Warum eigentlich Nikon?

Meine sozialpädagogisch diplomierte Nachbarin mit Hang zur Esoterik versucht mich auf meinem Abendspaziergang mit dem Hunde anzuseufzen: »Ach, und nun geht dieser Sommer ja zuende!« Das ist fein bemerkt. Muß wohl am Herbstwetter liegen, daß sie das wahrgenommen hat.
»Und Du bist hoffentlich auch bald zu Ende! Weil Du so alt und gnadderich bist!« Das sage ich natürlich nicht, weil ich ein netter Nachbar bin. Würde ich nie sagen! Jeden Abend vor dem Zubettgehen schließe ich den Satz in mein Abendgebet ein: »Lieber Gott: Bitte gib mir die Kraft die Fresse zu halten. Bitte!«
Für einen Moment wird es vor meinen Augen unscharf, als alle sozialen Schutzengel mit Haufenbildung vor mir auf die dramatische Situation reagieren: »Pantoufle: Tu es nicht, lass sie einfach reden und ihrem Hund hinterherlaufen! Pass auf – wir machen folgendes…« Der Hund der Feinsinnigen hat eine Fährte aufgenommen und schnüffelt sich durchs Unterholz; jetzt ist er weg! »Da müssen sich die Rehe aber in Acht nehmen… vor allem die kleinen Kitze! … hab ich vorhin noch gesehen. 2 (Zwei!) Stück!«. Die Nachbarin heulend dem Viech hinterher. Der Freiheits- und Bewegungsdrang des Tieres, dem Bahn gelassen werden muß und die süßen Rehlein auf der anderen Seite! Oh Gott: Diese Qual! Und weil es der Hund einer Sozialpädagogin ist, hört er natürlich nur, wenn man mit einem Kilo rohen Fleisches in der Hand wedelt. Also nie. Und das trotz der 3 (drei!) Hundeschulen, die er gleichzeitig besucht hat! Was bei Kindern funktioniert, sollte doch auch bei bei einem Hund…? Höhepunkte im Leben des Pantoufle, als das völlig verzogene Gör der Erzieherin in ihre Arme sank »Mami: Alle im Kindergarten sagen, ich wäre ein Arschloch!«
Auch das war fein bemerkt!

https://edelfeda.files.wordpress.com/2014/10/2.jpg

Der Nachteil von Festbrennweiten bei Objektiven liegt gelegentlich darin, daß man den passenden Rahmen des Unterholzes, aus dem nur noch ein dicker Hintern herausragt, nicht in passender Form auf den Film bekommt. 35mm wären angebracht, aber ein 135` ist draufgeschraubt. Das ist Pech und ich lasse die Kamera wieder sinken. Schade! Der Rest ging eigentlich automatisch: Den Blendenring nach rechts zum Anschlag und eine Raste zurück – Blende 4, Fokus in eine gefühlte Mittelstellung (ungefähr 5 Meter), die Belichtungszeit der eingeschalteten F3 ist im Wald bei der Tageszeit nie höher als 1/30sek eingestellt – das hätte was werden können!

Zu kompliziert? Es gibt auch Kameras, die das automatisch machen?
Stimmt: Ich hab sogar eine die das kann. Da steht D90 drauf, ist auch von Nikon, arbeitet mit den selben Objektiven, womit sich das Ganze erledigt hätte. Manuelle Festbrennweiten eben. Irgendwo im Regal verstauben noch 2 Gummi-Linsen: Ein 18 – 50mm Tamron und ein 50 – 135mm Tokina; ganz und gar vollautomatisch. Das Tokina eiert eine gefühlte halbe Minute vor- und zurück, bis es auf irgend das scharfgestellt hat, was die Kamera für das Objekt meiner Begierde hält. Das Tamron ist zwar deutlich schneller, dafür ist die optische Qualität dafür eher wie ganz, ganz früher bei Muttern. Aber auch zu Mutters Zeiten gab es Presse- und Berufsphotographen, die ein ordentliches Stück Glas brauchten und auch bekamen. Das allerdings zu Preisen, bei denen man vor Ehrfurcht in den Boden versank.

Versinken tut im Moment nur meine Nachbarin. Ihr Hund genießt den unfairen Wettbewerbsvorteil von vier Pfoten bei erheblich geringerem Gewicht. Harrharrharr! Wenn es einen Gott gibt, so schickt er mir jetzt einen Sturzregen! So einen mit Cats and dogs und einem Haufen anderer Tiere. Tut er natürlich nicht: Soviel zum Thema anbetungswürdiges Wesen. Aber auch so sieht sieht die verzweifelte Hundebesitzerin aus wie durch die Jauche gezogen. »Huhund!! Komm her und lass dich an die Leine legen!« Redaktionskampfhund Oskar sieht mich schief von unten an »Der Hund-Kollege ist zwar nicht das schärfste Messer in der Schublade, aber so blöd ist er nun wieder auch nicht! Und – ganz unter uns, Boss – das mit den Rehen war gelogen! Ich weiß das. Ich hab für sowas eine Nase!«
»Natürlich war das eine Lüge, aber eine hübsche! Sollen wir der Nachbarin, der Guten, etwas über die Fortpflanzung des Rehs (Capreolus capreolus) erzählen? Ob sie überhaupt weiß, was Fortpflanzung… ach, lassen wir das!«

Der Fremdhund hat in der Zwischenzeit seinen Weg zu uns gefunden, beziehungsweise zu den Leckerchen in meiner Jacke. Er kennt mich, Oskar, die Jacke und wir sehen zu dritt zu, was da aus dem Forst kriecht.
»Können wir dir helfen?« Ach, ich kann so fies sein!
»Wenn du den Hund vielleicht solange mal festhalten könntest? Ich muß nur…« Den Schuh aus dem Schlamm ziehen oder ein Dornengebüsch aus dem Ausschnitt. »Wenn jetzt ein Jäger kommen würde!« Hund Oskar spricht aus, was Pantoufle denkt. Man könnte ihren Kopf ausstopfen und in den Flur hängen. Versehen mit einem Sprechwerk, das automatisch jede Stunde Dinge sagt wie »Nun lass sie doch an die Kreissäge– Kinder müssen spielen« oder »Wenn sie Schokolade in sich hineinstopft wie eine Schneefräse, dann ist das ein Zeichen. Das hört von selber wieder auf!« Und um Mitternacht dann die klassischen Worte: »Sie ist nicht müde – hör doch nur, wie sie lacht! (im Hintergrund das hysterische Kreischen eines völlig übermüdeten Kleinkindes)«

Nun regnet es auch ein wenig, aber zu wenig, um Träume wahr werden zu lassen. Es ist ohnehin mehr Regengeräusch, tröstlicher Herbstregen. Der Sommer ist nun zu Ende.
Frau Nachbarin auch.

https://edelfeda.files.wordpress.com/2014/10/1.jpg

Regen ist nicht gut für Kameras oder das Glas davor. Aber die F3 ist dunnemals als Kamera für Pressephotographen hergestellt worden. Ein paar Tropfen machen ihr nichts, keine Elektronik – beziehungsweise nur ein rudimentärer Belichtungsmesser – und unter dem abgeschliffenen schwarzen Lack sieht man Messing. Das rostet erst bei größeren Wassermengen. Ob sie dann aussieht wie ein Kirchendach?
Es ist ja nicht so, daß ich immer schon Nikon-Kameras gehabt hätte. Da waren auch Produkte der Konkurrenz darunter. Letztlich eine Frage der Gewöhnung und des Zufalls. Manche von denjenigen, mit denen ich mein Hobby teile: »Es sollte aber eine Kamera von Ernst Leitz, Wetzlar (GmbH) sein oder eine Contax oder…«

Ich will es gar nicht bestreiten: Früher™ – ich war hochleistungsfähig und sah unverschämt gut aus – bestand photographieren durchaus zu etwa 85% aus dem Erwerb neuer Kameras, Linsen und Zubehör. Was ist eine Kamera ohne einen halben Meter Objektiv davor? Die Qualität der Bilder steigt bekanntlich im Quadrat der Brennweite. Logisch! Oder dem Preis der Kamera. Bilder, die mit Zeiss-Optiken gemacht werden, können per se gar nicht unbrauchbar sein. Auch völlig logisch bei den Preisen.
Das hat sich irgendwann gelegt.
Beim betrachten meiner Erzeugnisse stellte sich langsam (sehr langsam) die Erkenntnis ein, daß keine Hi-Tec-Linse der Welt dieses oder jenes Bild hätte retten können. Sie waren langweilig, unscharf, zu scharf, langweilig und unscharf – es gibt tausend Möglichkeiten, etwas falsch zu machen. Und meine Idole hatten zum Teil ihre großartigen Bilder mit Material gemacht, welches viele Menschen heutzutage ohne nachzudenken auf den Müll werfen würden.
Die Marke und das, was man für eine Kamera auf den Tisch des freundlichen Verkäufers hinlegt, beschreibt letztlich nur die Hemmschwelle, bei der man das Ding in die Ecke schmeißt – und sich selbst gleich hinterher. Eine Leica M6 wirft sich schwerer als eine Revueflex. Obwohl die Revueflex mehr Gewicht hat. Wenn einem dämmert, daß von den 30 Bildern, die bis dato auf dem Film sind, nicht ein einziges dabei ist, welches lohnt es zweimal anzusehen, ist es gleichgültig, unter welchem Deckel der Film gammelt. Das gilt natürlich auch für digitale Speichermedien – der Unterschied liegt hauptsächlich in der Hemmschwelle, den Auslöser zu betätigen.

»Die beste Kamera ist immer die, die man dabei hat. Notfalls das iPhone!« Ich mag den Satz nicht. Er steht für eine Art Trägheit, die ich nicht teile. Man würde das bei keinem Handwerker durchgehen lassen. Mit Taschenmesser und Isolierband kann jeder (und im Notfall erfolgreich) am Abfluß herumdoktorn. Wenn ich aber den Installateur kommen lasse, erwarte ich handwerklich saubere Arbeit. Also einen Werkzeugkasten und jemand, der damit umgehen kann. Wende ich diese Aussage auf die Photographie an, beschreibt es eher eine fehlende Wertschätzung.

Für Fälle mit Installateur ist die Leica geschaffen worden. Immer dabei und von guter Qualität. Das war 1924 und mittlerweile gibt es auch andere Erzeugnisse, auf die das zutrifft. Für sie alle gilt gleichermaßen, daß sie im rechten Moment betätigt werden müssen. Das Problem heißt nicht »habe ich ein Leica Summilux-M 50mm draufgeschraubt?« sondern »warum habe ich den Moment nicht gesehen?« Oder dieses Gesicht, diesen Ausdruck oder den Schiffsuntergang. Es ist immer wieder verblüffend, was man alles nicht sieht. Oder erst 10 Minuten später, wenn der Kahn abgesoffen ist. Wäre man mit wachen Augen durch die Welt gegangen, hätte nur ein Fachmann, der es unbedingt wissen will, erahnen können, daß es kein Zeissobjektiv war, sondern was »preiswertes« von Nikon. Oder Canon.
Im Grunde weiß das auch jeder, der mit einer Kamera diesem Moment hinterherrennt, was den Umsätzen der Hersteller natürlich keinen Abbruch tut.

