Was andere so schreiben III

Das war eigentlich der Titel, unter dem ich mal wieder was über die anderen schreiben wollte. Nun ja: Das presse ich da sicher auch noch irgendwie hinein.

Aber heute Nacht kam schon wieder was dazwischen – wie der Kollege Emil so richtig sagt, das Arschloch 2016.

Prince ist im Alter von 57 Jahren gestorben. Wenn das Wort Genie für einen Musiker einmal angemessen ist, so gehörte Prince Rogers Nelson mit Sicherheit dazu. Ein Egomane, Diktator, ein Krokodil. Ein richtiges Arschloch. Ein unfassbar genialer Gitarrist und wirklicher Könner auf allen möglichen anderen Instrumenten. Eine Band hätte er streng genommen nicht benötigt, wäre ihm eine medizinische Möglichkeit eingefallen, sich während der Show zu mehrteilen.
Und so führte er sich auch auf.

Ich kenne ihn in erster Linie aus den Erzählungen von Kollegen; selber hatte ich den Vorzug, nie für ihn arbeiten zu müssen. Prince mischte sich in jedes verdammte Detail ein, ein Kontrollfreak der übelsten Sorte. Sein langjähriger Monitor-Engineer fiel einigen Kollegen dadurch auf, daß er sich vor jeder Show bekreuzigte, obwohl er alles andere als gläubig war. Aber wie heißt es doch so schön: Schaden kann es nicht und es ist gut gegen die Angst. Wer mit Prince auf der Bühne stand, hatte nun einmal nur Gott, der ihm beiseite stehen konnte. Niemand anderes hätte sich für diesen Job gefunden.

Was im Studio ausgezeichnet funktionierte, war in einer Life-Situation oft katastrophal. Prince-Konzerte zeichneten sich in der Regel durch einen… sagen wir mal mittelmäßigen Sound aus. So ist das, wenn der Künstler darauf besteht, das sein FOH-Ing auf- und nicht vor Bühne sitzt – der Meister war der Meinung, er könne von der Bühne aus den Sound besser beurteilen als sein Engineer »vor Ort«. Bei allem anerkannten Genie, aber hier lag der Meister meist weit daneben. Die Physik, die Physik…

Was natürlich nicht das geringste daran ändert, daß er ein Genie war. Wie gesagt: Im Aufnahme-Studio, nachdem er alle Instrumente selbst eingespielt hatte, sich selber ans Pult setzte um anschließend höchst eigenhändig zu mastern, war alles in Ordnung. Dann mußte er nur noch irgend einer Band beibringen, wie sie die Songs auf der Bühne zu interpretieren hatten.

Na, jetzt ist aber gut! Man soll über Tote ja nur das Allerbeste behaupten. Obwohl: Wer Zweifel an dem zuvor Gesagten hat, braucht sich nur den Kleinkrieg von Prince in Sachen geistigen Eigentums zu betrachten; Kleinkrieg… auch eine dieser unerträglichen Verniedlichungen!

Jetzt aber!
»Normale Künstler leisten sich mal einen Patzer, aber dieser Typ hat sich auf Public-Relations-Katastrophen spezialisiert« urteilte der Rolling-Stone zutreffend.
Prince: Das war Michael Jackson mit Altersfreigabe ab 18, dort, wo Popmusik interessant wird. Solange er eine Major hinter sich hatte die sich für ihn engagierte, war er erfolgreich. Wenn nicht, war er mal wieder »am Ende«. Das war er einige Male – seine Musik hat es nie beeinflusst. Michael Jackson wedelte mit einem Baby aus dem Hotel-Fenster, Prince Leibköche übernahmen die Küche des Hauses. Ein kleines, aber feines Detail, das den Unterschied macht.
Ein Gigant des Jazz nannte Prince »the new Duke Ellington of Our Time«. Er durfte das sagen, wußte, worüber er sprach. Es war Miles Davis. Eine gemeinsame Platte – oft angedacht und von vielen herbeigesehnt – hat es nie gegeben. Dann hätte der kleine Prinz aus Minnesota alles erreicht, alles, was der Olymp des Pop-Himmels zu vergeben hat.
Das Arschloch 2016.

