Wie Hitler

»Zentralrat der Muslime vergleicht AFD mit Hitler«. Spiegel-Online? Nein. Bei denen lautet die Schlagzeile »Zentralrat der Muslime vergleicht AfD mit Hitlers NSDAP«. Die Böhmermannisierung schreitet voran – bitte keine Zusammenhänge! Das verwirrt nur.
Ein Interview des NDR mit dem Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime in Deutschland Aiman Mazyek soll die Grundlage dieser Behauptung liefern.

Machen wir uns nicht vor: Genau so wird das auch woanders zitiert werden; ganz gleich, wie dünn die Faktenlage ist. Auch Frau von Storch wird es in dieser Form weiterreichen. Man parteitagt in zwei Wochen und Erbauliches ist nicht zu erwarten, wenn sich die AFD über den Wortlaut der Machtübernahme verständigt. In dieser Hinsicht könnte man sich fragen, ob die Formulierung bei allem Wahrheitsgehalt hilfreich war. Nötig war sie auf jeden Fall.

Eine gute Gelegenheit für eine Transkription des Interviews – die Redaktion der Schrottpresse war um Sorgfalt bemüht.

Als Autor (Sprecher?) des Interviews wurde beim NDR Stefan Schlag genannt.

schönen guten Morgen

S. Schlag: Wie wollen Sie denn auf diesen Anti-Islamkurs der AFD reagieren?

A. Mazyek: Erst mal durch Aufklärung. Die Partei schwimmt auf der Welle der Islamfeindlichkeit, stellt fest, daß das ein Stück weit salonfähig geworden ist in den letzten Jahren, und nimmt diesen Staffel nun auf und versucht dort diese Stimmung und diese Polemik noch weiter anzuheizen. Also es ist nicht so, daß die Partei diese Islamfeindlichkeit erst kreiert, sondern sie schwimmt auf dieser Welle, die ohnehin in unserer Gesellschaft leider schon als Stimmung vorhanden ist. Wir erleben hier gerade eine ganz große Zunahme an islamfeindlichem Rassismus und anderes mehr.

S. Schlag: Die AFD hat ja zuletzt Wahlerfolge eingefahren in den Ländern. Die Partei ist auch auf Bundesebene in den Umfragen locker zweistellig. Wie anfällig ist denn unsere Gesellschaft für einen solchen Anti-Islamkurs?

A. Mazyek: Ich denke, das ist kein Anti-Islamkurs, sondern es ist ein Anti-Demokratiekurs und wir wissen aus Umfragen der letzten Jahre, daß es immer einen bestimmten Bevölkerungsteil dafür gibt der anfällig dafür ist. Es gibt Umfragen zum Beispiel – vor Jahren: Will man wieder eine starke Hand, einen Führer? Etwa zehn,  fünfzehn Prozent der Deutschen haben gesagt »Jawohl«. Das heißt also: Hier ist das nur eine vordergründige Rhetorik die angewandt wird. Die AFD will eine andere Republik, die AFD will eben nicht die freiheitlich-demokratische Grundordnung – sie will sie letztendlich abschaffen. Deswegen ist das, was sie da fordert, nicht ein Islamdiskurs. Sondern er ist grundgesetzwidrig, weil sie von einem ganz anderen Werteverständnis ausgeht und ich glaube, das müssen wir diagnostizieren. Wir würden ihr auf den Leim gehen, wenn wir es so konnotieren, als ginge es wirklich um den Islam. Es geht hier gar nicht um Islam: Hier wird der nur missbraucht, eingesetzt als Projektion, um letztendlich eine ganz andere Rubrik zu haben.

S. Schlag: Da ist aber die Frage, ob die Menschen das tatsächlich auch so unterscheiden können? Aber welche Fehler haben denn beispielsweise Sie, also die Muslime in Deutschland, gemacht, daß eine Gesellschaft überhaupt anfällig ist für sowas?

A. Mazyek: Interessant, daß Sie die Betroffenen, die in den letzten Jahren immer mehr über Moschee-Angriffe besorgt sind, daß die Angriffe auf Muslime selbst zunehmen, daß Sie die Betroffenen nur nach den Fehlern fragen. Das ist auch ein Diskurs, der letztendlich der AFD nur nutzt. Was wir machen müssen, ist Aufklärung und die Aufklärung bedeutet zum Beispiel, daß es das erste Mal nach Hitlerdeutschland eine Partei gibt, die erneut eine ganze Religionsgemeinschaft diskreditiert und sie existentiell bedroht. Das müssen wir nun einmal feststellen und dann auch entsprechen so betonen. Anstatt daß wir uns über »klein-klein« und dann vielleicht auch noch die Betroffenen selber sozusagen heranziehen und sagen »vielleicht habt ihr auch noch mit daran Schuld!« Bestimmt gibt es den einen oder anderen Stichwortgeber – auch auf der muslimischen Seite –; wollen wir die Diskussion so führen, dann würden wir uns nicht wundern, daß wir in ein paar Jahren noch wo ganz anders stehen. Und dann haben wir eine Republik, in der ich eigentlich nicht mehr leben will.

