Unfertig II

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Dinge, die die Welt nicht braucht:
Zwei Funkgeräte + Werkzeug + Laminate am Gürtel beim Scheißen. Die Schwerkraft kann einem da die übelsten Streiche spielen wenn man nicht aufpasst.
Auf – und Abbau ohne Helfer.
CCTV direkt unter dem PA-Wing Stage Rigth.
In Montreux nach einem Ladegerät für ein Nokia 6310 suchen.

Dinge, die diese Welt verschönern:
Ein Gig in Montreux beim Jazz-Festival. Hennie und ich kennen uns seit Jahren; wir haben mal zusammen eine Vasco Rossi Tournee in Italien gemacht. Ein paar Monate sind wir uns bei dieser Megatour auf den Wecker gefallen und seither lieben wir uns. Nun ist Hennie Stagemanager auf diesem Festival. Eigentlich hatte ich Chris erwartet, schweizer Crewchef-Urgestein. Aber der ist entweder auf einer anderen Bühne beschäftigt oder hat was besseres zu tun – also Hennie. Auf dieser Tournee der erste Gig, bei dem ich nach dem Loadout nicht wie mein eigener Leichnam über irgend einem Rack hing und nach Atem schnappte. Es war alles so weich, einfach und freundlich. Diese lieben Jungs! Sie haben mich aufgefangen und geheilt. Gestern noch hätte ich jede Gelegenheit einschließlich Selbstverstümmelung wahrgenommen, irgendwie nach Hause zu kommen, aber auf einen Schlag ist die Welt wieder in Ordnung. Der freundliche, etwas zu dicke Helfer war aus Lübeck, was ja gar nicht so weit von mir weg ist. Der andere aus… ich hab es vergessen, nicht aber die Freundlichkeit und den ungezwungenen Fleiß, den sie an den ausgehenden Tag legten. Wir waren so schnell von der Bühne verschwunden und es war ein Tanz, nicht dieser Krieg der letzten Wochen. Kein Schmerzen, keine Blessuren.

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Der faule Tag danach ist verregnet. Eine Bö zieht über den See und bringt Regen mit fetten Tropfen. Die alte Motorradregel, daß alles, was nass wird auch irgendwann wieder trocknet beschert mir einen einsamen Spaziergang unter Palmen. Außerdem ist es erst 8:00 Uhr und da ist sowieso kein Tourist unterwegs. Nur Einheimische, die in den Pubs Cafes ihren Morgenkaffee schlürfen; Regen hin- oder her draußen mit Aschenbecher. Montreux ist französisch, auch wenn hier überall die Flagge mit dem weißen Kreuz weht. Es zieht mich zurück zum Gig, in den so begehrten Bereich des Backstage. Nein, nicht wegen der sogenannten Künstler. Aber da ist ein Mann von der Firma Shure – Sender, InEar, Hochfrequenz – mit dem ich mich gerne noch mal unterhalten will. Wir hatten so viele Schwierigkeiten mit dem Unsinn und so treffe ich unsere FOH- und Mon-Engineers, die das Selbe wegen der SD7-Tische wollen. Das Montreux-Jazzfestival engagiert die besten Fachleute aus Europa, um jederzeit mit dem besten Service bei Problemen helfen zu können. Für die Techniker ist das nicht allein ein Gig: Es ist auch ein Lehrgang für alle Beteiligten, der zudem kostenlos ist. Die Profis hier sind bereits bezahlt, haben Langeweile und geben ihr Wissen gerne weiter. Die Techniker, die hier die Bands begleiten, sind wiederum keine Anfänger – also ist das alles auch eine erstklassige Werbung für die Firmen, die hier auftreten. Meyer, Sennheiser, Shure, Digico und wie sie alle heißen. Klassentreffen, Festival, alte Freunde und die neuen natürlich auch. Der Spaß wird dann auch nur durch die eigentlich vollkommen überflüssigen Auftritte der Bands unterbrochen, wodurch ein interessanter Gesprächspartner für eine Stunde ausfällt, weil er angeblich woanders dringender gebraucht wird.

Irgendwann ist aber auch mal gut! DayOff! Mittags werden alle hungrig und die Einheimischen kennen die Restaurants wo man essen sollte. Nicht in den Verbrecherspelunken mit den Festivalpreisen und Pommes, sondern E.S.S.E.N.
Ein Bus hält, eine alte Dame hat Schwierigkeiten, über den breiten Randstein auf das Pflaster zu treten. Die junge Frau mit den viel zu hohen Absätzen und dem ebenso zu kurzen Rock – woanders nennt man es Gürtel – springt zur Tür, greift beherzt und mit erstaunlicher Kraft ihren Arm und hilft ihr. »Merci beaucoup, Mademoiselle!« Das Ausrufezeichen wurde quasi mitgesprochen. Ich sitze ein paar Meter daneben und frage mich, was ich wohl gemacht hätte. Wahrscheinlich das Falsche. So falsch wie meine Einschätzung über den schmalen Gürtel mit den hohen Absätzen.
Kaffee, Spaziergang zum Denkmal an Freddy Mercury am Ufer des Sees und warten, bis ich wieder hungrig bin. Das war auch ein Kunde von unserer Firma. Leider bin ich ihm nie begenet.
Aber hungrig bin ich wieder. Mal runter an die Rezeption gehen und nach einem netten Restaurant fragen: »Können Sie mir etwas empfehlen?« Ich kenne die Antwort. »Wir haben hier im Hause ein ausgezeichnetes…«. Vielleicht kennt sie meine Erwiderung noch nicht. » Mademoiselle: Welche Küche würden Sie mir empfehlen, wenn ich Sie zu einem Abendessen einladen würde?«

Und genau das mache ich jetzt!

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