Vietnam und die Deutschen

 

Ulrike Meinhof als junge Journalistin 1964. Bild: Bettina Röhl

Ulrike Meinhof als junge Journalistin 1964. Bild: Bettina Röhl

Von Gastautorin Ulrike Meinhof

Das Pantoufle wollte eigentlich einen Text über das Engagement der Bundeswehr in Afghanistan und Mali schreiben. Bei der Recherche über einige Details stolpterte es über einen Text, der so viel von dem enthielt, was in Pantoufles Seele herumschwappte, daß es sich entschloss, gleich diesen Text zu verwenden. Das Land »Vietnam« kann durch jedes beliebig andere ersetzt werden wie auch die Personen und  Zitate.

Pantoufle hofft, daß die Ermordete gegen die erneute Veröffentlichung keinerlei Einwände hat.

Vietnam und die Deutschen

Längst ist der Krieg in Vietnam kein konventioneller Krieg mehr. Auch kein begrenzter Krieg, kein lokaler Konflikt zwischen amerikanischen Truppen und Vietkong, kein Weltanschauungskrieg zwischen »Freiheit und Kommunismus«, auch nicht einfach ein Ausfluß amerikanischer »Containment-Politik« gegenüber China. Dieser Konflikt hat sich ausgeweitet zu einem Weltkrieg neuen Typs, der Konflikt ist bereits internationalisiert; die ihn propagandistisch zu verkleinern suchen , zu bagatellisieren, sind eben die, die ihn zu diesem Stand getrieben haben. Der imperialistische Charakter dieses Krieges als eines
Krieges zur Aufrechterhaltung der amerikanischen Vormachtstellung in der Welt , in Asien, Afrika, Europa und Südamerika wird bereits offen zugegeben. Johnson: »Einige Ratgeber benehmen sich, als ob Amerika eine kleine Nation mit wenigen Interessen sei und als ob die Ozeane doppelt so breit seien.« (Neue Zürcher Zeitung, 9. 10. ) »Ein kommunistischer Sieg in Südvietnam würde nicht nur ganz Südostasien, sondern auch lebenswichtige Interessen der Vereinigten Staaten bedrohen. « (N ZZ 1. 10. ) Vizepräsident Humphrey : »Die Vereinigten Staaten haben Soldaten in Vietnam stehen , weil die eigene Sicherheit der Vereinigten Staaten auf dem Spiel steht. Der Feind muß wissen, daß wir niemals aufgeben und dort bleiben werden, bis das Geschäft erledigt ist.« (NZZ 1.1 0.) Wer dem Krieg in Vietnam Zustimmung und Sympathie nicht verweigert, steht, ob er das will oder nicht, auf der Seite des amerikanischen Hegemoniestrebens in der Welt. In Saigon wurden im September und Anfang Oktober vier Zeitungen verboten, zwei Tageszeitungen auf unbestimmte Zeit, die liberale Tageszeitung »Saigon Bao« für 30 Tage und eine Ausgabe der amerikanischen Zeitung News Week ; sie wurden verboten wegen Beleidigung des Militärregimes und der Streitkräfte. In den USA wurden zur gleichen Zeit Hunderte von Anti-Vietnam-Demonstranten verhaftet. In Saigon, Washington und Berlin wurden Demonstranten mit Wasserwerfern, Gummiknüppeln und Bambusstöcken auseinandergetrieben. Die Gültigkeitserklärung der Wahlen in Südvietnam durch die Nationalversammlung wurde auf Anraten der Polizei in geheimer Abstimmung durchgeführt, nachdem bekannt geworden war, einige Abgeordnete hätten mit General Thieu diniert und dabei 50 Millionen Piaster kassiert. Die Berliner Zeitungen berichteten