Wildwest-Romantik

In den USA ist der afroamerikanische Trayvon Martin von George Zimmermann erschossen worden. Bei der Mädchenmannschaft gibt es eine gute Zusammenfassung des Mordes. Verglichen mit anderen Pressedarstellungen habe ich keine nennenswerten Widersprüche entdecken können.
Mord? Ja, Mord. Rassistische Motive? Mit absoluter Sicherheit. Ist Zimmermann ein »Killer«? Ja, natürlich.

Man stelle sich diese Nachricht und die Gerichtsverhandlung mit dem Freispruch Zimmermanns aus irgend einem Land der Welt vor – beispielsweise Ungarn. Das Szenario: Bewaffnete, selbsternannte Bürgerwehren erschießen einen Jungen, der zudem einer oft benachteiligten Volksgruppe angehört; gehen wir für den Moment von einem Roma aus. Niemand, der seine Sinne beisammen hat, würde auch nur einen Moment annehmen, das der Täter freigesprochen werden könnte (was in Ungarn allerdings sehr wohl denkbar ist). Ebensowenig würde niemand die Tatsache akzeptieren, daß Privatpersonen mit der Waffe in der Hand das Recht in eigene Hände nehmen. Bei einem Freispruch käme niemand auf die Idee, das als rechtsstaatliches Verfahren zu bezeichnen. (je mehr ich darüber nachdenke, umso schlechter scheint das Beispiel Ungarn gewählt).

Man muß schon vereinigte Staaten von Amerika heißen, damit wenigstens schulterzuckend und mit der verniedlichenden Bemerkung »Wilder Westen« solche Schauergeschichten als »Recht« wahrgenommen werden. Das Recht Waffen zu tragen und damit um sich zu schießen, die legale Möglichkeit, sich in schwerbewaffneten Banden zusammenzurotten und dieses Recht in die eigenen Hände zu nehmen.

Bei jedem auch nur halbwegs zivilisierten Menschen hörte hier jede Diskussion auf. Nur eben nicht bei den USA. Der devote Kniefall vor dem Weltpolizisten hört nicht dann auf, wenn man mit Untertanengeist einen Whistleblower mitverfolgt und ihm kein Asyl gewährt. Asyl vor einem Land, in dem bewaffnete Banden ihr Unwesen treiben und Kinder auf der Straße erschießen. Die Begründung der Unterwürfigen: Wir müßten ihn ausliefern, weil die USA ein Rechtsstaat sind.

Um dieses Land USA, diese Regierung als Rechtsstaat wahrzunehmen, bedarf es schon einiger Verblendung. Man habe sich beim Freispruch des Mörders an die Gesetze gehalten? Mag sein. Gesetze aber hat jeder Staat, auch ein Unrechtsstaat; und sei es nur, Regeln beim Überqueren der Straße aufzustellen. Und was sind Gesetze schon wert, die bestenfalls im eigenen Land gelten, deren Wirkungsbereich aber vor der Haustür enden?

»Martin wurde getötet, weil er als Schwarzer Jugendlicher in einer gated community als auffällig und nicht dazugehörig galt. George Zimmerman wurde freigesprochen, da Institutionaler Rassismus so weit reicht, dass das Stalking und die anschliessende Erschiessung eines unbewaffneten Schwarzen Jugendlichen noch nicht einmal als Totschlag gilt. Und wie Talib Kweli auf Twitter schrieb: dass George Zimmeman sich als “Hispanisch” definiert, ändert nichts an der Tatsache, dass Trayvon Martin für sein Schwarzsein verfolgt und getötet wurde.«

accalmie/Mädchenmannschaft

Noch Fragen? Ach so – Selbstverteidigung! Nebbich: Wäre das Tragen von Schußwaffen verboten, hätte man sich gegenseitig die Nasen blutig geschlagen und jeder wäre danach nach Hause gegangen. Das Selbstverständnis von Neandertalern trifft sich mit Milliardengewinnen der Waffenindustrie, sanktioniert vom Gesetzgeber. Man muß im Fall des ermordeten Trayvon Martin schon das Rechtsempfinden eines Büttels des 16. Jahrhunderts mitbringen, um das Wort »Recht« auszusprechen ohne rot zu werden.
Soviel auch zum Thema, Snowden erwartet in den USA ein fairer Prozess.

