Die Naiven

Hanau.

Sabine Henkel vom WDR kommentiert das Wahlergebnis in Hamburg mit den Worten
»Der Siegeszug der AfD ist gestoppt«
Das ist freundlich gemeint und ein wenig Optimismus schadet ja auch nicht. Bei einer Zunahme der Wahlbeteiligung von 5,9% und einem Verlust von 0,8% bei der AfD gegenüber den letzten Bürgerschaftswahlen von einer Trendwende zu sprechen, ist… nennen wir es einmal »mutig«.
Das sind unscharf betrachtet bestenfalls keine Verluste.
Anders sieht es aus, setzt man das Wahlergebnis in Relation zu den Morden in Hanau. Nach Aussage von AfD-Bonzen ist der Täter »krank«, »wahnsinnig« und »geistesgestört«. Vergleicht man das wirre Gefasel des Mörders mit Aussagen vor laufenden Kameras von Höcke, Weidel und Co, wird einem die Geistesverwandtschaft nicht verborgen bleiben. Oder präziser: Die Unmöglichkeit, das zu unterscheiden.

Da fragt man sich doch, wodurch AfD-Wähler aufwachen und sich gegebenenfalls nicht mehr einverstanden erklären. Schießereien mit Faustfeuerwaffen im Bundestag, öffentliche Hinrichtungen oder Plakate am Dönergrill »kauft nicht beim Türken«? Angesichts der Reihe rechtsradikaler Morde in der Vergangenheit wohl eher nicht. Sehen wir den Tatsachen ins Auge.

Nach der Wahl:
»Wir brauchen vier Umarmungen pro Tag zum Überleben, acht um uns gut zu fühlen und zwölf zum innerlichen Wachsen.«
Ersetzt man Umarmungen durch Bier, sollte es auch klappen.

Trotzdem: Danke, Hamburg!

Ich hab das Gewöhnen so satt

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6 Antworten zu Die Naiven

  1. Pjotr56 sagt:

    Moin Pantoufle,
    dein Kommentar ist mir zu “trendy”. Der Schoß blieb allzeit fruchtbar, aus dem es einst kroch. Zudem nährte er nach 45 die Brut, die das vorherige Grauen mit zu verantworten hatte.

    Zur Erläuterung des weiteren Verlaufs klaue ich einen Leserbrief an die NDS von heute:
    “11. Leserbrief
    Sehr geehrte Redaktion,
    die Überschrift Ihres Beitrages “Die Spalter rufen zur Einheit auf” veranlasste mich zur Recherche, wann und in welchen M e d i e n bzw. welche P o l i t i k e r ausgrenzende Begrifflichkeiten wie “Wirtschaftsflüchtling” und “Scheinasylant” erstmals/wiederholt auftauchten.

    Einige Beispiele ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

    “(…) Der Begriff „ W i r t s c h a f t s f l ü c h t l i n g “ wurde bereits 1965 kurzzeitig in der bundesdeutschen Öffentlichkeit für Einwanderer aus d e m Ostblock verwendet, die keine politischen Fluchtgründe hatten. Er konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Erst seit 1977/78 wurde er wieder aufgegriffen und nun vor allem in Bezug auf Asylbewerber aus der Dritten Welt verwendet. (…) Im Rahmen der Asyldebatte 1979/1980 wurde der Begriff sodann von Politikern der CDU/CSU verwendet,[1][9] in deren Verlauf z. B. Lothar Späth von einer „Scheinasylantenlawine“ sprach und ein „faktisch unkontrolliertes Hereinlassen jedes Wirtschaftsflüchtlings“ behauptete.[10] In diesem Sinne wird die Verwendung des Begriffes insbesondere in konservativen Kreisen fortgeführt, so z. B. durch Peter Müller (CDU), mit der Formulierung „Zu den eher unerwünschten Zuwanderungskategorien zählen also nicht die tatsächlich Asylberechtigten, sondern die unter missbräuchlichem Rückgriff auf das Asylrecht ins Land kommenden Wirtschaftsflüchtlinge.“[11] 1999 äußerte der damalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD), dass nur 3 % der Flüchtlinge asylwürdig seien, und weiter: „Der Rest sind Wirtschaftsflüchtlinge“ (…).”

