Zum Start der deutschen Huffington Post

Nun soll es wohl losgehen. Mit der HuffPo – es geht doch nichts über einen schönen Namen; am besten noch mit einem Hash davor. Nun ist es nicht so, daß dieses Thema nicht schon hinreichend diskutiert wurde: Erst interessierte es mich nicht, weil in Amerika und jetzt aber auch in Deutschland. Interessiert es mich jetzt?
Ob man dem Kind den Namen »Untergang des Journalismus« geben sollte, sei dahingestellt. Ob die sogenannten Qualitätsmedien voneinander oder DPA abschreiben, sich die täglichen Meldungen bis auf die Kommastellung gleichen, hat die wenigsten interessiert. Daß der Focus und Andere Artikel der Konkurrenz gesammelt und als eigene Produkte präsentierten ebenso wenig. Warum sollte es die Huffington Post nicht so treiben? Ja, warum eigentlich nicht?
Meine persönlichen Eindrücke:
Die Verantwortlichen der HuffPo präsentieren sich als Teil eines Gebildes, das Umsätze verspricht, als kommerzielles Unternehmen. »Was wir leider nicht bieten können, ist Geld für Beiträge«. Das gilt selbstverständlich nicht für diejenigen, die dieses Projekt betreiben – nur für die Blogger, die es mit Inhalt füllen sollen. Die Millionen, die als Startkapital bereitstehen, die angestrebte Rendite, die durchaus bezahlte Redaktion: Das ist der Aspekt, mit denen man in die Schlagzeilen kommt. Es geht ja explizit um Profite.

Worauf beruht dieses Konzept vordergründig? Letztlich darauf, daß eine Generation, der Aufmerksamkeit alles bedeutet, aus der Lust an Aufmerksamkeit alle Bedenken und Hemmungen über Bord wirft und sich produziert – ob das nun in morgendlichen Fernsehsendungen, bei Facebook oder bei »Deutschland sucht den Superstar« ist. Es ist eine Generation, die mit allen Mitteln um Aufmerksamkeit buhlt, koste es, was es wolle und sei es noch so fadenscheinig. Einer wird sich schon finden. Katzencontent, alternative Medizin, Livestyle oder Verschwörungstheorien. Es ist nicht das Problem, einen Inhalt zu generieren, sondern ein Publikum dafür zu finden.
Die HuffPo verspricht nun anstelle von irgend etwas, mit dem man seine Stromrechnung bezahlen kann, Aufmerksamkeit, das Verlinken auf den eigenen Blog, einen Namen – Leserschaft. Folgt man den Werbungen der Verantwortlichen, so ergibt sich ein eigenartigen Bild. Barack Obama, Hillary Clinton, Larry Page, Madonna und Robert Redford werden als Zugpferde genannt (die weder als Blogger oder Schriftsteller aufgefallen sind – abgesehen davon, daß sie sich durchaus unbezahlte Artikel leisten können) und daneben 50.000 Unbezahlte, die die Masse der Einträge verantworten, letztlich für den wahrnehmbaren Inhalt zeichnen. Das Prinzip ist klar: Einmal einen Artikel neben dem von Robert Redford. Das ist im Wesentlichen der Unterschied zu Facebook.

Eine Gefahr für den Journalismus? Und wenn ja: Welche? Die erste Ausgabe, die gestern morgen erschien, sieht nicht nach ernsthafter Konkurrenz zu den seltenen Anfällen von wirklichem Qualitätsjournalismus aus. Niggemeier hatte abgesagt und auch von Heribert Prantl fand sich nichts – vollkommene Abwesenheit von Seibt. Nein, ich will nicht in den Chor der Miesmacher einfallen, aber zu Begeisterungsstürmen riss mich die erste Ausgabe nicht hin. Das muß es auch nicht, denn man hat die HuffPo nicht für mich gemacht, so wenig wie Landlust oder die Frau im Spiegel. Erster Eindruck: Da gibt es bereits Sächelchen auf dem Markt der Eitelkeiten, die mir inhaltlich mehr Hochachtung abnötigen – Carta, Vocer, Ruhrbarone, das Blättchen – von Blogs einiger Einzelkämpfer nicht zu reden. Eine Gefahr für den Journalismus geht wohl kaum von dort aus, es sei denn, der Journalismus der Zukunft entwickelt sich in die Richtung »von Lesern für Leser«. Diese Richtung, bei in diversen Holz-Zeitungen die Leser mittlerweile den Inhalt bestimmen dürfen (außer ihnen selbst interessiert sie ohnehin nichts mehr: Also eigentlich folgerichtig).

