Gedicht am Dienstag 34

Das Wetter und ich werden nicht zusammen alt – so nicht, Wetter! Die Batterie von der Yamaha ist auch runter; selten, daß sie nicht anspringt, aber heute ging nicht und ich mußte Peugeot-Auto fahren. Das ist nun wirklich das letzte, danach kommt nur noch kriechen.
Jetzt ein Feierabendbier und etwas Poesie. Das Gedicht am Dienstag. Oder besser: Zum Dienstag. Aber an Tagen wie diesen, von denen einer aussieht wie der andere, ist das wohl nicht entscheidend.

Verse

   Und auch die Nächte dieser Stadt
Sind unterhöhlt von den stürzenden Glocken.
Uns Nackten wehen in ihr Bad
Des Rausches von ruhlosen Lippen Flocken.

   Wo du an überlaubtem Tor
Weichere Hände nicht wolltest küssen,
Habt Beide ihr Schatten sehen müssen,
Und Schreie, da ein Gerechter verlor.

   Ein dunkler Seim von krankem Baum
Ward über das Pflaster zu spaltiger Glättung,
Und ein Zuschlag sprang wie aus eiserner Kettung
Einer toten Weiche in deinen Traum.

Johannes Theodor Baargeld, 1917

Ich lobe die Vergewaltigung

           Dem Geburtshelfer des Proletkultes, Genossen Lunatscharski

Bald ist es so weit.
Bald haben wir Alles mit uns versucht.
Die Städte hast du aufgewühlt. Vergeblich. Du
    hast dich in ihre Falten gewühlt, wo der
    Zerfall brodet und düngt. Vergeblich.
Als in den Vorortschenken die Gier den Wartenden
    zerfraß, nie warst du zuversichtlicher.
Als zwischen Aborten und Freudenhäusern dich
    Schnaps und Garküchengestank präservierten.
Ob du jemals dem Andern, dem Einen näher warst?
In Minoturis sahst du sein Gesicht. Von Texas
    bis Idianopolis folgtest du seinen Spuren wie
    ein Hund dem Hunde.
Du kanntest seinen Geruch, ohne ihn zu kennen,
    du wußtest seinen Arm, der gleichgültig den
    Gruß schlägt, ohne ihn selbst zu wissen.
Du wußtest mit jedem Schritt mehr, mit jedem
    Schritt fiel dir ein Weiteres über ihn zu.
Ich traf dich auf den Straßen, die wir tausendmal
    aufgegeben und wieder aufnehmen, damals,
Und du spucktest aus, du höhntest dich: Am
    Niederrhein wart ihr die Straßen getrottet,
    du und er,
In den schweren Städten des Flachlandes habt
ihr getrunken und gebrüllt. Du und er. Ihr
habt euch gefaßt, mit Gewalt euch gewollt;
Und ihr gingt wieder eures Wegs. Auf der Suche!
Ich lache! Du nach dem Einen – Er nach
dem Einen.
Und jetzt sahst du sein Gesicht wieder, diesen
    Kübel deiner dünnen Bedürfnisse. Jawohl,
    du kennst seinen Geruch, ohne ihn selber zu kennen,
Und so, so muß sein Arm sein, der gleichgültig
    diesen Gruß schlägt, – und endlich,
Endlich schreist du: Hier, in Texas, in Minoturis,
    in den Städten des schweren Niederrheins, war
    ich dies immer?
Ich höre dich. Ja, du warst dies, nur du warst
    dies; ich antworte es deiner Gewalttätigkeit, die
    sich Liebe nennt.
Ich antworte es aller Gewalt, die flucht, daß sie
    Gewalt auch gegen sich findet. Aber wir
    dürfen uns noch nicht lieben . . .
Doch bald ist es so weit.
Bald haben wir alles mit uns versucht und wir
    werden es wissen.
Die Meere kämpfen untereinander, bis der Pacific
    sie alle in sich ersauft. Auch dies haben wir
    schon gesprochen und Andre spielten früher
    damit.
Doch es soll geschehen, derweil ihr eurem
    Spielen flucht. Wir werden euch zwingen,
    zwingen, selbst wo ihr klein beigebt.
In ozeanischem Tal sind schon die transatlantischen
    Dampfer zusammengerollt.
Doch wir nehmen euch mehr, wir versprechen
    wenig, und auch dies werden wir halten oder nicht.
Schönheit und Edles schlagen wir aus eurer Welt.
    Wie wollt ihr denn von Welt sprechen, die
    ihr zu haben seid wie die Weiber.
Die Himmelsfarbe ist längst in Europas leere
    Fabrikschlote ausgelaufen.
An den Türmen der Kathedralen reibt sich das
    farblose Firmament wie ein Hund.
Im Osten ruft keiner mehr zum Gebet. Die
    Minarets des Ostens haben sich gesenkt.
Die Kuppeln des Ostens kullern auf dem Rücken.
    Im Osten packten sich Luft und Erde!
Wir machen kein Hehl aus der Gewalt, wir sind
   die rechten Vergewaltiger!
Wo wir gingen, kann bloß Neues
      wachsen, da blieb nichts Altes, das
          wir schonten.
Ja, bald ist es so weit.

