Vergessen

Che Guevara and Fidel Castro fishing, 1960

Vielleicht fragt sie mich nach der letzten Nacht. Es wäre ein Anfang gewesen. Sie blieb stumm, also tat ich es. Die Frage verwirrte sie scheinbar. Vielleicht hätte ich fragen sollen, ob jeder von uns einen Orgasmus hatte oder wir uns einen geteilt hätten. Wenn einer von uns einen gehabt hatte. Sie kramte die verstreut liegenden Kleidungsstücke zusammen und zog sich an. »Weißt Du das etwa nicht mehr?«
Ich konnte mich nicht erinnern.
Ich konnte mich an überhaupt nichts erinnern, was länger zurücklag als der Moment des Erwachens. Vor allem nicht an meinen Namen, was eigenartig war. Erstens, daß er mir nicht einfiel und zum anderen die Überzeugung, daß jeder einen haben mußte.

»Haben wir Kinder?« Das war der Moment, wo sie die Wohnung verließ. Sie hatte schon während der Zeremonie des Einkleidens kein Wort mehr mit mir gewechselt, nur vor sich hingeflüstert und mir böse Blicke zugeworfen. Nun warf sie die Tür mit Schwung hinter sich zu ohne sich noch einmal nach mir umgedreht zu haben. Hatte sie einen Schlüssel? Nicht, daß ich der Frage große Bedeutung beigemessen hätte, aber ein wenig interessiert hätte es mich schon.

Ich begann, diese Wohnung in der ich erwacht war zu durchsuchen, jedes Zimmer. Wenn Kinder hier wohnen würden, könnte man das ja sehen. An Spielzeugen, kleinen Betten und solchen Dingen. Kinder können ja schlecht auf dem Sofa schlafen. Obwohl: Da Sofas gemessen an der Größe von kleinen Kinder ja relativ groß sind, würde bereits ein Sofa reichen, um mindestens zwei Kinder zu beherbergen. Wenn man zwei Sofas gegeneinander aufstellen würde, reichte der Platz bereits für Vier und zusätzlich für ein besonders kleines Kind, das in der Mitte zwischen den Anderen schlafen könnte. Es würde sich also bei jeder Verdoppelung der Möbel eine geradezu logarithmische Menge an Kindern ergeben, die man unterbringen könnte. Ein Gedanke, bei dem mir schwindelig wurde. Nicht auszudenken, wenn es sich bei den Sofas um Kombinationsmöbel handeln würde, die sich ausklappen ließen. Wobei der Platzvorteil von Sofas gegenüber Kinderzimmern dann wieder geringer ausfallen würde.

Es fand sich ein Sofa, das zwar grün, aber ansonsten unbenutzt war. Zimmer, die auf die Anwesenheit von Kindern schließen ließen, waren auch nicht zu finden.
Ich trat auf der Stelle.

Daß im Nebenzimmer ein Fernseher stand, hatte ich auf meinem Rundgang gesehen. Daran konnte ich mich erinnern. Wenn man ihn einschalten würde, kämen Nachrichten. Dann würde man sich über irgend etwas aufregen. Man könnte sich daran erinnern, worüber man sich vorher schon einmal aufgeregt oder geärgert hat. Menschen lieben so etwas ja, sich aufregen. Was sie als ihr Leben betrachten ist zum guten Teil Aufregung und die Erinnerung daran. Zum Beispiel ein Karpfen blau, der in der Badewanne schwamm, bevor er geschlachtet wurde. Karpfen müssen frisch sein, bevor sie auf den Tisch kommen; tot natürlich. Große Aufregung, wer ihn nun vom lebenden in einen toten Karpfen verwandelt. Keiner reißt sich darum, aber auf die Badewanne will dauerhaft auch niemand verzichten.
Warum erinnere ich mich daran? Außerdem habe ich keine Badewanne – nur eine Dusche. Und ein Karpfen (ob blau oder nicht) ist ein viel zu großes Tier für eine Duschwanne. Er könnte darin nur seitlich liegen und dann wäre es eine Scholle. Maischolle. Wir haben aber November.
Ich mußte anders an die Sache herangehen.