    Quelle zu obigem Textausschnitt: de.wikipedia.org/wiki/Wirtschaftsflüchtling
    “(…) Ein Blick in die Medienberichterstattung jener Tage bestätigt diesen Eindruck. “Die Bevölkerung drängt auf rasche Entscheidungen. Das Ziel, den Zuzug von Ausländern und Asylanten zu begrenzen, hat in den letzten Monaten wie kein anderes an Bedeutung gewonnen”, stellt die FAZ am 9. Oktober 1991 fest. Weniger staatsmännisch drückt es die Bild aus: “Immer mehr Asylbewerber kommen nach Deutschland. Gestern waren es 1000. Heute werden es wieder 1000 sein. Wie lange geht das noch gut?”, fragt Bild am 5. September 1991. Zwei Wochen später kommt die Antwort in Hoyerswerda. Dazwischen liegt eine bundesweite Plakataktion: “Asylanten in… – wer soll das bezahlen?” – Werbung für eine ganz normale Bild-Serie.

    Gleich die erste Folge des “Großen Bild-Reports” geht klar zur Sache: Flüchtlinge werden als “Scheinasylanten” und “Schmarotzer” tituliert, die das deutsche Asylrecht missbrauchen und die Steuergelder der Bürger verprassen. “In Dortmund leben 257 Asylbewerber in 18 Hotels. Für das viele Geld könnte man auch Kindergärten bauen, sagen manche. Oder Krankenhäuser. Oder Wohnungen.

    (…) auch die “seriöse Presse” von Spiegel bis FAZ beteiligte sich ungeniert an der “Asylantenhatz”. Für die meisten Journalisten stand die vermeintliche Kausalkette Asylmissbrauch – Passivität der Politik – rechtsradikale Übergriffe nicht zur Diskussion. Auch manche Wissenschaftler, die das Phänomen Rechtsextremismus untersuchten, machten die Opfer zu Tätern und erklärten “die Überforderung der Kommunen durch zwei sich überlappende Einwanderungswellen (der Aussiedler und der Asylbewerber)” (Helmut Willems) zur Ursache für die Zunahme rassistischer Gewalttaten. Dem früheren CDU-Generalsekretär Heiner Geißler blieb es überlassen, sich in der Zeit vom 11. Oktober 1991 darüber zu wundern, dass die Ausschreitungen gegen Flüchtlinge ausgerechnet zu einem Zeitpunkt begannen, als die Asylbewerberzahlen zurückgingen, und Politik und Medien als Hauptverursacher der Gewalt zu benennen: “Richtig los gingen die Krawalle, nachdem das Asylthema im Bremer Wahlkampf mit bundesweitem Echo hochgezogen wurde.”

    Erst am 12. September 1991 hatte CDU-Generalsekretär Volker Rühe mit einem internen Rundbrief an alle christdemokratischen Fraktionsvorsitzenden eine bundesweite Kampagne gestartet mit dem Ziel, “die Asylpolitik zum Thema zu machen.” In bereits ausformulierten Presseerklärungen und parlamentarischen Anfragen, bei denen die Kommunalpolitiker nur noch den Namen ihrer Stadt einfügen mussten, sollten die christdemokratischen Mandatsträger den “Unmut” der Bevölkerung stärken: “Sind Asylbewerber in Hotels oder Pensionen untergebracht worden? Zu welchen Kosten? Welche Auswirkungen hatte die Belegung von öffentlichen Einrichtungen mit Asylbewerbern auf die bisherigen Benutzer/ Besucher?” usw.

    Auch Sozialdemokraten beteiligten sich an der Kampagne gegen Flüchtlinge und Einwanderer. “Ich wünsche keine multikulturelle Gesellschaft, weil die nur zu gesellschaftlichen Disharmonien, zu Egoismus bis hin zum Gruppenhass führt”, erklärte der SPD-Fraktionschef in Nordrhein-Westfalen, Friedhelm Farthmann, im April 1992. “Aus Deutschland ein Einwanderungsland zu machen, ist absurd. Es kann dazu kommen, dass wir überschwemmt werden”, erklärte auch Altbundeskanzler Helmut Schmidt am 12. September 1992 im Interview mit der Frankfurter Rundschau und forderte, für Asylbewerber zentrale “Lager zu bauen mit fließendem Wasser und Toiletten”

    (…) “Die Brandstifter haben Signale aus ihrer heimischen Umgebung empfangen, viele versteckte Aufmunterungen und nur diffuse Entmutigungen, auch nach dem Anschlag”, berichten Jörg Bergmann und Claus Leggewie, die in ihrer Kursbuch-Reportage “Die Täter sind unter uns” den konkreten Fall eines Brandanschlages auf ein Asylbewerberheim nachzeichneten und dabei anders als die Mehrzahl der journalistischen Berichterstatter sehr genau beobachteten und nachfragten. (…) Eine schwelende Wut schien sich ein Ventil zu suchen” (a.a.O., S. 29).

