Was gestrichen ist, kann nicht durchfallen

Hätte ich mal… Der Artikel von heute Nacht „Restlaufzeit der Ära Merkel“ enthält Fehler. Na gut: Allem, was ich hier schreibe, haftet dieser Makel an. Der Fehler, der mir gerade aufstößt, beruht auf Degeneration – und zwar meiner eigenen; Abstrichen an Standards, an Wertvorstellungen – an sozialdemokratischem Verständnis.

Heute Morgen gab es die Bundestagsdebatte zur Atompolitik. Da schwadronierte eine Kanzlerin Merkel vor laufenden Kameras – nicht mehr dieses heulende Elend, das Gesicht der Krise von gestern – sinngemäß: „Ob dieses Moratorium geltenden Gesetzen gehorche oder nicht, gleich, wie immer eine Prüfung der Reaktorsicherheit der abgeschalteten Kraftwerke ausfallen würde – man würde bei der eingeschlagenen Linie bleiben. In Klammern: Unsere Verdummungsmaschine läuft bereits höchst erfolgreich an, in 4 Wochen erinnert sich kein Schwein mehr an das, was ich hier sage und wie die Überprüfung aussieht, wissen wir bereits… wir haben da unsere Leute. Klammer zu“. Der Apparatschik hatte gesprochen. Nun, nicht daß ich dadurch völlig überrascht war, genau so wenig wie von den recht zahnlosen Beiträgen Sigmar Gabriels und Gregor Gysis.

Nein, den Rest hat mir der heutige Abend gegeben, als ich aus Zufall das Interview von Maischberger mit Altkanzler Helmuth Schmidt ein Jahr nach dem Tod seiner Frau Loki gesehen habe – zum ersten Mal im übrigen; ich kannte zuvor es nur in Auszügen. Natürlich den legendären Kommentar zu Westerwelle und viele andere schöne Dinge. Es war eher der Rhythmus, diese weise, alte Schlagfertigkeit, die durch die nikotingeschwängerten Wolken auf Frau Maischberger flog – Frau Maischberger, die im Laufe des Interviews zusehends jünger wurde und gegen Mitte der 75 Minuten wie ein wohlerzogenes Mädchen zu Füßen des alten klugen Mannes auf dem Kissen saß. Gar nicht so vorlaut, wie man das heute im Fernsehen macht – sie vergab sich nichts, versuchte sich nicht aufzuspielen… fragte vielleicht zwei Mal, um das Gewünschte zu bekommen, um nach Schmidts tiefem Zug an der Zigarette die Stille als Echo zu akzeptieren oder ein „Sie fragen mich das jetzt nicht im Ernst?“. Meine nachträgliche ehrliche Hochachtung, Frau Maischberger, Fragen zu stellen und Raum für Antworten zu lassen, die sich nicht als Schlagzeile eignen. Hätte nur noch gefehlt, das sie gegen Ende den Sozialdemokraten gefragt hätte, ob er vielleicht noch eine Zigarette für sie… „aber klar doch, Deern“, vielen Dank auch“, „Da man nich für“. Hektische Signale aus der Regie – Rauchverbot, Jugendschutz und Feuerwehr – „ihr könnt mich gerade alle mal….“

Ein Genuss, eine Rhetorikübung und die unaufgeregte Weisheit eines Helmuth Schmidt.
Als ich dann ehrlich erschüttert vor dem Bildschirm saß, mich erinnerte, daß ich Willy Brandt eigentlich immer noch toller fand, Held meiner Jugend, und Kanzler Schmidt immer nur zweite Wahl war, da kam ich auf die verwegene Idee, mir die Debatte vom Morgen noch einmal anzusehen.

Was für ein hysterisches Gekreische! Diese platten Lügen, dieses „Was schert mich mein Geschwätz von gestern“. Bitte nur fünf Minuten Herbert Wehner, meinetwegen danach 4 Minuten F.J.Strauss! Irgend ein Gesicht, das vom wahren Leben zerknüllt die Phantasie der Karikaturisten anspornt, aber nicht diese fettgesessenen Bonzen. Abschalten! Alle! Inklusive der Atomkraftwerke!
Habe ich heute Nacht irgend etwas von „vorsichtigem Optimismus“ erzählt? Ich bitte in aller Form um Entschuldigung! Großer Kotau!

Nein, früher war nichts besser. Eher schlechter, aber ich bilde mir ein, das ein BMW 501 mehr Stil hatte als ein Golf III.
Ich werde alt.

P.S. Überschrift gestohlen von Kurt Tucholsky, Ehre seinem Andenken.

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