Unauffälliger Themenwechsel

Es läuft etwas schief. Mach doch einer mal das Fenster auf, daß sich der Nebel ein wenig verzieht… nicht auszuhalten hier!
Frau Merkel äußert sich nicht zur Spionage der USA und England bei den sogenannten Freunden. Ach ja: Natürlich auch Frankreich. Portugal wahrscheinlich auch, wenn sie das Geld dafür hätten. Na und? Auslandsspionage – der feine Herr nennt es Aufklärung. Das ist was für Romane und Kino. Da wird es interessant. Vor allem muß es ein wenig abgehangen sein. Wie Wildbret oder ein alter Wein, der im Keller lagerte. Richard Sorge, die rote Kapelle und Klaus Fuchs sind nur in der Nachschau aufregend. Für die Gegenwart geben sie nicht allzuviel her.

Ob die NSA nun europäische Büros ausspionierte, es natürlich auch weiterhin macht oder Großbritannien sie darin zu übertreffen hofft: Es geht dabei um etwas, daß jederman bestenfalls als James Bond-Kolportage zu präsentieren ist. Nein, ich möchte nicht in den Chor derjenigen einfallen, die natürlich schon alles vorher wußten, bestätigte Verschwörungstheorien und geifernde Foren-Kommentare. »Freunde spioniert man nicht aus!« Die vollständige Aussage fiel der Prägnanz zum Opfer. Das missing link lautet: »schon gar nicht«.

Wer hat eigentlich etwas von Freunden gesagt? George W. Bush sprach von einer Koalition der Willigen, welche das Gegenteil von Achse des Bösen sei. Analysiert man das Wort »willig«, so kann man beim allerbesten Willen daraus keine Verbindung zum Begriff Freundschaft ableiten. Wozu also die Aufregung? Bush meinte in seinem extrem verengten Horizont genau das, was er sagte. Willig heißt geführt werden. Um zu überprüfen, ob die Willigen auch geradeaus laufen, forscht man ihnen gelegentlich ein wenig hinterher. Willige sind – im Gegensatz zu Freunden – immer ein wenig unberechenbar. Werden sie leicht unwillig, bestellt man sie wie jetzt Bundesinnenminister H.P. Friedrich zur Befehlsausgabe ein. »Wir wollen doch Freunde bleiben! Oder?« Das mit Freundschaft zu verwechseln, ist fatal.

Außerdem gehört es gar nicht zum Thema. Der gedämpfte Aufschrei erhob sich ursprünglich aufgrund der Tatsache, daß nicht irgend ein Williger kontrolliert wurde, sondern verdachtlos jeder einzelne Bürger. Das – und nicht eine beleidigte Administration – ist der eigentlich wichtige Punkt. Die »außenpolitischen Irritationen«, die nun als Heißluftblase durch die Gazetten wabern, sind denkbar uninteressant. Sie sind das willkommene Ablenkungsmanöver gegenüber der Tatsache, daß man das abendländische Selbstverständnis von Menschenrechten auf dem Altar eines von den USA erklärten Krieges verkaufte. Mystischen Gefahren, die angeblich das Gemeinwesen zerstören werden, verlangen die ersatzlose Streichung von Bürgerrechten. Die kindischen Argumente dafür appellieren ausschließlich an die niedrigen Instinkte. Was auffällt, ist das völlige Fehlen konservativer Intellektueller. Man stapelt nicht tief – man ist es.
»Stellen Sie sich nur vor: James Bond ohne Lizenz zum Töten steht vor dem Terroristen, sagt: »Im Namen ihrer Majestät – Sie sind verhaftet!« und zieht eine Trillerpfeife, um die Kollegen zu alarmieren. Würden Sie diese DVD kaufen
Das ist in groben Zügen die Argumentationslinie, so dadaistisch das auch klingt.

Ganz unauffällig passierte gerade ein neuer Vorstoß der Vorratsdatenspeicherung den Bundestag. Von seiner Substanz weit verfassungsfeindlicher als der Vorangegangene, der vom Bundesverfassungsgericht abgeschmettert wurde. Willige Verfassungsgegner, Fahrradhelmpflicht und Rasterfahndung ohne Richtervorbehalt. Die offizielle Aufhebung der Unschuldsvermutung steht vor der Tür, vermutlich verbunden mit dem Verbot von Verschlüsselung.
»Oder haben Sie etwas zu verbergen?«
Wie man mit den manipulierten Beweisen verfahren wird, hat man gerade – wenn auch äußerst unbegabt – beim Pfarrer König probiert. Da ist durchaus noch Luft nach oben.

