Über die guten Sitten und Damen-Mode

An Orten, wo man sich zur Freude versammelt, beim Tanze, in Schauspielen und dergleichen, rede mit niemand von häuslichen Geschäften, noch viel weniger von verdrießlichen Dingen. Man geht dahin, um sich zu erholen, um auszuruhn, um kleine und große Sorgen abzuschütteln, und es ist also unbescheiden, jemand mit Gewalt wieder mitten in sein tägliches Joch hineinschieben zu wollen.(*)

Der Kollege Epikur schreibt über Benimmregeln, was dann auch fleißig kommentiert wird. Da will man sich lieber nicht einmischen und nimmt statt dessen die Idee in den eigenen vier virtuellen Wänden auf.

Zahlt er oder sie, oder doch getrennte Rechnungen im Restaurant? Ist es ein Zeichen von Emanzipation wenn sie auf eine eigene Rechnung besteht? Ist das der langerwartete Fortschritt? Pantoufle jedenfalls wird jedenfalls dem schönen Weib, daß er zum Essen ausführt, die Tür des Autos wie des Restaurants aufhalten und mit ziemlicher Sicherheit die Rechnung bezahlen. Auch daß man ihr aus dem Mantel hilft, gehört zu den guten Manieren die man pflegen sollte.
Sie mag das nicht? Sie bezahlt lieber die Rechnung selber und erweist sich vielleicht als ungeschickt mit dem Umgang mit Messer und Gabel, faucht eventuell den Kellner an oder benimmt sich auch sonst auffällig? Dann wird es wohl ein kürzerer Abend. Nicht, weil sie darauf besteht ihr Essen selber zu bezahlen, nicht weil sie es haßt, wenn ihr jemand aus dem Mantel hilft. Nein, das wäre nicht der eigentliche Grund, jedes dieser Dinge wäre verzeihlich. Ein kompletter Mangel an Manieren ist es nicht. Und das wird es auch dann nicht, wenn aus feministischer Sicht solche Symbole als wohlmeinender Sexismus betrachtet werden. Das spielt in der selben Liga, als würde ich eine meiner Töchter auf den Schoß nehmen oder mit dem jüngsten in der Öffentlichkeit kuscheln, während sich im Hintergrund eine gewalttätige Menge zusammenrottet, die Kindesmißbrauch mutmaßt. Solcherlei Hysterie – und die liegt in diesem Falle gar nicht so weit auseinander – macht die Welt um keinen Deut besser. Da nutzt die schönste politisch korrekte Formulierung nichts, so wenig wie der Hinweis auf »patriarchalische Strukturen« und überkommene Geschlechteransichten. Es ist auch aus feministischer Sicht nicht zu vermitteln, daß jedes Abendessen zu zweit vorrangig der Fortpflanzung dient. Daß die Menschen sorgsam miteinander umgehen sollen, ist alles andere als überholt.

Eine weise und gute Wahl bei Knüpfung des wichtigsten Bandes im menschlichen Leben, die ist freilich das sicherste Mittel, um in der Folge sich Freude und Glück in dem Umgange unter Eheleuten versprechen zu können. Wenn hingegen Menschen, die nicht gegenseitig dazu beitragen, sich das Leben süß und leicht zu machen, sondern die vielmehr widersprechende, sich durchkreuzende Neigungen und Wünsche und verschiedenes Interesse hegen, unglücklicherweise sich nun auf ewig aneinandergekettet sehen; so ist das in der Tat eine höchst traurige Lage, eine Existenz voll immerwährender herber Aufopferung, ein Stand der schwersten Sklaverei, ein Seufzen unter den eisernen Fesseln der Notwendigkeit, ohne Hoffnung einer andern Erlösung, als wenn der dürre Knochenmann mit seiner Sense dem Unwesen ein Ende macht.(*)

