Gott schütze das ehrbare Handwerk

Nein, nicht tot oder vom Schlag dahingerafft – noch nicht! Das ist es nicht, was die Schrottpresse in einen Winterschlaf versetzt hat. Es ist mal wieder ein neuer Beruf (immerhin der zweite in zwei Jahren!) und der frißt so ziemlich meine gesamte Energie. Wie das so ist, bis man genügend Routine entwickelt hat, um sich der listigen Faulheit des Alters hingeben zu können.
Akustik ist es immer noch, nur die Räumlichkeiten und Kunden haben sich geändert. Auch mehr Handwerk ist es geworden. Alles in Allem: Einen schönen Beruf habe ich da gefunden.

Handwerk oder handwerksähnliches. Vom Handwerk jedenfalls ist die Verbohrtheit in die eigene Welt und die Ignoranz darüber, was die große weite Welt sonst noch so treibt. Undenkbar, daß jemand anderes bereits ein Problem gelöst hat, noch undenkbarer, daß es bereits jedermann kennt und man die Lösung als blödes, kleines Programm kaufen kann, das einem monateweise Mannstunden pro Woche erspart. An jeder Ecke, als Exel-Tapete aus China, ein paar Zeilen SQL oder ein dürres Word-Script. Nein! Wir machen das schon immer so und die groteske Zettelwirtschaft, denen jeder Angestellte einen Arbeitstag pro Woche opfert, ist eine Papier gewordene heilige Kuh. Unantastbar, ein Kult, und niemand schreibt die Stunden auf die es braucht, einem Neuling den Daseinszweck dieses grotesken Unsinns zu erklären.
»Wir lieben diese Welt, weil eine andere schlicht undenkbar ist.«
Eine Kritik daran ist alleine schon deshalb ein Sakrileg, weil sie jemand äußert.» Er hat Jehova gesagt!«

Das ist schon irre. Das 21. Jahrhundert und Computer werden vorrangig dazu verwendet, den Überblick darüber zu behalten, in welchem Stapel sich ein gesuchtes Papier befindet. Selbstklebend mit roten, grünen, blauen oder gelben Fähnchen erleichtern die Zuordnung von »wichtig«, »nicht so«, »kommt später« oder »kann weg«. Die Angestellten werden für den Tag oder besser noch eine Woche mit einem handschriftlich hingeschmierten Zettel am Laufen gehalten, deren Sinn sich eventuell dann erschließt, wenn man sich den Stoß beigefügten Papiers durchliest. »Die Historie« des »Vorgangs«.
Bemitleidenswert. Ein Kulturschock, wenn man gerade aus der IT kommt. Die sind auch hoffnungslos schwerelos, haben aber schon mal die richtigen Werkzeuge. Dort habe ich mich gewundert, mit welchen Vollpfosten man KI entwickeln will – jetzt frage ich mich: Selbst wenn – für wen?
Selbstverteilende Papierberge?

Da ist es wieder: Wenn Du jemanden von einer möglichen Lösung überzeugen mußt, ist es bereits vergebliche Mühe. Entweder er sieht selber das Problem, ist selber an einer Lösung interessiert und bereit daran zu arbeiten oder vergiss es einfach. Man kann niemanden davon überzeugen, daß Erdbeermarmelade zum Frühstück besser schmeckt als Käse. Er will eben Käse, weil es immer schon Käse war. Sein Käse. Es sei denn, das Wasser steht ihm bis zum Hals: Dann gibt es blaue statt grüne Werbezettel. Das hilft bestimmt.

Mit anderen Worten: Ich fühle mich bislang pudelwohl! Ich bin meist alleine unterwegs, habe meinen Quasi-Dienstwagen und fühle mich den Kunden gegenüber verantwortlich, nicht den Papierkriegern. Das ist also bis auf Weiteres auszuhalten. Fachlich gesehen… siehe oben.

Ja, und dann ist da immer noch die Schrottpresse und ihr unbestechlich genauer Blick auf die Welt. An der ist sie und ihr Chefredakteur leider momentan gar nicht so interessiert. Gibt es irgendwas, mit dem man sich beschäftigen sollte? Mal sehen – es gibt ja immer noch die Lesezeichen » Blog aktuell“, in dem sich die erschütternden Ereignisse der Welt stapeln. Es ist ja nicht so, daß ich gar nichts mehr lese. Der Tagesspiegel:

„Warum kommt die Verkehrswende bei der Fahrradbranche nicht an?
Fahrradfahren gilt als elementarer Bestandteil neuer Verkehrspolitik und gesunder Trend. Doch Handel und Industrie merken davon noch nichts.“

BMW hat gerade einen neuen SUV mit dem aerodynamischen Charme eines Schützenpanzers gebracht. X7 heißt das Baby der Saison. Und siehe da: Nicht alles ist ein Trend nur weil man unablässig darüber redet. Deswegen kommt auch nichts bei Handel und Fahrradbranche an. Ist doch eigentlich ganz einfach, oder? Das hat man davon, wenn man Werbeblocker verbietet: Man hält » …alle ganz verrückt nach dem neuen Glitzer-Haarspray“ für eine Nachricht.