»Torben hat einen gutbezahlten Job als Fachinformatiker und nirgends hätte Resa mit handbedrucktem Bio-Klopapier Geld machen können, aber hier in Friedrichshain geht das.
Sie hat auch schon ganz viele Freundinnen gefunden.«

Kleine Handgranaten, unauffällig abgezogen und unter den Tisch eines Frühstücks-Cafés gekullert. Irgendwo in Berlin. Was andere so schreiben. Die Schlandrätin. Sie steht seit einiger Zeit in meiner Blogroll, wird aber viel zu selten angeklickt. Ein unhaltbarer Zustand.

Diese Großmäuligkeit, bei der eine vernichtende Breitseite angekündigt wird und letztlich ein linksdrehender  Joghurtbecher umkippt. ÖkoLinX-Antirassistische Liste im Römer. Dank Burks stieß die Schrottpresse auf dieses Juwel einer Veröffentlichung der judäischen Volksfront:

+++ bitte teilen +++
„Noch nie haben wir in einem linken Bündnis eine derartig antisemitisch verhetzte Diskussion erlebt“
Ökologische Linke verlässt Revolutionäre 1. Mai-Demonstration Bündnis in Berlin
Das Bündnis Revolutionäre 1. Mai-Demo Berlin stellt sich auf die Seite antisemitischer Organisationen, die ausdrücklich die Abschaffung und Zerstörung des Staates Israel fordern.
Ökologische Linke Berlin, Ökologische Linke (bundesweit) und ÖkoLinX-Antirassistische Liste haben das Bündnis nach jahrzehntelanger (oft mühsamer) Mitarbeit am 20.4. verlassen.
Auf der Sitzung hatten die Vertreter*innen von Ökologischer Linke und ÖkoLinX-ARL 4 Anträge vorgelegt. Die wesentlichen Passagen waren:

Die wesentlichen Passagen kann man auf Facebook weiterlesen. Eine Stellungnahme der Volksfront von Judäa steht noch aus.

Zum Hauptprogramm
Der Kolumnist erwog heute zunächst die Schaffung eines 500-zeiligen Gedichts in der Form eines sapphischen Hendekasyllabus: über Barack Obama, Elisabeth II und Silvia Renate Sommerlath, beziehungsweise alle drei zusammen, unter Mitwirkung einiger transsexueller Corgis, eines schwulen portugiesischen Wasserhunds und eines sadomasochistischen Elchs, und hatte sich bereits mit Standardwerken zur Perversionsforschung eingedeckt …

Der Startschuß zu einer furiosen Polemik über das geplante Verbot sexistischer Werbung durch die Bundesregierung. Fischer sieht sich mal wieder im Recht und haut den Verantwortlichen seine Meinung um die Ohren. Wider der moralisch-korrekten Einheitsfront der Betroffenheits-Zombies. Schwierig zu lesen – die längeren Pausen wegen schmerzhafter Lachkrämpfe trüben den Lesegenuß. Aber es soll ja wehtun. Bitte weiter so, Herr Fischer. Solange man so etwas noch lesen kann, gibt es Hoffnung.

Interessant, interessant, was die anderen so schreiben!

»Dies ist die Bilanz einer aktuellen Studie vom American Press Institute (API), das mithilfe von Zugriffsdaten das Nutzerverhalten von Online-Lesern unter die Lupe genommen hat. Insgesamt hat das Forschungsteam rund um API-Geschäftsführer Tom Rosenstiel dafür mehr als 400.000 Artikel von 55 Publikationen analysiert.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Online-Leser mehr wollen als Geschichten über Stars und Sternchen, kurze Meldungen ohne Tiefgang und sogenannte Listicles, also Artikel in Listenform (wie zum Beispiel „7 Dinge, die man über Donald Trumps Frisur wissen sollte“), schreibt Rosenstiel in seinem Paper „Solving journalism’s hidden problem: Terrible analytics.“ Die gängige Annahme, dass Journalisten sich für Online kurz und für mobile Plattformen noch kürzer fassen sollten, sei einfach falsch.

