Tischgespräche

Es gibt Nudeln. Nudeln mit total leckerer Soße (rot). Es gibt auch leckere Soße, aber die ist nicht so lecker wie total leckere Soße. Lecker ist, wenn Papi die selber macht und und so eklige Sachen wie Gewürze, Pfeffer und die Früchte des Feldes reinschnippelt (Papi macht überall Pfeffer dran! Auch an Marmelade!). Die ist dann lecker, solange Papi dabei ist – sonst ist sie eklig.
Heute gibt es aber total leckere Soße direkt aus dem Glas. Rot, krümelig und angenehm geschmacksneutral. Mit Nudeln. Da wir in einem pastafreien Haushalt leben: Spaghetti, um genau zu sein.

»Tochter: Es besteht Gesprächsbedarf!« Schnelles Durchhecheln der letzten Verfehlungen, Andeutung von Armesündermiene.
»Ich hatte gerade ein Telephongespräch, welches ich unvermittelt abbrach, weil sonst die Nudeln übergekocht wären!» (Schule kann es nicht gewesen sein. Nicht so schnell).
»Ich habe das Gespräch ziemlich abrupt beendet, weiß aber, daß sie wieder anrufen werden. Es war für Dich, große Tochter eins!«
Die beabsichtigte pädagogische Wirkung ist erreicht; auch Sohn eins und zwei sowie Tochter zwei lauschen gebannt was da jetzt kommt.
»Es ging um die bestellte Lebensmittellieferung!« Jetzt ist es raus. Der Bofrost-Mann!
»Papi: Ich hab überhaupt nicht und außerdem hab ich gesagt, daß ich noch gar nicht unterschreiben… geschäftsführig oder wie das… Nein, Du brauchst gar nicht so zu gucken!«

»Und der Katalog? Der mit mit den Pizza und dem Speiseeis?« Sohn eins klärt Tochter zwei auf: Die unterbrochene Kühlkette! Kurze Diskussion darüber, bei welcher Abnahme von welchen Mengen man Rabatt bekommt. Loriot.

Die gefürchtete unterbrochene Kühlkette. Dafür, daß man das Zeug selber auftauen muß, drückt man Knete ab, daß die Träne fließt. Es ist nämlich nicht nur eklig und geschmacksfrei, sondern auch unglaublich teuer. Das einzige Argument, mit dem die Verkäufer von Haustür zu Haustür robben, ist die legendäre unterbrochene Kette, die kühle. Unterbricht man die Kühlkette, sind es keine total leckeren gefrorenen Lebensmittel, sondern nur noch leckere. Dem aufgerufenen Tarif nach zu urteilen, wird der bestellte Fraß mit einer goldenen 10-spännigen Kutsche durch das Dorf gerollt und ein Chor von 7 livrierten Pagen kündet singend »Ihre Kaliningrader Klopse sind angekommen! Ohne die Kühlkette ein einziges Mal zu unterbrechen!«

»Die Kühlkette ist bereits unterbrochen, wenn der Fisch aus dem Wasser gezogen wird!« Papi kennt sich da aus. »Dann wird ihm viel zu warm!«
»Und was wollten die jetzt?« »Fragen, was sie mit der bestellten Palette Kabeljau machen sollen. Die 500 kg! Räumen Sie schon mal die Garage auf, legen sie eine Decke auf den Fisch (die Kühlkette darf nicht unterbrochen werden) – dann hält das ein halbes Jahr. Wir melden uns dann, wenn die Tiere anrüchig werden.«

Tochter eins ist die rothaarige Unschuld in Person. »Ich hab nur den Katalog genommen, gesagt, daß ich das Mami zeige und freundlich auf Wiedersehen gesagt!« »Genau, und jetzt wollte die da nur wissen, ob Du es Mami gezeigt hast und die vielleicht Z U F Ä L L I G ihr Autogramm auf der Rückseite geübt hat. Und ich sag Dir, Tochter eins:« – Drohender Unterton, erhobener Zeigefinger – wie früher! » Die rufen wieder an! Die haben Flatrate und nichts Besseres zu tun!« »Ach, die haben Flatrate und ich nicht«

