Zum Tod von Whitney Houston

Am 11. Februar 2012 wurde die Sängerin Whitney Houston in ihrem Hotelzimmer in Beverly Hills tot aufgefunden. Sie wurde 48 Jahre alt.
1985 begann mit ihrem Debütalbum „Whitney Houston“ eine große Karriere, die bis zum Ende der 90er Jahre dauerte. Drogensucht und Eheprobleme beendeten die Laufbahn dieses Ausnahmetalents und werden wohl auch maßgeblich für ihren zu frühen Tod verantwortlich sein.

Die Schlagzeilen zu ihrem Tod waren voraussehbar: „Die letzte Diva“, „die Welt trauert um…“ oder „Pop-Ikone“.
Wenigstens mit der „letzten Diva“ befindet sie sich in guter Gesellschaft: Liz Tailor, Marlene Dietrich, Barbara Streisand (lebt noch, ist aber auch „Diva“). Auch wenn zu befürchten ist, daß man dem Adjektiv „letzte Diva“ noch das eine oder andere Mal begegnen wird, ist das Festklammern an solch altmodischen Begrifflichkeiten im Zeitalter von nichtssagenden Casting- „Stars“ verständlich.
Die Verwendung des Begriffs „Diva“ mag verständlich erscheinen, ist aber bei näherer Betrachtung irreführend. Der ursprüngliche Sinn des Wortes bezieht sich auf eher negative Eigenschaften wie Hochmut oder das Terrorisieren des persönlichen Umfeldes – in einer abgeschwächten Lesart bliebe ein ausgesprochen individuelles Verhalten, das sich am Rand der gesellschaftlich akzeptierten Normen bewegt.

Und genau das kann man Whitney Houston nicht unterstellen. Ihre Karriere war vor allen Dingen eines: Es war für die beteiligte Industrie eine Gelddruckmaschine und Whitney funktionierte darin wie ein gut geöltes Zahnrad.
Whitney Houston ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie das Geschäftsmodell der Musikindustrie Trends erkennt oder schafft, vermarktet und den Künstler in ein Korsett zwingt, das nur einer Maxime folgt: Dem perfekten Produkt. Dieser Maxime ist nicht nur das Talent und die Persönlichkeit Houstons zum Opfer gefallen – die Folge davon ist auch ihr früher Tod.

Niemand bringt einer prominenten Person bei, gleich ob Sängerin, Showmaster oder Politiker, mit ihrem Ruhm umzugehen. Da ist keiner, der sie auf die Rolle vorbereitet, wie es ist, vor 40.000 Menschen zu agieren, die jedes Wort, jede Note im schlimmsten Fall für eine Offenbarung halten. Keine Volkshochschule und kein Lehrgang bereitet sie darauf vor – oder vielleicht noch wichtiger: Bringt ihnen bei, wie sie es verkraften können, eines Tages nicht mehr geliebt und verehrt zu werden. Im antiken Rom soll bei Triumphzügen ein Sklave hinter dem Helden des Tages gestanden haben, der sprach: „Sieh dich um; denke daran, daß du auch nur ein Mensch bist.“ Eine gute Einrichtung, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist.

Die modernen Sklaven der Talkshows und Illustrierten gefallen sich in devoten Unterwerfungsgesten, die auch noch dem peinlichsten Ausrutscher interessiert folgen und in diesem Unsinn die Klaue des Genies erkennen. Sekundiert werden sie dabei von einem Publikum, bei dem der Begriff Qualität der Zugehörigkeit zu einer Gruppe geopfert wird: Man nennt das „Fan“ – mittlerweile bei Konzerten nicht mehr ausgestattet mit Feuerzeugen für die Höhepunkte der Show, sondern mit mobilen Telephonen, deren Bilder am nächsten Tag bei Youtube abrufbar sind und solchen Veranstaltungen auch den allerletzten Rest von Intimität nehmen.

Wie abrupt das enden kann, zeigt die Laufbahn Whitney Houstons dramatisch auf. Als ihre persönlichen Probleme nicht mehr lösbar waren und ihre reibungslose Funktion im Schaugeschäft verhinderten, wandelte sich die Stimmung schnell gegen sie. In den Fernsehshows wurden die Videos ihres missglückten Comebacks im neuen Jahrtausend den 20 Jahre alten Aufnahmen gegenübergestellt. Die Bilder der lachenden und kopfschüttelnden Gäste der Konzerte, die vorzeitig die Veranstaltungen verließen und die letzten Interviews mit einem Menschen, der von aller Welt verlassen war. Verlassen von allen bis auf eine Musikindustrie, die sich irgend etwas davon versprach, dieses Häuflein Elend noch einmal auf eine allerletzte Welttournee im Jahre 2009 zu schicken.