Photographen werden im Zeitalter von Flickr und Internet-Bildagenturen (»ihr schönstes Katzenphoto ist bares Geld wert«) zwar arbeitslos, aber nicht überflüssig. Es ist nicht die Schuld des Künstlers, wenn dem Publikum mit aller Gewalt der Geschmack abgewöhnt wird. Die kunstvolle Technik eines begabten Photographen ist nicht mal eben mit dem iPhone zu entwerten – das ist nur mit einer radikalen Manipulation der Sehgewohnheiten zu bewerkstelligen. Constantin Seibt ist nicht mit dem hingeschusterten Schmu von Klein-Karlchen zu ersetzen, dazu braucht es erst Menschen, die die Unterschiede nicht mehr wahrnehmen, denen Stil, Erziehung, Bildung und Engagement gleichgültig sind – Bildungsheimwerker lesen keinen Siegfried Jacobsohn.

Siegfried Jacobsohn – eigentlich ein guter Aufhänger für das, was mir dabei im Bauch dreht. Ohne Jacobsohn kein Tucholsky. Wieviele Schriftsteller würden nicht dank eines hellsichtigen Verlegers zu dem geworden sein, als der sie heute im Lexikon stehen. Wenn da mal eine wirkliche Begabung ist, einer der ganz großen – nur weiß es noch niemand, nicht einmal er selbst. Er braucht Zeit. Zeit zum Schreiben, Hilfe – natürlich auch Geld, damit er Zeit zum Arbeiten hat. Ein New Yorker Bundesgericht verhandelte bei der Übernahme der Huffington Post durch AOL die Klage des Bloggers Jonathan Tasini, der im Namen von neuntausend Kollegen ein Drittel des Kaufpreises von 315 Millionen Dollar beanspruchte. Er unterlag, aber die Begründung des Gerichts ist interessant: Niemand hätte ihn schließlich gezwungen, für die »Post« zu schreiben. Es würde sich in diesem Falle um einen vergleichbaren Vorgang wie das Schreiben eines Leserbriefes handeln. Eine Äußerung der Besitzer der Huffington Post auf das Urteil ist mir nicht bekannt. Aber offenbar verspürt man keinerlei Verpflichtungen gegenüber den Autoren , die Einfluss auf die allgemeine Geschäftspraktiken gehabt hätte: »Wir veröffentlichen, können Ihnen aber leider kein Geld für Ihre Leserbriefe anbieten«. Man veröffentlicht Leserbriefe.

Das wäre also geklärt. Eine verlegerische Tätigkeit im klassischen Sinne findet nicht statt; kein Sozialplan für den Fall der Pleite, keine Art von Führung, Erziehung, dem Entdecken und der Förderung von Talenten. Ich meine das überhaupt nicht als Vorwurf – ich stelle lediglich fest. Tausche Inhalt gegen Aufmerksamkeit. Damit steht die HuffPo selbstverständlich nicht allein auf weiter Flur, das ist mittlerweile Usus nicht nur bei Zeitungen. Nachwuchsförderung kostet das Geld, welches man sich lieber in die eigene Tasche steckt.

Das lässt auf einen Mangel an Qualitätsdenken schließen; ist da ein anderer Auftrag als der, Werbe-Inserenten zu interessieren? Wohl kaum. Eine Geschäftsmodell, vergleichbar mit Verlagen für hoffnungslose Jung-Autoren, die den Roman zu beenden alle Romane geschrieben haben, deren Angebot lautet: »Sie zahlen alle Unkosten – wir kennen eine Druckerei, die Ihren Schinken druckt!« Kein Rowohlt mehr oder ein Suhrkamp, die auch etwas aufbauen (ja, ich weiß: Das Beispiel hinkt etwas), sondern ein weitere Schritt auf dem Weg, der Verflachung, der Proletarisierung. Zeitgeist nennt man das wohl.
Zitat einer Bloggerin, die eingeladen wurde, etwas für die HuffPo zu schreiben:

»In meiner Social Media Filterbubble ging heute ein Anschreiben eines Huffington Post Redakteurs herum, welches eine Anfrage an einen Blogger enthielt. Da die Deutsche Huffington Post (in Kooperation mit Tomorrow Focus) am 10.10. an den Start geht, werden Blogger gesucht, die für […].Vor allem im Bereich Travel, für den ich bei der Huffington Post schreiben werde, ist es wichtig, Destinationen, Airlines, Hotels und Tourism Boards von sich zu überzeugen. Die Huffington Post als Referenz dabei angeben zu können, ist schon jetzt Gold wert.«

Es ist zu befürchten, daß die redaktionelle Arbeit der Huffpo nicht einmal dazu reicht, dieses Kauderwelch ins Deutsche zu übersetzen. Zeitgeist: Die einzige Art von Geist, die nicht wehtut. Schön für die Kollegin, daß sie die so dringend benötigte Aufmerksamkeit bekommt. Nun darf sie ihre » Destinationen« neben Boris Becker veröffentlichen:

»Und seien wir doch mal ehrlich: langweilige und halbgare Biografien gibt es ja nun wirklich genug. Ich habe die Offensive gewählt, so wie früher auf dem Tennisplatz.«

Das ist zwar lange her, aber sicherlich ist es von gesellschaftlichem Interesse, das Bumm-Bumm-Boris die Phase der Pubertät niemals verließ.

Nun ist die erste Ausgabe der Huffington Post abrufbar. »Er starb als Jungfrau – und neun weitere Dinge, die Sie über Isaac Newton garantiert noch nicht wussten.«, »Heute ist Welt-Hunde-Tag – so niedlich sind unsere Vierbeiner«. Einen Frontalangriff auf den Journalismus hätte ich mir anders vorgestellt. Einen auf die Blogsphäre auch. Unter welcher Flagge segelt die Huffington Post in Deutschland? Focus. Ah ja…

Interessiert mich ein weiteres neoliberales Blättchen mit gelegentlichen Linksauslegern? Ich glaube nicht.

Der aktuelle Kommentar bei der Titanic

Nochn Link: LINK!

Ja, was soll man sagen: Das finale Todesurteil über die Huffington Post Deutschland kommt von der Huffington Post Deutschland. LINK Das klingt so sehr nach Nachruf, daß dem kaum noch etwas hinzuzufügen ist. Selbstverständlich wird die HuffPo eine großartige Zukunft haben.

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0 Kommentare zu Zum Start der deutschen Huffington Post

  1. Joachim sagt:

    Irgendwo blicke ich die ganze generierte Aufregung nicht. Nach diesem Text hier noch viel weniger – was durchaus positiv ist. Wo ist der grundsätzliche Unterschied zu beliebigen News-Aggregatoren? Das die Blogger abgrasen? Den ganzen Beitrag “besitzen”? Das hier “Profis” ein redaktionelles Konzept haben?

    He, hier ist Internet, der Nachbar ist nur einen Klick entfernt. Nur zu saugen funktioniert im Netz nicht. Selbst Facebook, Google geben Dinge zurück. Hier aber scheint mir, sie wollen kanalisieren, Content über sich leiten, den Mehrwert abschöpfen und dann wieder ausspucken. Inhalte selbst interessieren nicht. Der Netzgedanke interessiert sie nicht. Einen wirklichen Mehrwert bringen sie nicht. Schmarotzer nennt man das, sonst nichts.

    Obwohl, eine Weltbühne im Netz, das wäre schon eine Idee. Kann man Jacobsohn oder Tucholsky so einfach wiederbeleben? Sicher nicht – es sind andere Zeiten. Es braucht andere Konzepte. Doch es wird immer Genies geben. Das Netz bietet ihnen die Bühne. Ich schätze, da stehen wir noch ziemlich am Anfang – zum Beispiel bei der Frage, wovon die Genies denn leben sollen. Die Huffington Post drückt sich ziemlich egoistisch um die Antwort in eine Art verblödender DSDS Manier herum.