nach der großen Vietnamdemonstration am 21. Oktober ausführlich über den Dank des neuen Innensenators an die Polizei für gutes Verhalten während der Demonstration, ausführlich auch über die Zusammenstöße von kaum hundert Demonstranten am Abend auf dem Kurfürstendamm mit der Polizei, fast kein Wort aber über den Inhalt der Demonstration von über 10.000 Menschen und die Reden auf der Abschlußkundgebung. Der Gummiknüppel der Polizei, Verhaftungen, Beschlagnahmungen oder freiwilliges Verschweigen in den Zeitungen – wodurch demokratischer Journalismus zu administrativer Polizeiberichterstattung herabgewürdigt wird – ersetzen in den Demokratien des »freien Westens« zunehmend ebenso wie in Saigon die freie Diskussion, die rationale Auseinandersetzung über den Inhalt der Meinungsverschiedenheiten. Wer die Diskussion mit dem Gummiknüppel führt, wer die Berichterstattung über den Inhalt der Meinungsverschiedenheiten verweigert, wer der Bevölkerung die Tatsachen über den Charakter der amerikanischen Kriegsführung in Vietnam vorenthält, so daß die Demonstranten in den Augen der Bevölkerung, der Bild-Zeitungsleser, zu Idioten werden müssen, macht aus der Demokratie einen Polizeistaat, aus Staatsbürgern Befehlsempfänger. Man kann heute schon sagen, daß die Gegner des amerikanischen Krieges in Vietnam nicht deshalb in der Bundesrepublik eine Minderheit sind, weil die
Masse der Bevölkerung diesen Krieg befürwortet, sondern weil nur noch einigermaßen ausgebildete Leute, meist Intellektuelle, die Möglichkeit haben, sich ausführlich zu informieren, was bei der Bildungsstruktur der bundesdeutschen Bevölkerung allerdings nur von einer Minderheit geleistet werden kann.
Während General Westmoreland kürzlich erklärte: “Wir werden sie mit unseren ausgeklügelten Waffen, die sie sich nicht leisten können, so lange bearbeiten, bis sie nach Gnade winseln«, während amerikanische Militärs in Vietnam die Freigabe von weiteren 107 Bombenzielen in Nordvietnam fordern, während der Bombenkrieg längst auf die Zivilbevölkerung Nordvietnams übergegriffen hat, werden, wie verlautet, Jagdbomber Piloten der Bundeswehr in Vietnam ausgebildet, sollen noch in diesem Jahr 40 Hubschrauber der Bundesluftwaffe mit dem entsprechenden fliegerischen Personal in Vietnam eintreffen; sie sollen dort nicht nur ausgebildet werden, sondern auch selbst an Einsätzen zur Unterstützung der kämpfenden US-Truppe in Südvietnam beteiligt werden. Weit über hundert Millionen DM für diesen Krieg, Jagdbomberpiloten, Bundeswehr-Hubschrauber reihen die Bundesrepublik in die kriegführenden Staaten in Vietnam neben den USA, Australien, Neuseeland, Korea ein. Die Frage ist, ob die Opposition in den USA wie in der Bundesrepublik es sich unter diesen Umständen noch leisten kann, daß Johnson von ihr sagt, Meinungsverschiedenheiten dürften nicht mit mangelnder Loyalität, »einige Komitees« nicht mit dem Land, einige Reden nicht mit der offiziellen Politik der Regierung verwechselt werden, Unbehagen nicht mit Untreue, Beunruhigung nicht mit Ablehnung der Politik der Regierung. (NZZ I. und 2. 10.)

