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Die Titanic hat gesagt, das soll geteilt werden. Na denn...

Die Titanic hat gesagt, das soll geteilt werden. Na denn…

Zwei Tage nach den Morden in der Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo »läuft der Zugriff«. Was unter dem zeitlichen Druck der Tagesthemen beim Tatort in fünf Minuten abgehandelt wird, dauert in der freien Wildbahn wohl etwas länger. Nach zwei Tagen Schießerei und Verfolgungsjagd haben sich die mutmaßlichen Täter in einer Druckerei verschanzt. Ausgerechnet eine Druckerei. Eine Moschee, eine Kirche – meinetwegen auch ein läppischer Supermarkt, aber eine Druckerei? O.k.: Vielleicht gab es da kein Aldi. Das kann vorkommen. Dann werden sie eben in einer Druckerei erschossen. Unter einer Druckerpresse. Nun ja: Wenn´s nichts zu lachen gibt, kommt keiner zur Beerdigung.

Die angeblich wahren Schuldigen auszumachen und in Kollektivhaft zu nehmen, ging schneller. Während das christliche Abendland in Ruhe vor dem Fernseher die Verfolgungsjagd miterleben durfte, waren führende Repräsentanten der Muslime damit beschäftigt, sich in aller Entschiedenheit zu distanzieren. Eine Distanzierung, die man sich vom Abendland (Sektion Deutschland) im Falle von NSU und anderen Terrorakten auch gewünscht hätte. Hoyerswerda, Solingen, Rostok-Lichtenhagen, Möln – Verschärfung der Asylgesetzgebung. Immerhin auch ein Statement.

»Wir sind das Volk und das sind unsere Leichen!« Wenn die Lügenpresse eines gewaltsamen Todes stirbt, will man mal nicht so sein. »All diejenigen, die bisher die Sorgen der Menschen vor einer drohenden Gefahr durch Islamismus ignoriert oder verlacht haben, werden durch diese Bluttat Lügen gestraft.« Alexander Gauland von der AFD mit der Pegida als Ordonnanzwaffe sieht die Morgenröte für den nächsten Montag. Eigentlich wäre Jubel angebracht, denn kaum spazieren gegangen, am Rande noch ein paar Migranten verprügelt, schien die Bewegung sichtbar an Dynamik zu verlieren. So aber könnte das vergossene Pariser Spenderblut bei den rechten Spinnern lebensrettend wirken – wer fragt da noch nach der Blutgruppe?

Wo so viel Volk die Trommel schlägt, ist die CSU nicht weit. Zwischen Alpental und Weißwurst in Wildbad Kreuth positioniert man sich wenigstens auf dem Papier. Bullshitbingo mit trauerumflorter Stimme: »Keine Toleranz gegenüber islamistischem Terrorismus, barbarischer Akt, dringendst erforderlich, auch in Deutschland, endlich liefern«. Man sieht den CSU-Innenexperten Hans-Peter Uhl förmlich Seite an Seite mit einem französischen Polizisten im Feuergefecht mit den gestellten Mördern liegen: »Mit der Vorratsdatenspeicherung wäre das nicht passiert!« »Merde!«
Knödel statt Döner und die Resolution 2178 des UN-Sicherheitsrates. Die Abschaffung der Worte Partisan und Freiheitsbewegung unter dem Teppich des Grundgesetzes. Alles, was die Geschäfte stört, sei ein Terrorist. Man verbietet einfach die Verwendung der Begriffe Sonnenschein, Regen und Schnee und ersetze sie durch »Wetter«. Das wird dem IS ungeheuer imponieren. Und erst recht dem besorgten Bürger. Man könne 18.000 Menschen nicht ignorieren, »man muss die Ängste der Menschen ernst nehmen und mit ihnen reden.« An der Menschenkette am 10.9.2010 gegen den Bahnhof Stuttgart21 beteiligten sich nach Angaben des Veranstalters 69.112 Menschen, im Oktober rund 100.000. Bei der dabei nötigen Diskussion setzte die Polizei Schlagstöcke, Wasserwerfer und Pfefferspray ein.

Heute vor 125 Jahren wurde Kurt Tucholsky geboren.

