Zulu Wars II

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via Wikipedia

Ist es nun eine Nachricht oder eigentlich keine? Am 5. Juni 2014 flog eine Spezialeinheit der irakischen Armee von Mossul aus in den Norden des Landes. Ihr Ziel war das Haus Abdel Rahman al-Bilawys, dem vermuteten zweiten Mann der Führungsspitze des IS. Bei einem Feuergefecht erschossen sie ihn und erbeuteten Memory-Sticks und Festplatten bei der anschließenden Durchsuchung der Räumlichkeiten.
Über die Aktion und den Fund berichtete bereits im Juni der Guardian und über die Analyse der Dokumente jetzt auch – exklusiv – die Süddeutsche, im Verbund mit NDR und WDR eine Story für die Tagesthemen.

Der Inhalt dieser »Enthüllungen von Geheiminformationen« ist wenig spektakulär. Der IS – zur Erinnerung: Das Kürzel steht für islamischer Staat – nennt sich nicht nur so, sondern verhält sich auch wie einer. Es gibt eine organisierte Renten- und Krankenversicherung, so etwas wie einen Länderfinanzausgleich zwischen reichen und ärmeren Provinzen des Landes, eine ordentliche Buchführung über Waffeneinkäufe und Soldaten.

»Sie verstehen sich wirklich als Staat, sie möchten als Staat ernst genommen werden und sie handeln wie ein Staat […]. Diese Dokumente bestätigen im Prinzip, daß diese gesamte Organisation eigentlich viel rationaler und viel durchdachter ist, als wir uns das bisher vorgestellt haben«

Peter Neumann, Professor für Sicherheitsstudien am King’s College London

Diese Erkenntnis muß, wie es scheint, erst einmal langsam sacken. Die Süddeutsche führt dann die Bezeichnung Kriegsminister als Funktion des ermordeten Abdel Rahman al-Bilawys in Anführungszeichen. Krankenversicherung ja, aber gleich einen Minister?
In erster Linie lassen die freigegebenen Dokumente und ihre Veröffentlichung ein bezeichnendes Licht auf das Selbstverständnis des Westens fallen. Nicht nur fragwürdige Satzzeichen jeder möglichen Stelle, das Hinzufügen des Bergriffs Terror, wo immer der Satzbau es erlaubt und der unablässige Hinweis auf die Brutalität des IS und seine Anziehungskraft auf junge, westliche Muslime gestalten die Lektüre stellenweise zähe.

Streicht man für einen Moment den ideologischen Zierat, so bleibt ein wackeliges Gerüst des Selbstverständnis, mit dem man den IS aus Sicht des Westens betrachtet. Offenbar war man einer Phantasie erlegen, bei der Jussuf am abendlichen Lagerfeuer – malerische Kamele und Ruinen im Hintergrund – mit Abadin den Selbstmordanschlag des nächsten Morgen bespricht. »…und dann sehen wir weiter!«
Auch das unappetitlich neokolonialistisch bramarbasieren sogenannter Alpha-Blogger: »In einer offenen Feldschlacht würde sie innerhalb weniger Stunden zu Hackfleisch verarbeitet werden, weswegen ISIS auch keine offenen Feldschlachten schlägt.« ist weder zielführend noch neu. Keine Guerilla-Organisation zeichnete sich durch großangelegte Panzerschlachten aus – weder Castro, Mao oder der Vietcong legte es auf diese Art der Konfrontation an. Allein der Begriff »Feldschlacht« wirft ein bezeichnendes Licht auf die geistige Verfassung des Autors. Was er sich im 21. Jahrhundert in Zeiten der asymmetrischen Kriegsführung darunter vorstellt, bleibt zum Glück sein Geheimnis.
Und auch auf dem Begriff des Machtvakuums kann man nicht bis in alle Ewigkeit reiten; wenn es ausgefüllt ist, wie in diesem Falle durch die IS, ist es keines mehr.

Ob die veröffentlichten Dokumente den Nachweis eines Staates erlauben, sei dahingestellt. Sicher nicht in dem Sinne, wie man es in Europa definieren würde. Aber das spielt beim Stand der Dinge auch gar keine Rolle mehr. Für Viele ist es nicht nur die Idee, der Anfang, sondern eine bestehende Tatsache: Die Idee des Kalifats, des (lange ersehnten) islamischen Staates. Eine Idee, deren Attraktivität weit über ein paar hundert Muslime in Europa, die sich zum kämpfen bereit auf die Reise begeben, hinausreicht. Warum ausgerechnet das nun so bemerkenswert sein soll, bleibt ohnehin etwas im Dunkeln; auch der Fremdenlegion hat es nie an Rekruten gefehlt. Spätestens seit dem spanischen Bürgerkrieg sollte man mit diesem Phänomen vertraut sein. Revolutionstourismus im schlimmsten Fall.

Laut Süddeutscher und der Tagesschau ist es also nun bewiesen: Der IS macht ernst mit der Idee eines Staates. Konsequenzen? Keine ersichtlichen.
Oder fast keine: Die Kurden im Nordirak und die Zentralregierung in Bagdad haben sich in der Streitfrage kurdischer Ölexporte geeinigt. Man braucht Geld, da nicht nur der Barrelpreis unter die 100$-Marke sank, den man im Haushalt in Bagdad einkalkulierte, sondern auch durch die Erfolge des IS, durch die man den Zugang zur nördlichen Ölpipeline verlor.
Es gibt ja nicht nur Verlierer in den Reihen der IS-Gegner. Am deutlichsten profitieren die Kurden durch ihre plötzliche Emanzipation als Freiheitskämpfer durch diesen Krieg und auch den USA wird die Instabilität der Region insgeheim willkommen sein. Auf lange Sicht festigt es die Kontrolle über ein Marionettensystem in Bagdad: Der US-Senat steht kurz vor der Aufhebung des Leahy-Gesetzes, das die militärische Zusammenarbeit mit Kräften, die sich Kriegsverbrechen schuldig gemacht haben, verbietet und das im Moment vor allem den Irak betrifft. Der IS ermöglicht es eben auch auf der gegnerischen Seite, daß Menschenrechte kein Hindernis mehr darstellen.

Ist es nun eine Nachricht? Es ist zumindest Futter für die Spekulation darüber, was passieren würde, müßte man die Existenz eines islamischen Staates aus welchen Gründen auch immer anerkennen.

Sanft OT, aber nicht uninteressant: Krieg in Syrien

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0 Kommentare zu Zulu Wars II

  1. sockenpuppe sagt:

    Oh my, der Sasse … lange nicht gelesen, aber der spackt nur noch halbgares Gesülze hervor, oberflächliches Halbwissen, à la “Christen und Muslime haben zwei Hauptrichtungen” blabla. Keine Ahnung, aber wissend tun, furchtbar. Am besten gefiel mir der hier: “… ohnehin vorhandenen extremen Radikalismus” . Extremterroristischer Brutalextemismus, der keine Genese hat, sondern halt einfach da ist, so wie das Gras, die Kühe und Gott, nicht wahr.
    Ein atlantischer PR-Texter der dümmsten Sorte. Sollst du den zitieren?!
    Mit solchen Leuten wurde man einmal in Verbindung gebracht, Schande …

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    • pantoufle sagt:

      *schäm* Einer der Gründe, warum ich ihn nicht verlinkt oder namentlich genannt habe. Such man aber ein exemplarisches Beispiel dafür, wie es in den Köpfen hierzulande aussieht, ist er wenigstens als abschreckendes Beispiel herausragend.
      Ich gestehe ja gerne, daß ich mir nicht sicher war, das Zitat zu verwenden. Auf meiner persönlichen Hitliste war der Kommentar eines Tagesschau-Kommentators ebenfalls in den Punkterängen:

      »Die Saat der Videospiele wächst und wächst und wo endet das Ganze? Jahrelang haben wir dem Treiben zugeschaut und immer von Freiheit-Demokratie- Menschenrechten geschwafelt- Wo sind die Geheimdienste denn in all den Jahren gewesen? Fragen über Fragen.«

      Wie Du siehst, ist die Auswahl an geeignetem Material gelegentlich quälend.
      Zu meiner Entschuldigung kann ich nur anführen, daß ich es mir wirklich nicht leicht gemacht habe (immerhin habe ich den Sasse komplett gelesen! Inklusive der Kommentare!)
      Das sollte Strafe genug sein.

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