»Der US-Flugzeughersteller Boeing hat ein Softwareproblem bei Maschinen des Typs 737 Max eingeräumt.«

Ach! Abwärts immer, aufwärts nimmer. Nach wievielen Toten ist der Bug kein Feature mehr?

Die Zeit schrieb vor einiger Zeit… »……«. Nebbich!
Ich würde gerne wissen, wie die Zeit des Beginns des 21. Jahrhunderts einmal in den Geschichtsbüchern heißt. »Jahre der Ignoranz«?
»Wenn man Adolf Hitler nicht in die Diskussion einbezieht, weckt man eventuell wirkliche Aggressionen.« »Man muß mit Trump reden!« »Dort hatte Trump recht!« »Anregender Gedankenaustausch mit der AFD«. »Ultrarechter Partei distanziert sich von militantem Flügel« – »Nazis doch nicht so nett wie gedacht« … ach nö, das hatte der Postillion schon!

Überhaupt Postillion: Thomas Gottschalk moderiert eine Literatur-Sendung. Dazu kann man leider gar nichts sagen. Überhaupt nichts. Außer vielleicht Uli Hoeneß. Oder Andrea Voßhoff. Am besten in einer gelben Weste.
Öhhh – ja! Man sollte mal wieder fernsehen.

„Doch die Liebe gibt Gebeten nicht nach, nur Verdiensten.“

Ich grüße alle »Weiterblogger«. Tiker, Annika, Duke, Mechthild, Stefan R., Dame, …ach!

»Reue ist etwas für diejenigen, die sich nur um sich selber kümmern.«

Keine Ahnung, woher ich diese Sätze habe, aber sie gehen mir seit einiger Zeit im Kopf herum.

Und natürlich gibts wie immer Musik! Latürlich! Progessiv Metal vom feinsten. Tessaract:

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9 Responses to Gott schütze das ehrbare Handwerk

  1. flatter sagt:

    Auch neuen Job. Sklaverei. Macht dumm. Ja, Ignoranz, im Kleinen wie im Großen. Völlich richtich, das da oben. Zur KI bald etwas in dieser Richtung: Prioritäten. KI soll lernen, solche zu setzen. Von wem? Wie? Manchmal kann ich noch rotzen vor lachen.
    Jetzt Bett. Morgen wieder Sklaverei.

    Gruß zurück!

    FEHLER: Sorry, human verification failed. seriously? hmpf.

  2. Stefan R. sagt:

    Welcome back. Danke für Gruß und Lebenszeichen!
    Und die Sklaverei? Nun ja… Ach je…

    • Pantoufle sagt:

      Der von Dir empfohlene und zitierte Nils Binnberg bringt mich gerade auf die Idee, über Essen &Trinken zu schreiben. Wieder weniger Leser. Noch weniger Low Carb, dafür mehr Korem Isola dei Nuraghi Rosso.
      Das »Genuß ist Notwehr« auch nicht mehr schreibt, ist gottserbärmlich schlimm.

  3. oblomow sagt:

    In 80 tagen um die welt – schön nach so langer zeit mal wieder etwas von dir zu lesen. “Gibt es irgendwas, mit dem man sich beschäftigen sollte?” – Gedichte, vielleicht? Hier ist eins:

    Wenn ich meine Schuhe umgekippt auf dem Fußboden

    liegen sehe, fällt mir nichts besonderes dazu ein. Ich sitze ohne
    Schuhe am Tisch … Gestern abend war ich bis spät nachts
    unterwegs. Hinter einem Bretterzaun sah ich alte Autoreifen
    herumliegen, und dazwischen lagen andere Teile.
    Das Gras ist verblaßt. Jetzt wird es Zeit, sich auf
    einen Unfall vorzubereiten, der nichts Erschreckendes
    für mich haben wird. Im Handschuhfach gehen ein paar
    Handschuhe verloren. Das ist die gewöhnliche Logik,
    wenn das Auto gestohlen wird. Wenn es aber wieder
    Sommer geworden ist, fällt mir etwas anderes auf, über das
    sich zu sprechen nicht lohnt. Ich ziehe meine Schuhe wieder
    an und bin fertig. Die Reisetasche ist gepackt,
    sie steht neben mir auf dem Beton. Marilyn Monroe
    stirbt war eine Gedichtzeile, in der ich mich
    wiederzuerkennen glaubte. Ich habe sie
    vor Jahren auf der Fahrt hierher gelesen … das Gedicht
    ist längst nicht mehr da. Auch die Autoreifen sind
    nicht mehr da. Ich gehe durch die Wohnung und suche nach Sachen,
    die nicht nur da sind, sondern auch ohne Bedeutung sind.
    Ich habe mir eine Eintrittskarte gekauft und sitze in der
    ersten Reihe. Wir nannten sie den Rasiersitz. Auch
    Helmut, Peter, Walter und Otto lassen sich rasieren …,
    sie sind alt geworden. Die Ferien gehen zu Ende, ohne daß
    einer von ihnen sich wunderte. Ich habe aufgehört, weitere
    Fragen zu stellen. Ein kalter Westwind
    bläst durch die Stadt und dringt durch
    jede Ritze. Auch durch das Loch in
    meinen Schuhen. Ich kriege kalte Füße.
    Die Unterhaltungen hören auf.
    Am nächsten Morgen
    scheint etwas aufzukommen,
    was mich an den Kopf greifen läßt.
    Glocken läuten. Und Zigarettenasche
    fällt auf den neuen Sonntagsanzug.