Der Mensch

Kaspar Hauser, Weltbühne 24,
16. 6. 1931

Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenns ihm gut geht, und eine, wenns ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion. Der Mensch ist ein Wirbeltier und hat eine unsterbliche Seele, sowie auch ein Vaterland, damit er nicht zu übermütig wird.

Der Mensch wird auf natürlichem Wege hergestellt, doch empfindet er dies als unnatürlich und spricht nicht gern davon. Er wird gemacht, hingegen nicht gefragt, ob er auch gemacht werden wolle.

Der Mensch ist ein nützliches Lebewesen, weil er dazu dient, durch den Soldatentod Petroleumaktien in die Höhe zu treiben, durch Bergmannstod den Profit der Grubenherren zu erhöhen, sowie Kultur, Kunst und Wissenschaft. Der Mensch hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören. Man könnte den Menschen geradezu als ein Wesen definieren, das nie zuhört. Wenn er weise ist, tut er damit recht: denn Gescheites bekommt er nur selten zu hören. Sehr gern hören Menschen: Versprechungen, Schmeicheleien, Anerkennungen und Komplimente. Bei Schmeicheleien empfiehlt es sich, immer drei Nummern gröber zu verfahren als man es gerade noch für möglich hält. Der Mensch gönnt seiner Gattung nichts, daher hat er die Gesetze erfunden. Er darf nicht, also sollen die anderen auch nicht.

Um sich auf einen Menschen zu verlassen, tut man gut, sich auf ihn zu setzen; man ist dann wenigstens für diese Zeit sicher, daß er nicht davonläuft. Manche verlassen sich auch auf den Charakter.

Der Mensch zerfällt in zwei Teile:

In einen männlichen, der nicht denken will, und in einen weiblichen, der nicht denken kann. Beide haben sogenannte Gefühle: man ruft diese am sichersten dadurch hervor, daß man gewisse Nervenpunkte des Organismus in Funktion setzt. In diesen Fällen sondern manche Menschen Lyrik ab. Der Mensch ist ein pflanzen- und fleischfressendes Wesen; auf Nordpolfahrten frißt er hier und da auch Exemplare seiner eigenen Gattung; doch wird das durch den Faschismus wieder ausgeglichen. Der Mensch ist ein politisches Geschöpf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen haßt die anderen Klumpen, weil sie die anderen sind, und haßt die eigenen, weil sie die eigenen sind. Den letzteren Hass nennt man Patriotismus.

Jeder Mensch hat eine Leber, eine Milz, eine Lunge und eine Fahne; sämtliche vier Organe sind lebenswichtig. Es soll Menschen ohne Leber, ohne Milz und mit halber Lunge geben; Menschen ohne Fahne gibt es nicht. Schwache Fortpflanzungstätigkeit facht der Mensch gern an, und dazu hat er mancherlei Mittel: den Stierkampf, das Verbrechen, den Sport und die Gerichtspflege.

Menschen miteinander gibt es nicht. Es gibt nur Menschen, die herrschen, und solche, die beherrscht werden. Doch hat noch niemand sich selber beherrscht; weil der opponierende Sklave immer mächtiger ist als der regierungssüchtige Herr. Jeder Mensch ist sich selber unterlegen.

Wenn der Mensch fühlt, daß er nicht mehr hinten hoch kann, wird er fromm und weise; er verzichtet dann auf die sauren Trauben der Welt. Dieses nennt man innere Einkehr. Die verschiedenen Altersstufen des Menschen halten einander für verschiedene Rassen: Alte haben gewöhnlich vergessen, daß sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, daß sie alt sind, und Junge begreifen nie, daß sie alt werden können.

Der Mensch möchte nicht gern sterben, weil er nicht weiß, was dann kommt. Bildet er sich ein, es zu wissen, dann möchte er es auch nicht gern; weil er das Alte noch ein wenig mitmachen will. Ein wenig heißt hier: ewig.

Im übrigen ist der Mensch ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen läßt. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot.

Neben den Menschen gibt es noch Sachsen und Amerikaner, aber die haben wir noch nicht gehabt und bekommen Zoologie erst in der nächsten Klasse.