Aber: Wovon rede ich hier eigentlich? Niemand redet mehr darüber. Haben »die Amerikaner« das EU-Parlament verwanzt, um ihren unzähligen Stand-Up Comedians noch eine weiter Serie hinzuzufügen?
Die willigen Wähler stehen in den Startlöchern, um Frau Merkel ein zünftiges »Weiter so!« entgegenzuschmettern. Flugzeuge bringen blutige Nasen aus Afghanistan, Söldner im Kampf gegen den Geist der Zeit. »Wo kommt Ihr denn her?« »Wir haben eine Pointe gesucht!«
An den Straßenecken der Metropolen stehen süchtige Banker auf der Suche nach einem Schuß Liquidität. Ihre Sucht gilt es als erstes zu befriedigen. Etwas weiter am Rande der Stadt, wo man die Straßenlaternen des Nachts umgesägt hat, um sie bei einem Schrotthändler zu Geld zu machen, haben sich ein paar Kinder an den Händen genommen und singen:


Und weil der Mensch ein Mensch ist,
Drum hat er Stiefel im Gesicht nicht gern!
Er will unter sich keinen Sklaven sehn
Und über sich keinen Herrn

: Drum links, zwei, drei! :
Wo dein Platz, Genosse ist!
Reih dich ein, in die Arbeitereinheitsfront,
Weil du auch ein Arbeiter bist.

Süß, nicht wahr?

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0 Kommentare zu Unauffälliger Themenwechsel

  1. Duderich sagt:

    Mann, Pantoufle, jetzt hab Dich mal nicht so!

    Unsere Kanzlerin hat immerhin geäußert, dass sie es ein bisschen doof findet, wenn man durch unsere ‚Freunde‘ abgehört wird. Sie selbst ist ja eher nicht betroffen, denn Obama sagte ja, dass, wenn er was von ihr wissen wolle, sie selbst fragen würde.

    Was also soll dieses ganze antiamerikanische Gebaren?
    Wenn wir was nicht öffentlich machen wollen, dann können wir es ja auch verschlüsseln.

    Und wenn wir etwas verschlüsseln, dann brauchen wir uns auch nicht wundern, wenn andere Mächte glauben, wir hätten etwas zu verbergen.

    Außerdem streben wir ja ein Freihandelsabkommen mit den USA an.
    Wie weltfremd ist es denn dann, dass wir unsere Daten für unveräußerlich halten?

    Nicht Hungertote bedrohen uns. Die sind schön weit weg, solange sie nicht auf überfüllten Booten ihrem Schicksal über das Mittelmeer entfliehen wollen. Diese Toten stören keinen. Sind ja nur ungebildete Neger!

    Aber unsere westliche, demokratische Wertegemeinschaft wird halt vom Terrorismus bedroht! Dagegen müssen wir uns mit aller Kraft wehren!

    Unzählige terroristische Todesopfer gibt es seit 9/11 zu beklagen – wie viele; ich weiß es gar nicht…

    Sicherlich ist die Abwehr von islamistisch fundiertem Terror gegen die westliche Wertegemeinschaft Grund genug, ALLE auszuspionieren.

    Es geht doch letztendlich um die Bevölkerung des aufgeklärten Westens. Diese zu schützen haben sich die USA verschrieben. Die in terroristischer/islamischer Hand befindlichen Erdölschätze gehören selbstverständlich auch in westlicher Hand.

    Sarkasmus aus:
    Letztendlich geht es mittlerweile mal wieder um die Weltherrschaft.
    Es geht dabei existenziell um den Zugang zu Ressourcen wie Erdöl.

    Die Demokratie (demokratische Werte) werden in diesem Glaubenskrieg nur noch angeführt um gelebte Verbrechen zu begründen.

    Wer die USA noch als Vertreter freiheitlicher und menschenrechtswürdigender Werte sieht, ist selbst schuld – oder schlicht dumm.

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  2. pantoufle sagt:

    Ahhh… der Text ist gar nicht so schlecht. Nur zu lang. Ich arbeite noch an »töte deine Lieblinge«.
    ToDo-Liste für die nahe Zukunft. Wortvermeidung:

    Betroffenheit.
    Merkel.
    Entlarvt (gaaanz übel).
    Wertegemeinschaft.
    Die Amerikaner.
    Aufschrei (vor allem mit Hashtag).
    Terrorist.
    Mörderbande.
    9/11 (Klingt immer wie Viertnamkrieg – war es aber gar nicht).
    Todesopfer (Sie sind nicht dem Tod, sondern anderen Menschen zum Opfer gefallen)
    Demokratische Werte.

