommen MIR die Tränen. Es gibt auch andere Nachkriegserinnerungen, sogar wenn man sie in den abgehalfterten Militärzelten erlebt hatte, so war doch alles – vom Plumpsklo, wo auf dem Nebensitz das andere Geschlecht seine Knackwürste abgeseilt hat bis zu den verfilzten, ausgebleichten Haaren und den Lagerstreichen – eine seltene Lücke im System, die jedoch weit ins Erwachsenenleben hinein vorgehalten hat.

  7. pentimento sagt:

    Moin Josi,
    danke für die Ergänzung. Das klingt bei Dir besser, irgendwie spannender, als ich es erleben durfte, aber Verschickung bleibt Verschickung, und die ‘Pferde (oder Zelte?) jenseits des Tales’ gehörten auch bei uns dazu, genauso wie der Frühtau zu Berge und der ganze Rest des glorreichen Tausendjährigen Reiches, was dann dem- Himmel- sei – Dank nur 12 Jahre währte. Obwohl es hier so ganz ja nie beendet wurde. Ich war auch ein Mädchen, aber geprügelt wurde nicht. Ochsenziehmer für Kinder, Pfui Deibel!! Ich freu mich ehrlich, daß Dein Bruder seine erste Lieb wieder gefunden hat. Es lebe das Internet.
    Herliche Grüße!

    • Josi sagt:

      Es waren zwei “Verschickungen”, die eine in ein Kinderheim in den Bergen oberhalb vom Obersalzberg (nicht wirklich, aber gefühlt), da hat mich keiner halten können, nie wieder hat sich jemand getraut, mich in so etwas “zur Erholung” zu verschicken. Da gab es lauwarmen Schoko-Pudding zum Frühstück (!) und eben die drakonischen Methoden mit 2 Stunden Mittagsschlaf, eingesperrt im Bettenlager und den Ochsenziemer fürs nächtliche Aussteigen. Der “Heimleiter” war ein Sadist, seine Kinder blitzblanksauber in Trachten gegossen, deren Falten mit Fingernägeln scharf gestellt worden waren. Das war das eine. Das andere war das Rotkreuzzeltlager, mit jungen Leuten und dem oben beschriebenen wilden Leben in der Natur (mein Lehrer war Oliver Storz), das wir komplette 4 Jahre absolviert haben, jedes Jahr von Neuem und sehnlichst erwartet. Und ja, die erste Liebe meines Bruders kam dann aus den USA, sie haben sich das erste Mal wieder gesehen nach vier Jahrzehnten, haben es grade noch bis zum Rasen auf dem Flughafenvorplatz geschafft und sich dort dann über den Boden gewälzt, dass die Erwachsenen ihre Kinder wegzerren mussten. Seitdem schauen sich alle älteren Paare in unserer Familie gegenseitig misstrauisch beim Essen, beim Aufstehen und beim Schlafengehen zu, ob es da auch schon irgendwelche Anzeichen von “erste Liebe rostet nicht” gibt… (ja, es heisst “Zelte” und nicht “Pferde” und beim “Zigeunerjungen” gab es dann die dicken Tränen der dicken Bäuerin, wohl auch eine “erste Liebe”). Noch zwei Fingerklick und Du weißt, wo das Lager stand 🙂

      • pentimento sagt:

        DER Oliver Storz, der so tolle Drehbücher geschrieben hat, damals, als man in unserem TV noch gute Sendungen sehen konnte? Das kann so schlecht doch nicht gewesen sein. : – ))

        • Josi sagt:

          Ja, liebe Pentimento, dieser Oliver Storz. Ich hatte mir jahrzehntelang immer wieder vorgenommen, ihm noch zu schreiben, was für ein Lichtblick er in einer Wüste verwüsteter Erwachsenenbiografien er war. Echt was für Philosophinnen.

      • Pantoufle sagt:

        Hallo Josi, willkommen auf der Schrottpresse.

        Nichts liegt mir ferner, als Deine Erinnerungen an diese Zeit zu trüben. Aber da wo ich war, da hatten wir Jungs bereits sehr früh hinter vorgehaltener Hand abgesprochen, daß man spät in der Nacht besser nicht auf die Toilette geht. Jedenfalls nicht alleine und keinesfalls, wenn einer der Aufseher in der Nähe war.
        Wie gesagt: Nicht, daß ich Erinnerungen trüben wollte.