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0 Kommentare zu Verfolgen Sie die Ereignisse im Liveticker

  1. waswegmuss sagt:

    Zu dem aufgeschraubten Selbstkasteiungsdrang einfacher deutscher Leute fällt mir auch ein Tucho ein:
    “Lichtenau; Sonntag. Bei uns dreien möpselt es heute heftig nach.”
    (http://www.textlog.de/tucholsky-wirtshaus.html)

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  2. da]v[ax sagt:

    Guter Text. Also deiner jetzt. Der andere ist mir zu lang 😛 kleines Detail am Rande: Frankreich hat seit 2006 eine VDS.

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    • lazarus09 sagt:

      Da sind Precrime wohl die Precogs eingepennt … VDS taugt eben zu allem nur nicht für seine Daseinsbegründung .. mein Beileid gilt den Angehörigen der Opfer mein Hohn und Spott den heuchelnden neoliberalen Nato Mainstream-Staatsmedien die das Drama sofort für ihre Zwecke ausschlachten von Angriff auf die Pressefreiheit bis Terror-Schlag gegen die Grande Nation, auch hierzulande warnt man, was sonst vor einem solchen Terroranschlag und in Besserdeutschland sowieso .. Maßnahmen zu “unser” aller Wohl und Sicherheit werden folgen .. Sorry for the inconvenience… !!

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  3. altautonomer sagt:

    Das erinnert ein wenig oder auch etwas mehr an ein nicht so lange zurückliegendes Ereignis.

    Bei dem Anschlag auf den Marathon im April 2013 waren drei Menschen umgekommen, mehr als 260 wurden verletzt. Zarnajew und sein älterer Bruder Tamerlan, die das Attentat nach Auffassung der Anklage gemeinsam ausführten, lieferten sich eine viertägige Verfolgungsjagd mit der Polizei. Auf ihrer Flucht erschossen die Brüder einen Polizisten. Tamerlan starb bei der Jagd, Dschochar wurde verletzt und gefasst. Ihm droht die Todesstrafe.

    Dschochar Zarnajew habe eine Nachricht hinterlassen, die auf dem Boot in Boston gefunden wurde. Auf ihm hatte er sich während der Verfolgung durch die Polizei versteckt. Die Opfer des Marathons seien ebenso Kollateralschäden wie Muslime in den Kriegen in Afghanistan und im Irak. Jeder Angriff auf einen Muslim sei ein Angriff auf alle Muslime, zitierten die Medien den Ermittler. Ähnliches habe ihnen Zarnajew auch im Krankenhaus erzählt.

    Dschochar Zarnajew soll zudem geschrieben haben, dass er seinen Bruder nicht vermissen und ihm bald als Märtyrer ins Paradies folgen würde.

    Einer der mutmaßlichen Attentäter von Paris soll gesagt haben, dass ihn die Bilder der Folterungen in Guantanamo radikalisiert hätten.

    Insofern bekommt Gysis Behauptung im Zusammenhang mit der Forderung nach Rückzug der Bundeswehr aus Afghansistan, jeder tote Kämpfer von Al Kaida etc. in Afghanistan erzeuge mehrere zornige “Rächer” nachträgliche Bestätigung.

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  4. pantoufle sagt:

    @daMax
    «Frankreich hat seit 2006 eine VDS.«
    Deswegen fiel der Kommentar des Polizisten ja so prägnant kurz aus 😛

    @Lazarus
    es ist ja alles noch viel, viel, viiiiel schlimmer! Das Ende ist sozusagen nicht nahe, sondern war gestern, während wir heute bereits einen guten Schritt weiter sind.
    Dank Bild-Online!
    Wir werden nämlich alle nicht nur sterben, sondern ganz besonders schrecklich sterben.
    Dank Bild-Online!
    Die Einzigen, die uns vor dem Sterben bewahren können, ist die NSA. Edward Snowden muß sofort den Russen ausgeliefert werden, Tante Tilly hat Aids, Duracell hält überhaupt nicht länger und Nescafé – Alfredo hatte sehr wohl einen Führerschein!
    All das wußte nur niemand, aber dafür gibt es zum Glück Bild-Online und die CIA. Tausende – ach was sagt ich: Millionen! – verhinderte Attentate dank Bild-Online.
    So höret selber:

    Snowden konnte nur zum Helden werden, weil Millionen Menschen in Europa nicht an die Bedrohung geglaubt haben, die nun in Paris real wurde. Weil sie diese ständige Bedrohung für eine Erfindung allmächtiger Dienste hielten.