    Zeit, die Worte neu zu ordnen. Veilleicht sollte man nur noch Gedichte schreiben. Gedicht am Montag, Dienstag (meine unfassbar erfolgreiche Kolumne), Mittwoch,…

    Vier Maurer saßen einst auf einem Dach.
    Da sprach der erste: „Ach!“
    Der zweite: „Wie ists möglich dann?“
    Der dritte: „Daß das Dach halten kann!!!“
    Der vierte: „Ist doch kein Träger dran!!!!!!“
    Und mit einem Krach
    Brach das Dach.
    Kurt Schwitters.

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  3. Thelonious sagt:

    Was sorgst du dich pantoufle? Wir leben in einer politiklosen Zeit, weil wir keine Politik mehr brauchen. Wir sind umgeben von Freunden und diese wollen nur unser Bestes. Sie kümmern sich um uns und deshalb sind wir sicher. Das kann man doch nicht kritisieren. Im Gegenteil, guten Freunden – das weiß man doch – gibt man ein Küßchen. Auf dass die Freundschaft noch inniger werde. Den Anfang macht zurzeit Herr Friedrich mit seinem Besuch. Andere werden nachziehen und schon bald beginnt die ganze Welt sich zu umarmen und zu herzen, dass es eine reine Freude ist. Du siehst, alles wird gut, wenn wir uns nur alle ganz doll liebhaben. So wie der Herr Friedrich uns das im Moment zeigt. Von Friedrich und von Merkel lernen, heißt lieben lernen.
    Bei deinem Absatz über die „Koaliton der Willigen“ musste ich unwillkürlich an Foucault und seinen Begriff Gouvernementalität denken. Die staatliche Macht ist bei ihm nicht mehr ein Modell des Rechts, sondern agiert unter dem Gesichtspunkt von „Führung“. Also, wie werden Menschen geführt, und wie führen sie sich (auf). Macht ist demnach mehr als nur reine Herrschaft. Nun hat Herr Bush sicher nie Foucault gelesen, seinen Spindoktoren war diese Theorie jedoch vermutlich bekannt. Doch während Foucault im Folgenden der Frage nach einer guten Regierung nachgeht interessiert dies die (US)-Administration eher wenig. Da gefällt ihnen der Hobbes und sein Leviathan schon besser. Dieser Thematisiert die Führung des Menschen aus der Angst heraus.

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  4. pantoufle sagt:

    Ich sorge mich nicht – vertiefe meine Kenntnisse über Schönberg, Strawinski, Boulez und Hindemith und denke darüber nach, ob es nicht auch eine nichtlineare Art des Schreibens geben könnte. Vielleicht wird es dann greifbarer als in diesem zähflüssigen Strom von Betroffenheit und Empörung.
    Unpolitisch? Das greift zu kurz, denke ich. Die Opfer denken vielleicht zum ersten Mal seit den sechziger Jahren wieder stärker »politisch«, allein der Gegner ist es nicht.
    Die politische Argumentation ist einseitig: Die Regierten hängen noch an dieser obsoleten Art der Auseinandersetzung; die Gegenseite zitiert das Bild einer nur unter Mühen gewährten und unablässig bedrohten Freiheit und spricht von Opfern, die dafür gebracht werden müssen. Die Ursachen der Kollateralschäden, die das Fundament eines den Strukturen angepassten Freiheitsbegriffes bilden, werden delegiert. Outsourcing nennt man das wohl. Je feiner die Verästelungen dieser Machtvergabe an Aufsichten, Behörden, Regelungen sind, umso unangreifbarer wird die oberste Schicht dieser Konstruktion. Ach… also doch Foucault.
    Bush ist in sofern ein gutes Beispiel dafür, daß es eben nicht eine dedizierte »Politik« an der Spitze der Pyramide bedarf, sonder eher etwas »fürs Herz«. Sonst käme es niemals zu Begriffen wie Achse des Bösen oder Allianz der willigen; denkbar unpolitischen Begriffen.
    Natürlich produziert man Angst: Hauptsache, es bleibt diffus. Gab es jemals einen gespenstischeren Gegner als die Achse des Bösen? Dagegen war der biblische Luzifer reine Mathematik. Die Ergebnisse solch neoliberalen Sprachgestaltung sind in der Tat vollkommen unpolitisch. Raubkopierer, Terrorist, Kinderpornographie oder eben Achse des Bösen erzeugen nach einiger Zeit so etwas wie pawlowsche Sabberreflexe, die jede Diskussion über diese Synonyme verbietet. Das ist die eigentliche Macht. Die Macht über die Worte, die Deutungshoheit über einen Begriff.

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