S. Schlag: Wenn Sie sagen Aufklärung: Was muß denn in der Aufklärung passieren?

A. Mazyek: Die Aufklärung heißt: Grundwerte gibt es, wie zum Beispiel die Religionsfreiheit und die bleibt und muß unangetastet bleiben. Wenn wir die aber antasten und sozusagen einschränken, dann schränken wir das Grundgesetz ein und wir müssen so den Diskurs führen. Es ist ein antidemokratischer Kurs, den hier die AFD führt. Nicht der Islam ist nicht grundgesetzkonform, sondern die AFD ist nicht grundgesetzkonform. Das ist nun mal die Crux!

Soweit das Interview.

Auffällig dabei… ach ja, die üblichen Verdächtigen. »Was haben die Muslime falsch gemacht?« Diese Form der Beweislastumkehr hat seit den NSU-Morden Konjunktur. Immerhin fiel nicht das Wort Terror.

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23 Kommentare zu Wie Hitler

  1. Alte Journalistenregel:

    Den Anfang eurer Rede haben wir vergessen,
    und das Letzte nicht verstanden.

    Herodot

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  2. gkazakou sagt:

    gut zu lesen. „Was hat der/die/das .XY. falsch gemacht?“ ist ja eine stets wiederkehrende Frage, die sich die Leute hinsichtlich der Opfer (und nicht der Täter) stellen. „Das Mädchen trug einen Minirock – kein Wunder, wenn …. Wieso lebt sie mit dem Typ zusammen, sie mag es wohl, dass….“ Nur so als Beispiele aus dem alltäglichen Leben. Dass „die Juden“ selbst schuld waren an ihrem Schicksal, weil sie raffgierig, Wucherer, Bankiers, Weltbürger, Elite, Kommunisten und ich weiß nicht was noch waren, ist ja längst bekannt.

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  3. R@iner sagt:

    Wikipedia: Zentralrat der Muslime in Deutschland

    10.000 Leute? Okay, uninteressant.

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  4. waswegmuss sagt:

    Das schadet dem Andenken Hitlers wenn er mit diesen Leuten verglichen wird. Die können ja noch nicht mal Schilder malen.

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  5. pantoufle sagt:

    Junge Alternative für Deutschland (irgendwo auf Facebook)
    2 Std. ·

    Pressemitteilung: +++ Junge Alternative verlangt Verbotsprüfung für Zentralrat der Muslime +++
    18.04.2016. Die Behauptungen des Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, die AfD sei nicht grundgesetzkonform sowie seine Versuche, die Partei in die Nähe des Nationalsozialismus zu rücken, haben bei der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative (JA) zu heftigen Irritationen geführt. Der stellvertretende Bundesvorsitzende der JA, Krzysztof Walczak, erklärte zu den Einlassungen von Herrn Mazyek:
    »Der Versuch des Zentralrats der Muslime, die AfD in die Nähe der NSDAP zu rücken, ist komplett unhistorisch. Die AfD argumentiert in ihrer Islamkritik gerade auf Grundlage unserer freiheitlichen Werte und des Grundgesetzes, nicht gegen sie.“ Walczak führte weiter aus, dass es um die Verfassungstreue des Zentralrats der Muslime selbst erkennbar schlecht bestellt sei: „Rund die Hälfte der Mitgliedsorganisationen im Zentralrat sind Mitglieder der so genannten Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD), die nachweislich Verbindungen zur extremistischen Muslimbruderschaft pflegt. Herr Mazyek arbeitet tagein, tagaus mit diesen Feinden der Demokratie zusammen, ohne dass ein erkennbares Unbehagen darüber festzustellen wäre. Im Sinne der freiheitlich-demokratischen Grundordnung ist es deshalb geboten, den islamistisch unterwanderten Zentralrat der Muslime vom Verfassungsschutz zu beobachten und gegebenenfalls zu verbieten, anstatt eine demokratische Partei wie die AfD zu diskreditieren.“
    Walczak verwies dabei auch insbesondere auf die historischen Verbindungen zwischen Islam und Nationalsozialismus, die bis heute von muslimischen Verbänden in keiner Weise vernünftig aufgearbeitet wurden: „Es geht nicht an, dass ausgerechnet der Zentralrat die Nazi-Keule gegenüber der AfD schwingt. Herr Mazyek sollte lieber vor seiner eigenen Türe kehren und sich zunächst mit den NS-Kollaborateuren muslimischen Glaubens beschäftigen. Allein der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, hat während und vor dem Zweiten Weltkrieg eng mit Adolf Hitler und der NSDAP kooperiert. Hitler hatte al-Husseini sogar in einem arisierten Haus in Berlin Unterkunft und Mitarbeiterstab zur Verfügung gestellt, damit dieser seine faschistische und antisemitische Agenda vorantreiben kann. Darüber habe ich kein einziges Wort des Bedauerns von Herrn Mazyek je vernehmen können.“
    Die bisherige Nichtthematisierung dieser Zusammenhänge in der öffentlichen Debatte um den Islam sah Walczak als „weitere Ursache für den zunehmenden Vertrauensverlust der Bevölkerung in die etablierten Medien“ an. „Liberale und konservative Islamkritik muss endlich in Deutschland salonfähig werden«, appellierte Walczak insbesondere an die großen Zeitungen und Rundfunksender, welche Mazyeks ursprüngliche Äußerungen aufgegriffen haben.