    „Man kann davon ausgehen, dass die meisten Menschen, die dieser Tage wegen des Massakers in Paris auf die Straße gehen, Edward Snowden 2013 für einen Helden hielten, weil er die NSA bestohlen hatte – das weltweit wichtigste Überwachungsinstrument, um Terroristen ausfindig zu machen, bevor sie töten“, schreibt das „Wall Street Journal“.

    Die vergangenen zwei Tage habe ich in Washington D.C. verbracht und dort für Sie recherchiert, wie US-Geheimdienstler und Militärs mit jahrelanger Erfahrung in der Terrorismusbekämpfung auf die Anschläge von Paris und die Sicherheit Europas blicken.
    Ihre Analyse ist furchterregend!
    Alle drei sagen weitere Anschläge nach dem Muster von Paris voraus.
    Alle drei sagen, dass es nie zuvor in Europa so viele, militärisch so gut ausgebildete und kampferprobte, so radikalisierte junge Männer gegeben hat.
    Und alle drei sind sich einig, dass niemand der Verhinderung von Terroranschlägen so sehr geschadet hat wie Edward Snowden mit all dem, was er über technische Überwachung enthüllt hat.[…]
    Der Westen befindet sich im Krieg gegen den islamistischen Terrorismus. Und im Krieg geht es darum, den Feind so gezielt wie möglich zu töten.
    Wir, der Westen, haben diesen Krieg weder gewollt, noch begonnen. […]
    Er ist uns ausdrücklich erklärt worden und mit unerbittlicher Regelmäßigkeit. Wo und wann immer er kann, kommt unser Feind dieser Erklärung blutig nach. Wir haben es mit einer Vernichtungsideologie und Menschen zu tun, die nicht verhandeln wollen. Sie wollen jeden Ungläubigen entweder zu ihrem Glauben übertreten oder tot sehen. […]
    Die Methoden in diesem langen Krieg gegen den Terrorismus sind nicht schön, aber notwendig – und geboten.

    Da staunste, wa?

    @altautonomer

    Ich möchte nicht wissen, wieviele radikalisierten Rächer des Morgenlandes die neokolonialistische Politik der letzten 70 Jahre zum Handeln gebracht hat. Diejenigen darunter, die aus rein religiösen Motiven gehandelt haben, werden eine verschwindende Minderheit sein; irgend etwas im Promillebereich.
    Mich würde ebenfalls der Prozentsatz derjenigen interessieren, die nicht die geringste Ahnung haben, warum sie das eigentlich machen sollen und deren Motive irgendwo zwischen Abenteuer und Enttäuschung über die eigene Bedeutungslosigkeit liegen. Durchaus positive Eigenschaften wie Altruismus, Aufopferung für den Nächsten oder Heldenmut kommen in der Natur so extrem selten vor, daß sie die Menge an angeblich religiös Fanatisierter unmöglich erklären können.

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    • lazarus09 sagt:

      For fuck’s sake, mate! Wir werden tausend Tode sterben, beim Barte des Propheten. Nur Sackratten, Pest,Typhus und Fusspilz Totalüberwachung kann uns noch retten !11!

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  5. Thelonious sagt:

    Jaaha, jetzt fordern alle eine glaubwürdige Distanzierung von den Arabern, Türken, Pakistani, Agyptern, Bosniern und was sonst so als Islami durchgeht. In der Politik und den Massenmedien sowieso, aber auch am Stammtisch von von Kleinaspach oder Schrotzberg. Und in vielen blogs. „Eine klare Distanzierung“, darunter kommt er uns nicht aus. Der Islami. Der rotzfreche. Dabei muss man zur Distanzierung doch mal Nahe gestanden haben. Danach fragen die wenigsten.

    Und glaubwürdig muss sie sein. Die Distanzierung. Sonst was? Wer sich nicht glaubwürdig distanziert wird abgeschoben oder kommt gleich hier ins Lager? Warum distanziert sich Marine Le Pen nicht von ihrem Vater? Der hat Unschuldige gefoltert als Fremdenlegionär. Das ist gerichtlich nachgewiesen. Aber der hat nur Frankreich und die abendländische Kultur verteidigt. Und zu der gehört Folter dazu. Kein Grund zur Distanzierung.

    Aber Frau Merkel hat sich damals vom NSU distanziert. „Die Mordserie ist eine Schande, das ist beschämend“, hat sie gesagt. Merkwürdig, ich schäme mich nur für meine eigenen Taten, die ich selbst zu verantworten habe oder für die Taten von Leuten, denen ich mich verbunden fühle. „Wir – das Parlament – sind zutiefst beschämt, dass nach den ungeheuren Verbrechen des NS-Regimes rechtsextremistische Ideologie in unserem Lande eine blutige Spur unvorstellbarer Mordtaten hervorbringt.“ Bestürzt hätte sie sein können oder vielleicht auch entsetzt aber doch nicht beschämt. Oder fühlte sie sich dem Trio doch verbunden?

    Aber wie auch immer, Bestürzung und Entsetzen helfen nicht beim Nachdenken über die Ursachen und deren eventuelle Beseitigung. Damit man sich eben nicht mehr fassungslos die Augen reibt und nach Distanzierung ruft.

    Und natürlich hilft das ganze Pegida. So what. Sind es eben 20.000 statt 18.000. Oder 25.000 aber die waren schon vorher da und hatte nur keine Lust oder es kam etwas dazwischen. „Neben den Menschen gibt es noch Sachsen …“, um dein Zitat zu zitieren. Wichtig ist die Zeit zum Nachdenken. Zum Klarheit verschaffen; über den Zusammenhang zwischen der ganz gewöhnlichen, von der Ausländerpolitik je nach Konjunktur immer wieder angeheizten Ausländerfeindlichkeit „guter Deutscher“ und jener Islamkritik, die Politik nicht mehr den regierenden Demokraten überlassen, sondern in die eigenen Hände nehmen will. Ist das tatsächlich eine weitere Manifestation der politischen und gesellschaftlichen Erosion? So wie der Anschlag von Paris es in einer anderen Form sein könnte. Oder ist es doch nur business as usual?

    Diese Fragen werden wir uns wohl selbst beantworten müssen. Denn das Attentat lässt sich so schön instrumentalisieren und all diejenigen, die es nutzen, wollen sich ihr Spielzeug doch nicht durch einen Diskurs kaputt machen lassen.

    Neulich habe ich mich mit einem Bekannten gestritten, der tatsächlich sagte: „Ich habe Angst, dass mir ein Islamist hier mal den Kopf abschlägt.“ Heute rief er mich triumphierend an und sagte „Siehst du, ich hatte Recht.“ „Hattest du nicht, die Leute wurden erschossen und nicht enthauptet.“ Dann habe ich aufgelegt. Aber auf solch ein Gewäsch können wir uns die nächsten 14 Tage einstellen. Aber dann findet sich eine neue Sau. Nur die Folgen sind verheerend.

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    • pantoufle sagt:

      Moin Thelonious

      Seit 48 Stunden stolpere ich nun durchs Netz und sehe mir ein Schauspiel an, daß in allen Details einer sattsam bekannten und wenig überraschenden Inszenierung folgt. Der oder die Drehbuchschreiber wären aus jeder Vormittags – Soap bei einem beliebigen Schamhaarsender achtkantig geflogen.
      Was zu erwarten war: Nett gemeinte Verschwörungstheorien, auch wenn die in ihrer Schlichtheit kaum mehr zu überbieten sind. Sozusagen inverse Islamophobie: Niemand hätte sich über die Erschießung der Mörder gewundert, hätte es sich um einfache Bankräuber mit Geiselnahme gehandelt. Ist der Bankräuber Muslim, kann das dagegen nicht koscher sein. Oder halal oder wie das heißt.

      Die Trauerzeit und das obligatorische Innehalten hält sich ebenfalls in Grenzen. Während die Kugel des finalen Rettungsschusses gerade den Lauf verließ, startet das BKA »einen Alarmplan mit Sofortmaßnahmen«. Gegen die Gefährder. »Wenn wir die Sicherheitslage in Deutschland verbessern wollen, brauchen wir mehr Observationsteams«. Wegen der Massenvernichtungswaffen. Man hat zwar keine Anhaltspunkte, aber Personalmangel und Minderwertigkeitskomplexe, weil man noch nie etwas verhindert hat. Immer nur den Verkehr regeln ist eben auch scheiße.
      »Unsere Gedanken sind voll und ganz bei den Hinterbliebenen und Freunden der Opfer. Niemand kann die überwältigende Zahl der in Deutschland lebenden Muslime für diesen Anschlag zur Verantwortung ziehen – aber so geht’s ja nun auch nicht!«