Bei irgend einem historischen Schiffsuntergang – es war zu Zeiten sperriger Plattenkameras und ihrer Stative – war ein Photograph zugegen. Während sich die übrigen Passagiere um die Schwimmwesten prügelten oder um die Plätze in den Rettungsbooten, ging dieser Herr seinem Beruf nach. Das Schiff versank langsam, das Wasser überspülte bereits das Vorderdeck – alles rennet, alles flüchtet. »Diese Bilder werden eine Sensation!«, so sinngemäß der Ausspruch des Photographen, an den sich einige der (wenigen) Überlebenden erinnern konnten. Er photographierte wie besessen und vergaß einfach, irgend etwas für seine Rettung zu unternehmen. Sich prügeln zum Beispiel.
Was für eine bemerkenswerte Berufsauffassung. Bilder von Löwen werden nicht zwangsläufig dadurch besser, wenn man zum Malen in ihren Käfig steigt. Aber was tun, wenn es nur noch Käfig gibt? Zu den Opfern des Unterganges gehörte sowohl der Photograph wie auch seine Bilder, was ich immer sehr bedauert habe.
Nicht wegen der Bilder.

Bilder mit einer chemischen Kamera einfangen in Zeiten, in denen der Satz »…und den Rest machen wir mit Photoshop!« einen beinahe religiösen Charakter hat? Ja, das geht. Die werden entwickelt, auf Papier gebracht und verschwinden in einem Karton (jedenfalls bei mir). Da liegen sie auch dann noch, wenn Instagram von Debian.org aufgekauft wurde und dort nur noch freie Bild- und Videoformate zulässig sind. Der Rest wird gelöscht.
Unwahrscheinlich? Es wäre nicht das erste Portal, das verschwindet oder von Grund auf neu organisiert wird.
Die Frage dabei ist weniger, ob es passiert, sondern wer sich darüber aufregen würde. Einige wenige sicherlich, aber die große Mehrheit würde es vermutlich (wenn auch unter Murren) lediglich zur Kenntnis nehmen. Setzt man die Menge derjenigen, die eventuell gegen die Löschung sogar juristisch vorgehen würden in Beziehung zur Anzahl derjenigen, die der chemischen Photographie frönen, ergäbe sich mit Sicherheit ein eigenartiges Bild. Es werden in etwa gleich viele sein!
Es gibt nicht sehr viele Menschen, die an Photographie ein seriöses Interesse haben. Und an den Bildern. Jeder macht sie, man erträgt sie, weil man sich ihnen nicht entziehen kann. Guck mal, wie die guckt – und weil das keinen interessiert, nennt man es »Selfie«. Früher hieß es »Selbstauslöser«.
Oder anders herum: Es gibt nicht viele Photographien, die es wert sind, in Museen oder Galerien ausgestellt zu werden. Das liegt nicht in erster Linie an ihrer Qualität, sondern am Mangel an Besuchern, die sich deswegen in ein Museum oder eine Galerie bewegen würden.
Oder so.

Frau Nachbarin hat ihren Spaziergang bis auf weiteres beendet und dackelt nun in Richtung heimischen Herdes. Der brave Hund mit ihr – gleich gibt’s was leckeres. Es gibt immer was leckeres für den Hund! Wenn er die Blumen zerkaut, die Tischdecke herunterreißt, den Brotkorb plündert – und natürlich auch, wenn er sich auf Kommando hinsetzt. Braver Hund! In einer der absolvierten Hunde-Schulen wurde das so gelehrt. Kling auch irgendwie einleuchtend: Aktion – Reaktion.
»Das bedeutet, für einen Besitzer und sein Tier gibt es kein Patentrezept und auch keine Methode die bei jedem Hund gleich angewendet werden kann, sondern nach einem ausführlichem Erstgespräch, je nach Bedarf einen auf das Mensch-Hund-Team zugeschnittenen Trainingsplan. Hierbei werden auch Charaktereigenschaften von Rassen mit berücksichtigt.«
(aus dem Text einer Hundeschule-Werbung)
Ja, speziell diese Hundebesitzerrasse ist schon eine eigentümliche… Ständig verhedderten sich Selbstbild und die völlig unpädagogische Realität. Das Mensch-Hund-Team wandert auf dem Waldweg, die Bäume umschließen dieses ungleiche Paar und es ist durchaus malerisch. Jetzt passt auch das 135mm Objektiv, aber die Kamera bleibt wo sie ist. Manche Bilder sollte man mit dem Herzen machen; die Pädagogische ist ja kein schlechter Mensch. Nur eben unglaublich anstrengend.

https://edelfeda.files.wordpress.com/2014/10/3.jpg

Scharf. Noch schärfer und etwas mehr Kontrast bei gesteigerter Schärfe. Folgt man der Werbung, würden alle Photos auf Papier in Tapetenformat abgezogen. Mindestens! Gleichzeitig werden die Betrachtungsgeräte kontinuierlich kleiner; bei gleichzeitiger Erhöhung der Pixelzahl (und der Schärfe – aber das bemerkte ich ja bereits). Der Zusammenhang von theoretisch möglicher Auflösung und der Betrachtung auf einem iPhone ist nicht auf den ersten Blick zu durchschauen. Auf den zweiten auch nicht.
Die allerwenigsten Bilder werden auf Papier abgezogen und dann bestenfalls in Postkartenformat. Der Rest modert in Form von Einsen und Nullen auf irgend einem Datenträger vor sich hin.
Mit einer 3 Megapixel Kamera lassen sich beim jetzigen Stand der Drucktechnik exzellente Abzüge auf 10 x 15cm Papier machen. Erzähl das mal einem Kamerahersteller! Auf der Bahre der herbeigeeilten Rettungssanitäter wird das Opfer verwirrt von »der unschlagbaren Kombination aus der Bildrate von bis zu 11 Bildern in der Sekunde bei einem 24 Megapixel FX-Vollformat Sensor« (das ist die neue Bezeichnung für Kleinbild) murmeln, ein gepresstes »… mit einem 2,7-fach-Video-Extender, der die Bildschärfe verbessert« und dem Schrei, daß es sich dabei um ein echtes Profi-Produkt handelt.
Also besser nicht machen!

Jedem, der einmal eines der alten Geräte renommierter Hersteller in der Hand hat, wird schlagartig klar, was es bedeutet, heutzutage unter hohem Kostendruck für den Weltmarkt zu produzieren. Kunststoff, wo früher Glas und Metall vorherrschte und Elektronik statt Feinmechanik. Das ist prinzipiell nicht zu verdammen, aber über die Lebensdauer solcher Geräte sollte man sich keinen übertriebenen Hoffnungen hingeben. Und bei kritischer Betrachtung der Bilder ist ein Fortschritt nicht unbedingt erkennbar. Photoobjektive werden seit den 30er Jahren vergütet, seit ca. 45 Jahren ist es Standard. Um die Nachrechnerei zu ersparen: Etwa seit Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts!

Jedem, der sich für Photographie ernsthaft interessiert, sei angeraten, sich bei der Betrachtung seines Lieblingsbildes die Frage zu stellen, mit welchem technischen Aufwand es zu realisieren wäre. Die Antwort ist in der Regel bares Geld wert. Noch besser sind die Freunde der Schwarz-Weiß-Photographie damit beraten, die sich in Zukunft konsequenterweise auf Flomärkten bedienen können.
Die Frage bleibt, warum die meisten selbstkritischen Photographen ihre jährliche Ausbeute an vorzeigbaren Bildern mit durchschnittlich 10 Bildern pro Jahr angeben (also etwa der Serienbildrate der »unschlagbaren Kombination« pro Sekunde).

Wieviele gute Abbilder die alte F3 wohl schon gemacht hat? Gemessen an ihrem Aussehen ist sie ja geradezu jung: Baujahr 1997. Das Modell wurde zwischen 1980 und 2002 praktisch unverändert hergestellt. Über die Seriennummer kann man auf ihr Alter schließen, nicht über technische Gimmiks oder »Verbesserungen«. Es gab sie nicht. Sie überlebte zwei Generationen ihrer Nachfolger (die hatten bereits Autofocus und elektronisches Brimborium).
Sie immer dabeizuhaben, ist gemessen an der Größe eines Mobiltelephons eine Zumutung. Nicht aber daran, daß sie zu einem dritten Auge wurde. Der Moment, der Blick durch den Sucher (der ja eigentlich »Finder« heißen sollte) und jedesmal die Frage, ob man dieses Bild ein zweites Mal sehen möchte. Der Druck auf den Auslöser bewirkt ein hartes Geräusch, wenn der Spiegel gegen den Anschlag knallt. Macht nichts: Das muß so!
Frau Sozialpädagogin hat ihn nicht gehört, sie verschwindet gerade, schon leicht unscharf (das Alter, das Alter!) aus dem Wald.

Ich habe doch noch ein Bild geschossen. Der Daumen hat den Film weitertransportiert, ohne daß ich mir dieser Geste bewußt war. Redaktionkampfhund Oskar zuckt mit den Ohren. »Boss: Muß das so laut?« Ja, lieber Hund – das so so sein!«

Dieser Beitrag wurde unter Bildungsauftrag abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

0 Kommentare zu Warum eigentlich Nikon?

  1. Stony sagt:

    Hach, deine Selbstbeherrschung hätt‘ ich gern…

    Ist das Hundi der Seltsamen wenigstens in der Lage eine Gefahr für echte Kitze darzustellen, oder ist das mehr so ein Regenwurmjäger? Uhhh, btw: du könntest versuchen ihr einzureden, daß sie dem Tierchen den Jagdinstinkt abtrainieren kann, indem sie der Arschlochgöre ein ‚Tofusteak‘ um den Hals bindet – sie muß nur einfach feste dran glauben, dann wird das schon. Und vllt. spielt dann wenigstens der Hund… naja, wissen schon. 😉

    ***

    Was das andere angeht bin ich zwiegespalten: einerseits ist analog sicher der ‚bessere‘ Lernweg zur Photographie, weil der Zwang es ‚richtig‘ zu machen auf der Hand liegt und den Knipser zur intensiveren Beschäftigung mit dem Handwerk nötigt. Andererseits finde ich die Möglichkeiten des digitalen charmanter, weil eben zwangloser. Man kann alles per Hand machen, muß aber nicht. Schritt für Schritt weg von der Automatik ist derzeit mein Weg. Mit selbstgestellten Beschränkungen bei Ausflügen: mal alles mit nur einem Glas machen, nur Teile (Einstellungen) der Kamera selbst überlassen etc.pp… Vor allem erst mal das ‚andere Sehen‘ lernen ist mein Ziel und Spaß haben. Wozu eindeutig nicht bildfüllende Hinterteile im Unterholz gehören… Weiß deine Frau eigentlich, was du da so treibst? 😛

    0

  2. Thelonious sagt:

    Ach, pantoufle, was bist du alt, du Analoger. Und ein Romantiker. Du träumst vom perfekten Bild. Dem richtigen Licht, dem ungewöhnlichen Blickwinkel und d e m Augenblick. Mit viel Liebe in der Dunkelkammer vergrößert. Hier ein bisschen abgewedelt, dort den Kontrast verstärkt. Nichts was verfälscht, nur ein bisschen Leben eingehaucht. Damit die Geschichte, die es erzählt besser zu verstehen ist.