    »…einem arisierten (liberale und konservative Islamkritik?) Haus«. Soso!

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  6. R@iner sagt:

    Gerade via Reddit gefunden – Weiß noch nicht, ob das was taugt: Wie man die AfD bekämpfen sollte – und wie nicht (pdf, 6 S.)

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  7. waswegmuss sagt:

    Wo du die Katholen verlinkt hast. Genau diesen Fehler haben damals die mittelfränkischen Protestanten gemacht: Hoffähig.
    (Trotzdem das war das geilste Konzert meines Lebens: Die einstürzenden Neubauten im Goldenen Saal auf dem Reichsparteitagsgelände.)

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  8. Publicviewer sagt:

    Wenn die AFD gegen alle Religionen vorgehen würde, wäre das ein echter Fortschritt, nur im Vergleich zu den anderen Parteien natürlich… 😉

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  9. oblomow sagt:

    Pantoufle, mit dem transkribierten interview und dem, wie die medien es schlagzeilenmäßig „verkaufen“, hast du ein sehr schönes beispiel für die unselige rolle derer gegeben, für die das wort journaille noch beschönigend ist. Parallelen muss man nicht ziehen, doch der vergleich hilft, den blick zu schärfen für das niederträchtige spiel der medien, der „schwätzer der tat“, gerade im zusammenhang/-spiel (zusammenspiel wegen siehe oben: interviewtext und schlagzeilen) mit pegida und afd – also auch hier, mal etwas länger zitiert, Karl Kraus (kürzer stand es schon mal bei feynsinn):

    „Denn der Nationalsozialismus hat die Presse nicht vernichtet, sondern die Presse hat den Nationalsozialismus erschaffen. Scheinbar nur als Reaktion, in Wahrheit als Erfüllung. Jenseits aller Frage, mit welchem Humbug sie die Masse nähren – sie sind Journalisten. Leitartikler, die mit Blut schreiben; Schwätzer der Tat. … Die Tat hat sich einmal der Phrase entwunden und daß diese ihr weiter aufgestülpt bleibt, hat nichts mehr zu bedeuten; es ist nur noch grotesk. Dem Geist kann sie nichts mehr antun. Nimmt man aber die »Gleichschaltung« als politischen Eingriff, so bedeutet sie nur die eigene letzte Möglichkeit der Presse, die letzte Stufe, über die sie vermöge ihrer Konstitution nicht gelangen kann, welche von Natur die Prostitution ist. Die angebliche Entehrung der deutschen Presse mag das Problem einer Journalistik sein, deren Meinung auf freiem Fuß lebt, solange politische Gewalt nicht eingreift und strenge Masseusen nicht Terror üben. Wenn aber »Kommissare« in Redaktionen eindringen und »den Revolver auf den Schreibtisch legen«, so ist dies kriminalistisch insofern erheblich, als dann zwei dort liegen. Doch nur auf dem journalistischen Flachland kann die Anschauung gedeihen, daß durch seine Verwüstung die »Kultur« einen Verlust erleidet. Das existentielle Moment, in jedem Einzelfall beklagenswert, ist nach der Gemeinnützigkeit des verlornen Berufs zu werten, und wo schon die Tyrannei der Not Erwerbslose gemacht hat, dürfte das Schicksal ruinierter Ärzte im Vergleich zu dem vazierender Redakteure auch außerkollegialische Teilnahme ansprechen.“