        • Josi sagt:

          Hallo: ja, leider ist das so.

          Und seufz, ja auch dort war es in einem Jahr merkwürdig:

          Eines Nachts wache ich in meinem Feldbett auf und ein älterer Lagerleiter, einer, den wir weder davor noch danach jemals wiedergesehen haben, sitzt an meinem Fußende (dickes Gesicht, breite Pratzen, ruhig, aber deutlich ein- und ausatmend) und dreht einen ausgekämmten blonden Haarknäuel von mir hin- und her, schnuppert dran, knautscht ihn vor seiner Brust zusammen und schleicht sich dann.

          Abends am Lagerfeuer kommt er des Weges und erklärt mir 12-Jähriger, im Wald gäbe es eine Stelle mit einer Bank, die er mir zeigen wolle…Und natürlich wusste mein “grosser Bruder” (ja, den gab es auch), warum ich da keinesfalls mitgehen durfte, er hatte auch kein Problem das dem ältlichen Lagerleiter direkt ins Gesicht zu sagen: Ich sehe noch seinen entschlossenen Mund vor mir und wie er dabei seine Tolle aus der Stirn geworfen hat.

          Mich hatte der “Grafschaften Goldsaft” und die “Kannen mit Muckefuck” getriggert und ich gebe zu, den Fetischisten habe ich ausgeblendet, weiß noch nichtmal ob er nach dem Haareknautschen, überhaupt noch da war oder ob er das Weite gesucht hat.

          Ich möchte einfach nicht meine Erinnerung trüben lassen, wo ich sie jetzt schonmal zurück habe. Hatte ich schon gesagt, dass ich diesen Blog hier sehr schätze? Danke dafür.

          • Pantoufle sagt:

            Nein, hattest Du noch nicht gesagt – hört man aber sehr gerne 😀

            Wie gesagt: Ich wollte keine Erinnerungen… aber meine wollen nicht mehr vergehen. Und Grafschafter Goldsaft hat bei mir einfach abgewirtschaftet. Mein Jüngster nimmt das noch. Ich sehe es mit heimlichen Gruseln.

  8. pentimento sagt:

    O pantoufle, kanndz du vielleicht ein Ding löschen?

  9. Fluchtwagenfahrer sagt:

    Moin,
    ich sach nur HAGEBUTTENTEE.
    Muckefuck gabs nur am WE.
    Hagebuttentee & Kunsthonig, krieg ich heute noch nen Entenpulli von.
    Junx und Mädchen getrennt, war schlimm, habe meine kleine Schwester nur am Sonntag in der Kirche gesehen, sie hat mir sehr gefehlt.

  10. pentimento sagt:

    Ach, ist der Grafschafter Goldsaft so etwas wie dieser schwarzbraune Zuckerrübendicksaft, auch Syrup genannt? Also, den mag ich auch sehr, ehrlich! Viel besser als Nutella.

    • Josi sagt:

      Liebe Pentimento, “Syrup” finde ich süss :-), ehrlich! Noch ein Letztes:

      Irgendwer hat hier auf dem Blog oder drüben bei Feynsinn über Maggi abgelästert (Maggibutterbrot, Fliegenpilz-Party-Snack, spiessige 50er Jahre), dabei jubele ich Maggi im Endiviensalat sogar den veganen Freunden meiner Tochter unter und wenn dann unisono am Tisch ertönt: “Wahnsinn, wie Dein Salat immer schmeckt!” dann grinsen die Eingeweihten wissend, denn jetzt kommt die “Liquamen-Lügengeschichte”, die mir jeder sofort abkauft (ich habe sie von Vincent Klink geklaut, der schreibt: “2000 Jahre Sehnsucht nach Glutamat”: Man nehme Sardellen, Meersalz, Weißwein, Weissweinessig, Steinpilzpulver, Nori-Algenblätter und lässt es vergären, das wäre dann wie Maggi). Es funktioniert aber nicht, ich bin Hauptbelastungs-Zeuge und zahlreiche Opfer meiner Lügengeschichte sind es auch: Es muss Maggi sein. Klink selbst gibt zu, dass er Maggi nehmen würde, wenn er kein Superkoch und seine Klientel nicht versnobt wäre und er fügt hinzu: Glücklich, wer wie seine Mutter einfach Maggi nehmen kann….

