Warum ist es am Rhein so schön?

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Pantoufle ist wieder einmal in einer großen Stadt. Da freut er sich, weil alles so schön laut, bunt und auch ein wenig falsch ist. Seiner Meinung nach machen die Bewohner großer Städte vieles sehr hübsch, aber schon vom Ansatz her auf Reibungsverluste geplant.
Die Stadt, in der Pantoufle weilt, hat einen Fluß (der angeblich älter ist als die Stadt) und die Mutter aller verzögerten Großbauprojekte. Das Projekt »Dom« jedenfalls ist fast so alt wie der Fluß. Aber bestimmt älter als die Stadt. Im Laufe der letzten 600 Jahre hatten sich am Anfang die Kantinen und Freudenhäuser für die Bauarbeiter rund um eine Baugrube postiert, danach kleinere Handwerks- und Zulieferbetriebe und darum wieder eine neue Schicht Kantinen. Als der Kreis von Schmieden, Bäckern, Budiken und Freudenhäusern um die geplante Kirche groß genug war, entschied jemand das Ganze Köln zu nennen. Als Geschäftsidee beschlossen die Verantwortlichen, voll und ganz auf den Baustellen-Tourismus zu setzen und leisteten den heiligen Schwur – sollte sich diese Idee durchsetzen – zum Dank einmal im Jahr ein Fest zu feiern, das man Karneval nennen wolle.

Und so kam es dann auch. Die Handwerks- und Zulieferbetriebe sind verschwunden, die Kantinen und Freudenhäuser blieben. Genau wie die Baustelle. Viele der Errungenschaften, auf die das zwanzigste Jahrhundert so stolz ist, wurden hier erfunden. Vollkommen sinnlose Großprojekte mit astronomischen Kostenexplosionen, bei denen für den Fall, daß die Fertigstellung droht, sofort eine Erweiterung geplant und begonnen wird. Sollte man nicht gerade mit einer »dreispurigen Entlastungstrasse« oder ähnlichem Blödsinn beschäftigt sein, gilt es den allfälligen Pfusch am Bau zu kaschieren. Auf der Nordseite wird erweitert, während im Süden der Brösel wieder an die Mauer geklebt wird.
Der neue Berliner Flughafen hat keine Klima-Anlage? Mein Gott: Der Kölner Dom auch nicht. Trotzdem funktioniert das Geschäftsmodell auch ohne einen Mehdorn.

Und wie das funktioniert! Es ist Frühling und Baustellentouristen aus aller Welt pilgern um die ehemalige Grube, wo jetzt die Gerüste und Dixi-Klos für die Handwerker stehen. »Darling: Have you seen this awesome Dixi-Klo?« Hat Darling nicht, weil sie begeistert über die Steher des Gerüstes streichelt. »So huge and strong!« Beide beschließen, den Gipfel der Nostalgie zu erklimmen und in einer der Kantinen zu speisen. Essen und Service haben sich die letzten 6 Jahrhunderte nicht verändert. Nur die Preise. Konnte man damals noch nach dem Essen ins Freudenhaus gehen, muß sich heute auch der Gutbetuchte entscheiden. Entweder – oder.
Zum Ausgleich gibt es denkwürdige Dialoge, bei denen der Interessierte eine ungefähre Vorstellung davon bekommt, warum das Projekt mit dem Aussichtsturm zu Babel so grandios scheiterte.
»Zwei mal Spaghetti Frutti di Mare!«
»Wir hatten aber Napfkuchen mit Pommes bestellt…«
»Machte nixe – Frutti di. Wolle mit Schokokrümel für die Bambini?«
Am Nebentisch ist man aufmerksam geworden, weil man Frutti di grundsätzlich bestellt hätte, allerdings mit einem Hefeteig darunter.
»Napfkuchen! (Versuche niemals einem Deutschen seine Bestellung auszureden!) Pommes rot-weiß!«
»Nehmen Sie jetzt Frutti di! Ich habe Bestellung nicht aufgenommen. Hatte Kollege gemacht.« Was er hier überhaupt macht, ist unklar. Der Koch wird es nicht sein… gehört er überhaupt zu dieser Kantine? Der Nebentisch mischt sich in die Diskussion ein, ordert die Frutti di, aber mit Teig. Teig ist aus, aber man könnte vertrocknetes Brot statt dessen… man würde auch irgend etwas anderes nehmen, wenn nur das Bier bald käme! Bier ist leider auch aus, aber Kölsch wäre noch reichlich da.
»Bekommen Sie due Kölsch auf Kosten des Hauses, wenn Sie nehmen Spaghetti!«
Das Wasser käme auf 3,50 Euro und sie wissen genau warum.
Zwei bildschöne Asiatinnen wedeln mit der Eiskarte, lächeln eine Bestellung und schon vier Minuten später hat jede von ihnen einen Teller mit Spaghetti Frutti di Mare. Frisch aus der Microwelle und mit den besten Wünschen des Hauses. Die Odyssee der Nudeln findet ihr Ende unter dem Kichern Asiens.
Die Kellnerin verteilt in der Zwischenzeit Napfkuchen an alle. Und Pommes Carbonara.
»Wer hatte bestellt überbackene Minotaurus?«
Zeit zu gehen.

