Ich dachte, wir wären gelandet

Flug PX73 verfehlte die Landebahn um lediglich 150 Meter und landete im Meer statt auf dem malerischen Chuuk-Airport in Mikronesien. So etwas kann passieren, wenn auch die genauen Gründe dafür noch nicht bekannt sind.
Bis das Wasser nach geglückter Notlandung zur Tür hineinströmte, scheint den meisten Passagieren nicht klar gewesen zu sein, daß etwas nicht stimmt. Man war geradezu überrascht!
Typisch, dachte ich beim Lesen dieser Morgennachricht. Geradezu symbolisch! Seither grübele ich darüber nach, welches Symbol damit auf sich aufmerksam machen wollte.

Na ja… das Wetter soll ja auch lausig gewesen sein, aber mein Instinkt sagt mir, daß die Überraschung auch bei strahlendem Sonnenschein eine gewesen wäre.

Die Verkäuferin am Zeitungsstand von REWE ist in den fünfzigern, rothaarig, sehr schlank und sieht aus wie eine aus dem Paradies des bedruckten Papiers vertriebene Bibliothekarin. Sie hat ein kluge Brille auf und liest bestimmt die ZEIT oder Le Monde diplomatique im Original. Während ich nebenan einen Kaffee trinke, erklärt sie einem graubraunen Anzug bestimmt schon zum dritten Male, daß sein Rubbel-Los eine Niete gewesen sei. Freundlich, geduldig und nachsichtig, obwohl sie eigentlich damit beschäftigt ist, die unsterblichen Werke von Utta Danella und Nicolas Barreaus in den Bücherständer aus Draht zu sortieren.
Ich widerstehe nur mühsam der Versuchung, sie nach der französischen Ausgabe der le Monde diplomatique zu fragen und sie auf einen gemeinsamen Kaffee und ein Stück Zuckerkuchen zu bitten. Hochstapelei, keiner französischen Silbe mächtig und der letzte Zeitungsartikel, den ich mit Heißhunger verschlang, handelte von einer 150er Gilera Ancore Strada als Cafe-Racer Umbau und der war überdies auf Deutsch. Ich weiß sogar, wo im tiefsten Bayern eine steht: Für faire 1250€. Komplett, Erstzulassung 1973 mit Papieren – Zündfunke ist vorhanden. Das wäre wohl das Ende der Einladung auf einen Becher Morgenkaffee mit diesen vertrockneten Keksen.
Eine zum Tode verurteilte Einladung, die zudem auf Kosten der Erbengemeinschaft Utta Danellas gehen würde und ihrem Verlag Hoffmann & Campe, der einmal Heinrich Heine verlegte.

Es war ein schöner Abend, als ich
Mich hinbegab mit Campen;
Wir wollten miteinander dort
In Rheinwein und Austern schlampampen.

aus »Deutschland, zum wiederholten Male ein Wintermärchen«

Keine vollen Drahtgestelle, keine Umsätze und dann wäre eine arbeitslose Buchverkäuferin wieder auf der Suche nach einem Gelderwerb. Oder ich könnte 34 Rubbellose kaufen. Dann könnte sie mich auf der Suche nach dem Hauptgewinn fragend über ihre sympatisch altmodische Brille betrachten und…
Ich gehe.

»Drum links zwo drei, drum links zwo drei, wo Dein Platz, Genosse…« Links ist das Trümmerfeld Aldi. Das alte Gebäude abgerissen, der neue fünfstöckige Präkariatstraumtempel (»sprechen Sie dieses Wort 25 Male fehlerfrei hintereinander aus und fahren Sie in ein Traumwochenende am Ammersee!«) noch auf dem Papier in den Containern des ehemaligen Parkplatzes. Jetzt noch größer, noch schöner, noch Aldier. Ein wenig wird es wohl noch dauern; bis auf Weiteres kreist der Bagger. Solange gibt es kein Aldi, sondern nur Schlecker, Lidl, die Aufbäckerei Schaper und REWE mit seiner rothaarigen Zeitungsabteilung.
Kein Aldi.
Vor Schreck hat sogar sein Noch-billiger-Konkurrent »wie hieß der doch gleich?« dicht gemacht. Der Laden mit den langen Gängen aus gestapelten Pappkartons, angelegt wie ein Intelligenztest für Ratten in irgend einem Labor (»suchen Sie die Kasse!«) und den unsichtbaren Verkäufern. Kein schöner Land in dieser Zeit – der Aldi-Neubau wäre seine Chance gewesen. In dem Gebäude verkauft nun ein Fitness-Verein ewige Jugend; vermutlich haben sie das Kartonagenlabyrinth gleich mit übernommen und durch dieses werden ihre Kunden nun getrimmt. Wäre es nicht morgens um halb sieben Uhr, hätte ich das Verschwinden des Supermarktes gar nicht bemerkt – so wenig hat es sich äußerlich verändert.