    Selbst ein noch immer quasi als „lichtgestalt“ geltender vertreter der zunft wie Prantl demaskiert sich in seinen jüngsten pro-merkel-ergüssen bis zur kenntlichkeit – endlich. Karl Kraus hätte ihn seziert, nach allen regeln der verachtung, die er der journaille entgegenbrachte. (gut: verachtung kennt keine regeln aber des rhythmus wegen stehen sie da)

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  10. pantoufle sagt:

    Moin @all

    @Oblomow

    Gestern war ich noch lange damit beschäftigt, die vorhersehbaren Reaktionen in Presse, Twitter und Facebook zu sichten. Aus dem Vorsatz, daraus einen Teller Buntes als Update zu arrangieren, wurde dann doch nichts: Die Lektüre war einfach zu deprimierend. Das ging eigentlich so weit, daß mein Selbstverständnis als »auch politischer Blogger« ziemlich erschüttert war. Was auf Twitter und Facebook als Krabbelgruppe noch nachvollziehbar ist – die Presseresonanz fand ich erschütternd.

    Es ist nicht so lange her, als in diesen Kreisen noch (ernsthaft?) darüber diskutiert wurde, ob man das Thema AFD und ihre kruden Thesen unter den Tisch fallen lassen oder sich mit dem Müll ernsthaft beschäftigen sollte. Jetzt kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als würden sich die Redaktionen bereits »auf die Zeit danach« einrichten.

    Nicht nur in dieser Hinsicht hat Kraus recht. Diese scheinbar betont sachliche Berichterstattung legt die dringend benötigte Schicht Makeup nicht nur auf v. Storchs Gesicht; es adelt den ganzen Haufen. Als wenn in diesen Phantastereien der AFD auch nur ein Körnchen Substanz vorhanden wäre. Man ist vor Jahrzehnten mit der NPD niemals übertreiben hart ins Gericht gegangen – gemessen an denen aber fährt man momentan geradezu einen Kuschelkurs.
    Weil die in ein paar Landtagen sitzen? Das kann doch keine Begründung sein!

    Prantl, Prantl… Meine Sympathien für den Dicken sind vielleicht bekannt. Ja, was macht er da? Ich unterstelle mal, daß er sich in Zeiten, in denen das Wort Rechtsstaat einen ähnlich antiquarischen Klang wie Miasmen hat, verzweifelt an etwas klammert, von dem er sich Rettung erhofft. Einen konservativer Rettungsanker – und sei der noch so unklar. Und vielleicht hat er aus seiner Sicht damit gar nicht so unrecht: An wen sollte man sich halten? An irgend etwas aus der SPD solange es sie noch gibt? Wo sieht man Halt in dieser Republik mit einem schwindenden Kontingent an Republikanern?

    Das mit den Lichtgestalten ist so eine Sache, wenn sie beginnen, Schatten zu werfen. Lassen wir den Kraus also genau so stehen. Er genießt den Vorteil der vollzogenen Kanonisierung und seines Ablebens. Zeitgenössische Lichtgestalten? Auf Twitter und Facebook im Schock erhältlich.

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  11. pantoufle sagt:

    … was ich noch sagen wollte: Man kann ja einfach mal vergleichen – Stichwort Lichtgestalt Prantl, wenn man denn unbedingt eine braucht.

    Prantl in der Süddeutschen

    Die auch etwas barocke Gegenmeinung

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  12. oblomow sagt:

    Die SPD braucht Sigmar Gabriel – Prantl, wie bestellt, kaum auszuhalten, dabei sind es nur rund drei minuten.

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  13. pantoufle sagt:

    So, jetzt ist erst mal gut für heute: Thunderstruck

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    • Thelonious sagt:

      Na Danke,

      jetzt träume ich heute Nacht von Polka und finnischem Tango. Und Fado. Mann, Fado.

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      • pantoufle sagt:

        Ja, die Jungs sind schon großartig! Deine Dame aber auch! Ich hab sie mir noch spät in der Nacht angehört… so schön traurig.
        Übrigens: Aki Kaurismäki behauptet ja steif und fest, daß der Tango eine finnische Erfindung sei. Bauern wollten damit, so Kaurismäki, Mitte des 19. Jahrhunderts Wölfe fernhalten. Argentinien kam dann erst später.
        So ist das nämlich!

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