Johannes Theodor Baargeld, 1919

 

der wecker mit schluß für
     erstgebärende
mit der geburt ab
die liebe auf dem zweirad ist
die wahre nächstenliebe
ich bin nicht mehr in der Lage meinen sattel zu sättigen
Das ding an sich und das ding an ihr
Der mensch ist der beste freund des weibes.
Die axt im haus erspart den bräutigam.
Wer gegen den wind spuckt, besudelt die eigene mathilde
Nieder mit der kompakten majorität der damenschneider.

Emmy Hennings, 1920/21

Morfin

Wir warten auf ein letztes Abenteuer
Was kümmert uns der Sonnenschein?
Hochaufgetürmte Tage stürzen ein
Unruhige Nächte – Gebet im Fegefeuer.

Wir lesen auch nicht mehr die Tagespost
Nur manchmal lächeln wir still in die Kissen,
Weil wir alles wissen, und gerissen
Fliegen wir hin und her im Fieberfrost.

Mögen Menschen eilen und streben
Heut fällt der Regen noch trüber
Wir treiben haltlos durchs Leben
Und schlafen, verwirrt, hinüber…

Emmy Hennings

für Hugo Ball

Oktaven taumeln Echo nach durch graue Jahre.
Hochaufgetürmte Tage stürzen ein.
Dein will ich sein –
Im Grabe wachsen meine gelben Haare
Und in Holunderbäumen leben fremde Völker
Ein blasser Vorhang raunt von einem Mord
Zwei Augen irren ruhelos durchs Zimmer
Gespenster gehen um beim Küchenbord.
Und kleine Tannen sind verstorbene Kinder
Uralte Eichen sind die Seelen müder Greise
Die flüstern die Geschichte des verfehlten Lebens.
Der Klintekongensee singt eine alte Weise.
Ich war nicht vor dem bösen Blick gefeit
Da krochen Neger aus der Wasserkanne,
Das bunte Bild im Märchenbuch, die rote Hanne
Hat einst verzaubert mich für alle Ewigkeit.

Emmy Hennings

Westwego

Eines sommers ging ich in London umher
die füße brennend und das herz in den augen
vor schwarzen mauern vor roten mauern
an den großen docks
wo riesige policemen wie gereizte
fragezeichen stehn
Man konnte mit der sonne spielen
die sich wie ein vogel auf alle
monumente setzte
zugtaube
alltagstaube
Ich ging durch dieses viertel das Whitechapel heißt
pilgerfahrt meiner jugend
wo ich nichts antraf
als sehr gut gekleidete leute
die zylinderhüte trugen
und streichholzverkäuferinnen
mit strohhüten auf
die gleich den bäuerinnen Frankreichs riefen
um die kunden anzulocken
penny penny penny
Ich betrat eine kneipe
wagon dritter klasse
Daisy Mary Poppy
da saßen sie um den tisch
neben den fischhändlern
die augenzwinkernd kauten
um die nacht zu vergessen
die nacht die mit wolfsschritten kam
mit eulenschritten
die nacht und der flußgeruch und der der gezeiten
die träume zerreißende nacht

es war ein trauriger tag
aus kupfer und sand
der träge zwischen den erinnerungen glitt

Philippe Soupault

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11 Kommentare zu Gedicht am Dienstag 34

  1. ich nenne mich du weil der Abstand
    so vergeht zwischen uns wie Haut
    an Haut wir sind nicht
    zu unterscheiden zu trennen eins
    und das Andere die Grenze ist
    die Verletzung der Übergang
    eine offene Wunde du nennst mich
    ich wer von uns beiden sagt
    hier hast du ein Messer
    mach meinen Schnitt.

