Grubenhunde

»Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.«
Danke, Herr Loriot

Gar nicht so einfach, ein Blog über (unter anderem) Politik zu führen, wenn doch alles darüber schon gesagt ist. Und das so kurz! So endet dann wohl das Jahr; sprachlos. Die IHK hat mir zum FEST Geld zurückerstattet; auch sprachlos.

Mein Werkstattradio Blaupunkt Derby Deluxe, Baujahr 1970, spielt seit knapp 50 Jahren die besten Hits und nun im Duett mit der Kreissäge. Innen Germanium, außen Holzspähne – das Schmuckstück habe ich von meinem Stiefvater geerbt. Oder genauer: Eines Tages befand es sich in meinem Besitz, was aber auf das selbe hinausläuft. Da es Kurzwelle konnte, eignete es sich hervorragend dazu, unter der Bettdecke die weite Welt zu entdecken. AFN, Radio Timbuktu, Weihnachtsgrüße an die Seeleute und Mutter Friedrich sucht ihren Sohn. Man sah ihn zuletzt, als er mit seinem niegelnagelneuen Panther-Panzer auf den kursker Bogen abbog. -5 Grad, -20 Grad, Stalingrad. Erschütternd, daß ich wohl niemals in meinem Leben die Suchmeldungen des roten Kreuzes im Radio vergessen werde. Da mußte etwas ziemlich schlimmes passiert sein; was denkt sich ein fünfjähriger unter der Bettdecke? Es war allerdings der Vorgänger des geerbten Radios, kuschelig warme Röhren. Das wird dann wohl das Feld sein, auf dem auch Onkel Willfried geblieben war. Beleuchtet von den Fackeln abgeschossenen deutschen Panzer.

Ich begreife zu weit zurück. Was ich eigentlich anmerken wollte, ist zweierlei. Einmal die Tatsache, daß ich ein ziemlicher Radio-Junkie bin und zum anderen, daß ich langsam zur Maschinenpistole greife, wenn ich den Begriff »Geplante Obsoleszenz« höre. In Tränen aufgelöste Ingenieure versichern an Eides statt, daß ihre Werke aufgrund der hochempfindlicher Materialien und engstmöglichen Toleranzen keinesfalls eine Lebensdauer von mehr als 21 Monaten erreichen können. Im Halbkreis hinter diesen sich selbst Geißelnden hat sich das Management gruppiert, dessen Chor daran gemahnt, kein elektronisches Gerät hätte jemals länger gelebt und dann wäre da noch das unvergleichliche Benutzererlebnis, weil die Schachtel weiß angepönt wäre. Wie auch immer: Das Radio fällt – wenn nicht bereits beim Transport nach Hause –, dann aber spätestens 3 Wochen vor Ablauf der Garantie auseinander. Zum Austausch einer Glühbirne muß das Auto in die Werkstatt, Batterien sind fest verlötet und nicht austauschbar.
Alles nicht neu. Auch nicht neu, daß sich das jeder gefallen läßt. Aber aufregen tut’s mich immer wieder. Es ist integraler Bestandteil einer Kultur geworden.

Ein Presseskandal, sieh an, sieh an! SPIEGEL-Autor Claas Relotius hat es mit der literarischen Freiheit etwas übertrieben.

»Ein Albtraum!!1!!…hat den SPIEGEL mit ganz oder teilweise gefälschten Artikeln in eine schwere Krise gestürzt. Wie konnte es dazu kommen?«

(SpOn)

Ja, wie konnte es nur? Zum allerersten Mal in der Geschichte der Druckerpresse! Das Leitorgan der Niedertracht mit eingebauter Schnappatmung macht Stimmung. Julian Röbcke und sein Kollege Reichelt von der Bildzeitung rutschen auf ihrem eigen Geifer aus, fallen aufs Maul und verkaufen das als Kotau vor der Wahrhaftigkeit der Presse. Erfundene Nachrichten – ein Alptraum!! Ein Weihnachtsgeschenk an alle Trolle, die das mit der Lügenpresse schon immer wußten. Und sie hätten ja schon viel früher…
Na, das muß sich doch irgendwie gegen die Idee der freien Presse instrumentalisieren lassen. Und schon sind sie versammelt, die Armeen des Ungeziefers auf Twitter und Facebook. Widerlich.

