Zwischendurch

Ich bin kein Freund des Begriffes Filterblase. Aber gelegentlich ertappt man sich doch bei der Überlegung, was Erwähnung und Beschäftigung mit bestimmten Personen für Reaktionen auslösen. Die Filterblase der anderen.
Sahra Wagenknecht zum Beispiel. Das ist auch in der linken Wohlfühlgemeinde mittlerweile ein verpönter Name. »Aber hast Du nicht gelesen, was sie…?« Ja, habe ich. Aus irgend einer Quelle, deren Kompetenz nicht ohne weiteres überprüfbar ist, jedenfalls nicht innerhalb einer halben Stunde. Und man hüte sich davor, die Glaubwürdigkeit einer Quelle überzubewerten nur weil sie sich mit der eigenen Meinung deckt.
Wie ich darauf komme?

In diesem Falle war es der Name Martin Chulz. Natürlich sind mir Gedanken durch den Kopf gegangen, ob sich durch diese Personalie irgend eine Kleinigkeit innerhalb der SPD ändern könnte. Interessant fand ich an dieser Überlegung nicht die Möglichkeit an sich, sondern die Form in der sie diskutiert wird. »SPD sowieso und Chulz… na ja, wir wissen ja alle, was wir davon zu halten haben!« Dabei spielt es gar keine Rolle, ob ich ebenfalls dieser Meinung bin, sondern allein die Möglichkeit, daß dem nicht so wäre. Daß da jemand kommt, der wirklich etwas ändern wollte. Welche Chancen hätte diese fiktive Person überhaupt?
Ein anderes, vielleicht besseres Beispiel: Ulla Jelpke (Die LINKE). Keine Ahnung, wie ich auf sie komme. Sie hat einen recht vernünftigen Artikel in der Jungen Welt geschrieben und das erste was mir durch den Kopf ging, war »die würde ich gerne einmal photographieren. Was für ein Gesicht, was für Augen!« Was für ein Mensch steckt hinter diesem Gesicht, was für Ideen? Zugegebenermaßen kein sehr politischer Standpunkt, aber warum sollte man sich nicht auch einmal für den Menschen interessieren?
Dazu ein Ausschnitt aus einem Interview des Deutschlandfunks vom 26.7.2016

DLF: Aber wenn wir uns die Fakten angucken: Der Attentäter von Würzburg, er war ein Flüchtling. Der Attentäter von Ansbach war auch ein Flüchtling. Hat Frau Wagenknecht da nicht recht? Haben wir uns mit der Aufnahme so vieler Flüchtlinge den Terror ins Land geholt?
Jelpke: Na ja, ich bin schon der Meinung, daß man genau differenzieren muß. Der Attentäter von München war einer, der auch seit Langem in Deutschland gelebt hat und aufgewachsen ist.
DLF: Das war auch kein Terroranschlag. Aber jetzt speziell die Terroranschläge von Würzburg und von Ansbach.
Jelpke: Ich würde sagen, das sind Gewalttaten. Unter Terrorismus verstehe ich jedenfalls noch was anderes. Da unterscheide ich auch schon mal, was Ihre Einschätzungen angeht. Das sind schlimme Gewalttaten, keine Frage, aber…
DLF: Das heißt, wenn jemand aus islamistischen Gründen Menschen ermordet, oder ermorden möchte, dann ist das für Sie kein Terrorakt?
Jelpke: Da haben wir überhaupt keine Beweise im Moment. Wenn das so wäre, oder der Auftrag besteht durch den Islamischen Staat, […]

Es kommt mir vor wie die klassische Anleitung, die ausschließlich dazu dient, den Standpunkt des Fragestellers klarzustellen. Da ist kein Platz für Empathie oder Gerechtigkeit, keiner für den Menschen, der diesem Spiel unterworfen wird. Was soll so ein Interview beweisen? Diese Form ist alles andere als ungewöhnlich.
Nein, das ist keine Wahlempfehlung für die LINKE, sondern die Überlegung, ob wir Parteien und Politiker nur noch als Livestyle-Biotope wahrnehmen, dessen Bewohner die Klischees unserer gesiebten Vorstellungen sind und keine Menschen mit persönlicher Geschichte und Ansichten.

Zu naiv? Macht nichts!

Debattenkultur

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