Eine Geisterdebatte. Jeder Mensch genießt es, respekt- und liebevoll behandelt zu werden. Das schließt übrigens auch die Möglichkeit ein, daß sie ihn einlädt und bezahlt. Es sind ja keine in Stein gemeißelten Regeln sondern ein Spiel. Ein Spiel, welches aber erst einmal dazu dient, Sicherheit im gesellschaftlichen Umgang zu vermitteln.
Es ist angeraten, vor dem Urlaub im Ausland sich wenigstens grob über die die Sitten des Gastlandes zu informieren. Wer steht schon gerne als »porco tedesco«, als deutsches Schwein an der Rezeption des Hotels? (Eine erstaunlich langlebige Bezeichnung. Sie ist seit dem 16. Jahrhundert bekannt!) Man hält einer Dame nicht die Türe auf? In England hält man geradezu enthusiastisch auf und das nicht nur den Damen. Hierzulande nicht? Völliger Blödsinn! Das ist kein Begattungsritual, sondern ein Akt der Höflichkeit, genau wie einer Dame den Vortritt zu lassen oder einem älteren Menschen einen Sitzplatz in der Bahn anzubieten.
So modern kann eine Gesellschaft gar nicht sein, daß sie auf all diese Kleinigkeiten verzichten kann.

Im allgemeinen aber wohnt in manchen Menschen ein sonderbarer Geist des Widerspruchs. Sie wollen immer haben, was sie nicht erlangen können, sind nie von dem zufrieden, was andre tun, murren gegen alles, was grade sie nicht also bestellt haben, und wäre es auch noch so gut. Es ist bekannt, daß man solche Leute sehr oft dadurch leiten kann, daß man ihnen entweder das Gegenteil von dem vorschlägt, was man gern durchsetzen mochte, oder auf andre Weise sorgt, daß sie unsre eigenen Ideen gegen uns durchsetzen müssen.(*)

 

Seid nett zueinander!

Die Texte unter den Bildern der Damen, die ich gerne zum Essen eingeladen hätte, stammen aus dem lesenswerten Buch »Über den Umgang mit Menschen« von Adolph Freiherr von Knigge.

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24 Kommentare zu Über die guten Sitten und Damen-Mode

  1. flatter sagt:

    Like! Erster!
    (tl,dr)

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  2. dergl sagt:

    Nicht zu lang und ich habe es gelesen. Fein. Sehr höflich übrigens die Damen da einzufügen und keine(!) Miezekatzenbilder und das sage ich als im erweiterten Sinne Dame.

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  3. Stony sagt:

    Allerliebst!

    (Einzig der Triggerwarnung Unterschwelligkeit war vllt. ein klein wenig zu fein. Für Mich, der Ich nun Kopfschmerzen habe. #zerfließen Was keinesfalls als Vorwurf, vielmehr als besonders krudes Kompliment angedacht sein mag. Es soll mir eine Lehre sein!)

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  4. tikerscherk sagt:

    Ich find´s schön wie eine Dame behandelt zu werden, und auf Höflichkeit stehe ich auch.
    Vielleicht bin ich einfach nicht paranoid oder emanzipiert genug. Wat weeß icke.
    Für das Bild mit dem Pelz ganz oben kriegste einen Fetischbonus.

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    • Pantoufle sagt:

      Also ganz unter uns und weil gerade keiner zuhört: Die würde ich ja besonders gerne einladen! Obwohl ich mir ziemlich sicher bin, daß sie nicht gut für mich wäre. Sie sieht aber auch zu großartig aus!

      Ja, das ist schon verrückt: Ich kenne eigentlich nur Frauen, die es mögen respektvoll behandelt zu werden und es hassen, wenn man ihnen die Türe vor der Nase zuschlägt. Es bestände immerhin die theoretische Möglichkeit, daß es sich bei Menschen, die solche Dinge für wünschenswert halten, um Ausnahmen handelt.

      Den Bonus nehme ich errötend dankbar an.

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      • tikerscherk sagt:

        Wieso sollte sie nicht gut für Dich sein? (Wir gehen selbstverständlich davon aus, dass Du nicht gebunden wärest, wenn es zwischen Dir und der Venus im Pelz zu einem Treffen käme.
        Weiterhin gehen wir doch sicher beide davon aus, dass eine Essenseinladung kein Freibrief für irgendetwas anderes ist).

        Und ja: ich kenne eigentlich auch nur Frauen, die Höflichkeit von andienerndem Getue unterscheiden können und ersteres genießen, während sie letzteres souverän belächeln. Wir sind doch hier nicht im Krieg.

        (da nich für :))

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        • Pantoufle sagt:

          Ahem…*räusper*
          Wie Du so richtig sagst: Eine Venus, die Göttin der Liebe, des Verlangens und der Schönheit. Da ich in dem Falle eine Einladung keinesfalls als Freibrief betrachten würde, könnte ich nur beten und hoffen, daß ich bei diesem Treffen in festen Händen wäre, um Schlimmeres zu verhüten.
          Ich würde ihr verfallen, fürchte ich.

          Allein die Perspektive, mit diesem Ätherwesen in einem gutbesuchten Berliner Lokal aufzutauchen. Vielleicht noch eine Jemandin am Nebentisch, die spitz »Sind die Pelze etwa echt?« fragt. Und dann blickt die Venus herüber, genau so wie sie jetzt blickt und es wird ganz, ganz ruhig. Zum Glück kommt dann der Ober und fragt nach den Getränken, nein, Absinth hätte er leider nicht aber dafür einen ausgezeichneten Cognac. Einen wirklich guten, eine Zierde der Schnapsbrennerei und das rettet ein klein wenig die Situation. Sie steckt sich eine Zigarette an und es duftet ein klein wenig nach Opium.
          Der Aschenbecher kam sofort.

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  5. tikerscherk sagt:

    Sie raucht ihre Zigarette mit Spitze, versteht sich.
    (Die Geschichte gehört weiter gesponnen)

    Kommt es später zu einer Handgreiflichkeit seitens der Jemandin gegenüber der Venus, und Du, der Du die beiden zu trennen versuchst, findest Dich unerwartet wieder in einer Balgerei, deren weiterer Verlauf hier nicht zuende erzählt werden kann?
    Ach, man weiß es nicht, wird es wohl auch nie erfahren. Aber eines ist sicher: als Du mit den beiden Damen das Lokal verlässt, hilfst Du Ihnen zuvor in ihre Mäntel und hältst Ihnen dann mit einer leichten Verbeugung die Türe auf.

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    • Pantoufle sagt:

      Eine Balgerei wäre so ziemlich das Letzte, was mir in den Sinn kommt. Der – vor allem linke™ – Zeitgeist tendiert ja eher zu zeternden Rückzügen, bei dem nur der dünne Geruch von Wikipedia-Zitaten als letzte Fahne durch den öffentlichen Raum wabert.

      In der Steam-Punk-Geschichte, die sich da langsam formt, würde die Realität mangels Masse an diesem fellbehangenen Obsidian vermutlich zerschellen. Titanic und Eisberg – eine Erzählung aus Sicht des Eisbergs.

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  6. tikerscherk sagt:

    Keine Balgerei? Überhaupt keine Dreierkonstellation vielleicht? Besser so. Das würde nur alles verderben.

    Wo fehlt´s an welcher Masse und woher kommen auf einmal Wikipedia und der Eisberg?
    Wusstest Du, dass es demnächst einen neuen Eisberg, doppelt so groß wie Mallorca, geben wird?
    Die Welt verändert sich, die Liebe bleibt.

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  7. epikur sagt:

    Guter Beitrag! Gentlemen-Like. Benimm- und Anstandsregeln. Manieren. Höflichkeit. Richtig und wichtig. Auch ich führe meine Dame des Herzens hin und wieder aus. Oder sie mich. Genau darum ging es mir aber nun überhaupt nicht in meinem Beitrag! Sondern um die krasse Erwartungshaltung nicht weniger Damen, dass er bitte schön bezahlen solle und was womöglich, vermutlich (bzw. aus eigener weiblicher Aussage) oft dahinter steckt. Ich hätte noch dutzende weiterer Zitate ausgraben können, die belegen, dass es für eine weibliche Selbstverständlichkeit gehalten wird. Genau das, war primär der Stein meines Anstoßes. 😉

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  8. Pantoufle sagt:

    Moin Epikur

    Yep! Das habe ich durchaus so verstanden. Und wenn OT, dann in den eigenen vier Wänden. Ob das Deine Leser auch alle richtig verstanden haben? Ich hab da gelinde Zweifel.

    Mein gedanklicher Ansatz ging in eine andere Richtung. Selbst wenn man Frauen mit einer solchen Erwartungshaltung trifft, ist das noch lange kein Grund die eigenen Verhaltensweisen in Zweifel zu ziehen. Das eine hat mit dem anderen eigentlich wenig zu tun. Man gerät schnell an Menschen ohne Manieren oder solche, die Höflichkeit für Schwäche halten und das nach Kräften mißbrauchen. Wie weit das ein weit verbreitetes weibliches Selbstverständnis ist, kann ich nicht beurteilen. Wenn ich von meinem Bekanntenkreis ausgehen eher nicht, aber der ist vielleicht nicht repräsentativ.

    Dazu sehe ich das »Problem« (wenn es denn überhaupt eines ist) eher darin, daß, gesetzt den Fall ich lade jemanden zum Essen ein, selbstverständlich ich dafür bezahle. Daher der Begriff Einladung. Wenn man sich darauf einigt, zusammen essen zu gehen, gäbe es Verhandlungsspielraum – bekomme ich die Einladung »Was Du willst und den Wein auch!« würde ich ganz vorsichtig nachfragen, ob sie weiß worauf sie sich einläßt.

    Grob gesprochen könnte man das, was in Deinem Artikel im Vordergrund steht, eher für eine Verfallserscheinung halten. Das sollte aber das eigene Verhalten nicht berühren.

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  9. Annika sagt:

    Ein so feiner Text von einem feinen Mann! Auch die Einlassungen von Knigge sind so aktuell, als wären sie gestern erdacht. Und die Madame auf dem ersten Foto ist in der Tat überirdisch schön.

    @ Epikur: es gibt sie bestimmt, diese Frauen. Ebenso wie diese Männer, die keine Zierde ihres Geschlechts sind. Gab es immer und wird es immer geben. Aber weißt du, Schitt lässt man vorbei schwimmen. Es lohnt nicht, den Fokus darauf zu richten.

    @ Tikerscherk & Pantoufle: ich höre euch beiden so gerne zu 🙂

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  10. Annika sagt:

    P.S. Ihr zwei hättet euch auf dem Zauberberg auch gut verstanden

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  11. waswegmuss sagt:

    Natürlich hält Mann der Frau den Schlag auf.
    Sorry – ich muss das mal runterbrechen. Männer – also echte Männer sind stinkfaul. Stinkfaul im Sinne von „Nur keinen Stress“. Schließlich müssen sie sich den wichtigen Dingen des Lebens widmen.
    Also ist Mann stets zuvorkommend – ein sehr schönes Wort übrigens. Was wollte ich denn jetzt nun wieder schreiben. Achja, diese sogenannten Supermachos – beispielsweise welche die in diesen abgrundtief deprimierenden Cafes unter Männern hocken und alkoholfrei trostlos gucken.
    Warum sind die nicht zuhause? Eben. So!

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  12. lattjamilln sagt:

    Ein schönes Thema. Ich liebe das Spiel!

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  13. Thelonious sagt:

    Eben nicht. 🙁 Im Firefox gehen die Kommentare verloren. Irgendwie arbeitet der nicht mit der Editierfunktion zusammen.

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  14. Thelonious sagt:

    Grmblhmpf. Neues System, neue Probleme. Mit chromium funktioniert es.

    Der Text ist jetzt weg. Und nochmal schreibe ich den nicht. Aber in punkto Damenmoden hast du dich auf sehr elegante Art rehabilitiert. 🙂

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  15. testpantoufle sagt:

    Moin, Thelonious
    Also:Wenn ich das richtig sehe, muß man Scripte zulassen. Traurig, aber nicht zu ändern. Wenn ich bei abgeschalteten Scripten versuche zu editieren, verschwindet der Kommentar. Das ist allerdings blöd!

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