    Bestenfalls für 1% wird sich das Aufmerksamkeitsversprechen vielleicht erfüllen. Die aber hätten oder besser haben, das auch so geschafft.

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  2. pantoufle sagt:

    Moin Joachim
    Tja, das war erst mal ein besonders gelangweiltes Gähnen bei der Lektüre dieses mit so viel Brimborium angekündigten Mediums – das vage »Medium«, weil mir nicht letztlich klar ist, was das eigentlich soll. Einen Shitstorm vor dem Erscheinen haben einige versucht herbeizureden. Sieht man sich an, als was das Angekündigte daherkommt, drängt sich die Vermutung auf, die Herausgeber selber haben höchstpersönlich an dieser Schraube gedreht.
    Man stelle sich nur einmal vor, diese weichgespülte Mischung zwischen »das goldene Blatt« und »Handelsblatt für Doofe« wäre auf Papier erschienen – das hätte doch nicht einmal den Hof der Druckerei verlassen. Boris Becker als Zugpferd: Das tut man sich an, wenn der Insolvenzverwalter vor der Tür steht, aber nicht bei der Premiere!
    Es hatte mich bei Ankündigung tatsächlich nicht interessiert, theoretisch hatte ich mir so etwas wie den »Freitag« in groß vorgestellt, aber nicht diese Wartezimmerlektüre.
    … Nun ja: Ich will ja gar nicht weiter auf dem missglückten Showmaster und dem Dreitagebart herumtreten, die diesen gefrorenen Mist zu verantworten haben, aber das wird mir nicht die Bookmarks füttern, glaube ich.

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  3. tikerscherk sagt:

    Mir ist die Aufregung um dieses Blättchen auch ein bisschen rätselhaft.
    Gute Journalisten werden sich für den Erfolg der Huffington Post nicht einspannen lassen, und das Schreibprekariat, wie die Titanic es nennt, wird von niemandem für seine aufmerksamkeitsheischenden Alphabetisierungsnachweise bezahlt.
    Zu beklagen ist, wie du schon schreibst, lediglich die zunehmende Verflachung, der Mangel an Erziehung, Bildung, Wissen und Stil.

    (Dieser Leserinnenbrief ist für dich kostenfrei)

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  4. pantoufle sagt:

    Moin, Tikerscherk

    (Dieser Leserinnenbrief ist für dich kostenfrei)

    Sollte ich jemal die Schrottpresse für 315 Millionen Dollar an AOL verkaufen, stehst Du mit ganz oben auf der Liste.

    Das war schon eigentümlich eigentümlich: Erst dieser ganze Hype und dann kommt das Ding in Aufmachung und Inhalt daher wie die Bildzeitung. Den Artikel begann ich 24 Stunden vor Eröffnung des Blättchens zu schreiben. Eigentlich müßte man zwei Beiträge daraus machen: Ankündigungen, Absichtserklärungen, Anspruch und dann darüber, was dabei herauskommt. Als ich das zum ersten Mal sah, bin ich aus allen Wolken gefallen. Im Grunde müßte ich mir mein Geschreibsel nehmen und all das, in dem der Begriff »Qualität« auch nur durch dunkle Wolken schimmert, ersatzlos streichen. Jeder Journalist, der sich über dieses Produkt als berufsschädigend aufregt, arbeitet offenbar bei der Regenbogenpresse.

    »Kreativprekariat«, »erpresserischer Raubjournalismus«, »…als Schaumschläger ein junges Publikum für Themen begeistern«, »inhaltsleerem Gelaber«, »Lifestylewichser«, » Im Grunde muß jeder Text für die Puffo wie ein Bewerbungsschreiben formuliert sein.«: Da kommt schon viel Wahres zusammen in dem kurzen Titanic-Artikel. Darauf und andere kreative Beschimpfungen hätte auch ich mich beschränken sollen.

    Gruß und ein schönes Wochenende wünscht
    das Pantoufle

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  5. Was hast du gegen Landliebe? Die machen guten Pudding.
    scnr…

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