Versuch über England

Prinz William Mountbatten-Windsor und Kate Middleton haben sich heute in der Westminster Abbey das Eheversprechen gegeben. Es war eine schöne, würdige Feier, bei der die Gemahlin des Prinzen die Kirche als königliche Hoheit, Herzogin von Cambridge verließ. Hunderttausende von Zuschauern sahen dem Ereignis bei durchaus annehmbarem Wetter jubelnd zu und wohl kaum jemand empfand den Aufwand als überteuerten, überflüssigen Pomp. Gemessen an den Problemen Englands besteht auch kein Anlass, sich über den verhältnismäßig lächerlichen Betrag, den das Ganze kostet, den geringsten Gedanken zu verschwenden. Der Thronfolger Englands hat eine schöne, intelligente Frau aus der Oberschicht zum Altar geführt, um mit ihr den Bund für das Leben zu schliessen.

Alle, die es gesehen haben, sollten es in guter Erinnerung behalten, denn sie werden es in dieser Form niemals wieder zu sehen bekommen.

Das Zeichen dieser Feier, die Monarchie ins einundzwanzigste Jahrhundert zu führen, soll die Tatsache überdecken, das es England gut anstände, das zwanzigste zu erreichen. Was die Touristen als pittoreskes Schauspiel betrachten, wenn sie die Wachablösung vor dem Palast, die Gründerzeitfassaden und die tausenden von Denkmälern englischer Geschichte bestaunen, ist tiefer im Alltag verwurzelt, als man sich das in einer Zeit eines geeinten Europas vorstellen mag.

Seit den Tagen Oliver Cromwells hat es in England keinen Versuch gegeben, am System der Monarchie und der Herrschaft der Eliten, die dieses Land regieren, grundlegend etwas zu ändern. Keine kriegerische Invasion, Eroberung oder Niederlage hat den Impuls eines Neuanfangs oder einer grundlegenden Reform gegeben. Die Menschen in diesem Land sind das, was sie seit Jahrhunderten waren: Keine freien Bürger einer Republik, sondern Untertanen ihrer Majestät. Die Kritik daran wächst nur zögerlich: zu tief steckt man in der Tradition und diese geschichtliche Kontinuität verschafft mehr ein Gefühl der Sicherheit, denn ein Unbehagen.

Der politische Einfluss des Königshauses mag heute gering sein – der Einfluss auf Alltag und Kultur ist es nicht.

Wenn im Vorfeld der Hochzeit in den Medien verzweifel nach einer Mehrheit für die Abschaffung der Monarchie gesucht wurde (die sich auch jetzt wieder nicht fand), vermisste man doch bei der Suche nach Zahlen Vergleiche zu Politikern und Wirtschaft. Sicherlich wäre das Königshaus bei einem derartigen Vergleich in der Beliebtheit der Engländer als leuchtender Sieger hervorgegangen.

Und genau diesen Politikern kommt denn auch die Hochzeit als hoch willkommene Ablenkung gelegen, um von den Problemen, in denen England steckt, abzulenken. Man ist verzweifelt genug, die Hochzeit als positives Moment für die kränkelnde Wirtschaft zu stilisieren – positive Wirtschaftsimpulse durch monarchistische Wohlfühlmomente.

Ob der Verkauf von William & Kate Tassen das Land aus der Krise führen wird, darf bezweifelt werden. Die dringend erforderliche Wahlrechtsreform, die den Einfluss eines schwächeren Koalitionspartners einer Regierung stärken würde, wird wohl nur in verwässerter Form beschlossen werden – das Interesse an politischer Beteiligung wird demnach nicht steigen. Der von den Liberalen vor der letzten Wahl geforderte Rückbau der überbordenden Überwachung der Bürger ( Verzeihung: Untertanen ) hat nicht stattgefunden: Im Gegenteil wird jene in einer Art und Weise ausgebaut, die England zu einem geistlosen und totalen Überwachungsstaat macht. Um die Schulden der sogenannten „Bankenkrise“ abzutragen, hält man sich schamlos ausschließlich an die Ärmsten. Die Axthiebe, mit denen man das soziale Netz im Moment bearbeitet, würden in keinem anderen Land in Europa so widerstandslos hingenommen werden. Die Eliten und das Kapital verteidigen ohne nennenswerten Widerstand ihren Platz.

In der Nacht vor der Hochzeit hat eine größer Menschenmenge in Bristol die Filiale der Supermarktkette Tesco in Brand gesteckt. Man wollte das als Kampf gegen das Establishment und den Kapitalismus verstanden wissen. Der britische Soziologe David Goldblatt erklärte das am Tag darauf im Guardian in einem Anfall exemplarischer Gegenwartsverdrängung folgendermaßen:

Banksy and Massive Attack didn’t come out of nowhere – there’s a reason why they are from Bristol,“ says sociologist and Bristolian David Goldblatt. He believes the latest riot is part of a larger history of the public taking over open spaces in the city, which dates back 700 years to the St James’s fair.The fair, held on free ground close to Stokes Croft, attracted people from all over Europe but was banned in 1837 after the drinking, gambling, bear baiting and prostitution became too much for the local aldermen.In 1831, three days of rioting erupted in Queen’s Square after the House of Lords rejected voting reform and in 1909 suffragette Theresa Garnett attacked Winston Churchill with a riding crop at Bristol Temple Meads station, shouting: „Take that in the name of the insulted women of England!“

Die Hochzeit in London wurde ohne Störungen beendet. England feierte sein Selbstverständnis, sein zukünftiges Königspaar und seine Sehnsucht nach einem viktorianischen Zeitalter mit einem Kabinett Disraeli.