Kein allgemeines Ärgernis, sondern ein ganz persönliches. Lebensmittelallergien oder sowas wie Lebertran und andere Gesundheitslügen. Nach mehrmaligem hin- und herschalten blieb die Aufmerksamkeit an einer Vorführung hängen, in der es um einen Nazi-Schatz ging. Zwar wußte ich was Nazis sind, aber nicht wer es mir erklärt hatte. Das war auch nicht so wichtig. Die Nazis waren sehr böse (ohne daß gezeigt wurde, wie böse tatsächlich) und die anderen waren unendlich gütig und edel. Es gefiel mir.
Einer der Nazis war nicht ganz so böse wie die anderen und die Guten versuchten ihn mit aller Gewalt auf ihre Seite zu ziehen. Der nicht ganz so böse Nazi hatte eine schwierige Kindheit gehabt, was als Erklärung dafür herhalten mußte, warum er Nazi geworden war. Die Guten erzählten ihm von seiner schwierigen Kindheit (eine Gute mit langen, roten Haaren war eine ehemalige Schulkameradin des nicht ganz so bösen Nazis gewesen… ob da noch mehr war zwischen den beiden, kam nicht so richtig heraus. Aber irgend etwas könnte immerhin gewesen sein. Jedenfalls wurde »er« immer sentimental wenn »sie« in einer Szene zusammen mit ihm auftauchte. Es könnte natürlich auch gewesen sein, daß die beiden Schauspieler, die den nicht ganz so bösen Nazi und die Schulkameradin darstellten ineinander verliebt waren. Wer weiß?) und dieser Nazi war sehr am Überlegen, ob er nicht vielleicht doch zu den anderen überlaufen sollte.

Kurz bevor der Nazi-Schatz gehoben und unter den Guten verteilt wurde, schlief ich ein. Nur sehr kurz, eine Gedankenpause lang und als ich erwachte, wurden gerade alle Nazis von der Polizei abgeführt. Bis auf den einen besagten. Er fehlte. Und die Rothaarige hatte schon wieder ihren ganz verträumten Gesichtsausdruck, als sie »Er war im Grunde kein schlechter Mensch – und wohl auch kein guter Nazi! Nicht Fisch – nicht Fleisch.« deklamierte. Das bedeutete, daß er mit der Handlung nichts mehr zu tun hatte. Tot vermutlich.
An meinen Namen erinnerte ich mich immer noch nicht.

Wenn ich die Wohnung verließe und spazieren ginge, könnte sich vielleicht irgend jemand, der mir über den Weg lief, an mich erinnern. Vielleicht hatte auch ich eine schwere Kindheit. Man weiß ja nie.
Die vier Personen, die ich auf der Straße auf ihre Kindheit angesprochen hatte, behaupteten jeder eine besonders schwere durchlebt zu haben. Meine Hoffnung schwand, loderte aber auf, als mich ein paar freundliche Augen ansahen, die von einer Flut roter Haare umrahmt wurden. Zwar war ich kein Nazi, konnte mich auch an keine Verbrecherkarriere oder eine Heldentat erinnern, aber das mußte ja nichts bedeuten. »Kennen Sie mich?« Die rothaarige Frau musterte mich sehr lange. »Nein, ich denke nicht. Leider. Aber ich könnte Sie sehr, sehr glücklich machen, wenn Sie das wollten!«

Ich dachte kurz nach. Im Grunde fühlte ich mich wohl bei dem Gedanken, all das, was man seine persönliche Geschichte nennt, nicht zu kennen. Ich hatte keinen Hunger, keinen Durst, es war warm und so bedankte ich mich für das freundliche Angebot. Gerne würde ich bei Bedarf darauf zurückkommen: Ich wäre aber bereits sehr, sehr glücklich. Wir plauderten noch eine Weile über Kleinigkeiten des Lebens, an die ich keine Erinnerung hatte, bis ich mich entschloß ein Eis essen zu gehen.