Die Frage ist, ob der Protest gegen diesen Krieg sich noch als demokratisches Alibi vereinnahmen lassen darf. Das Sterben von Frauen und Kindern, die Zerstörung von Krankenhäusern und Schulen, die Vernichtung von Ernten und lebenswichtigen Industrien – » bis sie nach Gnade winseln, bis das Geschäft erledigt ist« – macht es notwendig, nach der Effizienz oppositioneller Aktionen zu fragen, nach der Effizienz polizeilich erlaubter Demonstrationen, von einer Polizei erlaubt, die das Instrument einer Regierung ist, die Bundeswehrhubschrauber nach Vietnam schickt und die es selbstverständlich nicht zulassen wird, daß diese Demonstrationen die Politik der Regierung tatsächlich stören, wenn nicht gar verhindern. Wer begriffen hat, was in Vietnam los ist, fängt allmählich an, mit zusammengebissenen Zähnen und einem schlechten Gewissen herumzulaufen; fängt an zu begreifen, daß die
eigene Ohnmacht, diesen Krieg zu stoppen, zur Komplizenschaft wird mit denen, die ihn führen; fängt an zu begreifen, daß die Bevölkerung, die diesen Krieg nicht versteht, weil sie nicht über ihn informiert wird, deren Emotionen gegen die Demonstranten gehetzt werden, mißbraucht wird, entwürdigt, erniedrigt. In Berlin sind am 21. Oktober Flugblattraketen auf das Gelände der amerikanischen Soldaten geschossen worden, in denen die Soldaten aufgefordert werden, sich nicht nach Vietnam schicken zu lassen, statt dessen zu desertieren. Diese Methode der Agitation ist waghalsig, ihr haftet der Geruch der Illegalität an. Es sind Frauen und Kinder, Ernten und Industrien, es sind Menschen, deren Leben dadurch gerettet werden soll. Die den Mut haben, zu solchen Methoden oppositioneller Arbeit zu greifen, haben offenbar den Willen zur Effizienz. Darüber muß nachgedacht werden.

General Thieu: damals südvietnamesischer Regierungschef. –
General Westmoreland: Befehlshaber der in Vietnam eingesetzten
OS-Streitkräfte.

Erschienen 1967 in der Zeitschrift »Konkret«

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0 Kommentare zu Vietnam und die Deutschen

  1. Charlie sagt:

    Ich sollte nicht schreiben, was ich eigentlich schreiben will, daher nur dies: Solche brillanten JournalistInnen sind heute hundertfach vonnöten. Und es ist wieder einmal extrem deprimierend, dass sich in den vergangenen 45 Jahren tatsächlich nichts zum Positiven verändert hat – ganz im Gegenteil, denn heute gibt es nicht einmal mehr jene 10.000 Menschen, die gegen den Krieg und den ganzen Rest der widerlichen Entwicklungen demonstrieren. Heutzutage geht man gegen die Homo-Ehe auf die Straße …

    Was ist das für eine widerliche, verkommene Zeit, in der wir leben!

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  2. pantoufle sagt:

    Solche brillanten JournalistInnen sind heute hundertfach vonnöten.

    Deswegen habe ich ihren Artikel noch mal rausgekramt. Ein paar Namen, die Länder ausgetauscht und – ganz wichtig – den Namen der Autorin weglassen: Schon hat es eine Aktualität, daß einem schwindelig werden könnte. Leider gibt es viel zu viele, die nicht wissen wer Ulrike Meinhof war. Bei denen ist dieser Name nur noch ein Auslöser für einen Beißreflex – es gibt offenbar genügend Tugendwächter, die »den Terror der RAF« bereits im Mutterleib feststellen können. Das geht besonders gut dann, wenn man Ulrikes Artikel bestenfalls bis zur Überschrift liest.

    Wer begriffen hat, was in Vietnam los ist, fängt allmählich an, mit zusammengebissenen Zähnen und einem schlechten Gewissen herumzulaufen; fängt an zu begreifen, daß die eigene Ohnmacht, diesen Krieg zu stoppen, zur Komplizenschaft wird mit denen, die ihn führen;[…]

    Wenigstens bis dahin sollte man gelesen haben – als würde es irgend eine Rolle spielen, wer das geschrieben hat… Aber das hat eben nicht irgendwer geschrieben, sondern Ulrike Meinhof und es drückt perfekt aus, wie ich darüber denke. Die Aktualität macht mir Angst; daß keine 10.000 mehr auf die Straße gehen, macht mutlos.

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