FR-Online: Die Folgen der Volksbewaffnung
Süddeutsche: Das ganze System ist schuldig
World Socialist Web Site: Mörder freigesprochen

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0 Kommentare zu Wildwest-Romantik

  1. altautonomer sagt:

    Um die Tat zu beurteilen, muss ich analysieren, in welchem gesellschaftlichen Kontext und unter welchen konkreten Bedingungen der alleinige Schusswaffenträger handelte.

    Ich lese bei der Mädchenmannschaft, dass “ga­ted commu­nitys,” Wohn­viertel (meist) wohl­haben­der An­wohner_innen sind, die unter anderem durch strik­te Ein- und Aus­gangs­kontrollen, “neighborhood watches” (Nach­bar­schafts­pa­trouil­len) und andere Ab­schot­tungs­maß­nahmen be­sonders ge­schützt sein soll vor Ver­brechen. Zimmermann war das Sandmännchen in einer derartigen Speckgürtelsiedlung, das den Schlaf der Privilegierten bewachen soll.

    Zur rassistische Stigmatisierung des Opfers genügen sein nicht zum urbanen Umfeld passendes Outfit, sein mutmasslicher Drogenkonsum, seine Hautfarbe und sein „schwarzes“ Selbstbewusstsein (Race Profiling). Auf der anderen Seite wird Zimmermanns antirassistische Einstellung daraus abgeleitet, dass er eine schwarze Ex-Freundin hat, schwarze Kumpels und dass seine beste Freundin schwarz ist, Diese Argumentation kenne ich von chauvinistischen deutschen Männern, die sich für multikulturell halten, weil sie eine Thailänderin geheiratet haben oder eine polnische Reinigungskraft ihre Bude säubert.

    Nach wie vor brennen in Deutschland regelmäßig Asylbewerberheime. Regelmäßig schließt die Polizei einen fremdenfeindlichen Hintergrund aus. Regelmäßig berichten – wenn überhaupt – nur noch die Lokalzeitungen darüber. Das war schon mal anders: Als in den ersten 90er Jahren Flüchtlingsunterkünfte wie in Rostock-Lichtenhagen brannten, berichteten Medien überregional, auch über die applaudierenden Anwohner. Kaum aber über die Polizeibeamten, die von ihren Vorgesetzten daran gehindert wurden, den bedrohten Flüchtlingen zu Hilfe zu kommen.

    Wer also für Nachbarschaftspatrouillen plädiert, möge sich erst einmal dafür stark machen, dass die Schutzbedürftigen unserer Gesellschaft in den Genuss derartiger Sicherheitsmassnahmen kommen. In Mölln, Lübeck, Solingen, Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda waren die Asylsuchenden und Migranten dem Unwesen des faschistischen Packs hilflos ausgeliefert.
    Heute ist das nicht anders.

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  2. pantoufle sagt:

    Moin, Altautonomer
    Ich hab gerade eine Antwort über das Thema an Lazarus formuliert. Es ist zwar nicht meine Gewohnheit wiederzukäuen, aber weil sie einen Teilaspekt meiner Meinung nach recht gut trifft, doch noch einmal:

    Erst mal Mord: Für mich ja, weil die Rechtssituation über das Tragen und den Gebrauch von Waffen in den USA vorsintflutlich ist. Es ist eine Kultur von Waffengewalt, die die zivile Gesellschaft schon lange verlassen hat. Vom Standpunkt eines Pazifisten aus akzeptiere einfach mal, daß diese Kultur – wohlgemerkt nicht die einzelne Person, die an dieser Stelle auch zum Opfer wird – im Ergebnis das »Mord« ist.
    Es sind andere Aspekte, die für mich dabei eine wichtige Rolle spielen: Wieweit akzeptiere ich eine solche Kultur, so daß ich sie mit den Maßstäben der »alten Welt« überhaupt vergleichen kann? So wie die eines Eingeborenenstammes, der seine Kinder aus kultischen Gründen verkrüppelt? Was bei den Maori (jetzt nur ein Name) akzeptabel ist, kann unter den kulturellen Gesichtspunkten des Abendlandes für eine »Hochkultur« eben nicht hingenommen werden. Soweit dazu

