unplanmässiger Fleischhauer

Jan Fleischhauer scheint an einem weiteren Juwel seiner Karriere zu basteln: Als „Guido Knopp“ des Spiegels. Er schaut kurz hin, stellt fest, daß die Wissenschaft sich dafür bisher angeblich nur mäßig interessierte und diagnostiziert einen „Sensationsfund“!

Es geht natürlich um den zweiten Weltkrieg. Genauer: Um Abhörprotokolle, die Engländer und Amerikaner von deutschen Kriegsgefangenen während und nach dem Krieg gemacht haben.
Das ist ein bitteres Kapitel. Seelisch zerstörte Menschen sprechen über ihre Verbrechen, nein: über den Alltag des Krieges, in dem sie „legal“ und ungestraft ungeheuerliche Greueltaten begangen haben. Auf Befehl, aus Kadavergehorsam, Treue zum Führer und was der Begründungen mehr sind.
Es ist eine Sammlung der Niedrigkeit, jeder Perversion und Abartigkeit, die man sich in seinen schlimmsten Träumen nicht vorstellen möchte – eben das, was der Krieg aus eigentlich normalen Menschen machen kann.

Es hat sich als verständlicher Brauch unter allen Beteiligten eines Krieges etabliert, bei solchen Vorkommnissen nur die Allerschlimmsten dieser Taten vor Gericht zu bringen. Zum einen, weil solche Verbrechen auf allen Seiten passieren, zum anderen, um davon abzulenken, das man die eigentlich dafür Verantwortlichen aus Politik, Industrie und anderen Interessenverbänden am Krieg nicht in der Versenkung verschwinden lassen will und kann. Das ist zwar bedauerlich, aber leider Realität – es wird das Meiste unter den Tisch gekehrt.

Nun sind diese Abhörprotokolle also ans Tageslicht gekommen, werden wissenschaftlich ausgewertet und als Buch veröffentlicht.
Wenn man ein so inniges Verhältnis zu J. Fleischhauer wie ich hat, überfliegt man natürlich erst einmal den Rest des Textes, ob da vielleicht ein „die Geschichtsbücher müssen neu geschrieben werden“ oder eine ähnliche Höchstleistung schlummert. Leider ergebnislos: Außer einem weiteren „Sensationsfund“ gibt der Artikel nicht viel her.

Interessant war eigentlich auch nicht, was dort steht, sondern vielmehr, was sich dort nicht findet. In der Einführung wird er einmal kurz etwas konkreter mit der Feststellung: „Schon bei aktuellen Militäroperationen ist es schwer, sich ein akkurates Bild vom Krieg aus Sicht der Teilnehmer zu machen. Wer als Soldat offen über das Erlebte berichtet, muss fürchten, auf Ablehnung zu stoßen, zumal, wenn er sich nicht immer so verhalten hat, wie es die Haager Landkriegsordnung eigentlich vorschreibt.“ Das ist fein formuliert: Zum Beispiel die Ablehnung der zivilisierten Welt über die Jagt im nahen Osten von amerikanischer Soldaten mit Kampfhubschraubern auf Zivilisten oder der marodierenden Mordkommandos am Boden.
Es folgt noch ein „(der) Krieg ist das umfassendste Sozialexperiment, wozu Menschen fähig sind […]“, womit er den Gipfel seiner persönlichen Analyse und Wahrnehmung erreicht.

Das ist nicht viel – ein Hinweis darauf, wie es überhaupt dazu kommen kann, wäre schon angemessen gewesen. Der „Krieg gegen das weltweite Judentum“, „Kampf gegen den Terrrorismus“ sowie allgemein die Kanonenbootpolitik des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts hat immer eine Vorgeschichte und ihre Hetzkampagnen.
Die Aussage „[…] wie sie die Dauerpräsenz von Tod und Gewalt veränderte, was sie fühlten, fürchteten, aber am Waffengang eben auch genossen – all das hat die Wissenschaft bislang eher am Rande interessiert“ ist schlicht falsch. Das hat sowohl im wissenschaftlichen Raum wie auch von Seiten  anderer tonnenweise Literatur und andere Betrachtungen hervorgebracht – wer lesen kann, ist klar im Vorteil.

Um sich ein „akkurates Bild aus Sicht der Kriegsteilnehmer“ zu verschaffen, empfehle ich als Beispiele „der SS-Staat“ von Eugen Kogon oder die „Eichmann-Protokolle“. Auch ein Studium des Vietnamkrieges und seiner Überlebenden könnte vieles über die Zusammenhänge von Psychologie, Politik und Wirtschaft verraten. Ein paar Seiten aus dem Tagebuch der Anne Frank und die Bilder der „killing fields“ und anderer Massaker des 20. Jahrhunderts könnten dafür sorgen, das man sich und den anderen ein kaltschnäuziges „[…] nicht immer so verhalten hat, wie es die Haager Landkriegsordnung eigentlich vorschreibt“ erspart. Es könnte sonst unter Umständen die Frage aufkommen, warum der Autor schon so abgestumpft ist, daß in einem Artikel von 648 Worten über Kriegsverbrechen kein einziges Wort des Bedauerns mit den Opfern auftaucht. Da passt Fleischhauer sonst besser auf, wenn die „Linke“ Gesine Lötzsch beim Aussprechen des Wortes „Kommunismus“ nicht die Verbrechen Stalins im selben Atemzug nennt.

Aber darum geht es hier natürlich nicht: Es ist eine Buchvorstellung und Fleischhauer empfiehlt.
Nicht sich.
Das Buch.

http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground/22555/abhoerprotokolle.html

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