Ich bildete mir ein mich daran erinnern zu können das immer schon gerne gemacht zu haben.

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0 Kommentare zu Vergessen

  1. DasKleineTeilchen sagt:

    schöner einstieg in die akzeptanz der vergänglichkeit und schönheit des augenblicks, ungeachtet der verschwendung von leben, dem jagen nach materiellem glück und egobefriedigung ohne sinn.

    ist wohl etwas mehr der letzen tage in den text eingeflossen, hm?

    thnx4

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  2. Ein Freund sagt:

    Nett, allerdings:
    Scheinbar bezeichnet, dass etwas nicht der Fall ist, obwohl es so scheint, sodass der Anschein zu einer Täuschung führt (Quelle: Wiki)

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  3. Publicviewer sagt:

    Ja, man sollte ab und zu mal die Sichtweise hinterfragen… 😉

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  4. Stony sagt:

    »Wenn ich die Wohnung verließe…«

    Vllt. magst du da nochmal drübergehen.
    (Nicht, daß es heißt, ich mache nur bei flatter den Horst.)

    ***

    btw: Ich weiß immer, wo und wer ich bin!

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    • pantoufle sagt:

      Der Konjunktiv, der da so gefühlvoll reinschlägt? Find ich gut.
      (aktives Präteritum)

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      • Stony sagt:

        Nöö, das zwofach verwendete „sich“ – liest sich seltsam. 😉

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        • pantoufle sagt:

          Danke! Vollkommen richtig.

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          • Stony sagt:

            Ah, besser – man muß schließlich auch an die Leser in 500 Jahren denken, was sollten die sonst von einem halten… 🙂

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          • pantoufle sagt:

            Bis dahin wird sich der dem Präkariat zustehende Zeichensatz auf 10 Smilys reduziert haben.

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          • Stony sagt:

            Aaaarrgh! Dystopie – schnell, überschüttet ihn mit Liebe!

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          • DasKleineTeilchen sagt:

            again?! gemeinsame kinder anbieten ist doch schon das maximum! was denn noch?

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          • Stony sagt:

            @DKT: Hmm, so wie man Zahnweh mit einem festen Tritt vors Schienbein bekämpft? Könnte funzen…

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          • pantoufle sagt:

            Nix Weltschmerz, Ihr beiden. Ganz normaler Kampf gegen den Alltag. Der ist allerdings im Moment ziemlich gegen mich. Einer dieser Gelegenheiten, wo man das Stilett der Diplomatie gegen den Flammenwerfer tauscht.

            Alles dafür Nötige habe ich noch da: Frank Zappas yellow Shark (was ich gerade höre) und 3 Flaschen mittelprächtigen Weines.

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          • Stony sagt:

            Uff, das war knapp – ich wollte gerade beginnen dir als kleine Aufheiterung hier die Hypnerotomachia Poliphili reinzukritzeln. Die Holzschnitte in ASCII selbstverfreilich! Man, wär das ’ne Sauerei geworden…

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  5. waswegmuss sagt:

    Ich hätte da einen Füssli genommen.
    http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/8/8d/Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_053.jpg/640px-Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_053.jpg

    So rachitisch wie ebenda der leibhaftige T-Shirt-Aufdruck wirkte der Mahr nun doch nicht.

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  6. pantoufle sagt:

    Gerade die Musik gewechselt. Welche mit den richtigen, den falschen und noch ein paar anderen Drogen

    Jetzt, KleinesTeilchen, darfste interpretieren 😀

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    • DasKleineTeilchen sagt:

      ausgehend vom titel ist da nicht viel zu interpretieren *grins*

      (die jungs sehn hier wirklich nach min. 48h proberaumsession am stück aus)

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  7. Joachim sagt:

    Drei Flaschen mittelprächtiger Wein? Dann könnte ich mich auch nicht mehr an etwas erinnern.
    Auf der anderen Seite, ich kann mich sowieso nicht erinnern oder genauer: nicht wundern.

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