Noch eine letzte Runde um das ehrwürdige Gemäuer. Fahrradfahrer aus aller Herren Länder mischen sich unter die Fußgänger. Die Spazierenden können nicht schweben, die Fahrradfahrer nicht absteigen. Sie müssen fahren. Fahren sie zu langsam, fallen sie um. Fahren sie zu schnell, droht anderen der Tod durch rädern. Schnell fahren können sie nicht, umfallen auch nicht – dazu ist die Menschenmenge zu dicht gepackt.
»Entschuldigen Sie bitte! Ich muß hier durch, ich bin Fahrradfahrer!«
»Entschuldigen Sie bitte: Wenn Sie mich jetzt umfahren, kollidieren Sie mit der Mauer dort und dann fällt der Dom um! Wäre doch schade drum…«
»Welcher Dom?«

Pantoufle könnte auch Marihuana kaufen oder Kokain, will aber nicht. Dem Händler, der ihn darauf anspricht und seine Produktvielfalt anpreist, ist das gleichgültig. Die Geschäfte laufen offensichtlich blendend. Bettler – auffallend viele – und ein bärtiger Portrait-Maler, der seine Kunst anbietet. Wirkliche Kunst wird es wohl sein bei dem barschen Tonfall, mit dem er die Passanten und die draußen vor den Kantinen sitzenden anspricht. »Ich zeichne Portraits – auch von Ihnen!« Oder sagte er »selbst«? Körperhaltung und Ton sprechen für Zweiteres. Dick und mit rotem Kopf zwängt er sich durch die Stuhlreihen.
»Oder wollen Sie?« Er zeigt keine Beispiele seiner Kunst, hat die Unterlage mit einem weißen Blatt Papier unter den Arm geklemmt und schnauzt diejenigen an, die seinen Weg stören. Findet sich niemand zum beleidigen, beleidigt er sich selber. Jedenfalls klingt es danach. Ob er nur vergessen hat, seine Hausgaloschen gegen Straßenschuhe zu tauschen, als er die Wohnung verließ? Die Sonne setzt ihm zu oder sein cholerisches Temperament. Zeit für ein Glas weißen Weines und der Stuhl knirscht gequält, auf den er sich fallen läßt.
»Hier sitze ich eigentlich!«
»Und jetzt sitze ich hier!«
Die Realität ist manchmal von erhabener Schlichtheit. Man steht eben nicht für den kleinsten Moment auf. Abgang Tourist, Szene Maler. Am Tisch steht noch ein Stuhl. Das ist Pantoufles, als er ihn mit einem herzhaften »moin!« okkupiert.
»Haste ’ne Zigarette?«
Pantoufle würde das Rauchen allein wegen der Kommunikationsmöglichkeiten niemals aufgeben und hat – genau so wenig aufgeben übrigens wie das Weintrinken.
Die Geschäfte gehen schlecht in Zeiten der kamerabestückten Mobiltelephone. Oder ist es der technische Vorgang, ein Portraits abzuphotographieren, um es auf einer sozialen Internetpräsenz mit den Worten »Das soll ich sein!« zu veröffentlichen? Das mit den Galoschen war wohl doch kein Versehen.