In der Provinz

Ich bin zurück in meinem Zimmerchen über dem Pub, in dem ich jetzt schon fast 1 Jahr lebe, mitten im Nirgendwo auf dem Lande irgendwo in Bedfordshire. Olivia hat mich gesehen, lässt ihre Arbeit liegen und gibt erst mal ein Küsschen – erklärter Höhepunkt des Tages! Ein paar Freunde hätten ein Photoprojekt und ich wäre eingeladen, mitzumachen… irgend etwas von der Kunsthochschule und ich sollte ruhig auch kommen. Sara schenkt ohne Nachfrage ein Ale ein.

Die 3 alten Herren, Stammgäste wahrscheinlich seit Zeiten Neville Chamberlains, sitzen immer zur selben Zeit auf den selben Plätzen und fragen freundlich, wie denn mein Tag gewesen wäre – jeder weiß hier, was ich mache; von vielen weiß auch ich, was sie treiben. Phil hätte nach mir gefragt, grauhaariger Biker wie ich und jemand macht eine schnelle Bemerkung über Alter, Motorräder und England. Schnell eine Antwort – sofort fliegt irgend etwas zurück. Alles lacht – Humor als Volkssport. Diese glucksenden, friedfertigen Duelle mit dem Mundwerk sind eine meiner großen Freuden hier. Ob ich denn die Hochzeit gesehen hätte… natürlich! Alle hatten frei, kaum ein Geschäft offen und alles hing vor den Bildschirmen in den Pubs, auf denen heute weder Kricket noch Soccer lief. Dafür ein englischer Traum in Farben, Uniform und extravaganten Hüten.

Sara packt mich an den Schultern: Die Pferde! Diese Kutsche! Saras Gesichtausdruck legt nahe, das dort eine leere Kutsche mit mindestens 28 Pferden davor nur ihr zuliebe kleine Kreise gedreht hätte. Ja, eine Braut hätte es auch gegeben. Weiß, schön, würdevoll: Aber diese Pferde! Alles grinst und einer vom lebenden Inventar sagt etwas fachmännisches über die Kutsche, die meine Schätzung seines Alters um etwa 40 Jahre erhöht – also circa Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Und William hätte verdammt gut ausgesehen in seiner Uniform, den Sporen und den restlichen Merkmalen des Kolonialismus des vorletzten Jahrhunderts.
William ist Rettungsflieger und wird seine Tätigkeit für 2 Wochen unterbrechen – Flitterwochen! Alle der königlichen Familie haben einen bürgerlichen Beruf! Auch die Königin. Sie war Kraftfahrer im Krieg, im zweiten, nicht im Großen. Die einzige der königlichen Familie, die im Krieg gekämpft hat. Am Steuer. Nächstes Jahr feiert sie ihr sechzigstes Jahr als Souverän. Dann fehlen ihr noch 4 Jahre, um den Rekord von Königin Alexandrina Victoria zu brechen.

Die Königin? Hier wollen wir mal als Deutscher ganz, ganz stille sein! Ein anderer von den grauen steht auf, erhebt sein Glas und bringt einen Toast auf sie aus. Der Deutsche steht auch. Das ist das Mindeste, was man als Dank für die großartige Gastfreundschaft in diesem Land verlangen kann. Ich gestehe es an dieser Stelle: Ich bin aufgestanden und habe mich dem angeschlossen und auf das Wohl und ein langes Leben der Königin Elisabeth II getrunken. Ich wünschte, ich könnte aus meiner Haut, wünschte, ich könnte einige Dinge dieses Land so hassen, wie es richtig wäre – alles, was ich als Sozialist vertrete, verrate ich. Aber ich stehe auf, erhebe mein Glas auf die einzige Große in diesem Land: Die Königin – sie lebe hoch!

Was für ein verrücktes Land, was für großartige Menschen, was für ein unheilvoller Anachronismus!

Eine innere Stimme sagt mir, das sich eine Hochzeit wie diese nie wiederholen wird. Die Zeit ist vorbei, diese Monarchie hat sich überlebt. Die Clique der Mächtigen hat sich des Ritus, der Formalie bedient und nutzt sie für ihre Zwecke. Ich fühle mich als Kind des neunzehnten Jahrhunderts und habe einen unersetzbaren Verlust erlitten.

Ich liebe dieses Land und seine Menschen, bin wohlgelittener Gast und Verehrer seiner Geschichte.

Der ehemalige Feind weint über den Verlust einer Illusion.

Lang lebe die Königin!

Pantoufle

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0 Kommentare zu Versuch über England

  1. adi sagt:

    Schön von dir zu lesen Daniel. Liebe Grüße aus BS

    0

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