      Man muß das einfach als B-Movie betrachten. Dagegen kann man nichts machen, weil der Streifen bereits abgedreht und in den Kinos ist. Die Werbung läuft und die T-Shirts sind im Handel. Sie werden immer nach mehr Überwachung und Personal schreien – egal ob in der Nordsee eine Bohrinsel im Sturm sinkt oder ein Durchgeknallter um sich schießt. Wahrscheinlich erleben wir gerade das Ende des Abendlandes in Abwandlung des alten Witzes »Ich möchte friedlich schlafend sterben wie mein Großvater und nicht kreischend und schreiend wie sein Beifahrer«. Das hat man davon, wenn man beizeiten zu faul oder zu dumm war, selber den Führerschein zu machen.

      Warum ich mir da recht sicher bin? Es ist die Selbstverständlichkeit der Begriffe, die sich erst in unseren Wortschatz und dann in die Sinne bohren. Der Gefährder, Islamist, Terror (als Universal-Reinigungsmittel), Sicherheitslage, verdeckte Aufklärung, relevante Personen…
      Der Tunnelblick der Generation 9/11, der vor den einfachsten Zusammenhängen zurückschreckt und sich statt dessen an die stolperigen Proklamationen der Propheten der Sicherheit hält. Wann hat eigentlich die Aufklärung als gesellschaftliches Prinzip aufgehört zu existieren? Oder Suizid begangen?

      »Eingespannt in die herrschende Produktionsweise löst die Aufklärung, die zur Unterminierung der repressiv gewordenen Ordnung strebt, sich selber auf. In den frühen Angriffen auf Kant, den Alleszermalmer, welche die gängige Aufklärung unternahm, ist das schon ausgedrückt. Wie Kants Moralphilosophie seine aufklärerische Kritik begrenzte, um die Möglichkeit der Vernunft zu retten, so strebte umgekehrt das unreflektiert aufgeklärte Denken aus Selbsterhaltung stets danach. sich selbst in Skeptizismus aufzuheben, um für die bestehende Ordnung genügend Platz zu bekommen.«

      Adorno/Horkheimer

      Nicht, daß ich… na ja: Du weißt schon! Eigentlich gar nicht meine Baustelle, aber sehr schön auf den Punkt gebracht.

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      • lazarus09 sagt:

        Schoppenhauer sagte ” die Erkenntnisfähigkeit der meisten Menschen ist nachhaltig durch ihre eigene Willensbildung blockiert ” oder einfacher:” so manch einer ist sich beim Denken selbst im Weg ..” 😉

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  6. altautonomer sagt:

    flatter macht zu Recht auf Fakten aufmerksam, die eine andere, als die offizielle Version zulassen.
    Da warte ich diesmal entspannt auf weitere Informationen und Recherchen.

    Ich erinnere aber noch einmal an das Boston-Attentat 4/2014, nach dem in vielen Blogs mit Inbrunst dere Überzeugung von “false flag” die Rede war. Hab mich auch davon inspirieren lassen. Es exisitieren noch jede mMenge Youtube-Videos, die dies angeblich belegen. Und………….?

    Richtige Verschwörungstheoratiker erkennt man daran, dass sie einen atomaren Abwehrschirm im All verlangen, damit Aliens nicht die deutsche Getreideernte vernichten (Kornkreise!!!!!).;-)

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    • lazarus09 sagt:

      Moin Altauto, ich denke mal es spielt fast keine Rolle mehr, abgesehen von Rechtsfragen, ob die Aktion von Idioten , religiös Verblendeten, von sonst wem Angestifteten oder irgendeinem Geheimdienst irgendeines Staates ausgeführt wurde , was medial daraus gemacht und wie es für Regime Zwecke instrumentalisiert wird , das ist das was ankotzt.

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      • DasKleineTeilchen sagt:

        ouuhhh yeah! und es spielt tatsächlich keine rolle mehr. was allerdings eine rolle spielt; menschen werden gewaltsam getötet. for absolutly fucking nothing than meaningless propaganda for madness itself.