Die Ablenkung von der aktuellen Kampfhandlung ist listig, wird aber sofort durchschaut. »Was machen wir also, wenn diese Wegelagerer wieder an der Tür stehen?« »Dann laufen wir!«
»Neiiinnn! Ihr müßt das psychologisch aufziehen« »Man könnte…« Die pantouflesche Ideenschmiede läuft sich warm.
Also: Wenn er kommt und geklingelt hat, dann muß man ganz erschrocken gucken und sich ängstlich geben. Nur flüstern und sich panisch umsehen. »Wissen Sie: Unser Vater… Ihr Vorgänger, also der vom letzten Mal… Oh Gott, es war so schrecklich! Schwester zwei leidet immer noch darunter. Und das viele Blut, wissen Sie? Sie war noch nicht wieder in der Schule, weil sie laut schreit in der Nacht und morgens ist sie immer ganz blaß. Sie kommt einfach nicht darüber weg!«

Zu Lederjacken verarbeiten: »Die braune da, das war die Lebensversicherung. Die Zeugen Jehovas haben es gesehen und jetzt hängen sie daneben.«

»Na, meine Kleine? Was macht Dein Vater denn beruflich?« »Er stellt Handtaschen her! Aus Krokodilen! Und Bofrost-Männern. Aber Kroko geht nicht mehr so gut in letzter Zeit… Naturschutz und so. Aber Papi sagt, es gäbe eine Überpopulation an Bofrost!«

Sie werden wieder anrufen. Sie rufen immer an. Und dann kommen sie. Um Mitternacht zum Glockengeläut: »Haben Sie unseren neuen Katalog schon gesehen? Ihr Nachbar hat auch schon.« Das ist der, der gerade mit der Schrotflinte und im Nachthemd um die Ecke läuft. Vor dem klingelnden Telephon zittert eine verängstigte Familie. Ist es wieder die unbekannte Nummer? Sind sie es? Die endlose Armee ununterbrochen kalter Untoten?
Es ist das Grauen!
Sie kommen bei Tage mit ihren Eiswagen (die Kette, Ihr erinnert Euch?) und okkupieren Eure Tiefkühlfächer mit etwas, was sie als Lebensmittel verkaufen. Aber das ist es nicht. Es ist die Pest, die Pest. Ihr werdet es alle sehen! Wenn Ihr Euren Kindern davon zu essen gebt… beim ersten Mal merkt man es noch nicht, aber nach einer Woche, einem Monat: Wenn die liebe Brut nachts aufwacht und mit einem Katalog unter dem Arm in Trance von Zimmertür zu Zimmertür wandert… »Darf ich Ihnen unser neues Angebot zeigen? Ich habe hier einen Katalog… «

Sie sind bereits unter uns und es sind viele. Und täglich werden es mehr.

Das Telephon klingelt gerade – ich muß mal eben… schreibe gleich zu

Dieser Beitrag wurde unter Bildungsauftrag abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

0 Kommentare zu Tischgespräche

  1. Klikkaklakka sagt:

    Erstens war es der Eismann, nicht der Bofrost-Mensch!
    Zweitens habe ich GAR NICHTS unterschrieben, sondern den Eismann nach hinten in den Garten zu der werten Frau Mama geführt, damit sie beurteilt, was dieser Mensch will.

    Das ist aber auch verflucht schwierig! Was soll man als anständige Tochter denn nur machen. Soll ich nun freundlich und wohlerzogen sein, oder die Leute anschreien, sie sollten umgehend von unserem Grundstück verschwinden, sonst würde ich meinen Vater holen.
    Und dann noch diese markanten Unterschiede zwischen Besuchern…. Die brav Gekleideten, mit dem freundlichen Lächeln muss man ganz schnell wegschicken, die finster drein guckenden Menschen mit den großen Bärten und den noch größeren Motorrädern muss man freundlich herein bitten und verkünden, man werde sogleich sehen, ob man den Herrn Vater wohl auffinden könne.

    Welch belastendes Dasein! Zu Unrecht verleugnet, beschuldigt und der Missetat bezichtigt!

    Gruß, Tochter die Erste

    0

    • Lazarus09 sagt:

      Hallo , Tochter die Erste von Pantoufle

      Die brav Gekleideten, mit dem freundlichen Lächeln muss man ganz schnell wegschicken, die finster drein guckenden Menschen mit den großen Bärten und den noch größeren Motorrädern muss man freundlich herein bitten und verkünden, man werde sogleich sehen, ob man den Herrn Vater wohl auffinden könne.

      …was dein Vater dir damit vermitteln will ist das die finster wirkenden Menschen mit den langen Haaren, Bärten, bunten Aufnähern auf der Weste und lauten Motorrädern auf den zweiten Blick zum weitaus größeren Teil, ehrliche bodenständige und ehrenhafte Menschen sind die sagen was sie meinen und somit vertrauenswürdiger und eher einzuschätzen sind als die schmierigen Wetterfahnen im feinen Zwirn . Übrigens so läuft das in unserem Haushalt auch ..auch die Sache mit dem selbst gekochten LOL .

      Hey Pantoufle du wirst mir doch nicht noch sympathisch werden ..? Hahaha ride free

      0

      • pantoufle sagt:

        » du wirst mir doch nicht noch sympathisch werden ..?«
        Hat meine Tochter geschrieben, nicht ich. Hätte damit aber auch kein Problem.

        Aber vielleicht liegst Du ja grundsätzlich falsch und das war eine Art Kontaktanzeige 😀 Bei der Rasselbande weiß man ja nie …
        So halbwegs gut geraten ist die Brut ja auch. Man erwischt sie vorzugsweise bei Met als mit Alkopops. Allein von daher sowieso lieber Bärte als Nadelstreifen. Und was Motorradfahrer mit eher ungepflegten Fingernägeln betrifft, so sind ihnen bei uns jederzeit Tyr und Thor geöffnet.

        0

        • Lazarus09 sagt:

          Hat meine Tochter geschrieben, nicht ich… Hab‘ ich mitbekommen wie du liest 😉

          ……Hätte damit aber auch kein Problem…… wer hat hier Probleme :D…unter Bikern .. come ooon 😀

          Motorradfahrer mit eher ungepflegten Fingernägeln sind ihnen bei uns jederzeit Tyr und Thor geöffnet. …erinnerte dich dran ..ich nehm‘ dich vielleicht mal beim Wort 😀

          0

        • Klikkaklakka sagt:

          Klar ist die Brut gut geraten!
          Und sicher habe ich keine Probleme mit Bärten, Motorrädern und Met erst recht nicht, damit wäre ich in diesem Haus auch ziemlich aufgeschmissen.

          0

        • pantoufle sagt:

          Adresse siehe Impressum. Die Einladung steht.

          0

          • Lazarus09 sagt:

            [x] check 😉

            @Klikkaklakka

            Ai-Ai-Ai der Apfel fällt nicht weit vom Pferd ..oder so 😀

            0

  2. Thelonious sagt:

    🙂

    Zoff im pantoufleschen Haushalt. Wer sich so beredt verteidigen kann wie Tochter Nummer eins, sollte doch keine Probleme haben, dem Eismann die leckere Soße von Herrn Papa zu verkaufen. Eine echte win-win-Situation. Soße weg, Taschengeld aufgebessert.

    0

  3. pantoufle sagt:

    @Thelonius
    Die kriegt kein Taschengeld! Jetzt schon gar nicht mehr.
    Und ich erinnere Dich auch nur höchst ungern daran, daß ich hier Hausrecht habe. Zensur und so – Du verstehst hoffentlich!!einzelfzig!!!

    0

  4. lattjamilln sagt:

    grandios!

    0

    • pantoufle sagt:

      Whow! Da könnten sie einem fast leid tun. Nur habe ich vor 20Min gerade das Call-Center abwimmeln müssen mit Hinweis auf die Minderjährigkeit von Tochter eins. Die schwört Stein und Bein, daß sie nichts unterschrieben hat – und ich glaube ihr mehr als dem Fräulein von der Vermittlung.
      Erst als ich ziemlich deutlich wurde (Nein, nix Tochter: Sie sprechen mit dem Erziehungsberechtigten, verdammt noch mal!) hörte die überhaupt zu.

      Mal sehen, was daraus wird.

      0

  5. Der Duderich sagt:

    Hagen Rether hat zum Thema Kühlkette eigentlich schon alles gesagt/gesungen/sprechgesungen:

    0

  6. Stony sagt:

    Bis vor ein paar Jahren hatten wir hier ähnliche Probleme, dann bezog ein neuer Nachbar Quartier und schlagartig war Ruhe. Nun ja. Ruhe vor Katalogen und Haustürgeklingel, dafür musiziert der ‚Neue‘ täglich mit der Kettensäge … ich frage mich, ob es da einen Zusammenhang gibt. Dies näher zu hinterfragen wage ich allerdings nicht, das Ding ist ganz schön groß.

    0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *