Wir waren Papst

Der Hardliner Josef Aloisius Ratzinger legt sein Amt aus, wie er sagt, Altergründen nieder.

Er habe in den vergangenen Monaten erkennen müssen, daß »[…] nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe, bin ich zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben.«. Eine späte Erkenntnis, zu spät. Ratzinger amtierte als Papst seit dem 19.April 2005 als Nachfolger des zwar reisefreudigen, aber im übrigen gesichtslosen und rückwärtsgewandten Johannes Paul II. Wen man sich als Nachfolger eingehandelt hatte, konnte für niemanden eine Überraschung sein. Schon in seiner Zeit als Kardinal fiel Ratzinger durch seine erzkonservative Haltung auf: Als homophober Hüter des Zölibats, Gegner der Befreiungstheologie, Verfechter der mittelalterlichen katholischen Sexuallehre, seiner prägenden Arbeit gegen Sterbehilfe und Abtreibung.

Unvergessene Auftritte wie bei der lateinamerikanischen Bischhofskonferenz, wo er in einer Rede tatsächlich behauptete, die Christianisierung der Ureinwohner sei keine Oktroyierung einer fremden Kultur, sondern unbewusst herbeigesehnt worden, zeigen ein Weltbild, das im Sinne des Wortes mittelalterlich ist. Daß es sich dabei um Völkermord handelte, hat in Ratzingers Denken keinen Platz. Ob solcher Geschichtsklitterung fällt sein Urteil über Galileo Galilei fast schon harmlos aus, wenn er behauptet, daß das Urteil der Inquisition 1633 gegen den Astronomen zu recht ergangen war. Die erzreaktionäre, katholische Sekte der Piusbrüderschaft wurde von Ratzinger weitgehend rehabilitiert ungeachtet der Tatsache, daß sich in dieser Vereinigung mehrere Holocaust-Leugner tummeln.

Ratzinger ist kein Papst des 21. Jahrhunderts gewesen, auch nicht des Zwanzigsten. Politisch naiv, eingesperrt in das Gefängnis seiner Überzeugung, das die katholische Kirche die Deutungshoheit über jeden Moralbegriff habe, ein geradezu kindlicher Glaube an die Allmacht dieser Kirche: All das lies ihn bei den wirklichen Problemen versagen. Seit seinem Amtsantritt gab es keine Bewegung außer verbissenen Rückzugsgefechten gegen die Forderungen der Zeit. Während im Vatikan die Nutzung elektronischer Zahlungsmittel wegen dem Verstoß gegen das Geldwäschegesetz vorübergehend ausgesetzt ist, wartet der Missbrauchsskandal in Deutschland immer noch auf seine Aufklärung. Gegen die unmoralischen Praktiken katholischer Kliniken gegenüber Vergewaltigungsopfern protestieren nicht nur Atheisten, sondern mittlerweile auch gläubige Katholiken. Ratzinger predigte ein Frauenbild, das schon Mitte des 19.Jahrhunderts obsolet war – das sich im Zusammenhang mit dem Klinikskandal als zutiefst amoralisch darstellt. Der Kölner Kardinal Meisner und der Chor der alten Männer sprechen von einer »Pogromstimmung« gegen den Katholizismus – auch diese Entgleisung muß ursächlich Josef Ratzinger angelastet werden – hier spricht Ratzingers Geschichtsbild, seine Überheblichkeit. Wenn sich diese Kirche in den letzten acht Jahren bewegt hat, dann rückwärts.

Der Rückzug Ratzingers war überfällig, wenn man glaubt, daß es unter einem anderen Papst zu Verbesserungen kommen kann.
Die Abdankung könnte ein Unglück sein, wenn man erwartet hatte, daß das ganze verrottete System irgendwann zusammen mit ihren alten Repräsentanten und all ihrer überkommen Wertbegriffe einfach aussterben wird. So bleibt als einziger Trost, daß dieser angebliche Vertreter Christi auf Erden endlich zurücktritt.

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Ines Pohl in der taz vom 12.2.2013
Aus dem gleichen Stall: Deniz Yücel

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Der große  Vorsitzende der Partei DIE PARTEI Martin Sonneborn hat zum Thema Pius-Brüderschaft und katholische Kirche ebenfalls etwas beizutragen – wie immer bei Sonneborn ein Muß!  LINK

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0 Kommentare zu Wir waren Papst

  1. altautonomer sagt:

    Gott war mit Gysi gnädig und hat ihn mit diesem Rücktritt aus den Schlagzeilen gebannt..

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  2. altautonomer sagt:

    Statt Ratzinger sollte es Gysi heißen.

    (leider keine Editfunktion hier.)

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  3. pantoufle sagt:

    Dafür aber einen aufmerksamen Hausherren 🙂

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  4. Pingback: Links 2013-02-12 | -=daMax=-

  5. altautonomer sagt:

    Yücel fragt: „Was wird er jetzt machen?“ Ich vermute, da er aus Krankheitsgründen zurücktritt, erst mal eine Probe seines heiligen „Stuhls“ zum Därmatologen bringen.

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    • noemix sagt:

      “Was wird er jetzt machen?”
      Jetzt muss er nimmer jeden Morgen diese sperrige Arbeitskluft anlegen. Endlich kann er den ganzen Tag lang in Jogginganzug und Badeschlappen herumlaufen.

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  6. pantoufle sagt:

    “Was wird er jetzt machen?”

    Gymmick

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