    Barbara Köhler (aus Deutsches Roulette, 1991 veröffentlicht bei Suhrkamp)

  2. Pentimento sagt:

    Toller Song und unglaublich gut gesungen.
    – Der Dada-‚Unsinn‘ paßt in unsere politische Landschaft. Hatten die Dadaisten mit ihrer Kunst nicht gegen zweifel – bzw. lückenhafte Pressemitteilungen und Krieg protestieren wollen? – Die Fotos sind ‚bezaubernd schön‘. Ehrlich. Tun richtig gut. Sogar die Ankerwinde (?) kommt ästhetisch rüber.

  3. markus sagt:

    ne, dürfte ne Kettenlenkung sein

    Und immer schön was reinwerfen ins kleine Schiffchen aufm Tresen!

  4. Pantoufle sagt:

    @Pentimento

    »…Dadaisten mit ihrer Kunst nicht gegen zweifel – bzw. lückenhafte Pressemitteilungen und Krieg protestieren wollen?«

    Nein, ich denke nicht. Dada war nicht in erster Linie politische Aktion. Auch wenn uns Leute wie Heartfield, Dix oder Grosz als explizit politisch agierende Künstler erscheinen. Mehr als politische Widerstand muß man Dada als Kritik an den damaligen Kunstformen verstehen. Das schließt politische Statements nicht aus, war aber nicht die vorrangige Idee. Theodor Baargelds »ich lobe die Vergewaltigung« ist allerdings ein Beispiel politischer Lyrik bei Dada.

    »Der Dada-‘Unsinn’ paßt in unsere politische Landschaft«

    Stimmt!

    Und was die Ankerwinde betrifft, so hat Markus bereits richtig getippt. Der rot markierte Bereich auf dem Spielzeug ist etwa der Bereich des Photos. Es ist das Lenkgetriebe einer Lokomobile.

  5. Pentimento sagt:

    Sehr anschaulich dargestellt! 🙂

  6. markus sagt:

    Sehr solide Angelegenheit übrigens, wenn man bedenkt das ich meine Lenkhilfe am Auto jetzt innerhalb eines Jahres bereits das zweite Mal austauschen musste, gerät man ins Grübeln ob man nicht doch…..
    ….. also darüber nachdenken, ob man nicht auch vorn nochmal mit einem Bündel Blattfedern….wäre auch eine Form des dadaistischen Protestes immerhin? ( zunächst jedenfalls)

    • Pantoufle sagt:

      Extrem solide, wenn man bedenkt, daß die Lenkung der Clayton & Shuttleworth-Maschine seit 104 Jahren mit den Originalteilen funktioniert.
      Stichwort dadaistische Reparatur:

      • Das ist eine Zange, oder? Ich lach mich wech…

        War wohl gerade nichts anderes zur Hand – wie vermutlich bei der Feinsicherung, die bei einer Reparatur im ollen Jaguar eines Freundes auffiel und zwar mehrere Jahre, nachdem sie im ländlichen Polen reingefrickelt worden war. Sie bestand aus einem Stück Schachtelhalm, das an beiden Enden mit ein bißchen Alufolie umwickelt war, hat tadellos funktioniert. Der Freund hat sie dann auch auf rotem Samt eingerahmt.

  7. Pantoufle sagt:

    @Dame

    Das ist ein Suchbild! Die (Kneif)Zange allein ist ein schönes Beispiel von Schweißkunst – man beachte nur die liebevolle Rückholfeder und die auf Zug belastete Schelle mit den M4 Schräubchen zur Befestigung.
    Allerliebst, auch wenn man nicht sofort darauf kommt, ist aber das Holzvorderrad. Hervorragend gelöst ist die Einpassung des Stellmacher-Meisterstücks mittels hartgelötetem Hilfsdraht an die ehemalige Radnabe und die Befestigung der Bremsscheibe mittels (Spax?)Schräubchen. Rechts unten ist ein Stück Draht zu sehen – ich denke, das ist ein Gewicht zum wuchten für optimalen Rundlauf.

    In der Regel verschwenden wir ohnehin viel zu viel Zeit, um uns über optische Kinkerlitzchen Gedanken zu machen. Wichtig ist allein die Funktion.

    Abgesehen davon hindert uns unser unangepasstes Problembewußtsein zu oft daran, zum Kern der Anwendung vorzudringen.

    Oft lohnt sich ein Blick auf unverdorbene Naturvölker, um sich dem eigentlichen Wortsinn der Dinge wieder bewußt zu werden.

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