Pümpel – Dach und Fassaden – hat sich eine neue Konzern-Zentrale gebaut. Gleich nebenan und die Fassade ist nicht gerade Werbung für Klaus, der den Laden von seinem alten Herren geerbt hat. Ein senkrechter Bretterverschlag mit Folie. Was das Untergeschoß eines Einfamilienhauses mit eigenem VW-Bus des alten Pümpel war, ist nun… ein 200 m² Kubus aus unfertiger Fassade und einem Steinhaufen vor dem Eingang. Der Steinhaufen ist Kunst am Bau. Hoffentlich läuft da niemand aus Versehen dagegen. Eigentlich eher ein Poller in der Einfahrt, aber so verwurstelt, daß es sich zweifelsfrei um Kunst handelt. Die Arztpraxis macht erst in zwanzig Minuten auf und so werde ich der einzige bleiben, der das Unglück länger als fünf Minuten am Stück betrachtet. Das war bestimmt der Russe. Putin! Um den Kapitalismus zu verunglimpfen.
Es ist wie in der Photographie: Man nennt sich »Vollformat« und ist doch realistisch »Kleinbild« mit Kunst vor der Einfahrt.

Das muß wohl diese Entschleunigung sein, von der sie immer reden. Der sanft wahnsinnige und skurrile Eindruck von Waren ohne Menschen in einem Einkaufszentrum morgens um 7:00 Uhr. Dabei geht auch die Tatsache unter, daß die aktuelle Zeitung am Kaffeetisch die von gestern war – der Transporter mit der neuen, jetzt noch aktuelleren Ausgabe fuhr eben erst vor den Zeitungsstand. Manchmal lohnt sich das Zuspätkommen. Irgendwo hat sich ein Bergsteiger bei einem Verkehrsunfall ums Leben gebracht, ein ehemaliger Bundeskanzler einem Brautpaar gratuliert und es stellt sich die Geschäftsidee des Jahres als als Schnapsleiche heraus. »Kaufen Sie Bitcoins statt Wurzelgemüse!«
Auch meine schöne Doktorsche ist nun endlich da und hat ihr Hörrohr schon umgehängt, obwohl sie doch Blutdruck messen will.
»Wie geht’s uns denn heute?«
»Raten Sie, warum ich hier bin!«

Warum steigt er auch auf Berge?

Auch gute Gesellschaft fand ich dort,
Mit Freude sah ich wieder
Manch alten Genossen, zum Beispiel Chaufepié,
Auch manche neue Brüder.

Da war der Wille, dessen Gesicht
Ein Stammbuch, worin mit Hieben
Die akademischen Feinde sich
Recht leserlich eingeschrieben.

Da war der Fucks, ein blinder Heid’
Und persönlicher Feind des Jehova,
Glaubt nur an Hegel und etwa noch
An die Venus des Canova.

Mein Campe war Amphitryo
Und lächelte vor Wonne;
Sein Auge strahlte Seligkeit,
Wie eine verklärte Madonne.

Ich aß und trank, mit gutem App’tit,
Und dachte in meinem Gemüte:
›Der Campe ist wirklich ein großer Mann,
Ist aller Verleger Blüte.

Ein andrer Verleger hätte mich
Vielleicht verhungern lassen,
Der aber gibt mir zu trinken sogar;
Werde ihn niemals verlassen.

hier lang

 

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5 Kommentare zu Ich dachte, wir wären gelandet

  1. Annika sagt:

    So ein Text, der dürfte nie zuende gehen. Mir ist, als wäre ich neben dir hergeschlendert.
    Ein sehr schönes Portrait der ReWe-Buchverkäuferin (obwohl man nie zu einer Buchhändlerin sagen darf, dass sie eine Buchverkäuferin ist. Aber wenn sie bei ReWe den Schund einsortiert, dann kann man eine Ausnahme machen. Aber dieses geduldige Wunderwesen ist praktisch eine Königin der Bücher).

    Ansonsten: was machst du so früh beim Arzt?

    • Pantoufle sagt:

      Mausarm, vermute ich. Die Schulter tat weh wie blöde. Ich habe kaum alleine den Helm aufbekommen. Eine Spritze, Tape, an dem die Haut beim entfernen hängenblieb und eine Handvoll Tabletten. Im Grunde war auch dieser Termin bei der Doktorschen so sanft irrsinnig wie der ganze frühe Morgen.
      Vermutlich unterschied ich mich in nichts von dem graubraunen Anzug, der auch nur jemanden suchte, der ihm zuhörte und wenigstens so tat als ob man sich für seine Probleme interessierte. Ärzte müssen das von Berufs wegen, wie Klemptner oder Barkeeper. Berufsbilder, deren Geschäftsgrundlage die Einsamkeit ist.

  2. lattjamilln sagt:

    und Sozialpädagogen nicht zu vergessen. Ein ganz wunnervoller Text. Danke!

  3. DasKleineTeilchen sagt:

    “Mausarm”?!? hä?

    ansonsten schliess ich mich voll annika an; das tat gut.

    in weiteren meldungen; was dem einen sein aldi-rewe-edeka-neuba ist, ist dem anderen seine deutsche-wohnen-modernisierung: im januar wollense die keller freihaben und loslegen…is ja nich so, als wenn hier die hälfte der 200 mietparteien nich noch kohleöfen hätten m(

    der bauantrag is noch nich durch, aba wir bekommen schon ma die ankündigung aufs auge gedrückt. “millieuschutz” my ass.

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