      Ich befürchte, wir haben mit unserer kulinarischen Nachkriegsreise den Blog gekapert und der Hausherr möchte wieder Motorrad fahren?! Ich könnte eine NSU-Max anbieten (hier gab es mal ein umwerfendes Bild von einem glücklichen Kind vorne auf dem Tank eines Amazonen-Motorrades, das kommt mir bekannt vor….).

      • Pantoufle sagt:

        Der Herr fährt immer Motorrad! Sommers wie Winters und amazon_Motorräder kenn ich nicht – aber ich glaube, ich weiß, welches Du meinst.
        Ne Max???? E-Mail im Impersum

        • pentimento sagt:

          Moin Pantoufle,
          vielleicht meint Josi, daß das Motorrad von einer Amazone geritten wurde?

          • Josi sagt:

            Ja, genau, das da! Ich saß auf so etwas vorne drauf, war ungefähr das Alter, unter mir um den Tank ein geblümtes Kissen mit einem Ledergürtel festgeschnallt und hinter dem Gerät die Mutter mit dem ungehört verhallten “aber nicht über 150!” hinterherlaufend. Die NSU Max ist ja auch immer vorne hochgegangen, jedenfalls wenn mein Vater damit vor Publikum zeigen wollte, wie man Kinder benzintauglich macht. Hinten drauf saß übrigens Pentimento.

          • Josi sagt:

            Zwei sehr schöne Bücher, die unter völlig anderen Überschriften rezensiert wurden, aber im Kern astreine Geschwindigkeitsnobelpreise wert wären: Rachel Kushners “Flammenwerfer” (Kushner kann das nur schreiben, weil sie weiß, wovon sie spricht) und die Autobiografie “On the Move” von Oliver Sacks, dem menschenfreundlichsten Menschen überhaupt.

            Das gefällt mir an dem Blog hier besonders gut: Das lakonische Dahinbrausen vor explizit menschenfreundlichem Hintergrund. Niemand verkörpert das glaubwürdiger als Oliver Sacks.

      • pentimento sagt:

        Liebe Josi,
        vielleicht haben wir das blog gekapert, aber sei versichert, der Hausherr ist sehr tolerant. Maggi war hier übrigens auch schon mal Thema, aber die abenteuerliche Lügengeschichte des Rezepts kannte ich noch nicht. – Ich bin auch mal hinten auf dem Motorrad meines Vaters von Hamburg nach Kiel und zurück gefahren, ohne Angst und ohne Sturzhelm oder sowas, nur mit Papi zum Festhalten. In sehr zartem Alter. – Mein Lieblingsmotorradfoto auf dieser Seite waren die japanischen Sumo Ringer am Strand. Einer hatte ein Motorrad. Alle trugen ihr hübsches Lendentuch.

        Um im Kulinarischen zu bleiben – gibt es hier eigentlich etwas, wo wir unseren Senf nicht dazu geben können? 😉 Herzliche Grüße!

          • Josi sagt:

            Also ich wusste ja, dass ich dafür Prügel kriegen werde. Im Übrigen ist das ein hervorragender Werbeclip, wer könnte sich heute noch mehr als 2 1/2 Minuten derart selbstironisch über den Zustand der eigenen Gesellschaft in einer Produktwerbung auslassen, wo doch die von Baggern in Gruben geschobenen Leichenberge erst einen Wimpernschlag entfernt lagen…

            Und dass sich dabei ein MadMan vor Lachen in die Hosen gemacht hat: das ist ja auch klar. Ich sehe sein Team vor mir, wie sie immer wieder unterbrechen müssen, weil sie an der Stelle mit der Klingel und der Tröte zusammenbrechen. Ich liebe diesen Clip.

            Zuletzt verweise ich bei Maggi auf meinen Hinweis mit dem Endiviensalat-Selbstversuch* mit Gästen: Wer das nicht wenigstens einmal durchexerziert hat, der meint, er wäre immun und seine potenziellen Gäste steckt er in diesselbe (aufgeklärte) Kategorie:

            Wie sehr man sich da täuschen kann.

            *Es gibt auch kleine Reise-Maggiefläschchen, die man nach einmaligem Gebrauch (man wird nicht sofort süchtig und muss zu ConDrops, wenn man Maggi wieder absetzt), entsorgen kann.

  11. Pantoufle sagt:

    Hier wird aus Prinzip nicht geprügelt. Außerdem liebe ich Werbung aus jener Zeit. Sie ist so schön optimistisch und uninformiert.

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