»Schon gehört? Grass ist tot. Jetzt können sie sich ungestört darüber das Maul zerreißen, daß der in der SS war. Sieh ihn Dir an, diesen Haufen! Bessermenschen mit Fahrradhelmen und Bio-Tomaten. Frag mal eine von den Nacktschnecken dort: Die wären doch alle im Widerstand gewesen. Alle! Ein Volk von Widerständlern! Merkt man ja auch. Was die im Laufe eines Jahres alles an Regenwäldern retten – vermutlich hat das den Klimawandel überhaupt erst verursacht. Deswegen fliegen sie auch zum Mars. Um dort Regenwälder anzupflanzen! Die können sie dann auch retten. Vor den Marsianern – klassische Wüstenbewohner! «
Herr Maler redet sich in Rage und Pantoufle lauscht ganz ergriffen. Und nein: Er möchte sich nicht porträtieren lassen. Lieber noch ein Glas. Die Deutschen möchte er alle in Uniform malen. Alle. All diese Widerständler und Weltenretter. Sie hätten ihre eigene Uniform und ihre eigenen Orden, die sie sich an den Hintern kleben würden. Wie die Paviane. Beim dritten Glas ist er bei seiner Mutter angekommen und dann wird die Geschichte sehr, sehr schwarz, so daß man gar nicht darüber nachdenken will und schon gar nicht bei den Großeltern.
Eine Flasche wäre billiger als die Gläser gewesen, die Geschichten des Malers sind unbezahlbar. Er müsse noch weiterarbeiten und Pantoufle wünscht ihm Erfolg. Er hinterläßt ein paar Taler auf dem Tisch und geht weiter Menschen beleidigen. Das kann er gut; vielleicht kann er sogar malen.

»Wollen Sie vielleicht etwas essen?« Der Kellner meint es sicherlich nur gut, aber man wird ja misstrauisch mit der Zeit. Nein, besser nicht. Aber noch ein Glas auf die schwarzen Geschichten über Schuld, für die auch dieses dunkle Gemäuer und seine Mystik niemals Absolution erteilen kann.
Warum ist es am Rhein so schön? Und wo ist er überhaupt? Irgendwo da hinten, hinter dem Wall, wo die großen flachen Schiffe im Wasser liegen. Eingefasst von Steinmauern, denn der Rhein ist ein ordentlicher Fluß, der sich voll seiner Sache verschrieben hat. Der Sache der Schönheit, der triefäugigen Romantik und der Bundesvereinigung Deutscher Imbissbuden-Betreiber.
Zum Trotz ist der Riesling von der Mosel.
Man könnte sich noch ein Andenken kaufen. Den Kölner Dom der Natur nachempfunden aus künstlichen Stoffen, damit man ihn auch im Rhein schwimmen lassen kann. Bis Rotterdam. Oder Amsterdam oder gar beiden? Jedenfalls bis zum Meer und dann schwimmt er vielleicht bis Fukushima und da fischt ihn ein kleines Mädchen an seinem Geburtstag aus dem Wasser. Mit dem weitgereisten Dom läuft es dann zur Mami und fragt, was das ist. »Das, mein liebes Kind, ist eine Attraktion im fernen Germanien. So etwas wie der schiefe Turm von Pisa, Madame Tousseaus Wachsfiguren oder unser Atomkraftwerk. Und wenn Du Dir nicht mehr in die Windeln machst, reisen wir dorthin und photographieren es.«

Hoffentlich ist das kleine Mädchen dann nicht allzusehr enttäuscht.

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0 Kommentare zu Warum ist es am Rhein so schön?

  1. rainer sagt:

    ….warum ist es am Rhein so schön, am Rhein so schööööön….

    …..weil der Franzmann, der Drecksack, das Rheinland besetzt hat….

    …..darum ist es am Rhein so schön, am Rhein soooo schööön…..

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  2. da]v[ax sagt:

    Also ich weiß aus sicherer Quelle, dass der Abend dann besser wurde 😉

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    • pantoufle sagt:

      Das war ja auch ein anderer Abend! Und ob man jetzt allzu laut darüber schwadronieren sollte, daß es auch einen ausgezeichneten Italiener gibt, der nicht im Internet steht, keinen gegrillten Minotaurus mit Krautsalat hat, sondern Lamm an Lecker… Bestimmte Dinge sollte man einfach für sich behalten 🙂

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  3. Thelonious sagt:

    Maler sollte man sein. “Lassen sie mich durch, ich bin Künstler.” Und dann bildet sich eine ehrerbietende Gasse. In Stuttgart haben sich die Portraitmaler jetzt eher auf das Pflastermalen spezialisiert. Da gibt es keine Selfie-Konkurrenz. Wobei die Umsätze beim Pflastermalen sicherlich nicht so hoch sind. Bis da 20 Euro zusammenkommen …

    Jetzt will man ja die Gurlitt-Sammlung in den Kunstwürfel holen. Aber die letzten Nägeli-Graffities wurden vor zwei oder drei Jahren kunstvoll entfernt.

    Kunst. Es kommt drauf an, was man draus macht.

    Beuys Fettecke in der Staatsgalerie wurde auch gründlich gereinigt. Danach war sie weg. Was hat man damals auf der armen Putzkolonne herumgehackt. Meiner Meinung nach zu Unrecht. Das unterscheidet Beuys von Nägeli.

    Als ich von deinem Maler las musste ich an einen Brief denken, dessen Kopie hier noch irgendwo herumliegt.

    “Sehr geehrter Herr Weizsäcker,

    hiermit trete ich aus der Bundesrepublik aus …”

    Geschrieben von einem Maler, der sich nicht anerkannt fühlte. Diese ganze “verfuckte” Kulturpolitik war ihm zuwider. Inzwischen werden seine Bilder zu sechsstelligen Summen gehandelt. Einen erneuten Austritt aus dem Verein BRD hat er seither nicht mehr unternommen.

    Bedeutet Kunst Standpunkt? Oder bedeutet der Standpunkt Kunst?

    Und was ist der Unterschied. Und ist er relevant?

    Aber deinen Maler hätte ich auch gerne kennen gelernt. Und dein Tabak wirklich hervorragend investiert.

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  4. Thelonious sagt:

    UND WARUM GIBT ES HIER KEINE EDIT-FUNKTION.

    Das wird man doch noch fragen dürfen.

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  5. pantoufle sagt:

    @Thelonious
    Ja, warum gibts diese Funktion hier nicht und warum ist es am Rhein so schön? Die Frage mit dem Rhein ist auch schon älter und genau wie die der Editierfunktion eine unbeantwortete.

    Dieser späte Nachmittag wurde aus dramaturgischen Gründen stark gekürzt wiedergegeben und auch nicht wörtlich zitiert. Das war eigentlich noch lustiger, nur daß bei genauerer Wiedergabe des Gesprächs Trollalarm auf der Schrottpresse gedroht hätte. Die Realität ist ja erheblich humorverträglicher als die sogenannte Schwarmintelligenz. Und die Weltlage mit kölner Dialekt streubt sich ohnehin gegen das Aufgeschriebenwerden.
    Es war ein gut investierter Nachmittag.

    Jetzt bin ich erst mal in Amsterdam im schönen Ziggo Dome, draußen scheint die Sonne und ich beneide Euch alle, daß ihr raus dürft und ich nur ab und an für 10min. Dabei hätte ich ja so gerne den plastiken Dom vorbeischwimmen sehen auf seiner Reise nach Fukushima oder an die Küste des Franz-Joseph-Landes mit seiner Eisprinzessin und naserreibenden Eskimos auf Sommerfrische.
    Überhaupt Eisrinzessin – mir wäre gerade nach einer. Am besten einer, die auch kochen kann… Hollands Küche ist nicht Hollands Glorie wie die Schlepperfahrt! Kochprinzessin ist aber kein Muß, sondern kann oder besser sollte.

    Jetzt geht der Lärm wieder los, bis bald, der Bildschirm zittert und die Hosenbeine auch. Es ist Rockn Roll.

    Bis bald

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