Träume mich an den weißen Streifen entlang

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Das Unheil heißt Tabbert, Hymer oder Carado. Es sind tausende und sie bringen den Verkehr zum Stillstand. Großvolumige Kästen als Anhänger oder ausgebauten Pritschen, bewegt von Fahrern, die dafür keinerlei Befähigungsnachweis benötigen. Kein Patent, keinen Führerschein – es reicht der feste Wille, den deutschen Wald zuzuscheißen und auf irgend einer Raststätte mit einem dieser Vehikel soviel Platz zu belegen wie sonst nur ein Schwerlastransport für Flügel von Windenergieanlagen. Das gemeine Wohmobil!

Fuck and drive

Den LKW auf der ganz linken Spur einer dreispurigen Autobahn habe ich grade noch gesehen. Er fuhr definitiv in die Punkteränge gegen seine zwei anderen Kollegen, die die Autobahn mit einer Wand versperrten. Er auf der Innenseite, der MAN in der Außenposition chancenlos in der langgezogenen »gleich-in- Fulda-Kurve«. Von den Streckenposten ist weit und breit nichts zu sehen. Da muß doch was zu machen sein! Wild gestikulierende Fahrer von Klein- und Kleinstfahrzeugen als Zuschauer dieses außergewöhnlichen Matches; elegant durchgedrängelt und in Angriffsposition. Zwischen MAN und dem voraussichtlich Zweitplazierten eine Lücke von knapp zwei Metern adelt die Bahn als temporär vierspurig. Das passt, das passt! Es ist kühl, sonst hätte ich wohl geschwitzt. Zwar gehört die Yamaha in ein anderes Klassement, aber der Zweck heiligt die Mittel. Ich fahre nämlich auch um Punkte, will nach Hause.
Der MAN mach sportlich fair etwas Platz, indem er die Standspur benutzt. LKW-Fahrer: Die einzigen Freunde der Motorräder!

Die Freude über das gelungene und sicher sehenswerte Überholmanöver ist nur von kurzer Dauer. Dann wird es wieder zweispurig und die Straße gehört den beweglichen Streckenbegrenzungen namens »Wohnmobil«

Vor zig Jahren genoß ich eine Kabarett-Aufführung, bei der ein fiktiver LKW-Fahrer im Detail beschrieb, wie er mit seinem Truck auf einer Autobahnbrücke genüßlich ein Wohnmobil in Richtung Curbs drängt. Der Camper versucht zu beschleunigen – egal: Der Truck ist schneller! Fährt langsamer, der LKW auch. Und immer näher, immer näher. Auf der Autobahnbrücke… ganz nah. Der Sketch endete mit dem schönen Ausspruch: »Das ist Sex!«

Bei einer XJ900 ist bei 260kg Schluß. Es fehlen gut 30 Tonnen, um diese Wunschvorstellung Realität werden zu lassen. Da Flammenwerfer und Kettensägen in der Straßenverkehrsordnung nicht auftauchen (warum eigentlich nicht?), bleibt mir nur Beweglichkeit und das erheblich bessere Leistungsgewicht. Links antäuschen, rechts überholen. Schweinebande, blöde. Soweit das Auge zum Horizont reicht, zieht sich die Schlange der Wartenden hinter zwei Campern, die sich schlingernd ein gnadenloses Duell bergauf liefern. Schafft der Gegner es, die 64 km/h zu schlagen? Nur noch 340 km bis Bremen! Der kommt hier nicht vorbei!
Weit und breit kein schwarzer Truck mit verchromten Elchschaufeln und titanisch gelochten Auspuffrohren, der die Kontrahenten in den Graben schiebt. Quentin Tarantino: Hier liegt der Stoff, auf den Du so lange gewartet hast! Radio active! Was hören die eigentlich im Radio, wenn sie fahren. Auf dem Parkplatz hört man Kriegsgesänge des Napalm-Duos oder den Volksmutanten aus den Wohnkartons. Auf der Bahn ist es dann vermutlich Slayer und Celtic Frost. Weißhaarige Verkehrshindernisse. Killermaschinen – Stau: Dein Name ist Campingmobil.

Auf der Rückfahrt von Basel sah ich einen, den es gerissen hatte. Mitten auf der Bahn, Splitter, Müll, Dreck; die geräderte Blockhütte lag auf dem Dach mitten auf der Fahrbahn. Ein Riesenschuhkarton mit einer Deutschlandfahne, die geknickt daneben lag. Das Winzauto, was dazu verdonnert war, dieses Monster zu schleppen, hing an der Deichsel wie ein erhängtes Eichhörnchen. In der Luft – nur gehalten durch diese blöde, kleine Deichsel. Die Besatzung stand fassungslos auf dem Seitenstreifen: »Hoffentlich ist der Apfelsaft nicht ausgelaufen!«. Oder das Klo. Richtet das Ding wieder auf und badet in Scheiße!

Runterschalten und über den Seitenstreifen an diesem Müll vorbei. Mit gemessenen 50 km/h schrauben sie sich die Kasseler Berge hoch. Über die gesamte Fahrbahnbreite verteilt. Stinkende Wohnhöhlen, vergreiste Eselestreiber – sie grüßen sich während der Fahrt. Welcher Hohn! Es gibt Leute, die an Chemtrails glauben, an 9/11 Phantasien, Jesus oder Querfrontler. Ey! Aufwachen! Eure Verschwörungstheorien findet sich hier in der Reralität! Irgendwo zwischen München und Peine, Berlin und Schwäbisch-Gmünd. Mit einem Airliner in ein Hochhaus fliegen. Kinderkram! Hier wird eine komplette Verkehrsinfrastruktur mit ein paar debilen Volltrotteln lahmgelegt, denen man weismacht, daß es woanders endlich schön ist.

[Absatz gestrichen wegen überflüssigem Aufruf zur Gewalt, illegalem Besitz von Waffen, Massenvernichtungsmitteln, Kampfgas, Kettensägen, Opiaten und ähnlich rechtswidrigen Meinungsäußerungen.
Der Säzzer]

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0 Kommentare zu Träume mich an den weißen Streifen entlang

  1. altautonomer sagt:

    Es gibt Wohnmobile, die ordentlich Schmackes unter dere Motorhaube haben und schwere Luxus-Schneckenhäuser (Wohnanhänger), die von einem Fiat Panda gezogen werden. Letztere sind oft Ursache des Verkehrsinfarkts auf der Achterbahn zwischen Kassel und Fulda. Es gibt aber auch sichere, erfahrene und besonnene Motorbiker und daneben potenzielle Organspender U30. Letztere kann man gelegentlich mit dem Spachtel von der Leitplanke kratzen.

    Man könnte die Zustände auf der Autobahn auch so beschreiben: Es herrscht Krieg, und es werden keine Gefangenen gemacht.

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    • pantoufle sagt:

      Moin, Altautonomer

      Mir ist es völlig schnuppe, ob diese rollenden Dixiklos von einem Fiat Quitsche-Ento oder einer gleitenden »Oberklasse von Kia« geschleppt werden: Die Menge macht`s und diese Art von Urlaubsstimmung, die man durchaus als Nötigung bezeichnen kann.

      Ich persönlich gehöre ganz klar zu der Gattung der besonnenen Motorradfahrer, fahre mit wachen Sinnen und behalte den Gegner immer genau im Auge. Das ist unverzichtbar, wenn man aufs Podium fahren will. Sollte das irgendwann missglücken, dann vergesst das mit der Organspende und knallt meine Leber bitte dem Arschloch um die Ohren, der ohne Blinker direkt vor dem Vorderrad nach links zog und dann voll in die Eisen ging (Friedland), dessen Hänger wild schlingernd die ganze Bahn brauchte (Schweinfurt) oder dem senilen Rentner, der mitten in der Baustelle (hab ich vergessen: sind zuviele) einfach vor Panik stehenblieb.
      Das hättest Du mal sehen sollen: Wären da nicht ein paar Autofahrer gewesen, die nicht gerade telephoniert oder die Beifahrerin angegrabbelt hätten – es wäre das Massaker des Sommers gewesen!

      Und lesen Sie nächste Woche an dieser Stelle: »Ich fahre einen Audi A8, weil meine Bewerbung bei Blackwater abgelehnt wurde.«

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  2. Stony sagt:

    Ich glaube ja, daß du einfach nur das falsche Mopped fährst – wie wäre es mit dem hier!? Einfach noch ’nen hübschen „Schneeschieber“ vorne dran gebastelt und los geht die wilde Fahrt… 😀

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  3. flatter sagt:

    Bei strittigen Rechtsfragen hilft häufig ein Blick ins Gesetz:

    Da Flammenwerfer und Kettensägen in der Straßenverkehrsordnung nicht auftauchen (warum eigentlich nicht?)

    Weil das Gegenstand der Straßenverkehrszulassungsordnung ist. Einfach eintragen lassen, fertig ist die Korvette. Sollte allerdings deutsche Wertarbeit sein, Import wird von den Verbänden nicht unterstützt.

    Immer für Sie da …

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  4. Joachim sagt:

    Pantoufle, dein Drehzahlmesser ist kaputt.

    Bei den LKW-Fahrern stimme ich zu – in der Regel. Doch Brüderchen schaffte es einmal auf der Bahn mit max Speed zwischen zwei LKW durchzufahren – weil die eine Pappnase die Andere unvermittelt überholen musste… Kids, don’t do that at home.

    Aber warum musst man auch mit dem Moped auf der Dosenbahn fahren.

    Spinner? Klar doch. Wie die mit Wohnmobil oder Mercedes mit Hut oder Audi mit zu vielen PS? Es ist mir egal, mit welchen Fahrzueug oder Tool der Mordanschlag stattfindet. Das relativiert schnell alle Vorurteile. Man lernt schnell, dass ganz wenig PSe und ganz viele PSe in der Regel am wenigsten nerven, doch Korrelation keine Kausalität bedingt. Wobei, ich gebe zu, in der Eifel ist ein Wohnmobil schon ein Grund anzuhalten und die Landschaft zu genießen.

    Ich denke einfach, ich bin der Dümmste aller Fahrer und versuche entsprechend zu handeln. Wenn ich (bisher >200000km, Moped, nicht ganz klein) irgendwann einmal meine, ich könne fahren, dann gebe ich den Lappen ab.

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    • pantoufle sagt:

      Der Drehzahlmesser ist nicht kaputt: Der is haltlos! Das is was anderes.

      »Aber warum muß man auch mit dem Moped auf der Dosenbahn fahren?«

      Weil ich diese Tournee mit dem Motorrad absolviere und auf Zeit fahre. Seit Anfang des Monats ca. 4500km.

      Der dümmste aller Fahrer… so ging es mir vor ein paar Stunden, als ich aus St.Gallen zurück kam. Zu dämlich die Haustür selbstständig zu öffnen und als mir die Tochter entgegenkam, versucht, mit der rechten Hand zu bremsen. Völlig von der Rolle. Aber fahren ging noch prima. Glaub ich…

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      • Joachim sagt:

        Ja stimmt – haltlos ist was Anderes. Aber 4500km? Brüderchen ist mit einer 1100R von Nizza nach NRW (abgesehen vom Tanken) durchgefahren. Das ist: „Aber fahren ging noch prima. Glaub ich…“. Zum (meinem) Fahren mit „appem“ Gaszug – Aua – sach ich darauf hin mal nix.

        Ja ja, dann noch die „Haustür selbstständig zu öffnen“ müssen:

        http://youtu.be/Aae_RHRptRg

        also nicht dass Miles nun schlecht wäre, im Gegenteil…
        ccr ist sogar „schlecht“, aber trotzdem gut, fun und dann noch dieser Text… ging noch prima. Glaub ich…

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  5. Herr Lazaro sagt:

    Ach das mit den Wohnmobilen, naja, kann man sich drüber aufregen oder nicht.
    Aber das Miles Davis-Video, dafür hast Du Lob verdient.
    Ich selbst war an diesem Abend im Publikum auf dem Dach des Hamburger Kunstvereins dabei und hab den schönen Sommerabend wahrlich genossen.
    Schöne Erinnerungen kommen auf!

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  6. tikerscherk sagt:

    Weisst aber schon, dass ich auch ein Wohnmobil habe. Ein 6.9er Mercedes Baujahr 1987, runtergelastet auf 5,2 Tonnen, Spitzengeschwindigkeit 101 km/h.
    Aber ich grüße niemanden und fahre immer nur rechts.
    Hilft das?

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    • pantoufle sagt:

      Schützenpanzer, Trucks und Dampfmaschinen sind ok!
      Liebe Grüße von der Straße
      das Pantoufle

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    • Joachim sagt:

      Wie Du grüßt niemanden? Das würde ich Dir aber übel nehmen. 😉
      wenn Du mich kennen würdest… Nun Ernsthaft, ohne Moped wäre das Auto eine Überlegung wert.

      Oder auch so (was das pantoufle in einen Konflikt bringen dürfte – oder auch nicht):

      https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2f/Bundesarchiv_Bild_183-1987-1002-510%2C_Fahrbares_Landhaus.jpg

      Nette Grüße von mir.

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      • tikerscherk sagt:

        @Joachim

        Ein fantastisches Gefährt! So lässt sich leben. Vielleicht ein bisschen weniger Tinnef dran, aber grundlegend würde ich gerne so unterwegs sein.
        MIt genug Geld im Hintergrund auch ganzjährig.
        Nach Georgien!

        Und natürlich würde ich Dich grüßen, wenn wir uns sehen würden!
        Ich bezog mich mehr so auf diese Rentner in ihren überdimensionierten Joghurtbechern, die alles blockieren und wie Veteranen zum Gruße die Hand heben und dabei kaum noch die Spur halten können.

        Der Unterfranke ist Motorradfahrer. Meine größte Angst ist, dass er eines Tages von so einem Deppen von der Straße gefegt wird, der ohne zu gucken am Berg mit Tempo 45 die Spur wechselt.

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  7. philgeland sagt:

    Apropos Tarantino, „der Stoff“ wurde schon mal verfilmt, na, wenn auch mit anderen „Vorzeichen“. Auch ein Duell, gut gemacht …

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