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  7. lazarus09 sagt:

    Moin .. ich will ma gerade mein Kommentar hier rein kopieren –>

    The Guardian schreibt … -> An estimated 1 million people are expected to converge on central Paris for the Unity March joining in solidarity with the 17 victims of last week’s terrorist attacks ..

    WOoooOOOHOOooooW wo sind die wenn es um Sozialabbau und das in Armut prügeln der Lohnabhängigen geht ..?
    Propaganda, Framing, Massenverblödung bei gleichzeitiger Ignoranz und Denkfaulheit in der Herde … Frei nach Hannibal Smith : “I love it when a plan comes together”

    ..wie man die Leute doch verarschen und davon abhalten kann sich um das zu kümmern was sie wirklich angeht und betrifft. Ich bin übrigens nicht Charly 😉

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  8. pantoufle sagt:

    Moin Lazarus

    »Ich bin übrigens nicht Charly«
    Macht nichts. Das ist eine »kann«-Vorschrift. Ich habe aus persönlicher Solidarität zur schreibenden Zunft halbmast geflaggt. Wer da noch alles mitläuft (Innenminister, Pegida, Nazis, Trolle) ist mir ziemlich schnuppe. Genau genommen ist mir auch vollkommen gleichgültig, wer da letztendlich geschossen hat. Wie ich schon bei Flatter bemerkte: Schießen ist grundsätzlich nicht. Das ist so etwas wie die Hausregel der pazifistischen Schrottpresse. Nun könnte man den Vorwurf erheben, daß man in dem Fall jeden dritten Tag die Fahne niederholen muß – das ist zugegeben ein Problem. Vieles sieht man nicht, noch mehr kann man nicht wissen und der Volkstrauertag in HTML möchte ich auch nicht sein. Also bezieht man sich auf das, was einem nahegeht.

    Es besteht im Netz ohnehin die Gefahr, daß man – fängt man einmal an, sich mit irgend etwas zu solidarisieren – sofort von allen Seiten zu hören bekommt, mit wem man sich gefälligst ebenfalls zu verbünden hat und mit wem auf keinen Fall. Die Tugendwächter der politischen Ethik sind 48 Stunden am Tag im Dienst. Man kann sich von ihnen nervös machen lassen, muß es aber nicht.

    Charlie Hebdo – von denen ich tatsächlich zuvor schon Exemplare in der Hand hatte – gefällt mir im Übrigen überhaupt nicht. Das Blatt ist mir zu plump und zu krawallig. Mag sein, daß der Humor der Frogs anders ist, man es mit deren Augen lesen muß…
    Das aber spielt für mich keine Rolle. Es ist so etwa wie Bücher verbrennen; oder die Bestätigung, daß diejenigen, die es tun, auch vor Menschen nicht haltmachen. Katastrophe Nr.2 ist natürlich auch, daß diejenigen, die in aller Eile mal eben ein neues »Sicherheitspaket« zusammenstoppelten, nun an der Spitze des Trauerzuges das Tempo bestimmen. Das ist schon Leichenschändung besonderer Güte. Ich möchte nicht wissen, was die Zeichner von Charlie Hebdo daraus gemacht hätten.

    Aber all das hat mit dem eigentlichen Verbrechen wirklich nichts zu tun. Das besteht darin, daß ein paar kriminelle, durchgeknallte Idioten im Namen irgend einer Gottheit um sich schießen; Schwert gegen Feder. Für diejenigen, die sich solidarisieren, tragen die getöteten Redaktionsmitglieder keine Verantwortung – so wenig wie der Prophet Mohammed für diverse Anhänger.

    »wo sind die wenn es um Sozialabbau und das in Armut prügeln der Lohnabhängigen geht ..?«
    Das heißt dann UK riots. Solltest Du doch wissen 🙂

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    • lazarus09 sagt:

      Moin pantoufle, “Das heißt dann UK riots. Solltest Du doch wissen” ,klar hatte ich doch ein Kaff weiter, insbesondere noch die Stimmen im Ohr die dringend nach bewaffneten Soldaten verlangt haben und die tollen Diskussionen die ich mit den Schafen hatte … inkl Dave’s super Plan das riot tool BBM abzustellen inkl. Mobilfunknetz !! Ich werd’ mir wohl kurz über lang ne einsame Insel suchen 😉

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