»Die Leser schätzen Qualität und Tiefgang und lesen eine gut erzählte Geschichte auch zu Ende.« Das ist doch mal eine gute Nachricht!

Dagegen: »Edelfedern verlieren ihre Bedeutung«. Un-ver-schämt-heit!!

Redaktionen werden kleiner und netzwerkorientierter. Die Arbeit der Redakteurinnen und Redakteure erweitert sich zu einer 360-Grad-Tätigkeit. Sie arbeiten multimedial, interdisziplinär, technologiegestützt und consumer-data-driven

Nur schreiben, das können sie nicht mehr. Nikolaus von der Decken, Leiter der Burda-Journalistenschule, gibt Tips für die Zukunft des Online-Journalismus.

Das Job-Profil des Journalisten ändert sich. „Edelfedern“ verlieren an Bedeutung, Datenjournalisten oder Social-Media-Redakteure schließen auf. In den kommenden Jahren wird es nicht unsere größte Herausforderung sein, die Ausbildung zu optimieren, sondern die richtigen Menschen für einen sich stark verändernden Beruf zu begeistern, dessen Karriere- und Einkommenschancen ungewisser sind als früher und dem – nur am Rande – die Männer davonlaufen.

Bei gleichbleibenden Chancen für Frauen? Bleibt zu hoffen, daß sein Unterrichtsmaterial zeitgemäßer als sein Frauenbild ist. Ob militanter Gebrauch von Buzzwords die Lösung ist? Ob der Online-Redakteur einer Burda-Journalistenschule sich aus Verzweiflung im (360°) Kreise dreht?

Fragen die das Leben an uns stellt.

Edelfeder… da muß ich doch gleich mal. Constantin Seibt. Einer der schreiben kann und das auch unverdrossen macht. Nicht im bedeutungsschwangeren Stil eines Leiters der Burda-Journalistenschule dessen Niederkunft minütlich seit Jahren erwartet wird, sondern im Stil eines richtigen Reporters.
Journalismus ist bis auf weiteres ein Handwerk, das seine Meister hat. Daran ändert auch ein consumer-data-driven nichts.
Seibt über Jürgen Todenhöfer. Eine Lehrstunde.

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16 Kommentare zu Was andere so schreiben III

  1. pantoufle sagt:

    Emil! So schnell kannst Du gar nicht gelesen haben!!!

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  2. Der Emil sagt:

    Ich — in einer Reihe mit Fischer und Seibt … Das muß ich jetzt ersteinmal verdauen. 😁 Vielen Dank.

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  3. Ex-Vermieter sagt:

    Jack Bruce ist auch tot, allerdings schon seit 18 Monaten. (Wenn’s schon mal um musikalische Genie gehn soll.)

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  4. altautonomer sagt:

    Für promifixierte Nachrufe hatte doch Klaus Baum bisher das Monopol Euer Merkwürden.
    Sehr traurig, dass nach Lemmy Kilmister sich jetzt schon wieder ein musikalisches „Schenie“ den Hanf von unten ansehen muss. Was sind dagegen schon 500 „Neescher“, die ganz frisch im Mittelmeeer ertranken. Nicht mal eine Randnotiz, nirgendwo. Dabei geht das doch uns alle an:
    http://taz.de/Die-Wahrheit/!5293218/

    Edelfeda goes mainstrream. Schäm Dich!

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  5. pantoufle sagt:

    Moin Altautonomer

    Ahhhrrggg! Erwischt! Schon wieder meiner patriotischen Pflicht der Empöria schamlos ausgewichen! Ich aber auch!

    Der Artikel ist leider an mir vorbeigegangen:

    »Stracke liebt Fische darüber hinaus beruflich, er ist Geschäftsführer des Verbandes der Thunfisch verarbeitenden Industrie Deutschlands (VTID). „Zunächst sagen wir nicht Raubfisch“, korrigiert er uns. „Thunfische haben mit ihrem Lebensraum eine Jäger-Beute-Beziehung.“«

    Herzallerliebst! Ich muß den Kindern mal wieder eine Pizza backen und die nenne ich dann… mal sehen.