    Eine schöne Liebeserklärung an deine Kamera hast du da geschrieben. Sie hat mich dazu gebracht, mich mal wieder genauer auf meinem Schreibtisch umzuschauen. Zwischen Bergen von Papier, zwei ziemlich vollen Aschenbechern und mehreren gebrauchten Kaffeetassen und Gläsern steht die Göttin der Morgenröte.

    Ich bin, was mein Büro anbetrifft, ein furchtbarer Schlamper. Dort lebe ich mein Messisyndrom aus. Überall stehen Kartons mit Büchern, mit bedrucktem Papier, mit Fotos. Ich nenne es Archiv, meine Frau nennt es … anders. Normalerweise weiß ich aber, in welcher Ecke oder in welchem Stapel ich suchen muss. Wenn man alles so lässt, wie ich es liegen gelassen habe. Manchmal sind jedoch auch fremde Hände in meinem Büro unterwegs. Neulich suchte ich eine Statistik, die im Netz nicht zu finden war. Macht nichts, ich weiß, dass ich sie aufgehoben habe. In einer Ecke des Zimmers stapeln sich ein paar Umzugskartons. Dort müsste sie zu finden sein. Ich öffne den ersten Deckel.

    Es ist eine Kiste voller Lego. Lego? Wie kommt die denn hier rein? Die Kinder haben sie schon vor Jahren aussortiert. Aber statt sie ordnungsgemäß im Keller zu verstauen, haben sie sie in mein Büro gebracht. Da war der Weg nicht so weit. Vattern wird es nicht merken. Da steht so viel Gerümpel herum, da kommt es auf einen Karton mehr oder weniger nicht an. Jetzt habe ich es aber doch gemerkt. Aber wann verjährt das Vollmüllen zugangsbeschränkter Räume? Und was hat der Schrubber neben meinem Schreibtisch verloren? Er soll wohl eine stille Ermahnung sein. Es wird Zeit, mit meiner Familie ein ernstes Wort zu reden.

    Die ruhenden Pole hier im Zimmer sind der Schreibtisch und mein „Giftschrank“. Auch wenn sich die Topographie des Zimmers jeden Tag evolutionär ändert, die Kartons in der Ecke sind jetzt zum Beispiel anders gestapelt, diese beiden Möbel werden nicht verrückt. Die dritte Konstante ist Frau Morgenröte. Seit ein paar Jahren ist sie in Teilzeit-Rente. Sie ist ein Relikt aus einer anderen Zeit. Nicht nur technisch. Aber sie hat sich den Platz mir vis-a-vis verdient. Eine Schönheit ist sie nicht mehr. Man sieht ihr das Alter an. Wie ihrem Besitzer, der hat auch Kratzer und Beulen. Und manchmal zwackt es morgens so im Kreuz. Das war doch früher nicht so. Sie allerdings zwackt nichts. Sie thront mit geschlossenem Auge auf dem Schreibtisch und schläft. Sie hat viel gesehen in ihren zwei Leben. Denn ich habe sie gebraucht gekauft.

    Ich kaufe meine technischen Geräte meist gebraucht, dann weiß ich, dass sie funktionieren. Oder funktioniert haben. Bei ihrem Vorbesitzer. Nie aus der ersten Serie. Dann sind noch zu viele Fehler drin. Aber der Hauptgrund ist eigentlich ein anderer. Die Zeit der Inbesitznahme ist länger, genussvoller. Ein gebrauchtes Gerät hat die Aura seines Vorbesitzers. Das blanke Metall, das an einigen Stellen sichtbar ist. Es waren nicht meine Finger, die durch vieltausendfaches Berühren den schwarzen Lack haben verschwinden lassen. Die Kratzer haben eine mir unbekannte Geschichte. Ich finde das schön. Und ich freue mich, wenn der Lack weiter abgeht und es diesmal meine Finger waren. Das Gerät verändert langsam sein Aussehen und wird meines. Ganz gemächlich nur, innerhalb von Jahren werden meine Spuren sichtbarer und überdecken die Hinterlassenschaften, die mir der Vorbesitzer unwissentlich vererbt hat.

    Ich habe ihn gnadenlos über’s Ohr gehauen. Er bekam nur den Gebrauchswert bezahlt. Den ungleich höheren Tauschwert, die Zeit, die er mit dem Gerät verbracht hat, den habe ich einbehalten. Die Erlebnisse und Geschichten gehören jetzt mir, auch wenn ich sie nicht kenne. Wie kam es zu der Dalle zwischen Motor und Gehäuse von Frau Morgenröte? Es muss ein ziemlich hoher Fall gewesen sein. Der Schreck war sicher riesengroß. Vielleicht ist auch die Rückwand aufgesprungen und der Film war hin. Jetzt ist ein Loch in der Weltgeschichte. Die Körperlichkeit des Augenblicks wich einem milchig gelb werdenden Streifen Abfall. Ganz spinnert kann man werden, wenn man darüber nachdenkt.

    Manche Geräte kann man auch nie besitzen. Von meinem Großvater erbte ich eine Rolleicord. Er hatte sie bei der Schlacht um Leningrad dabei. Mit nur noch einem Bein war er danach untauglich. Dann fotografierte er den langsamen Untergang seiner Heimatstadt. Mit Genuss. Als Kind hatte ich Angst vor dem großen, immer übel gelaunten Mann. Ich fotografiere nur selten mit ihr, obwohl sie eine wirklich tolle Kamera ist. Ich will sie ihm nicht wegnehmen. Sie liegt in einem Holzköfferchen auf einem Regal. Zusammen mit den Erinnerungen. Seinen.

    Einmal in meinem Leben habe ich mir eine neue Kamera gekauft. Ein ganz heißer Scheiß damals. Augengesteuerter Autofocus, gefühlte 70 Messfelder, ihrer Tante, der Frau Morgenröte technisch weit überlegen. Aber unzuverlässig. In den entscheidenden Momenten streikte sie. Sie trieb mich und die Techniker zur Verzweiflung. Sämtliche Chips wurden ausgetauscht, die Mechanik. Alles. In entscheidenden Momenten versagt sie. Sie fotografiert einfach nicht. Zumindest nicht richtig. Zu hell, zu dunkel. Und wenn ich zu hell oder zu dunkel schreibe, dann meine ich das auch. Nicht so ein bisschen überbelichtet. Weiß. Oder Schwarz. Je nachdem, wie es Madame gefällt. Ich glaube, sie wurde bei ihrem ersten Einsatz verflucht. Von einem Voodoo-Priester, den ich unerlaubterweise „abschoss“. Seither zickt sie. Soll sie doch in der Ecke verschimmeln und mit ihr der Fluch.

    Meine erste Kamera war eine gebrauchte Practica. 130 Mark hat sie gekostet. Mit Objektiv, aber ohne Belichtungsmesser. Fast die Hälfte meines Konfirmationsgeldes. Belichtungszeit von 1/30 bis 1/500. Unser Nachbar war ein begeisterter Hobbyfotograf mit eigener Dunkelkammer. Ich fotografierte, was das Zeug hielt. Lauter Mist. Aber es war lustig. Und sie funktioniert. Immer noch. Bei 40 Grad plus oder bei 30 Grad Minus. Da ist sie Frau Morgenröte überlegen. Bei zu viel Minusgraden will die Batterie nicht mehr so richtig. Dann wird der Film nicht mehr weitertransportiert. Bis vor ein paar Jahren hatte ich die Practica immer als Zweitkamera im Gepäck. Aber jetzt müsste ich mit Brille fotografieren, weil sie keinen einstellbaren Sucher hat. Das will ich nicht. Hab ich schon erzählt, dass manchmal der Rücken zwackt? So rechts unten.

    Ihre Nachfolgerin taugte nicht viel. Das gleiche Modell nur mit Belichtungsmesser. Und es steht REVUEflex auf der Abdeckung des Pentaprismas. Sie liegt in der gleichen Ecke wie das Voodooopfer. (Drei o hintereinander. Sieht interessant aus.)

    Ich bin kein Fotograf. Obwohl ich ein paar Jahre damit Geld verdient habe. Ich bin ein Knipser, Ich arbeite nicht bewusst mit Tiefenschärfe. Der goldene Schnitt ist mir Scheißegal. Natürlich habe ich das theoretische Wissen, ohne das kann man auch nicht knipsen. Aber für Leute wie mich wurden Automaten erfunden und Motoren. Die Situation ist da, dann wird draufgehalten. Nicht gefummelt und eingestellt. Belichtungsreihen mit fünf Bildern. Da wird dann schon etwas dabei sein.

    Was war ich glücklich als ich meinen ersten Automaten in der Hand hielt. Eine Minolta XD7. Dreimal grün eingestellt und man musste sich keine Sorgen mehr um Belichtungszeit oder Blende machen. Scharfstellen und los ging es. Nur der Filmtransport geschah noch manuell. Sie hat tatsächlich ein ganz kleines Stück Weltgeschichte eingefangen. Wenn auch nur die Anfänge. 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Denn ich studierte damals in China. Die großen Demonstrationen und das Massaker habe ich dann allerdings am Bildschirm miterlebt. Wir ausländischen Studenten wurden nach Hause geschickt als es ernst wurde. Mir war das egal, im Gegenteil, ich war froh darüber. Nach elf Monaten hatte ich die Schnauze voll von diesem freudlosen Land.

    Obwohl, der Süden war recht nett. Mit einer Donghai von Kanton nach Guillin. Die Langnase mit ihrem Wehrmachtsgespann-Nachbau war in den Dörfern immer eine Riesensensation. Es liegen hier noch hunderte Dias davon herum. Vielleicht sollte ich sie mir ja mal wieder anschauen.

    Mit Dias ist es so eine Sache. Ich bin mir nicht sicher, ob sie nicht ein technischer Irrweg sind. Ihre Brillanz schlägt den Papierabzug um Längen. Aber selbst die besten Dias werden im Leben höchstens zwei- oder dreimal angeschaut. Der Aufwand ist einfach zu groß. Und der Weg über den Abzug ist verbaut. Die Qualität stimmt dann einfach nicht mehr. Ob man sie aber deswegen als Fehlentwicklung bezeichnen kann?

    Nach dem Studium tat ich erst mal nichts. Ich lebte von dem Geld, das meine Freundin verdiente, Hütete Sohn Nummer 1 und knipste hin und wieder für das Gemeindeblättchen ein paar Fotos. Das gab dann immer 20 Mark, die sofort in einen Kasten Bier oder ein paar Päckchen Tabak investiert wurden. Von mir aus hätte das so bleiben können. So langsam in den Tag hinein verblöden. Und irgendwann hüpft man in die Kiste. Ich glaube es gibt schlimmere Lebenswege. Diktatoren zum Beispiel. Die haben doch den schlimmsten psychischen Stress. Jeden Morgen wachen sie auf und horchen. Ist die Revolution schon ausgebrochen? Schaffe ich es noch rechtzeitig ins Exil oder hänge ich heute Abend schon am Laternenmast? Verrückt.