Aber wohl auch unausweichlich. Ein einzelner toter »Schuldiger«, der an der Linde am Halse im Abendwind baumelt, ist halt etwas für’s Gemüt. Nicht nur zur Weihnachtszeit. (War das mit dem Zeitpunkt der Aufdeckung jetzt Zufall?)

Das Personalisieren der Autoren von bekannt gewordenen Falschmeldungen in der Presse ist eigentlich ein interessantes Thema! Bei den Hitlertagebüchern war es noch halbwegs übersichtlich. Konrad Kujau stand nach seinem Auffliegen ja eher für einen Orden als den Galgen. Ein Eulenspiegel.
Was aber ist beispielsweise mit der Dolchstoßlegende nach Ende des ersten Weltkrieges? Die angeblichen Protokolle der Weisen von Zion? Das Märchen von Saddams Massenvernichtungswaffen, dem »bösen Russen«? Das alles sind Pressekampagnen, bei denen trotz offensichtlicher Unwahrheit hunderte, wenn nicht tausende von Journalisten systematisch die Unwahrheit (und sich gesund) schrieben. Und bei Bedarf werden sie auch heute noch gerne gelesen.
Die genannten Beispiele zitieren dabei Ereignisse, deren gesellschaftlicher Schaden bis hin zum Krieg oder der Massenvernichtung von Volksgruppen ging. Nebenbei handelt es sich im Gegensatz zum Spiegel-Reporter Claas Relotius um Bandenkriminalität. Aber so gut wie nie wird es personalisiert. Beim Gedenken an den Presseskandal 1894 um Hauptmann Dreyfus erinnert man sich vielleicht Emile Zolas, aber wer waren die bezahlten Schmierfinken, Fälscher und Hetzer der Journaille? Da wurde die dritte Republik tatsächlich in eine »schwere Krise gestürzt«!
Als Verbrechen wurden sie nie geahndet. (mal ganz abgesehen von Organen wie genannter Bildzeitung, die freie Erfindung, üble Nachrede und rechte Manipulation zum Geschäftsmodell erhoben). Wenn sich nur genügend zusammenfinden zum lügen, dann hat auch Polen den Sender Gleiwitz überfallen.
Nun hat einer »gelogen«. Einer und der hat in der Summe der Unwahrheiten mit Sicherheit um Größenordnungen weniger geschummelt als die Springerpresse in einem viertel Jahr. Wer von den Brandstiftern möchte Reichelt, Döpfner oder Röbcke hinter Gitter bringen?… Siehste!
Also erst einmal einen Gang herunterschalten. Die freie Presse ist durch Claas Relotius keinesfalls in Gefahr. Locker bleiben.

Man liest, was man lesen möchte. Das hat erst einmal überhaupt nichts mit dem Autor zu tun, sondern mit dem Leser. »Der Kunde will das so!« Der Hochstapler erfüllt in erster Linie eine Erwartung und betrügt eigentlich nur durch sein Auffliegen. Von allen nun gegen Relotius vorgebrachten Anschuldigungen fehlt auffälligerweise eine: Daß er schlecht schreibt (und damit ist der schöne Gigolo vielleicht gefallen, aber immer noch schön, wenn auch arm).
War was?
Der junge Mann (und das ist er: Jung! 33 Lenze) ist aufgeflogen. Der eigentliche Schaden liegt bei denjenigen die sauber arbeiten. Und selbst daran ist Relotius nur mittelbar schuld. Denn das Kleinholz erzeugen diejenigen, denen das Skandälchen Grund für eine Abrechnung mit irgend einer anderen Meinung ist.