    Ja, das mit den Promis! Heute, wo wir ja alle sehr, sehr gleich sind, gibt es ja keine Genies mehr – entweder alle oder keiner. Um diesem Dilemma aus dem Weg zu gehen, hat man die Institution »Promi« geschaffen. Listig! Und so einleuchtend. Jedenfalls für diejenigen, die vor einem Bild von Matisse stehen und der Ehegattin nebst Kindern verkünden »Das kann ich auch!« Listig vor allem deswegen, weil sie den Beweis ungestraft schuldig bleiben können.
    Ja also wenn Karl Marx (oder wenigstens Rosa Luxemburg) noch leben würde, beziehungsweise morgen stirbt, würde ich auch einen Nachruf auf diesen Promi absondern. Das wäre legitim in Zeiten, wo wir ohnehin zu verblödet sind, wirkliche Größe noch zu erkennen 🙂

    Und jetzt setze ich mich eine Runde auf die Strafbank schämen. Ich hab da nämlich eine mit wunderbarer Aussicht auf meine blühenden Obstbäume. Mainstreamobstbäume, aber Obstbäume.

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  6. Pingback: Lemmy, Bowie, Prince | -=daMax=-

  7. pantoufle sagt:

    Ah, es fängt schon los! Diejenigen, bei denen Sexualität von frühester Pubertät bis ins Rentenalter immer schon mit hohen Kosten verbunden war, beginnen ihr Gewimmer:

    »Ziemlich fassungslos stehe ich vor den Lobgesängen der Medien über den Tod eines kleines Junkies, der sich Prince nannte. Hätte nie gedacht, dass Drogen so populär sind. Naja, vielleicht wird er auch dafür gefeiert, dass er es 40 Jahre überlebt hat. Hätte er mal besser auf sich gehört; “And I think you better close it and let me guide you to the purple rain.” Ichichich glaubt, dass kaum einer weiß, wer hier mit wem über was spricht.«

    Sexualneid treibt bekanntlich die eigenartigsten Blüten.

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    • Stony sagt:

      Wäre ich (noch) herzloser, ich würde solchen Arschkrampen mit Freuden ein wenig LSD unterjubeln – nur um sie elendig an sich selbst verrecken verzweifeln zu sehen. Naja, vllt. im nächsten Leben.

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      • pantoufle sagt:

        Stony: Daß man vor nicht allzulanger Zeit dafür vom Schulhof geprügelt worden wäre, ist jetzt Geschichte.
        Weißt Du, im Grunde ist doch das Verdammte an den blödsinnigen Heiligsprechungen der katholischen Kirche, daß sie eine – wenn auch pervertierte – Form des Respekts für einer Lebensleistung darstellen. Pervertiert wie ein Mutterschaftsorden, aber immerhin eine Auszeichnung. Und grundsätzlich finde ich das beinahe sympathischer als das vorgebliche Recht eines jeden asozialen Vollpfosten, alles und jeden ungestraft in den Dreck ziehen zu können; Meinungsfreiheit: Sie verstehen?

        Brechen wir es auf den einfachsten und nach Okkham vernünftigen Nenner herunter: Für das, was Prince mit einem Fingerschnippen bekam, hat der Autor sein Leben lang zahlen müssen. Das soll allen eine Beruhigung und Zuversicht sein.

        Sexistisch? Ja, ein wenig. Würde man aber ernsthaft die Frage stellen, was denn besagter Vollpfosten in seinem Leben geleistet hat, würde sich vermutlich schnell Mitleid einstellen. Und das kann nicht Zweck der Übung sein.

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        • Stony sagt:

          Um eine Antwort drücke ich mich einstweilen, da mir im Versuch eine solche zu formulieren gewahr wurde, daß ich all das – durchaus Gegensätzliche und bisweilen Widersprüchliche -, was mir dazu im Kopf herumschwirrt, nicht in hinreichender Weise (in jeder Beziehung) zusammen zu führen vermag. Vielleicht in einem halben Jahr oder so.

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