    Aber es wurde nichts aus dem Verblöden. Zumindest nicht so, wie geplant. Irgendwann sprach mich ein Redakteur der Lokalzeitung an. Man suche einen Fotografen. Warum nicht? Ich wurde Pauschalist. Ein fester Freier mit monatlichem Festhonorar. Weisungsgebunden, aber offiziell freiberuflich. Eine damals durchaus übliche Beschäftigungsart für Fotografen bei Zeitungen. Irgendwann wurde es verboten. Für die Fotografen ein Nachteil.

    Meine Ausrüstung bestand aus einer Minolta 7000, zwei Objektiven und einem Blitzlicht. Die XD7 hatte einen Schlag auf das Objektiv bekommen. Seither war die optische Achse hin. Die 7000 hatte einen quälend langsamen Autofocus und einen Winder. Ich fotografierte Scheckübergaben, Gemeinderatssitzungen, Schulaufführungen, Gartenfeste, Karneval, ganz wichtig im Rheinland, Was man halt so macht. Im Labor entwickelte und vergrößerte ich die Bilder dann. Die Minolta hatte schnell ausgedient und wurde durch eine EOS 50 ersetzt. Ein Vorführmodell aus einem Laden in Köln. Nach und nach kamen neue Objektive dazu, so dass ich nicht nur Termine fotografieren konnte, sondern auch ganze Bilderstrecken. Einmal im Monat erschien eine Sonderseite mit meinen Bildergeschichten und einem kleinen Text als Erklärung. Nicht mehr als 80 Zeilen. Feste Themen hatte ich nicht. Ich fotografierte, was mich interessierte und machte daraus eine Reportage. Im einen Monat eine über das Rotlichtviertel, im nächsten über eine Treibjagd im übernächsten eine über das Dorfleben.

    Vielleicht würde ich das noch heute machen, aber der Lokalchef überredete mich, ein Volontariat zu beginnen. Plötzlich stand das Schreiben im Mittelpunkt. Aber ich machte immer noch Fotos. Und irgendwann war die EOS 50 kaputt. Heruntergeritten. Sie war nicht gebaut für den täglichen Einsatz. Ihre Nachfolgerin liegt hier auf dem Schreibtisch. Ich habe sie damals einem dpa-Fotografen abgekauft. Die Göttin der Morgenröte ist eine EOS1N. N steht für die zweite Generation, weil die erste … du weisst schon.

    Ihren ersten großen Auftritt verdankte sie einem Unfall des Cheffotografen, der im Krankenhaus lag. Da ich zu dieser Zeit in der Zentrale war, wurde ich wieder zum Fotografieren geschickt. Unser Chefredakteur hatte eine Privataudienz beim Papst, dem Woytila, bekommen und ich musste mit, um ein paar Fotos für sein Familienalbum zu schießen. Eine stinklangweilige Veranstaltung war das. Aber seither habe ich den Segen des Papstes. Das ist mir als bekennender Hobbyagnostiker etwas peinlich, aber der alte Mann war so freundlich gewesen, da wollte ich ihm seine Segnerei nicht vermiesen. Und vielleicht hat es ja auch etwas genutzt, so wie umgekehrt der Voodoofluch?

    Nach dem Volontariat arbeitete ich eine Zeitlang als Redakteur. Das war öde. Kaum Zeit zum schreiben, geschweige denn zu fotografieren. Nur das Überabeiten von Texten von meist ziemlich minderbegabten Autoren. Ich kündigte und bekam als Abschiedsgeschenk gleich einen Auftrag von meinem ehemaligen Arbeitgeber. Eine Reportage über ein Flüchtlingslager im Kosovo. Bis dahin hielt ich mich für einen ziemlich toughen Journalisten, den so leicht nichts umhaut.

    Ach, wie hatte ich mich in mir selbst getäuscht. Ich war völlig überfordert von dem Leid. Ich weiß nicht, was schlimmer war. Das Weinen der Männer und Frauen, die ihre Familienangehörigen verloren hatten, oder die dumpfe Verzweiflung der Frauen, die vergewaltigt worden waren und vor Angst erstarrten, wenn sie einem Mann sahen. Ich war hierhergekommen um Geschichten zu finden und ich fand sie. Aber ich wollte sie plötzlich gar nicht mehr hören. Geschweige denn erzählen. Es ist ein Unterschied ob man von Elend liest, oder es direkt sieht. Ich war betäubt und schlafwandelte durch einen bösen Traum aus Blut, Angst und Verbrechen. Und trotzdem funktionierte ich. Da ging es mir ähnlich wie deinem Schiffsfotografen. Frau Morgenröte schoss die Fotos und ich erzählte ihre Geschichten.

    Dafür wurde ich gelobt. Aber wenn ich sie heute lese passen sie nicht. Sie geben nicht den richtigen Eindruck wieder. Nein, die Tatsachen stimmen, das ist es nicht. Meine Wörter waren einfach nur nicht mächtig genug.

    Seit damals habe ich meinen „Giftschrank“. Hier kommen die Bilder rein, die niemand sehen darf. Ich war seither noch ein paar mal in solchen Lagern und Frau Morgenröte war immer mit dabei. Ich habe mir eine Routine angeeignet. Trotzdem quillt der Giftschrank über. Wann nehme ich einem Menschen durch meine Arbeit die Würde? Darf ich den todgeweihten Verhungernden beim sterben fotografieren? Das nackte verlassene Kleinkind, das am Weg kauert. Mit seinem Blähbauch und den verstörten Augen? Wie gewaltsam darf ein Bild sein, um eine brutale Welt zu dokumentieren? Wann wird es zur puren Pornografie? Sieht der Betrachter der Bilder das, was ich sehe? Kann er meine Empfindungen nachvollziehen? Was ist mit den Empfindungen des Fotografierten? Darf ich ästhetisieren? Wo ist die Grenze und wann habe ich sie überschritten? Ich wähle ein Bild aus nach Gefühl. „Das kann man zeigen.“ Ein paar Wochen später denke ich, „um Gottes willen, das hätte es auf keinen Fall sein dürfen.“

    Früher habe ich Frau Morgenröte öfter stumm nach den Antworten gefragt. Sie kennt sie nicht. Sie ist auch keine Göttin, nur nach einer benannt. Sie ist nichts weiter als eine alte dumme Kamera.

    Jetzt ist es hell geworden draußen und die echte Eos hat kurzfristig die Herrschaft über den Himmel erobert, bevor sie sich vor Helios und seinem donnernden Sonnenwagen versteckte. Die Weinberge werden langsam gelb und leuchten mit dem alten Polterer um die Wette. Wie schnell so eine Nacht vergeht. Eigentlich wollte ich nur deinen Text gebührend loben. Und einen kleinen Liebesbrief an Frau Morgenröte schreiben. Nur ganz kurz. Und dann ist es doch etwas ganz anderes geworden. Ich hoffe, es stört nicht.

    0

    • pantoufle sagt:

      Moin Thelonious

      Philosophie-Unterricht für Erwachsene, die die Hausaufgaben des Nachwuchses beaufsichtigen: »Die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorposten ist Schwerin!«
      »Ja, das ist beides richtig!« [Man sollte sich die Videospiele des Jüngsten mal wieder genauer ansehen!]

      Das ist aber nett, daß Du meine Geschichte lobst und mir gleichzeitig zeigst, wie man sie gleich richtig hätte schreiben sollen.
      Nein, das stört gar nicht!
      Aber das Risiko muß man eingehen, wenn man Dich als Leser hat 🙂
      Und eine gute Begründung, warum das unter anderem so ist, steht ja in Deinem Text – oder sollte ich besser sagen: Artikel. Aaarghhh!
      Nein, Du weißt ja, wie es gemeint ist: Immer wieder schön, Dich zu lesen. Das Einzige, wo ich vermutlich leicht mit Dir mitziehen kann, ist die Schlampigkeit – inklusive überfüllter Aschenbecher.

      Den Rest der Geschichte lasse ich unkommentiert; was kann man dazu noch sagen? Vielleicht beneide ich Dich um Teile Deiner Vita. Auch ist nicht besonders originell: Der eine oder andere beneidet mich um die meine und ein Dritter wiederum neidet die des Neiders. Unzufriedenheit als Lebensprinzip.

      Da sind so zwei Dinge in meinem Leben. Nummer eins ist das Ereignis, daß meine Mutter starb. So eine Giftkiste habe ich auch… einen Karton, einen Umschlag. Mein Vater und ich standen vor ihrem Bett und er sagte: »Du photographierst ja – mach Bilder von ihr. Auf das wir alle eine Erinnerung an sie haben«. Oder einen ähnlichen Unsinn. Ich nahm eine Kamera – für die technisch Interessierten: Es war einen Nikon D40 mit einer Gummilinse darauf, mit Verwackelungsschutz, was in diesem Fall nur eine untergeordnete Rolle spielt.
      Und ich machte Photos von meiner toten Mutter. Meiner besten Freundin, der Anker zu jedem Punkt meiner Geschichte, meiner Vergangenheit. Die ganzen, schweren Zeiten, all der Dreck, das Geborgensein. All das lag vor mir, fühlte sich so fremd an, so…. Tote riechen nicht gut. Aber es war doch die Mutter. Diese starke Frau, die immer […] Dieses Wort immer ist eben nicht immer. Immer endete vor zwei Jahren. Da war es zuende, dieses immer.
      Ich photographierte. Beachtete das Licht, Blende, den Eindruck. Photographierte wie ein Idiot, ein Idiot. Ich weinte nicht einmal. Photographierte. Klack, klack. Photographierte. Und weinte nicht. Als wir sie begruben habe ich geschrien wie ein Tier. Ein Idiot, ein Tier.
      Es war nicht meine Kamera, was ich in diesem Fall sehr begrüßte. Ich kann sie bis zum heutigen Tage nur mit Grauen ansehen.

      Das andere war die Entdeckung von James Nachtwey. Als ich seine Arbeiten sah, war mir schlagartig klar, daß ich mein Leben verpfuscht hatte. Ich hatte alles, alles falsch gemacht. Zu spät angefangen auf den Auslöser zu drücken, zu feige, zu… es war alles falsch gewesen. An diesen Moment, jeden Gedanken dabei kann ich mich erinnern. Es war in einem kleinen, schäbigen Hotelzimmer in Liverpool mit einem grottig langsamen Internetzugang, der mir am Bildschirm das aufbaute, was ich immer schon sagen wollte. In schwarz-weiß und genau so langsam, wie diese Erkenntnis wuchs. Ich betrank mich, sah mir die Bilder an und rief meine Frau an. Warum bin ich nicht war-photographer geworden? Warum nicht? Ich, derjenige, der mit dem Tod so überhaupt nicht umgehen kann, der ihn persönlich nimmt? Nachtwey war einer derjenigen, die mich zur analogen Photographie gebracht haben. Er und noch ein paar andere berühmte Namen. Es gibt Bilder, deren Botschaft so klar und unzweideutig ist, daß man sie mit 1000 Seiten Geschreibsel nicht präziser auf den Punkt bringen könnte. Aber nicht einmal für 1000 Seiten hat es gereicht.

      Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir mit uns tragen; die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden… wo hab ich das bloß schon mal gehört?

