Einer weniger

Nein, ich war so gut wie nie mit ihm einer Meinung. Sein Ton war meist unter aller Würde und wie viele Propheten neigte er zur einer penetranten, weinerlichen Rechthaberei. Man soll nichts schlechtes über…? Ja, aber deswegen muß man nicht gleich Hymnen dichten.

Letztlich spielt es auch keine so große Rolle. Man unterteilt die Welt ja unwillkürlich in Seiten. Derjenigen, auf der man selber steht und die andere. Danach stand er auf der richtigen Seite. Und ich auf seiner, obwohl er sich das vermutlich verbeten hätte.
Ich war noch nie gut in »letzte Worte«. Da ist ja auch keine Meinung gestorben, sondern ein Mensch und um den tut es mir ehrlich leid. Eine Münze für Charon von dieser Stelle und mein aufrichtiges Beileid für die Hinterbliebenen. Wie Frau Mühlstein so richtig sagt: »Du wirst mir trotz aller Meinungsverschiedenheiten fehlen. Vielleicht aber auch gerade wegen der Meinungsverschiedenheiten
Ruhe in Frieden

Daniel

Nachtrag

Mehr über Charlie gibt es bei Stefan Roses fliegende Bretter

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31 Kommentare zu Einer weniger

  1. Tellack sagt:

    Vielleicht sollten Sie mal hier nachlesen:

    https://ossiblock.wordpress.com/2017/06/01/das-grosse-blog-sterben-und-bettel-blogs/

    Niemand kannte den Narren vom Schiff. Aber schön, daß Sie ihn mal erwähnt haben.

  2. Publicviewer sagt:

    Was war da eigentlich los?
    Ich hab gar keine Info?

  3. OldFart sagt:

    Das geht alles auf den Kommentareintrag beim Narrenschiff durch den Altautonomen zurück:

    „Der Kapitän ist von Bord gegangen“ und „RIP“

    Für mich gibts da zwei Lesarten. Entweder die erste Hälfte ist ein bildhafter Euphemismus und das RIP ist ernst gemeint. Ergo: tatsächlich verstorben. Oder der Kapitän hat einen Kiezneurotiker gepullt und das RIP ist eine ironische Verabschiedung. Ergo: Schnauze voll, die Brocken hingeworfen.

    Für beides gibt es plausible Indizien. Daß er über alle Maßen von allem angekotzt war, daraus machte er sprachlich keinen Hehl. Und immer wieder konnte man auch lesen, daß er von vielerlei Malaisen geplagt war, diesmal vielleicht dann eine zu groß und zu viel.

    Ich sehe auf Basis mir zugänglicher Informationen keine valide Unterscheidungsmöglichkeit und halte mich daher mit vielleicht unangebrachter Kondolenz erstmal zurück. Dessenungeachtet: in beiden Fällen ein echter Verlust. Wir werden so oder so immer weniger.

  4. Stefan R. sagt:

    Nein, leider kein Abgang a’la Kiezneurotiker. Ich habe heute eine Mail vom Altautonomen bekommen, der regelmäßig Kontakt zu Charlie hatte und ihn auch hier und da unterstützt hat. Charlie ist tatsächlich am Mittwoch plötzlich verstorben. Über die Ursache weiß man nix Genaues, es deutet aber wohl einiges auf einen Herztod hin.

    Gruß

    Stefan R.

    • OldFart sagt:

      Jetzt sehe ich klarer, bin aber traurig. Danke für die Info und mein Mitgefühl für seine Freunde und Hinterbliebenen.

      • Pentimento sagt:

        Bin auch sehr traurig. Daß ein so feiner Mensch, der dazu noch chronisch krank war, sich mit dem kalten Hartz4 System herumschlagen mußte, ist schwer zu ertragen. Seine manchmal heftige Kritik an Gleichgesinnten kann ich in dem Zusammenhang gut nachempfinden.

        • Pantoufle sagt:

          Moin, Pentimento

          Menschlich nachvollziehen ja. Unter dem Aspekt, universale Handlungsmaximen zu propagieren: Nein. Rosa Luxemburg hatte es materiell auch nicht immer einfach.

          • Pentimento sagt:

            Moin Pantoufle,

            da stimme ich Dir voll zu! Ein starkes Bewußtsein ist nötig, um die Handlungsmaxime leben zu können. Es ist leider so, daß das Bewußtsein an den Unzulänglichkeiten des Körpers scheitern kann , und das Unbewußte wieder stärker das Handeln bestimmt. Schon, wenn wir müde sind, kann das Bewußtsein schwächeln. Ein schönes Beispiel für die Macht des Unbewußten ist das Bild von dem Eisberg. Und seine stärksten Waffen sind am Ende Krankheit, Schmerzen oder Tod.

          • Pantoufle sagt:

            Du hast natürlich recht. Aber weißt Du, was wirkliche Ungeheurer gebiert? Traurige Kämpfer!

  5. flurdab sagt:

    Dann wünsch ich Ihm einen schnellen und friedvollen Tod.
    Unbequem war der Mann, seine Wortwahl oft fragwürdig.
    War er wichtig?
    Ich denke schon.
    Was passiert eigentlich, wenn die kritischen Blogger alle ins Jenseits wechseln?
    Sind ja scheinbar fast ausschließlich Menschen jenseits der 50zig.

    Wächst da etwas nach?

    Sehr nachdenkliche Grüße

    • Pantoufle sagt:

      Gar nichts wächst nach. Twitter-Autisten und Youtube-Komiker, sogenannte Influencer. Die Nähe der Bezeichnung ist nicht von ungefähr dicht an Influenza.

      • OldFart sagt:

        BWL-Egomanen, Blender, Handy-Spacken, Datenexhibitionisten.

        Idioten, die etwas bedienen können und deshalb glauben, sie würden es verstehen. Und damit protzen, gerne auch mal als Fachjournalisten. Und dann verwundert über die Folgen sind. Leute, deren mentale Aufnahmefähigkeit jenseits von 140 Zeichen überfordert ist. Leute, die von Fachkundigen auf 1/2 DIN A4 Seite in Nuklearphysik gebrieft werden wollen, um anschließend einen Kompetenz simulierenden Vortrag bei ihresgleichen zu halten. Leute, die bei üppigster eigener Staatsalimentation qualifiziert über die Nichtexistenz von Armut schwätzen.

        Die Liste ist endlos. Nix mit sapere aude. Woher soll da was nachwachsen? Ich sehe echt schwarz.

  6. Siewurdengelesen sagt:

    Ne – der Charlie hat´s echt nicht leicht gehabt und das war sicher einer der Gründe, warum er z.B. auch so gegen grundsätzlich ähnlich gelagerte Blogs wie NDS oder die Neulandrebellen rotzte.

    Wischiwaschi war da nicht angesagt oder der von oben oft genug vorgelebte Konsensbrei, der doch keiner ist, sondern nur einseitiges Interesse.

    Verdammte Scheisse, was schreibe ich hier – wie von Stefan Rose beschrieben war auch meines Erachtens hinter dieser Wand ein feinsinniger Mensch, dessen zarte Saiten zu oft derb an- und abgerissen wurden…

  7. epikur sagt:

    Es ist schon eine seltsame Sache mit Social Media, Nähe und Kommunikation.

    Da gibt es Menschen, die man fast täglich oder mehrmals die Woche persönlich sieht, einen aber nicht verstehen können oder wollen, geschweige denn ernsthaft an den eigenen Gedanken (Blogbeiträgen) teilhaben wollen. Dann gibt es Menschen, die man nie zu Gesicht bekommt, aber fast täglich ihre Gedanken aufsaugt (Charlie/Narrenschiff). Mit ihnen über Dinge spricht, die andere niemals hören wollen. Oder auch mit ihnen in den Disput geht, die andere stets aus Harmoniezwang komplett verweigern.

    Für mich ist es bereits der zweite überraschende Tod eines Bloggers (nach: nebenbei bemerkt ), den ich jahrelang gelesen und schätzen gelernt habe. Er wird mir fehlen!

    • Arbo sagt:

      @Epikur: Dem stimme ich zu – nebenbei bemerkt hatte ich auch gerne gelesen, aber erst viel zu spät entdeckt. Bei Charlie ging’s länger, aber für mich immer noch zu kurz.

      Deinen Gedanken kann ich auch zustimmen. Es ist schon komisch, wie einem solche Dinge im Grunde vor Augen führen, dass diese gesamte Virtualität am Ende dann doch vom normalen Leben eingeholt wird. Zunächst hat es ja etwas extrem Eigenartiges, wenn – wie beim Narrenschiff – erstmal alles so weiterläuft wie immer. Da gibt’s keine weiteren Beiträge, keine weiteren Kommentare vom Blogbetreiber – aber Kommentare von den Besuchern. Aber irgendwann merkst Du, dass da nichts mehr läuft – der Besucherkreis rotiert noch etwas an den Kommentaren, aber da ist auf einmal eine statisches Moment. Es dauert einen Moment, dann kommt aber der Punkt, an dem Du merkst, dass das, was da bleibt, im Grunde nur noch Erinnerung ist. Die Trauer kommt und fängt Dich im virtuellen Raum ein, wie im normalen Leben auch.

      LG
      Arbo

      • altautonomer sagt:

        arbo: Da Narrenschiff wird wahrscheinlich als Denkmal auf dem Markt von Kleinbloggersdorf stehen bleiben.

        • Arbo sagt:

          @altautonomer: Das hoffe ich. Es hinterlässt trotzdem eine gewisse Leere, zu wissen, dass der Käpt’n nicht mehr da ist & das Narrenschiff nun vor Anker liegt.

          • GrooveX sagt:

            das liegt nicht vor anker, das ist jetzt ein geisterschiff. ich weiss nicht, wofür es online bleiben sollte. als mahnung? als erinnerung – an was? ich frage das ganz ernsthaft, nicht so schnoddrig, wie man es auffassen könnte.

            ich wüsste allerdings auch nicht, warum man es wegtun sollte. das internet archive, die wayback machine, sind das nicht die orte für gewesenes?

          • Pantoufle sagt:

            Erfahrungsgemäß dafür, daß sich nach Ablauf der Kondolenzzeit jemand findet, der die Deutungshoheit über das Denkmal für sich beansprucht.
            Das haben Denkmäler so an sich.

  8. Pantoufle sagt:

    Ich habe nun hin und her überlegt, ob ich noch etwas dazu zu sagen habe. Mir geht das Thema doch ziemlich nahe, was vermutlich an meinem sehr unabgeklärten Verhältnis zum Tod liegt.
    Ich hatte auch überlegt, den sehr impulsiv verfassten Text zu streichen, habe es dann aber offensichtlich doch nicht gemacht.
    »Je näher man sich ist, umso schlechter kann man sich erkennen.« Ich habe nun schon einige der Blogger-Mitstreiter persönlich kennengelernt und war jedesmal wieder überrascht, wie wenig ich die Person in ihren Texten wiederfinde. Ist es die Betätigung des Schreibens an sich, irgend ein verborgener Mechanismus im Gehirn, der nur durch die Konzentration beim Schreiben zum tragen kommt? So etwas wie die Erzeugung artifizieller Nähe? Kann man sich auf einem von einer Frau betriebenen Blog in die Frau dahinter verlieben? Ich hörte von solchen Fällen. Wahrscheinlich wollen wir glauben. Unter allen Umständen.

    »Oder auch mit ihnen in den Disput geht, die andere stets aus Harmoniezwang komplett verweigern.« (Epikur)
    Sprechen wir also über das Sterben von politischen Blogs. Sachargumente sind oftmals diskriminierend, weil sie nicht alle verstehen können. Das ist sicher oft ein Grund, einer Auseinandersetzung aus dem Wege zu gehen.
    Keiner meiner Bekannten und Freunde liest Blogs. Nicht den meinen und schon gar nicht die »richtig« linken. Ganz zu schweigen von den wirklichen, echten linken Linksblogs®. Weil die schon langweilig im Text sind und erst recht in den Kommentarspalten. Dann geht man doch lieber freitags bei Heise trollen. Immer die selben Parolen und nie kommt etwas dabei heraus. »Haben die auch ein Privatleben oder nerven die ihre Umwelt im Reallive auch, weil sie an der Aldikasse die Internationale gröhlen?« Stefan Rose hat das schön (in meiner Lesart) auf den Punkt gebracht: Man kann sich auch im Café treffen, am Kamin und stellt fest, daß der andere ein ganz normaler, zivilisierter Mensch ist. Mit dem man reden, lachen und einen Kaffee trinken kann. Dann ist dabei schon mehr herausgekommen als in 12.000 Zeichen Kommentaren, in denen man sich gegenseitig beweist, daß der jeweils andere nicht dazugehört.
    Das ist doch das tragische an Charlies Tod: Da kommt jemand wie Stefan und sagt »Mensch, das war privat aber ein ganz feiner Kerl und sensibler Mensch!« Das hat er auf seiner Kommandobrücke immer gut für sich behalten; da nützt im nachhinein kein Disput. Man hätte ihn wohl besser selber kennenlernen sollen. Das Gegenteil von Harmoniezwang ist nicht Kampffreudigkeit.

    • GrooveX sagt:

      ich kommentiere ja oft so aus dem handgelenk und kenne pietät nur, wenn ich am offenen grab stehe – und dann eben aus rücksicht auf diejenigen, die ich nicht brüskieren möchte. jemandem nachzutrauern, den man nicht kennt und der als projektionsfläche verwerfungen aufweist ist sicher genauso spannend wie sich in eine projektionsfläche verlieben. im gegensatz zu ersterem ist mir letzteres schon passiert, und ich musste schon etwas tun, um aus meinem persönlichen bedürfnis oder defizit nicht eine phantasierte kiste zu konstruieren. (das waren zeiten, maaahn.)

      doch nur, weil sich vor 16, 17 jahren ein paar bloggerInnen zusammengerauft haben und probierten, dieses blogdorf als entität im netz zu etablieren und mit kreuzverlinkung und kleinen gegenseitig provokativen aktionen eine art künstlicher gemeinschaft zu schaffen, heißt das ja nicht

      a) es hat geklappt
      b) es kann klappen
      c) es ist eine gute idee

      das gegenteil heißt es auch nicht. ich für mein teil habe das netz als etwas zu begreifen gelernt, in dem das surfen zwar oft am gleichen strand anfängt, aber nie die gleiche welle trifft, immer nur eine ähnliche, bestenfalls.

      und die menschen dahinter treffe ich praktisch nie, auch wenn beim einen oder der anderen neugier da ist.

      • Pantoufle sagt:

        Ich halte es ja auch nach wie vor für eine gute Idee! Und wenigstens für mich »hat es geklappt«; unter anderem dadurch, daß ich ein paar wertvolle Menschen kennengelernt habe. Ganz abgesehen davon, daß mein Leben dadurch einfacher ist, wenn ich von Zeit zu Zeit etwas Dampf ablassen kann.
        Das ändert aber nicht daran, daß man von Zeit zu Zeit sein Tun hinterfragen sollte – sonst endet man als Zombie »Watchseite« oder postet bei Facebook Katzenbilder.

  9. altautonomer sagt:

    Doch, es gibt sie ja die Newcomer. Wenn ich an die dame von welt denke und an Kay Sokolowsky mit seinem „abfall aus der warenwelt“. Brillante Recherche und mit den entsprechenden Biss.

    • Trude Unruh sagt:

      Diese „Newcomer“ sind allerdings auch schon nah am Rentenalter. Greise Salonkommunisten, die am System verzweifeln. Früher gab’s dafür die „Grauen Panter“.

      • Pantoufle sagt:

        So wenig, wie die grauen Panther »am System verzweifelt sind«, ist die Dame von Welt vergreist. Das weiß ich zufällig ganz genau 🙂 Und wie Salon wir sind, entzieht sich aus all den oben genannten Gründen Deiner Kenntnis, Trude.

        tl;dr Bullshit, Karl

  10. Pentimento sagt:

    @Pantoufle

    ‚…Aber weißt Du, was wirkliche Ungeheuer gebiert? Traurige Kämpfer!‘

    Verstehe, was Du meinst. Darüber nachzudenken, ist spannend. Beispiele gibt es genug! 🙂

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