    Quelle zu obigem Textausschnitt: bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/jugendkulturen-in-deutschland/36253/die-1990er

    “(…) Im Oktober 2012 warnten Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und der hessische Innenminister Boris Rhein (CDU) vor „Asylmissbrauch“ durch serbische und mazedonische Antragsteller, insbesondere Roma, und forderten die Wiedereinführung der 2009 aufgehobenen Visumspflicht für Angehörige dieser Staaten. Asylanträge aus beiden Ländern waren seitdem sprunghaft angestiegen. Die Anerkennungsquote lag im September 2012 bei null Prozent.

    Quelle zu obigem Textausschnitt: de.wikipedia.org/wiki/Asylmissbrauch

    Fazit:

    Man sieht es mit einem Blick – lauter “seriöses” Personal, dass die Abwertung und Ausgrenzung von Geflüchteten und hier ansässigen Mitbürgern ausländischer Herkunft salonfähig gemacht hat.

    Zum Schluss eine Gegenperspektive:

    “Deutschenschwemme ist ein ursprünglich für das Verhalten einiger Urlauber aus Deutschland geprägtes polemisches Schlagwort, das später in Österreich und der Schweiz unter anderem für die starke Nachfrage von „Numerus-clausus-Flüchtlingen“ aus Deutschland in der universitären Ausbildung verwendet wurde. In der Deutschschweiz wird der Ausdruck außerdem in Bezug auf den Arbeitsmarkt verwendet. (…)”
    Quelle zu obigem Textausschnitt: de.wikipedia.org/wiki/Deutschenschwemme
    Mit freundlichem Gruß
    D.B.” (Zitat Ende)

    Die unerträgliche Heuchelei nach dem 19.02.20 hat der geschätzte Uli Gellermann exakt auf den Punkt gebracht:
    https://www.rationalgalerie.de/home/die-heuchler-nach-hanau

    Nicht jeder Trend führt zur Grundvoraussetzung funktionierender Demokratien:
    Eine umfassend und gut informierte Öffentlichkeit.

    Gruß
    Pjotr56

    • Pantoufle sagt:

      Moin Pjotr56

      Es gibt eine unselige Tendenz nicht nur auf den verschiedensten Blogs und in ihre Kommentarspalten, die mich etwas aufregt. Die besteht meiner Bobachtung nach darin, daß der Leser grundsätzlich für doof gehalten und mit einem extremen Kurzzeitgedächtnis versehen wird.
      Da sind die Morde von Hanau keine Woche vergangen, dann steht bei Tagesschau.de garantiert als unterster Absatz, nachdem man sich vorher breit über den vermutlichen Täter ausgelassen hat, die kurze Vorgeschichte: Am soundsovielten wurden in Hanau Menschen auf offener Straße… Kurz: der Leser ist zu dämlich, um sich daran zu erinnern, was vor einer Woche die Nachrichten blockiert hat (und was er in den darüber stehenden Zeilen gerade gelesen hat).
      Woanders das Selbe: Wenn sich jemand darüber mokiert, daß die LINKE in Thüringen gelegentlich das Wort Sozialismus oder Marx in den Mund nimmt, kann kein Kommentar dazu darauf verzichten, die Geschichte des Sozialismus seit Beginn der frühen Bronzezeit darzulegen. Unmöglich, daß der Name Ramelow ohne GuLag, Stalin und Hungersnot auskommt.
      Die durchaus wünschenswerte Tiefe von Erkenntnis ertrinkt in einem Wust von von Halbwahrheiten, fehlenden Zusammenhängen und Unterstellungen. Unter anderem derjenigen, daß der Leser grundsätzlich zu beschränkt ist, sich selber ein Weltbild zu basteln, aufgrund dessen er eine Information oder Meinung selber einordnen könnte.

      Jedes Medium sucht und findet seine Leser. Ich gehe auf der Schrottpresse davon aus, daß diejenigen, die sich hierher verirren, ein Mindestmaß an Allgemeinbildung und Erkenntnis in jüngerer Geschichte haben. Sollte das nicht der Fall sein, kann und will ich das nicht ändern.
      Im Übrigen kann ich Dir versichern, daß in den Fällen, in denen ich mir die Mühe machte, etwas historisch halbwegs stringent darzulegen, sich kein Schwein dafür interessierte. Weder für politische Aspekte des nahen Ostens (wenigstens seit Beginn der Eisenzeit) unter besonderer Berücksichtigung des Sykes-Picot-Abkommens noch Teilaspekte der Industriegeschichte Japans nach dem Ende der Togugawa-Herrschaft.

      Das hat niemand gelesen und ich kann das sogar verstehen. Dafür muß man sich interessieren und begeistern lassen können. Oder auch nicht.
      Ich bin in der beneidenswerten Position, auf einen Stapel an Büchern zugreifen zu können, um die Menschheit wochenlang mit einem Wissen zu langweilen, bei dem einem die Wikipedia nur sehr begrenzt weiterhilft. Ich werde damit auch in Zukunft niemanden langweilen. Auch wenn`s schwer fällt.

      Deswegen nehme ich mir die Freiheit, gelegentlich lediglich ein Gefühl zu beschreiben, eine Laune oder schlicht Dampf abzulassen. Da mag dann jeder selber einordnen wie er mag.

      • Siewurdengelesen sagt:

        “Es gibt eine unselige Tendenz nicht nur auf den verschiedensten Blogs und in ihre Kommentarspalten, die mich etwas aufregt. Die besteht meiner Bobachtung nach darin, daß der Leser grundsätzlich für doof gehalten und mit einem extremen Kurzzeitgedächtnis versehen wird.”

        Das ist ähnlich gehaltvoll wie irgendwelche Live-Ticker bei hochgepuschten Ereignissen wie Demos oder die Ansage “Das Event XYZ – was wir bisher wissen..”, bevorzugt bei solchen Ereignissen wie Anschlägen u.ä. eingesetzt.

        Da klicke ich mit einem müden Lächeln weg, denn meistens tun die gar nüscht wissen, sondern blubbern nur ihre eigenen journlistischen Annahmen daher oder gaaaaanz geheime Geheim-Geheimnisse aus irgendwelchen …kreisen.

        Im nächsten Absatz kommt dann der Faktenfinder und manchmal verschwinden dafür Bilder auf Transparenten wie jüngst beim MDR.

        Das die Journaille jetzt die Wahl in Hamburg hochschreibt, um der AfD medial eins mitzugeben, war leider so etwas von zu erwarten. Das dabei eine lokale Sache wie diese mit irgendwelchen bundesweiten Verhältnissen absolut nicht identisch ist, wird gleich wieder verschwiegen.

        Angesichts des zuerst Gesagten bin ich mir noch nicht mal sicher, ob das anfängliche Verwechseln der Wahlergebnisse von AfD und FDP nicht kein Zufall war oder sich die Auszählenden mit Absicht vergriffen haben, um die Wahl ungültig werden zu lassen – hätte ja klappen können…

  2. Pjotr56 sagt:

    Moin Pantoufle,
    alles klar. Gut, dass wir nochmal darüber gesprochen haben.
    Kennst du eigentlich den Film “Idiocracy”?
    Da geht es mMn hin, und das wird nicht schön!
    Ich sah einen ersten? Beweis, in WDR aktuell:
    https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/wdr-aktuell/video-wdr-aktuell—–uhr-1574.html
    Zufällig hat Klaus Baum gestern was von Volker Pispers gebracht:
    https://klausbaum.wordpress.com/2020/02/24/immer-noch-aktuell/
    Aktueller den je, würde ich sagen.
    Zu Hanau/AfD: Als ich die Betroffenheit heuchelnden? Steinmeier (Hartz 4)/Bouffier (NSU-Komplex) auf der Bühne sah, bekam ich heftigen Brechreiz, obwohl ich noch gar nichts gegessen hatte.
    Diese Typen mit ihren Parteien und ihrer Politik haben die AfD doch gezüchtet.
    Zufriedene und vor allem gut informierte Bürger/innen würden keine Nazis wählen.
    Jetzt kennste mein derzeitiges (Lebens-)Gefühl.

    • Pjotr56 sagt:

      Nachtrag zu meinem Post von heute, 12:54 Uhr
      Idiocracy live: Im WDR Beitrag ca. ab Min. 7:00

    • DasKleineTeilchen sagt:

      “Kennst du eigentlich den Film “Idiocracy”?”

      ich denke, mit ziemlicher sicherheit sagen zu können; JEDER hier kennt diese nette 1/2 satire. no offense, babe.

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