      0

      • Thelonious sagt:

        Jetzt muss ich mit dir schimpfen Pantoufle. Ich tue es nicht gerne, aber es muss sein. Ich schätze deine Art zu schreiben und ich schätze deine Kommentatoren. Wenn ich es nicht tun würde, wäre ich nicht hier. Und dieses mal hast du eine extrem gute Geschichte geschrieben, da haben die anderen recht. Sie ist nicht nur sehr gut im Unterhaltungswert, sondern auch auf der formalen Ebene. Die beiden Stränge sind sauber voneinander getrennt und berühren sich doch immer wieder. Ein dicker Hintern und das falsche Objektiv sind der Anlass für einige grundlegende Gedanken über Fotografie. Das ist nicht nur brüllend komisch sondern eine geniale Assoziation. Warum? Das Gefühl im Moment das falsche Handwerkszeug dabei zu haben, kennt jeder. Und dann entwickelst du zwei Geschichten. Jede transportiert einen anderen Inhalt und trotzdem berühren sie sich und schubsen sich gegenseitig an. Sie bilden eine Einheit und jede für sich wäre schwächer. Das ist bester Reportagestil. Und du hältst dieses Wechselspiel bis zum Ende durch. Dies ist mir übrigens bei der Stuhlgeschichte gründlich misslungen. Du hattest ein Konzept und hast es umgesetzt. Das ist mitunter harte Arbeit, ich weiß das. Und trotzdem erscheint die Geschichte leicht und einfach nur dahinerzählt. Niemandem fällt auf, dass hier ein Plan verwirklicht wurde. Das ist es, was die Geschichte, völlig losgelöst von ihrem guten Inhalt, alleine formal besonders macht.

        (Du kannst dir nicht vorstellen, was ich teilweise für Zeug auf den Tisch bekomme. Sprachlich verranzt, schlecht recherchiert und vom Formalen will ich gar nicht reden. Die Autoren dieser Artikel bekommen Geld dafür. Verdient haben sie es nicht. Das ist frustrierend und dann lese ich nachts deine Geschichte und die Welt ist halbwegs wieder im Lot.)

        Und dann schreibst du einen Satz wie diesen „… mir gleichzeitig zeigst, wie man sie gleich richtig hätte schreiben sollen.“ An diesem Satz ist aber alles komplett falsch. Du hast nämlich alles richtig gemacht. Du darfst die Texte nicht vergleichen. Dafür habe ich meinen auch nicht geschrieben. Du hast uns alle auf einen Spaziergang durch deine Welt mitgenommen. Und, um beim Kamerathema zu bleiben, du hast fotografiert und zwar hervorragend. Tja, und ich bin eben ein Knipser und während du dein Foto schon vor dem inneren Auge hattest, und nur noch auf das richtige Licht wartetest und den Moment; während du beschäftigt warst den besten Blickwinkel zu finden, die Blende einzustellen und die Entfernung, bin ich ein wenig herumgestromert. Habe den Automaten angeworfen und ein bisschen geknipst. Du weißt, Belichtungsreihe, fünf Bilder. Klack, klack, klack, klack, klack. Etwas Brauchbares ist immer dabei und es macht Spaß und vielleicht gibt es auch noch einen hübschen Rahmen für das Hauptbild ab.

        Du hast deinen Artikel komponiert, ich habe aufgrund deiner Komposition assoziiert. Du hast mir die Vorlage gegeben. Ich schrieb einfach, was mir durch den Kopf ging. Habe ein bisschen in meiner Vergangenheit gekramt. Ein paar Momente festgehalten. Ein paar Gedanken gedacht. Das war auch mein „Plan“: Keinen „Plan“ zu haben. Und irgendwann habe ich bei meinem gedanklichen knipsen die Zeit vergessen. Und die adäquate Länge. Doch die Texte sollen nicht gegeneinander stehen, sondern miteinander. Eine Collage, wenn du es so willst. So war es gedacht.

        Ich bin letztendlich über das Ziel hinausgeschossen. Das war mir auch bewusst. Deshalb der Schlusssatz. „Pantoufle nimmt mir das nicht krumm“, so dachte ich, und das hast du auch nicht. In so fern lag ich richtig. Aber ein wenig deplatziert ist das Ganze schon.

        Vor kurzem habe ich die Duc heimgeholt. Sie hat jetzt eine neue Verkleidung. Ihr Pfleger hat sie ihr verpasst. Eine Überraschung. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Meine Desmo, meine Verkleidung, da darf nur einer ‚ran: ich. So ein Flegel. Eigentlich. Aber hübsch sieht sie aus. Vorher Silber mit blauen Streifen und jetzt umgekehrt. Ach, es ist die gleiche alte Schlampe, die sie immer war. Dieses geliebte Stück Altmetall. Daran wollte nie jemand was ändern. Nur fragen sollte man.

        Das habe ich verpasst.

        James Nachtwey. Ein Künstler und ein hervorragender Journalist. Ein ganz Großer. Wir sollten uns nicht mit ihm vergleichen. Nur froh sein, dass es solche Leute gibt. Du weißt selbst, es sind zu wenige. Ich würde gerne mal mit ihm reden. Ihn nach seinen Bildern fragen und vieles andere mehr. Es wäre aber vermutlich eine ziemlich einseitige Unterhaltung. Ich habe gehört, dass er privat nicht über seine Arbeit redet. Deine Nacht in Liverpool ist übrigens Stoff für eine ganz große Geschichte. Schreib sie auf und wenn es nur für dich selbst ist. Und deine Mutter? Ich weiß nicht, was ich dir dazu schreiben kann. Da wachsen mir so viel graue Haare aus meinem Kopf und dann bin ich doch ohnmächtig. Machen wir darum den Giftschrank lieber zu. In homöopathischen Dosen mag das Zeug angehen, aber zu viel ist definitiv ungesund.

        Ich neide dir übrigens auch ein Erlebnis. Deine russische Hochzeit. Bei Oligarchens zuhause. Ich habe Tränen gelacht. Wie schön. Und weil wir gerade dabei sind: Mein Neidobjekt ist ganz klar Oskar Wilde. Ein Dandy im 19. Jahrhundert mit einer monatlichen Apanage, der nur schreibt, weil er es will. Das wäre ich gerne geworden. 🙂

        0

        • pantoufle sagt:

          Moin Thelonious

          [Hilfe! Es lobt! Nun hilf mir doch mal einer…!]

          Schimpf Du nur. Hast ja recht und manchmal sollte man sich auch kommentarlos zurücklehnen in dem angenehmen Bewußtsein, schon viel weiter danebengelegen zu haben. Auch das fällt gelegentlich schwer.

          Aber trotzdem: Gegen Ende des Textes sind ein, zwei Absätze, die man auch hätte streichen können; einfach deswegen, weil ich das Gefühl hatte, daß sie Tempo aus dem Text rausnehmen. Bekanntlich sind Anfang und Ende einer Geschichte die größten Stolpersteine und den Anfang hatte ich glücklich hinter mir. Was man meiner Meinung nach grundsätzlich nicht machen sollte, ist kurz vor Ende zu »lamentieren«, noch schnell ein paar Argumente/Entitäten hinterher zu schieben, die sich nicht klar aus dem vorher gesagten ergeben. Dieses »ach – und was mir eben gerade auch noch einfällt…«. Der Schluß ist für das Fazit, den Zusammenhang und der sollte sich dem Tempo der Geschichte anpassen; nicht mit einem Gefühl der Ermüdung agieren: »Endlich ist er fertig!«

          Die Geschichte mit Nachtwey ging mir beim Schreiben auch durch den Kopf; nicht zum ersten und sicher auch nicht zum letzten Male. Es gibt auch so etwas wie literarische Giftschränke oder die der eigenen Vita. Nicht nur deswegen fand es keine Erwähnung – an der Nummer ist einfach zu viel Fleisch, als daß man sie in einem Nebensatz verwursten sollte. Heilige Momente, in denen einen die Erkenntnis überfällt. Raritäten eben.
          Vergleichen tut man natürlich nicht von wegen Äpfel und Diamanten. Bewundern aber. Und es muß ja nicht immer gleich ein Krieg sein, der einen bewegt. Manchmal tut es ein Kneipenabend oder ein interessantes Gesicht ebenso; die Erde ist vorrangig für das Leben da, nicht den Tod.

          Oskar Wilde? Kein schlechter Ansatz. Es war eine gute Zeit, als »bedingungsloses Grundeinkommen« noch Apanage hieß; was ist bloß aus unserer Sprache geworden? Bei mir wäre es wohl Joseph Conrad. Wegen dem ungeheuren Fundus an Geschichten und seiner Zeit. Zwischen Dampf und Segeln, überschaubare Modernität, eine Zeit des Staunens.

          Wie jetzt? Schick doch mal ein Bild der guten alten Dame mit den zwei Zylindern! Zusammen mit denen von Lazarus haben wir bald eine nette Kollektion zusammen.

          0

          • Thelonious sagt:

            Ja, die Duc. Ein Bildchen schicke ich dir. Aber nur zusammen mit einer Geschichte. Ich freue mich schon darauf, sie zu schreiben. Es geht um Liebe, Lust, knallharten Sex und einen verlorenen Führerschein. Der Hauptakteur wird zum sugar-daddy und geht dann doch mit einer völlig anderen fremd. Und am Schluss haben sich alle wieder lieb. Für diesen Stoff hätte Rosamunde Pilcher gemordet. 🙂

            Aber nächste Woche ist erst einmal Druckbeginn. Und auf ein paar Seiten sind noch weiße Flecken, obwohl schon letzten Freitag Redaktionsschluss war. Es ist immer der Gleiche, der so trödelt. „Keine Zeit“, behauptet er. Wohl eher keinen Bock. Ich weiß genau, mit was er sich die Nächte um die Ohren schlägt. Der faule Sack. Muss er halt am Wochenende arbeiten. Am Montag muss das Zeug korrigiert und freigegeben werden. „Und wenn man wenigstens das Editorial erst am Dienstag?“ Kusch! Immer die gleiche Chose.

            Und dann geht es ab in die Druckerei. Eigentlich sollte das der Layouter machen. Aber der ist zu klein. Kein Drucker der Welt wird ihm glauben, dass er ihn gleich packt und ihn seinen Mac fressen lässt. Diese digitale Weichbirne. „Werd doch Bauer, wenn du nur mit Äpfeln arbeitest!“

            Nein, eigentlich ist der Drucker ein netter Kerl. Wir versichern uns gegenseitig zwar immer wieder, dass wir am Tod des anderen eine maßgebliche Rolle zu spielen gedenken. Aber wenn das Heft fertig ist gehen wir gemeinsam ein Bier trinken und verbringen einen angenehmen Abend miteinander. Bis es dann in einem halben Jahr wieder von vorne los geht.

            0

          • pantoufle sagt:

            Sex? Unbedingt Sex!!

            0

          • Joachim sagt:

            Hört sich gut an. Sehr gut…

            Btw. Duc.

            Brüderchen, der mit seiner GS750, die mit den blau rauchenden Colts, meine natürlich Auspüff – fahr da niemals hinterher (hust), zu einem Duc-„Fahrer“

            auf die Frage: „na, wie bin ich gefahren?“
            Brüderchen: „Keine Ahnung. Konnte ich im Rückspiegel nicht so richtig beurteilen“.