    Rolf Dieter Brinkmann

    und gleich noch eins:

    Fenster zum Gefängnis

    Als kleene
    Kinder
    hamse schon
    so uff die
    Sonne
    jestanden, detse

    die Sonne

    damals
    mit Kreide
    hinjemalt ham
    überall, wie man solche

    Jeschichten
    einfach
    verjessen kann.

    Günter Bruno Fuchs

    und ein letztes:

    Conflict

    They all say
    I’m a child of few words
    This I don’t deny
    But actually
    Whether I speak or not
    With this society I’ll still
    Conflict

    Xu Lizhi

    • Pantoufle sagt:

      Ah! Gedichte! Und so schöne auch noch. Also Rolf Dieter Brinkmann nicht sooo schön im klassischen Sinne, aber sehr interessant.
      Westwärts 1 & 2 muß ich endlich mal lesen. Man liest ja so wenig. Im Moment lese ich sowieso nur solche Kracher wie »Der Motorwagen / Heller« (1912) und Mairs »Das Krafrad Technik – Pflege – Reparaturen« (1937). Da reimt sich nix! Ach ja… und Batailles »Das obszöne Werk«. Aber daran kaue ich schon seit Ewigkeiten und es gefällt mir einfach nicht.
      Vielene Dank also auch dafür, daß Du mich auf andere Lese-Ideen bringst

  4. Siewurdengelesen sagt:

    Moin

    Abseits davon, endlich wieder etwas zu lesen hier (dafür danke) – was hast Du eigentlich verbrochen, dass Du ausgerechnet von einem englischsprachigen Spammer als Medium auserkoren wurdest?

    😉

    • Pantoufle sagt:

      Moin Siewurdengelesen

      Jo, das weiß ich auch nicht genau. Leider bin ich gerade etwas unregelmäßig und da rutscht das dann leider durch.

      Und uneigentlich wollte ich heute Abend etwas schreiben, aber das hatte Nachrang gegenüber persönlicher Post, die sonst liegen geblieben wäre. Das wäre ja auch schade oder?

  5. Siewurdengelesen sagt:

    “Und uneigentlich wollte ich heute Abend etwas schreiben, aber das hatte Nachrang gegenüber persönlicher Post, die sonst liegen geblieben wäre. Das wäre ja auch schade oder?”

    Natürlich – schliesslich müssen Prioritäten gesetzt werden. Lieber permanent ignorant als gar nicht reagieren;-)

    Hoffentlich vergisst Du nicht noch das Motorradfahren bei all dem Stress.

    Selber verdaue ich gerade das Ergebnis des Abstimmens zum Urheberrecht, das leider nicht so unerwartet war.

    Bin nur am Überlegen, ob ich dazu noch einen Leserbrief an unsere lokale Tageszeitung verbocke.
    Dort hatte sich ein Redakteur tatsächlich dazu verstiegen, die seiner Meinung nach vorwiegend jüngeren Kritiker dieses Gesetzes als naiv und vom Kontra gegen die Etablierten getrieben zu diffamieren.

    Meines Erachtens blamiert er sich damit selbst am meisten, denn solche Aussagen zeugen entweder von Unkenntnis oder eben Ignoranz. Beides zeugt jetzt nicht unbedingt davon, dass er für seinen Job sonderlich geeignet ist.

    Der einzige Trost daran ist die ungewollte Ehre, zu den Jüngeren zu gehören;-)

    Es muss sich noch etwas sammeln, sonst wird´s ein Rant und der wird wieder nicht gedruckt…

  6. Nach unfreiwilliger onlinepause möcht ich mich doch noch für die grüße bedanken. Ich wünsche einen schönen ersten mai. Und einen noch viel schöneren neunten mai!

    Wenn es dann mal so weit ist und alles.

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