„Sie hätte ja aufhören und in Würde abtreten können!“ Hätte sie das wirklich gekonnt? Oder hat die schulterzuckende Geldgier einer Vermarktungsabteilung und die Lust am Untergang eines pietätlosen Publikums sie zu diesen künstlerischen Hinrichtungen getrieben, als die man ihre letzten Tourneen und Konzerte betrachten muß? Reden wir hier noch über Musik? Eines der schönsten Dinge der Welt, völkerverbindend und höchster persönlicher Ausdruck eines Individuums? Ist es das, was diejenigen sehen wollten, die jetzt von „der letzten Diva“ sprechen, der weltweiten Trauer des Publikums um diese Sängerin?

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, wie viele der Trauernden vor nicht allzu langer Zeit hämisch die Bilder ihrer letzten Auftritte kommentierten – da war so viel Verachtung. Wie kann ein Mensch, eine Künstlerin mit soviel Verachtung und Hohn umgehen … niemand kann das – auch nicht mit Drogen.

Die Schlangen junger Leute, die sich für die unseligen Castingshows des Fernsehens melden, reichen weit die Straßen herunter. Vor den Türen von „Deutschland sucht den Superstar“ oder ähnlichem herrscht stickige Luft, der Mief der Talentlosigkeit und der Wunsch, genau dahin zu kommen, wo Whitney Houston war. Sie hat es geschafft!

Ja, sie hat es geschafft. Weil sie ein Jahrhunderttalent war, eine große Stimme. Sie sang für Nelson Mandela, als der noch im Kerker der Rassisten in Südafrika saß – die Welt und die Vermarkter wollte sie lieber als Sängerin der amerikanischen National-Hymne für die Kriege der Reagan/Bush Ära sehen, in zweitklassigen Filmen an der Seite von Kevin Costner.

Aber vor allem war sie eines: Eine große Musikerin. Das konnte weder Hollywood noch die Contentindustrie verhindern – auch kein marktkonformes Publikum.
Die Show geht weiter. Und weil es tatsächlich um Musik geht, soll das letzte Wort in dieser Angelegenheit eine Kollegin von Whitney Houston haben.

Rachelle Ferrell singt Sista

und wer glaubt, es ginge nicht besser – Check dis out, brothers and sistas: with open arms

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0 Kommentare zu Zum Tod von Whitney Houston

  1. FF sagt:

    “Wie abrupt das enden kann…” – das ist wohl der springende Punkt. Jeder dieser “Stars” verfügt über eine Art persönliche Zauberformel, die ihm alle irdischen Wünsche erfüllt… Erfolg, Reichtum, Fans, Verehrung, Anbetung, Vergötzung – alles im Überfluß. The sky is the limit.

    Dumm nur, daß diese Formel nicht ewig wirkt. Es kommt der Tag, an dem die Sängerin die Töne nicht mehr trifft, der Frauenschwarm zu fett, der Fußballstar zu langsam, der Schriftsteller zu langweilig oder das Werbegirl (“Blubb”) schlicht zu alt wird.

    Dieser Kipp-Moment ist interessant. Plötzlich wirkt sie nicht mehr, die Zauberformel! Noch stehen sie da mit ihrem Stäbchen und rufen erwartungsvoll “Abrakadabra” – aber nichts tut sich. Das Publikum fängt an zu pfeifen, die Entourage wendet sich ab, die dicken Schecks bleiben aus.

    Um diesen Höllensturz zu ertragen und “normal” weiterzumachen, braucht es einen verdammt starken Charakter. Oder genug Geld auf der Bank, um sich dann im Marlene-Dietrich-Style bis zum Exitus in irgendeinem Loft zu verbarrikadieren.

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  3. pantoufle sagt:

    Das ist wirklich eine interessante Sache. Es gibt sicher einige unter ihnen, die das als fast normalen Beruf verstehen und schon zu Beginn der Karriere einen gewissen Sarkasmus entwickeln, der ihnen am Ende der Laufbahn hilft. Diese Distanz kann dadurch zustandekommen, wenn man für den “Ruhm” nebenbei auch noch arbeiten muß. Es wird sich garantiert nicht entwickeln, sollte der Betreffende aus einer Castingshow ins Rampenlicht herausgespuckt werden. Das gilt für einen Daniel Lopes wie für Christian Wulff

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