    Rassismus: Der Begriff wird in Europa sehr schnell mit schwarz-weiß verwechselt. Es sind aber erheblich mehr »Rassen«, die da eine Rolle spielen. Ich sehe das da dauernd: Die Latinos, Juden, Schwarze, Indios und dazwischen einen Haufen Weiße, die auch nicht alle immer gleichermaßen weiß sind. Lauf da mal rum – es ist in England meiner Erfahrung nach auch nicht viel anders. Zu erfahren, wer da gerade mit wem im Clinch liegt, ist als Außenstehender reine Glückssache. Man sollte sich Rassismus in diesem Zusammenhang als »momentanes Feindbild« übersetzen. Das macht die Zusammensetzung der Bürgerrechtler, die in den USA im Moment ja gerade deswegen auf die Straße gehen, deutlich. Da gibts alle Farben. Dieses ewige Betonen, Zimmermann hätte ja auch »schwarze Freunde«, geht vollkommen am Kontext vorbei. Wir haben uns angewöhnt, Rassentrennung in den USA als ein schwarz-weiß Problem zu betrachten – das ist es nicht und ist es nie gewesen. Mal waren es die ehemaligen afroamerikanischen Sklaven, mal die Iren und dann wieder die Mexicanos. Je nachdem, wo Du gerade bist und wer auf der Abschußliste steht. Und ebenso wie die Angewohnheit, Probleme mit der Waffe zu lösen, hat auch das eine lange Tradition in den Staaten.
    Deswegen unterstelle ich einen »rassistischen« Hintergrund. Abgemildert könnte man es auch als soziales Problem darstellen, das es in dem Augenblick sowieso ist, wenn da Bürgerwehren patrouillieren.

    Soweit dieses.

    Wer den Rassismusbegriff – gerade in diesem Zusammenhang – so eng fast, spielt den Rassisten in die Hände. Deine Beispiele finde ich gut – was mich persönlich wundert, ist der Gebrauch dieses Begriffs immer noch so eng umfaßt begriffen wird. Gerade nach den Erfahrungen im dritten Reich – sogenanntes Lebensunwertes Leben – sollte man eigentlich vorsichtiger sein. Nimmt man die Definition der UNO für Rassendiskriminierung, kommt man der Sache schon ein gutes Stück näher:
    »[…] jede auf der Rasse, der Hautfarbe, der Abstammung, dem nationalen Ursprung oder dem Volkstum beruhende Unterscheidung, Ausschließung, Beschränkung oder Bevorzugung, die zum Ziel oder zur Folge hat, dass dadurch ein gleichberechtigtes Anerkennen, Genießen oder Ausüben von Menschenrechten und Grundfreiheiten im politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen oder jedem sonstigen Bereich des öffentlichen Lebens vereitelt oder beeinträchtigt wird.«

    So wird ein Schuh draus. Die höchst eingeschränkte Lesart, die beim Prozess gegen Zimmermann immer wieder zum tragen kam, war sicher nicht unerheblich eine Folge einiger Menschenrechtsverbände, die den Fall – wenn vielleicht auch in bester Absicht – institutionalisieren wollten. Wer jedenfalls die tieferen sozialen Ursachen für die bloße Existenz von »gated communitys« außer Acht läßt und den Begriff Rassismus nicht damit in Zusammenhang bringt, argumentiert fahrlässig..

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  3. altautonomer sagt:

    Dass Rassismus nicht auf den Schwarz-Weiss-Dualismus beschränt werden darf, hat ja die Judenverfolgung gezeigt. Sie waren weiß und Deutsche. Volle Übereinstimmung.

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