Soviel zu dieser Seite der Medaille. Da ist noch eine Rückseite. Das Online-Magazin journalist-magazin.de betitelt seine Geschichte über Relotius mit »Die Blender sind unterwegs«. Stimmt, und das nicht nur im Journalismus. Der Ethnologe David Graeber beschreibt in seinem Buch »Bullshitjobs. Vom wahren Sinn der Arbeit« die zunehmende Tendenz, vollkommen sinnlose Jobs zu schaffen. Arbeit, deren Sinn nur darin besteht, Geld abzuschöpfen ohne den Hauch einer Leistung. Bei Douglas Adams »Per Anhalter durch die Galaxis« bildet diese Spezies die Klasse B des Planeten Golgafrincham: Filmproduzenten, Telefondesinfizierer, Frisöre, Unternehmensberater und Versicherungsvertreter.
Auf unserem Planeten haben sie zum Teil andere Bezeichnungen, aber die selbe Funktion. Nämlich gar keine. Dazu paßt konsequenterweise ein mit Journalistik-Preisen überhäufter Schreiber wie Claas Relotius. Falsche Nachrichten für eine falsche Welt. So wenig die Klasse B von Golgafrincham mittlerweile Science Fiction ist, so naheliegend ist die Vermutung, daß im Falle des Spiegel-Journalisten lediglich ein noch freies Feld besetzt wurde. Sie gehören zusammen und vor allem: Relotius wird demnach kein Einzelfall sein.

Nota bene: Gärtners kritisches Vorweihnachtsfrühstück

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8 Antworten zu Grubenhunde

  1. altautonomer sagt:

    Inhalt in Ordnung.

    Thema jedoch irreführend:
    Das verstehen 99 % der Ruhrgebietsbevölkerung unter einem Grubenhund.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Zeche_Herbede#/media/File:Witten_-_Zeche_Herbede_1-2_(Holland)_01_ies.jpg

    • Pantoufle sagt:

      Guten Morgen, Senator Duca Melbista-Berso-Thum

      »Inhalt in Ordnung.«
      Na, das verschönt mir doch die Feiertage.

      Es gibt diese Tiere nebenbei in der Schreibweise mit »T« und »D«. Meine bezog sich auf den Krausschen Grubenhund. Kann man wissen, muß man nicht.

      • BerndH60 sagt:

        Ich persönlich freue mich ja, dass im Internet seit geraumer Zeit endlich “Kopfnoten” en vogue sind. Das erinnert mich an meine Grundschulzeit.
        Auch dass Blogger ihre Inhalte vom Kommentariat abgesegnet bekommen ist ein großer Erfolg, nur so können weitere Relotii (oder sagt man Relotiusse?) verhindert werden.

      • Pantoufle sagt:

        Moin BerndH60

        Relotii! Ganz klar Relotii.

        Was die Genehmigung von Texten betrifft, deren untertänigst erlaubnisheischende Bestätigung mir den Sonntag vor dem Baumfest erhellt, so fällt mir dazu das Wort Hoflieferant ein.
        Kurioserweise verrät die Suchmaschine, daß damit mittlerweile meist ein nachhaltiger Bauernhof gemeint ist. Was für eine kafkaeske Verwandlung! Bio-Eier statt Staatskarossen.
        Auch das ein Fortschritt?

        »Die Verleihung der Auszeichnung Hoflieferant hatte nicht nur für den Lieferanten Vorteile. Die Monarchie sicherte (bzw. sichert) sich im Gegenzug durch dieses Auszeichnungssystem die Unterstützung der führenden bürgerlichen Handels- und Industriebetriebe.«
        Wikipedia

  2. Stefan R. sagt:

    Schöne Feiertage aus dem Land der Grubenhun(t)de!

  3. Pentimento sagt:

    Schönen Dank für diese Seite. Lohnt sich immer. Alles Gute zum Neuen Jahr und überhaupt!

  4. Pantoufle sagt:

    Stefan und Pentimento! Schöne Feiertage auch Euch.
    Hier baumt es schon gewaltig und ich habe überhaupt keine Lust. Statt dessen liegen mir die vielen unbeantworteten Briefe auf dem Magen, die noch im Postfach faulen. Außerdem hat die digitale Ulknudel Bär vonste CSU wieder ein Bäurerchen gemacht und überhaupt.
    Weihnachtsgegrüßt habe ich auch noch niemanden. Morgen, alles Morgen…

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