            Tja, mit dem Lob ist es wie mit der Kritik. Man muss es einfach aushalten können.

            0

          • Joachim sagt:

            Wobei ich jetzt aber niemals never ever etwas gegen eine Duc sagen wollte. Außer vielleicht, dass heiße Italienerinnen den entsprechenden Partner (und dazu ein wenig ähm fachkundige „Pflege“) brauchen. Mein Nachbar z.B. hat die Schöne versemmelt, als ihm die Straße ausging (oh no) und fährt nun Polo.

            Für mich persönlich hat Verlässlichkeit etwas mehr Wert – auch wenn Schrauben auch mal was hat. Weil, das schließt einen heißen Ride nicht aus. Ein paar Kilo mehr stören da bei echter Liebe und hinreichendem „Unterbau“ nicht.

            Was sagt Brüderchen, wenn man ihn ärgert? „Ich brenn Dich her“.

            0

          • Thelonious sagt:

            Joachim, über Zuverlässigkeit lässt sich gut philosophieren. 35 Jahre alt, knapp 200.000 Kilometer auf dem Buckel und läuft immer noch. Andererseits bin ich ein paar mal nicht dort angekommen, wo ich hinwollte. Seit die komplette Elektrik durch japanische und deutsche Qualitätsware ersetzt wurde, sind spontane Streiks selten geworden. Feuchtigkeit mag sie aber immer noch nicht. Als ich la signora vor 28 Jahren gekauft hatte (jessas, bin ich alt), war mir klar, dass ich nun überwiegend Fahrrad fahren musste. Keine Fahrten an die Uni oder die Eisdiele. Quickies mag sie nicht. Zehn Kilometer warm fahren. Einbereichsöl. 98 Oktan sind okay. 100 besser. Den Bleiersatz nicht vergessen. Kanisterweise habe ich das Zeug gehortet. Damals. Das Ventilspiel ist ganz wichtig wegen der Königswellen.

            Diese Nachteile waren und sind mir egal. Ich habe sie zum ersten Mal gesehen, da war ich 15 Jahre alt und sie nagelneu. Ich ein cooler Typ, der an seinem Mofa das Luftfilter abgeschraubt hatte. Herrlich dämlich und würdelos. Und sie die absolute Königin. Sie stand stand nur ein paar Straßen weiter. Ihr Besitzer war ein Hobby-Rennfahrer und seine Tochter ging mit mir zur Schule. Ich war dann oft dabei, wenn der Mann am Wochenende an der Duc schraubte. Ich war fasziniert. Ich wollte sie fahren. Sieben Jahre blieb der Wunsch unerfüllt und dann konnte ich sie kaufen. Eine Anzahlung reichte. „Den Rest gibst du mir, wenn du Geld hast.“ Beide Seiten haben den Deal nie bereut und ich habe im Laufe der Jahre viele italienische Schimpfworte gelernt, mit der ich sie tituliere. Sie tut also auch etwas für meine Bildung.

            Klar, irgendwann habe ich mir schon etwas Moderneres gewünscht, aber es fehlte dann an Geld. Ich bin inzwischen froh darüber.

            Dein Bruder würde mich auch nicht lange im Rückspiegel sehen. Chiaccierona und ich haben beschlossen, in Würde zu altern. Zu Duellen mit den heutigen Supersportlern treten wir gar nicht an. Man muss seine Grenzen kennen. Aber selbst wenn dein Bruder brav hinter uns führe, ich könnte ihn doch nicht entdecken. Ich habe keine Rückspiegel. Gilt beim fahren für mich doch der SED-Leitspruch „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“.

            Aber recht hat er schon, dein Bruder. Die heutigen Ducati-Fahrer rekrutieren sich überwiegend aus dem Kreise der Besserverdienenden. Das Motorrad als Statussymbol. Das hat mit Spaß für mich wenig zu tun. „Mein Aktiendepot, meine Yacht, mein Motorrad, mein Auto, meine Freundin, meine Frau.“ Durchaus in der Reihenfolge. Vor Jahren war ich mal bei einem Ducati-Treffen. Es war mein erstes und letztes. Auf Hängern haben die Herren ihre Maschinen hergeschleppt. Damit sie nicht schmutzig werden. Schon wenn das Blinkerbirnchen gewechselt werden muss, rufen sie den ADAC Gold Service, um ihr Schätzchen per Hubschrauber in die Werkstatt zu bringen.

            Ihr abschätziger Blick. „Iiihh, die sieht ja gebraucht aus.“ Und dann die dummen Fragen. „Wo ist denn da der E-Starter?“ Es gibt Momente, da bewundere ich mich selbst für meine elegante Zurückhaltung. Ein E-Starter. Ein E-STARTER. Warum nicht gleich die gehäkelte Klopapierrolle? Einen Hello-Kitty-Aufkleber? USB gefällig, oder doch lieber Bluetooth? Ab dem Tag, an dem ich la donnaccia nicht mehr angetreten bekomme, fahre ich Rollator. Einen E-Starter. Ts. Leute gibt es, die will man nicht mal im Rückspiegel sehen.

            0

          • oblomow sagt:

            So, ihr zweibeiden, nehmt einfach hin, dass ich eure geschichten mit großem vergnügen gelesen habe (wg komposition und ton) und gar nicht tapsig „loben“ mochte (wer bin ich denn auch) – ich hätte vielleicht doch dem ersten gedanken folgen und ein einfaches danke hinsetzen sollen, was ich, ohne weiter auszuschweifen, jetzt also nachhole: danke.

            0

  3. pantoufle sagt:

    Moin Stony

    Fremdhund ist durchaus in der Lage. Er ist vor allem das interessante Phänomen, wie so ein Tierchen »nicht verzogen« ist, obwohl man ihm mit aller Kraft versucht hat, Erziehung angedeien zu lassen.
    Auf ein Tofu-Steak würde Fremdhund nicht für 30 Sekunden hereinfallen. Er ist zudem als »Geschenk« für Göre gedacht, die das allerdings mit irgend etwas verwechselte, in dem das Wort »Kasernenhof« enthalten ist. Fremdhund hat also gute Gründe, um das Arschloch einen Riesenbogen zu machen.
    Die Pädagogin ist weder Willens noch fähig, über ihren (breiten) Schatten zu springen und einzusehen, daß man mit einem großen, kräftigen und agilen Hund Probleme nicht ausdiskutiert und ihn für jede Katastrophe, die er anrichtet, auch noch belohnt. Fremdhund steht für mich als Prototyp dafür, wie Frau Pädagogin ihren Beruf ausübt: Ungetrübt von Realität, getrieben von ihren Instinkten und im Übrigen ganz der Hubschrauber.
    Wir beide sind – und das weiß auch meine Frau – durchaus nicht immer der selben Meinung. Mehr noch: Wenn wir uns zufällig mal wieder auf einer Gartenparty treffen, gibt es tatsächlich Menschen, die sich mit einem Getränk in der Hand auffallend erwartungsvoll und genüßlich ins Gestühl kuscheln. Aber natürlich bleibe ich grundsätzlich höflich und zuvorkommend! Das bin ich immer bei Menschen, die das Wort »Ironie« für einen Straßenbelag halten.

    Was denn nun die digitale Photographie betrifft: Mein Vater mußte vor längerem geraume Zeit in einer Klinik verbringen. Um ihn »ruhigzustellen«, empfahl ihm eine der kranken Schwestern doch eine Leinwand zu nehmen und zu malen. Mit dem Ergebnis, daß er es auf bis zu 20 Werke pro Tag brachte. Man kann durchaus auch analogen Mist fabrizieren. Die entsprechenden Foren sind voll davon. Theoretiker, bei denen nur eines gewiß ist: Sie haben in ihrem Leben nicht einen einzigen Papierabzug erfolgreich gemacht. Nicht einmal nichterfolgreich.
    Ich habe nur versucht zu beschreiben, was ich selber mache (habe in der Nacht, als ich es schrieb, mir selber versucht zu erklären, warum ich es mache). Das ist erst einmal weit entfernt von irgend einer Vorbildfunktion. Es ist ein Weg von vielen und es gibt viele gute Gründe, digital zu photographieren.

    Für mich war der Wechsel zu »chemisch« auch ein Punkt, das eigene Konsumverhalten zu hinterfragen (und ganz viel analogen Krempel zu kaufen). Dazu kam die Tatsache, daß meine Schwiegermutter eine erfolgreiche (und nebenbei großartige) analog arbeitende Photographin ist – ich hatte sie zum ersten Mal auf meiner Seite 😉 »Zeiss-Objektive sind doch gar nicht sooo teuer!« Das ging schon runter wie Markenbutter! Mit dem Ergebnis, sich eine Mamiya RB67 zuzulegen… war gar nicht sooo teuer!

    »War alles gar nicht sooo teuer«. Das ist natürlich kalter Kaffee! Was ich da so treibe, geht mit all den Arbeitsmaterialien natürlich ganz schön ins Geld. Auch wenn ich mir nicht mehr alle 3 Monate irgend ein Teil aus dem Schaufenster ziehe. Andere Leute geben ihre Kohle für andere Dinge aus.
    Ach: Und dann ist da natürlich immer wieder der Moment, wo irgendwo jemand mit dem Canon-Vollautomat neben mir steht, die graue 70-200mm/2.8 Scherbe auf den Feind gerichtet und mit einem trotzigen »flappflappflappflappflappflapp « die Serienbildrate seines Digitalmonsters demonstriert. »Siehste! Das kann Deine nicht!« Stimmt. »Nun rückt mal alle zusammen! Beate – etwas niedriger… ja, so!« Der Bahnhof muß natürlich auch in voller Pracht mit drauf, sonst weiß man ja nicht, wo das war. Beate: »Und pass auf, daß die neuen Schuhe von Schakeline auch mit… !« Flappflappflappflappflappflapp!
    Ich weiß ohne auf den Monitor des Prunkstückes zu sehen, was das für ein Bild geworden ist. Wie gut, daß man es sich niemals wieder ansehen wird.
    Was wäre diese Welt ohne etwas Häme!

    0

  4. Stony sagt:

    Moin Pantoufle,

    ach herrje, die Geschichte vom Fremdhundi ist ja noch ’schlimmer‘ als anfänglich gedacht. Aber schön zu hören, daß es ein wesensstarkes Tier ist und kein Psychowrack, was ja leider nur allzu oft der Fall ist.

    ***

    Was du über Photographie schreibst, und auch früher schon vertextet hast, nehme ich mir gewiss nicht zum Vorbild, ich lese es erstmal als schön geschriebene Geschichte, als Innenansicht die mich ‚irgendwie‘ fasziniert. Wohl weil es auch Teil meiner Geschichte ist, der ganz persönlichen, voll von kindlicher Frustration und einem lächerlichen Trauma. Deine hat mit meiner eigentlich nichts zu tun, ist aber eine Perspektive auf ein ‚gemeinsames‘ Thema, das mir ein Rätsel ist und darum so anziehend. Ich habe mich dem fast 30 Jahre trotzig verwehrt und bin ihm aus dem Weg gegangen – nun ist es wieder hochgepoppt und beschäftigt mich seitdem. In gewohnt bekloppter Herangehensweise umkreise ich es nun und beobachte mich selbst dabei, amüsiert und nachdenklich.

    Fühl dich einfach bedankt (ebenso wie Thelonious!) für eben das: eine schöne Geschichte und Perspektive, die ich mit Vergnügen und Gewinn gelesen habe. 🙂

    PS: Zur Frage nach dem >i>Warum einer dicken fetten Kamera und teuren Scherben in Amateurhänden gibt es ein feines Sprüchlein, welches ich mal eben frech plagiere: „Die Antwort gibt der Hund auf die Frage, warum er sich an den Eiern leckt: Weil er es kann und es ihm Spaß macht! So!“

    Ja, mein Gott, warum auch nicht… wobei du mit der Häme natürlich Recht hast. 😉

    0

  5. Joachim sagt:

    pantoufle, ich lag echt auf dem Boden. Genial. Ich finde, Du bist absolut genial. Nur die Sozialpädagoginen zu ärgern ist vielleicht nicht so „nett“… lässt den Nörgler raushängen um der Kunst willen. Vorsicht, meine Tochter studiert soziale Arbeit! Da muss ich das sagen. Ich lass nix auf die kommen, damit das klar ist 😉

    Deine Kamera-Betrachtung ist nicht minder genial. Sie gilt ganz universell in der Zeit, wo man sagt „Smartphone!“, „oh man Smartphone heißt das!!!“, wenn ich meine, isch habe aber gar keine Handy. Für (E-)Books vs. Bücher gilt das, für Motorräder, auch für Rechner, Betriebssysteme, Musikinstrumente und so weiter bis hin zum Küchenmixer, für Werkzeug sowieso. Ich habe noch einen analogen (TM) Rechenschieber, kann sogar damit umgehen. Und das als Softwareentwickler!

    Natürlich gilt das für Kameras. „Mit der Hasselblad in der Hand eines Freundes, ich habe da wenig Ahnung, in Lüttich“ ist eine meiner Lieblingserinnerungen. Besonders wo die Photos des Freundes die Erinnerungen konservierten. Die händisch entwickelten Bilder fallen alleine schon wegen des Formats auf … und der Inhalt? Man kann nicht streiten, ob es an der Kamera oder am Photographen lag. Kann man die Stimmung eines Tages photographieren? Eine ganze Stadt einfangen? Man kann und das war nur möglich, dank der Symbiose zwischen Photograph und Kamera. Photographieren ist ein Prozess und nicht ein Klick. Soviel habe ich schon verstanden.

    Auf der anderen Seite „diskutierte“ ich kürzlich mit einer „möchte gerne“ – und das ist nicht so negativ gemeint – Photographin, die sich eine neue Digicam „wünschte“. Ich denke, ich argumentierte in Deinem Sinn. Ihre Bilder sind ein anderes Thema (interessant, weil so wenig gekünstelt, so direkt, so ungewohnt im Ausschnitt habe ich das selten gesehen. Jemand meinte: einfach schlecht und ich verstehe, finde jedoch, der Jemand hat da schon mal was nicht gesehen. Eine Frage der Sicht – im wahrsten Sinn des Wortes.).

    Kein Geld ist jedenfalls kaum ein Hindernis, wenn man schon eine analoge Nikon (F irgendwas? 75? Kann das?) hat. Was will die mehr? Bilder werden so nicht von selbst besser. Ich meine, ich bin absolut nicht technikfeindlich. Nur muss man das was man tut mit Liebe tun. Das Tool, das beim schief anschauen auseinander fällt, bietet da so wenig Voraussetzung wie in der Regel „6 in one“ oder I-ntelligent. Werbequatsch von wegen „neue I-Besen kehren sauberer als sauber“. Mein Onkel, der Schmied macht sowieso alles mit dem Hammer. Womit der Beweis erbracht ist, dass es geht. Onkel liebt den Hammer. Um genau zu sein, er liebt seine Hämmer. Mein Freund, der Photograph könnte sicher auch mit dem I-Phone. Nur, warum hat der verschiedene Kameras und wann und warum wählte er die komplizierte Hasselblad für Lüttich?

    Dazu, wie man die Dinge tun muss, sagte ich schon das Wesentliche. Darüber hinaus:
    It’s so easy. Always use the right tool for the right thing.

    0

    • pantoufle sagt:

      Moin Joachim

      Da hat der Onkel recht mit seiner Hammersammlung. Recht, wenn er glaubt, daß sich praktisch jedes Problem in irgend einer Form mit diesem wohlfeilen und formschönen Werkzeug lösen ließe wie auch mit der Feststellung, daß es für jedes Problem einen bestimmten Hammer gibt. Den fein ziselierten, leichten für ermahnende Erinnerungen – den Feinschliff sozusagen – und den großen finalen, wenn das alles nicht gefruchtet hat. Es steckt viel der Weisheit in diesem oft unterschätzten Werkzeug! Wenn man genügend verschiedene hat…

      Zu welchem Werkzeug man greift, mit welchen Mitteln man seine Ansprüche erschlagen möchte, ist ein weites Feld. In meiner Familie treibt ein Mädel ihr Unwesen, die den Weg zur berufsmäßigen Photographie fand. Der Geist, der sie beseelt, nennt der Volksmund »Zeitgeist«, also eine eher unappetitliche Sache. Mit Hilfe von Photoshop, Männern, die ihr bei Fuß lagen und diversen Digitalkameras hat sie das erreicht, was sie wollte. Sie photographiert, wird dafür bezahlt und hat ein Auskommen, das es ihr ermöglicht, ihre Füße neuerdings wieder ungestört zu verwenden.
      Erfolg adelt!
      Ihre Bilder sind mein persönliches Gruselkabinett und eine stete Mahnung, nicht nur um Photoshop einen weiten Bogen zu machen. Aber das ist doch alles, alles vollkommen unwichtig! Hätte ich in dem Alter auf die klugen Sentenzen der Altvorderen gehört? Ich wäre doch unzurechnungsfähig gewesen, hätte ich es getan. Drauf geschissen: Ich wollte aus eigenem Antrieb unzurechnungsfähig sein wie jeder von uns hier. Und das ist gut so!

      Sie will eine Kamera vom oberen Ende der Fahnenstange? Aber immer doch! Mädel: Geh Zeitungen verteilen! Der liebe Onkel hat leider nicht soviel Geld übrig (schmeißt aber noch den Anstandseuro dazu). Natürlich werden die Bilder dadurch nicht besser. Man sollte es pragmatisch sehen: Es besteht ja immer noch Möglichkeit, daß sie zum Erwerb eines Rollers oder des Urlaubs dringend Bares braucht und man so für einen Spottpreis eine gute, gebrauchte Digitale erwerben kann (höhöhöhö). Oder eben auch nicht. Vielleicht zieht die Realität ihr den faulen Zahn, daß Photographie eine Möglichkeit wäre, Geld ohne Arbeit zu verdienen und sie bleibt trotzdem dabei. Möglich wäre es immerhin!

      Dein Lob in Demut, aber wie ich schon andeutete, hat Thelonious mal wieder vorgemacht, wie man den Text auch hätte schreiben können. Er beherrscht die Kunst des »kill your Darling!«, ein nicht zu überschätzendes Stilmittel. So gesehen juckt es in den Fingern, das Ganze noch mal zu überarbeiten… (aber nein: Das wollte man noch gesagt haben, und das klingt auch ganz gut – unmöglich, den Text ohne dieses Bonmot abzusondern u.s.w., u.s.w.). Was gestrichen ist, kann nicht durchfallen. Die schwerste aller möglichen Erkenntnisse.

      0

  6. Tilla Pe sagt:

    Hey Pantoufle,
    vielen, lieben Dank, dass ich in Deinem Blogkästlein stöbern darf. So einiges, auch von Deinen Kommentatoren, zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht, vor allem gerade eben, als ich an anderer Stelle lesen durfte, dass eine Großformat wohl eine analoge Vollformat sei…. oh weh, oh je.
    Hauptsache höher, schneller, weiter – wenn es für einen Porsche nicht reicht, wird das Vollformat zum Ersatzschwanz und keiner kann sich denken, dass Großformat nicht immer Format und vor allem nicht immer groß bedeutet. Großartig trifft es da eher, aber ich schweife ab. Ist doch die letzte Süße, die bei mir einzog, nichts halbes und nichts ganzes geworden. Aber 50 Bilder auf einem Film sind nicht zu verachten.

    0

  7. pantoufle sagt:

    @all & Tilla Pe

    Herzlich willkommen erst einmal, Tilla, auf den »Ungeschriebenen«; genauer den Häretikern. Hier gilt das geschriebene Wort, das keiner Zensur unterliegt – oder fast keiner. Na gut: Wenn man es genau nimmt, wird hier gnadenlos zensiert, heruntergemacht, am Boden zerstampft und in der Luft zerrissen. Wenn man ganz großes Pech hat, werden sogar Kommentare als Artikel veröffentlicht… Thelonious ist da bereits gebranntes Kind, aber diese Drohung lauert hier jedem!

    Die Anzahl derjenigen, die hier lesen und gelegentlich kommentieren, ist eine Überschaubare; zwei Hände voll, mehr sind es wohl nicht. Und nun ist es jemand mehr. Da diese Person als erstes einmal gegen die Hausregel verstieß und ihrem Namen eine URL unterlegte (keine Verlinkungen, keine Erwähnung, keine Hinweise), wird darum gebeten, Tilla Pe mit dem allergrößten Misstrauen zu begegnen!!einzelfzig!! Diese Person ist zudem noch professionell im Bereich analoge Photographie unterwegs und scheut sich auch nicht, das offen zuzugeben.
    [Tja, das hat man nun davon, wenn man so freizügig verlinkt! Der Säzzer]

    Da mir die Person der Tilla Pe aber bekannt ist, werden wir großmütigst Gnade vor Gewohnheit walten lassen – bei Gelegenheit wird der dem Namen innewohnende Link auf irgend etwas seriöses verändert; die Allianz-Lebensversicherung oder den Flughafen Kassel-Schmalkalden zum Beispiel!
    Solange das noch nicht passiert ist, sollten Interessierten die Gelegenheit wahrnehmen, und dem (bis auf Weiteres unveränderten) Link auf das schöne Blog von Tilla folgen.

    Also seid alle recht nett zum neuen Gast (im Rahmen Eurer Möglichkeiten)!

    0

    • Tilla sagt:

      Ach verflixt. Und ich dachte, Du hältst ebenso wenig von Regelwerken wie ich. So kann man sich irren.

      Nichtsdestotrotz danke ich für den warmen Empfang und bitte um Gnade – nicht Kassel-Schmalkalden! Bitte!

      0

      • Joachim sagt:

        Tilla, herzlich willkommen.

        Ja ja, ich habe hier in Wirklichkeit niemanden willkommen zu heißen und ganz ehrlich, ich missbrauche diese Antwort ein wenig, um … ja ja, gleich

        Mir egal: „herzlich willkommen“.

        Ach ja, der Missbrauch: das ist, weil so kann ich „heimlich“ besonders dem pantoufle mitteilen, dass

        ich Thelonious nicht so recht antworten mag. Er könnte das, so wie pantoufle das selbst tat, als „Lob“ missverstehen. Ich hätte gesagt: „Mach den Giftschrank auf. Tu es! …“ und dazu viel zu viele Zeilen gebraucht.

        Doch es ist ganz anders. Eine alte LP, kennt jemand noch diese schwarzen Dinger, die mit der Seele und den Knacksern, für die man einen Plattenspieler braucht, die nennt sich

        „an other fine tune you got me into“.

        Und ihr denkt an Lob? Ich denke an Jazz.

        Ja, Tilla, ich glaube, das ist hier Jazz und da kann man nie genug gute Solisten haben. Deshalb – ach, lies einfach von vorne. Oder hör Dir besser das großartige Solo von Thelonious an. An other fine tune… Mit Lob hat das aber auch gar nichts zu tun.

        0

        • Tilla sagt:

          Joachim – ein Geständnis vorab: Ich kann mit Jazz nicht so viel anfangen. Mir klingt es meist unschön in den Ohren. Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber auch ich habe noch diese schwarzen Dinger mit den Rillen 😉
          Das Solo von Thelonious ist allerdings großartig geblasen, da muss ich Dir recht geben. Mal so ganz wertfrei geschrieben – ich habe noch nicht so recht verstanden, wann man offen loben darf und wann man besser eine Decke des Umschreibens über sein Lob legt.

          Ich hadere. Mit Giftschränken und anderen Deponien. Auch ich saß am Bett meines sterbenden Vaters, der schon lang vor seinem Tod gegangen war und auch ich hatte eine Kamera dabei. Die blieb, wo sie war. Tief unten in meiner Mary Poppins Tasche. Und ich bin meist froh, dieses Regalbrett im Schrank nicht gefüllt zu haben. Nur ganz manchmal habe ich den Drang, dies zu bedauern. Andere „verpasste Gelegenheiten“ bedauere ich öfter. Da geht es mir ein bisschen wie dem Pantoufle – hätte ich doch nur. Wenn ich mir heute überlege, was ich in meinen Schränken hätte, hätte ich doch nur – besser, das es nicht so gekommen ist. Man kann sich seine nicht erlebte Vergangenheit auch madig machen, so dass man nicht bedauern muss, sie nicht gehabt zu haben. Darin habe ich Übung, vor allem, wenn ich mit grandiosen Bildern konfrontiert werde, die mich spüren lassen, was Neid ist. Gut, dass ich auch Übung habe, mich am Hemdkragen herauszuziehen, wenn ich in Neid und Gejammer über Untätigkeiten und verpasste Gelegenheiten zu versinken drohe.
          Ich gehöre übrigens zu den Fotografen, die Bilder nicht gemacht haben, weil sie den falschen Hammer dabei hatten. (By the way – deswegen auch zu denen, die immer Rückenschmerzen haben, weil sich in der bereits erwähnten Tasche meist mehr als ein Hammer findet.) Für bestimmte Bilder habe ich auch schlicht und ergreifend kein Werkzeug, denn das Herz ist viel zu weich, um diese Bilder machen zu können. Ich ziehe den Hut vor denen, die diese Chuzpe haben und bin in mir froh, sie nicht zu haben, denn so bleibt der Inhalt des Giftschranks klein und überschaubar.

          Irgendwann habe ich mich hier soweit eingelesen, dass ich auch vollmundig herumschweigen – oder schwelgen kann, nicht zwingend in den Tonleitern des Jazz aber immerhin mit ein bisschen Rock’n Roll, denke ich 🙂

          0

          • Joachim sagt:

            Darf man Loben? Darf ich das? Das ist eine sehr gute Frage.

            Beinahe hätte ich einen Test gemacht und gelobt. Doch ich dachte an das Unbehagen, was eintreten kann, wenn man beurteilt wird. Beinahe hätte ich auch in Selbstüberschätzung die einzige Regel hier verkündet, die Regel aus der dann Vier wurden, Tilla, die Regel Rock’n’Roll hast Du schon selbst gefunden und dann hätte ich noch pantoufle „geärgert“ mit der Bedeutung der Apokryphen, wie er sich das wohl kaum dachte. Denn daher kommt die einzige Regel wie der Name. pantoufle, Du wolltest es nicht und nun hast Du es, jedenfalls früher oder später. Und Du wolltest es und hast es nun immer noch nicht. Wobei selbst jemanden „ärgern“ ein gutes Zeichen dafür ist, dass es einem wichtig ist. So ein Ärgern ist auch ein Lob, wenn auch ein wenig feige, weil man sich hinter dem Ärgern versteckt.

            Beinahe wäre ich auch auf den Giftschrank eingegangen und wäre damit einem wirklich wunderbarem Text – wer auch immer hier gelobt wird – nicht gerecht geworden. Hätte ich von dem Giftschrank der Tagesschau erzählen sollen und davon, dass man die Menschen doch vor zu grausamen Bildern schützen will? Davon, dass Unrecht am Besten verdrängt werden sollte, so wie man im Internet mal böse Seiten sperren wollte? Als könnte man das Böse so einfach einsperren und sich eine gemütliche Welt wie in einer Puppenstube selbst basteln. Dreamer, just a little dreamer.

            Ach halt, ich war doch beim Loben…

            Nun, Menschen brauchen Bestätigung. Das ist offenbar so. Doch „Tell me sweet little lies“ wirkt meist nicht sehr lange und ist da plötzlich sogar der Giftschrank wieder da. Könnte es sein, dass dieser Giftschrank in der Hauptsache im Kopf existiert? Was verstecken wir da alles? Ist das, was wir verstecken wollen, unsere eigene Furcht? So wie die Bilder im Internet? Und so wie Lob und Tadel?

            Wie wäre es, ich fände einen schönen Hammer und sagte: „Genial. Genau das habe ich gesucht – und Du Hammer, Du bist auch noch wunderbar gearbeitet. Dein Schmied war ein Künstler“ und dieser bescheuerte Hammer würde mir dann etwas von Demut erzählen. Dummer Hammer! Wenn ich „lobe“, dann Du Hammer, finde Dich damit ab, dass es einfach das ist, was ich glaube und das, was ich gefunden habe. Es gibt keine Absicht. Es existiert auch keine Konvention. Ich konnte nur damit etwas anfangen, was ich nicht selbst konnte. Es ist wie im Restaurant. Ich esse dort niemals etwas, was ich selbst kochen könnte. Es gibt keinen Wunsch etwas zu verändern, was nicht sowieso schon da ist. Warum sollte ich das tun wollen? Da koche ich doch lieber selbst. Dieses Lob ist einfach eine Wahrheit, selbst dann, wenn ich mich vollkommen irre. Sonst nichts. Aber auch nicht weniger.

            Was nicht bedeutet, dass Du nicht einmal lächeln darfst. Ganz im Gegenteil. Jetzt wäre gerade ein guter Zeitpunkt. Bitte pantoufle.

            Ich fürchte, das ist wohl hoffnungslos. Wir wollen zu klug sein, zu gefasst, zu gut und unangreifbar. Dann wären diese Zeilen also vergebens und nur Theorie. Willst Du mir das wirklich antun? Also… Ich warte … Oder muss ich für Dich? Bitte:

            🙂 🙂 🙂

            0

          • Thelonious sagt:

            Joachim und Tilla, hier, wo ich wohne gibt es ein Sprichwort. Net bruddelt isch globt gnuag. Übersetzt: Nicht geschimpft ist genug gelobt. Trotzdem Danke. Und weil ich über eure Texte nicht bruddle … 🙂

            Und mit den Giftschränken ist es so eine Sache. Ein Apotheker kann damit umgehen. Ich bin kein Apotheker. Das bedeutet aber nicht, dass ich ihn ungeöffnet lasse. Kennt ihr das Buch „warporn“ von Christoph Bangert? Ich empfehle es mit einem schlechten Gewissen. Er hat seinen Schrank aufgerissen und verabreicht Gift in hohen Dosen. Ob das der richtige Weg ist? Ich weiß es nicht. Ich habe allerdings auch nicht solche Bilder. Ich habe nur die Folgen geknipst. Aber vor allem habe ich Geschichten erzählt bekommen und ich habe versprochen, sie weiter zu erzählen. Ich weiß nur immer noch nicht wie. Nicht falsch verstehen: Die Berichte sind schon lange geschrieben. Die Statistiken erstellt. Es sind bürokratische Dokumente auf deren Grundlagen andere entscheiden sollten. Diese Arbeit ist getan. Aber vor der anderen habe ich eine Heidenangst.

            0

          • Joachim sagt:

            Tatsächlich muss ich mich korrigieren. Keine Ahnung, was mich da geritten hat.

            Es gibt auch eine Verantwortung dabei, was man produziert (Schluck). Dein Pornographievergleich etwa hat damit zu tun. In der Tat ist der letzte Schritt undankbar, in der Regel wird der Bote geköpft, irgend etwas unterstellt, weil nicht sein kann was nicht sein darf und der Bote ist irgendwo auch noch im wahrsten Sinn des Wortes betroffen. Er könnte z.B. fürchten, dem Thema nicht gerecht zu werden. „Heidenangst“ drückt das gut aus.

            Dissidenten oder wistle blower etwa können ein „Lied“ davon singen. Ich hoffe, dass es bei Dir dann so schlimm doch nicht ist.

            Dennoch – und hier erspare ich Euch meine Überlegungen – was gesagt werden muss muss gesagt werden. In den Medien, der Politik, dem Internet usw. gibt es keine Alternative.

            Wobei ich anmerken muss: Kommt mir jemand mit Alternativlosigkeit, so gehe ich von einem Manipulationsversuch aus. Hmm.

            0

  8. Sebastian Lange sagt:

    [P.S. Mag mir mal jemand als Kommentar sagen, woher die ganzen facebook-clicks kommen? Ja, Genau: die von jetzt! 24.1.2016. Der Text ist ja schon etwas älter und ich wundere mich]

    „Auf der Suche nach einem Reparateur für meine F3 fand ich diesen schönen Text:“
    Mit diesem lapidaren, Ihren Text unbedingt unzureichend würdigendem Satz postete ich den link zu dieser Seite an eben jenem Datum über facebook. Da ich Ihre Geschichte in Beobachtungen und Stil als so grandios geschrieben und wichtig empfinde (im Übrigen auch die Kommentare), überkam mich der spontane Impuls sie meinem „Freundeskreis“ auf fb nicht vorenthalten zu können. Aber natürlich würde der link umgehend entfernt, wäre Ihnen Art oder Weise oder Platform unangenehm.

    Mit herzlichem Gruß und Bestem Dank,
    Sebastian

    0

    • pantoufle sagt:

      Ach, das ist aber nett! Vielen Dank auch dafür. Haben Sie eine Werkstatt des Vertrauens gefunden? Wenn nicht, wüßte ich eventuell jemanden.

      Mit freundlichen Grüßen
      Daniel Taake aka Pantoufle
      P.S Ja, meine Leser sind schon ein besonderes Völkchen. Das darf man aber keineswegs laut sagen, dann benehmen sie sich zur Abwechslung wie die Wildschweine. Es hat eben alles zwei Seiten .-)

      0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *