The day after

Räumt mal einer den Müll hier weg? Die Party ist vorbei. Der Nudelsalat war wie immer mies wie die aufgewärmten Würstchen, der Morgen danach verrät nach Geruch und Anblick, wie mies. Zwischen zerrissenen blau-gelben Plakaten ein paar geknickte Nelken (rot) und ein derangierter, älterer Herr in Krachlederner. Den lassen wir erst einmal weiterschlafen; er lächelt so niedlich. Dort, wo er in der Bierpfütze niedersank, als die Nachricht von der absoluten Mehrheit der Schwarzen durch die Hochrechnungen tobte. Lassen wir ihn noch etwas seinen Machtrausch ausschlafen.

Der Morgen danach: Das sind die Gesichter der Verlierer. Frühstückt Philip Rösler jetzt schon? Dann kann er sich, wenn er will, Heribert Prantl von der Süddeutschen zu Gemüte führen: »Die FDP hat den politischen Liberalismus verraten!« Prantl – sonst oft weit vorne, so es seine Analysen betrifft – trampelt an diesem Morgen genüsslich auf Allgemeinplätzen und den Resten der FDP herum. Obacht: In Hessen sind sie des Nachts doch noch in den Landtag gezählt worden; knappe 5%, nach denen keiner mehr fragt. Die Koalition dort wird ohne sie stattfinden.
Der Satz des Abends kommt ausgerechnet vom Vorsitzenden der Jugendorganisation der FDP Lasse Becker: Da hätte die FDP gleich junge Hunde auf die Plakate nehmen können bei dem Mitleidswahlkampf.
Die FDP ist raus, die AFD nicht drin. Am »historischen« Crash der FDP wird man sich noch länger reiben. Wiegt der Verlust einer Sabine Leutheusser-Schnarrenberger den Rest einer Partei auf, die das Wort liberal mit Günstlingswirtschaft verwechseln? Wiegt sie den Anblick eines zerfliessenden Patrick Döring Seite an Seite des aschfahlen Röslers auf – wohltuende Ansichten von Politclowns, die nur ein schwacher Trost gegenüber den Frechheiten sind, die man sich von einem Döring anhören mußte. Jetzt übernehmen sie die Verantwortung. Verantwortung wofür? Es ist vollkommen gleichgültig. Sie sind raus aus der Verantwortung, bar ihrer Posten. Ob man sie wieder im Bundestag sehen kann, wird mancherorts bezweifelt. Es spielt im Moment überhaupt keine Rolle und das ist genau die Rolle, in der man diese Partei einigermaßen ertragen kann.

Gewinner, die keine sind.

Die Linke hat – wenn auch nur um einen Erwähnungspunkt – die Grünen beerbt: Die einzig wirkliche Oppositionspartei im Bundestag. Die Union verfehlt die absolute Mehrheit: 311 gegenüber 319 Sitzen der oberflächlich betrachtet »linken« Parteien. Nach dem vulgärdemokratischen Verständnis der Schrottpresse-Redaktion ergibt sich daraus ein knappes Übergewicht der Wählerstimmen für »links«. Das sieht die Union natürlich vollkommen anders genau wie die SPD und die Grünen. Die Grünen, als Funktionsnachfolger der FDP, buhlen nicht erst seit gestern um Zuneigung von rechts, auch einige Stimmen in der SPD wünschen sich eine große Koalition zurück. Im Grunde eine völlig überschaubare Ausgangslage.

Wären SPD und Grüne regierungsfähig, wäre die Sachlage vollkommen klar. Ein Bündnis mit der Linken und man könnte beweisen, was an den Lippenbekenntnissen der Wahlversprechen dran wäre: Weg mit dem Merkel. Für jedes andere Ergebnis als diese Koalition kann man die CDU/CSU und die Kanzlerette nicht verantwortlich machen; es liegt allein bei der SPD. Dann wären die schwarzen Jahre, die vor uns liegen, vermeidbar.

Hab ich schon erwähnt, daß der Redaktionskampfhund Oskar ein großer Freund von erkalteten Fischstäbchen ist? So liegen der Redakteur und sein Tier friedlich Seite an Seite und der Hund wird gefüttert: Ein Stäbchen für Rösler, eines für Bahr und ein achtzehnprozentiges für Westerwelle… nun lass uns mal zusammen die Abfolge der Offenbarungs-Eide ansehen, die da auf uns zukommen!

Schwarz-grün: Die Wiederholung der Bonner Wende von 1982? Damals war es die FDP die dem Ruf der Macht folgte. Wer fragt nach Grundsätzen, wenn es um Macht geht? Im Grunde die wünschenswerteste Variante, ginge es nach dem Kampfhund und seinem Herrchen… es sind noch genug Fischstäbchen da! Diese Koalition hätte nebenbei bemerkt, einen ähnlichen Geruch wie dieses Hundefutter; auch ähnlich in der Zusammensetzung…
Den Wählerwillen müßte man freilich ein wenig beugen. Oder verknoten? Besser gleich komplett ignorieren.

Schwarz-rot: Die sinnloseste aller Varianten. Weniger aus der daraus zu befürchtenden Politik. Nein: es würde der dringenden Erneuerung der SPD fundamental im Wege stehen. Solange ein Steinbrück, ein Gabriel oder einer der anderen dieser abgewirtschafteten Altherrenriege noch als Funktionsträger in der ehemaligen Arbeiterpartei ein Wort mitzureden haben, wird das nicht mit dieser Partei. Die Herren waren 2009 schon obsolet – schleppt man diese Altlasten weiter mit, wird es das endgültige Ende sein – das kürzlich gefeierte 150. Namensjubiläum mutierte zum Tag des Begräbnis.

Die Wahrheit ist trivialer: Man hatte hechelnd darauf gewartet, daß die FDP das schmutzige Handtuch wirft, um an ihre Stelle zu treten. Die Linke nicht koalitionsfähig? Das war doch die finale Aussage dafür, daß niemand mit dieser Möglichkeit rechnete – sie kam in den Überlegungen schlicht nicht vor. Steinbrück als Spitzenkandidat? Das war das vorgezogene Eingeständnis darüber, daß man diese Wahl von Anfang an verloren gab. Niemand will dieses Fettnapfsuchgerät als Kanzler – nicht einmal die SPD. Um ganz sicher zu gehen, daß all das schiefgeht, was danebenglücken kann, tat der Amateurhistoriker Sigmar Gabriel sein Bestes – auch einer derjenigen, die verschwinden müßten, bevor diese Partei wieder wählbar ist. Gabriel als Wahlkampfhelfer Steinbrücks? Warum nicht gleich H.P. Uhl? Weder Gabriel noch ein anderer hat Alternativen zu einem Rot-Grün auch nur angedacht; geschweige denn versucht, sie den Wählern zu vermitteln. Nun ist es zu spät. Steinbrück will auf der Brücke des eingefrorenen Schiffes verbleiben – kein Kapitän: Ein Sargnagel.
Andrea Nahles versichert, daß es keine Koalition mit den Linken geben wird; man hätte es im Vorfeld ausgeschlossenes und hätte nach der Wahl keinen Grund, daran etwas zu ändern.
Eine interessante Aussage: Oh doch, Frau Nahles! Politik sollte sich dadurch auszeichnen, auf veränderte Bedingungen zu reagieren. Ist Andrea Nahles aufgefallen, daß die Linke in Ostdeutschland deutlich vor der SPD liegt? Ach ja: Das zählt ja nicht – SED und so… Nun gut: Weiterschlafen bitte!

Der Gewinner der Wahl: Das »Weiter so!« Sie sehen eine Produktion von SPD und Bündnis 90/die Grünen.

Komm her Oskar! Noch ein Leckerchen für Steinbrück, den anderen mit »Stein« und eines für die doofe Nahles. Oskar schüttelt sich – ein Geruch, eine Mischung. Armer Hund! Mit den Jahren schmeckt man einfach keinen Unterschied mehr. Alles der selbe Geruch. Nach altem, gammeligen Fisch in der Abendsonne des postdemokratischen Jahrtausends.

Der Standart.at /Robert Misik : Die schlechteste Kanzlerin aller Zeiten.
Das Narrenschiff: »Merkel: was sie sagt und was sie meint«
Wolfgang Michal auf Carta: »Stillstand«

Wird nicht verlinkt, ist aber genau das, um was es geht: Das Handelsblatt titelt: »Die Märkte gratulieren Merkel. Eine Sorge weniger«. Nur für diejenigen, die sich fragen, wer da wen gewählt hat.

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0 Kommentare zu The day after

  1. Big Al sagt:

    „Nach dem vulgärdemokratischen Verständnis der Schrottpresse-Redaktion ergibt sich daraus ein knappes Übergewicht der Wählerstimmen für »links«.“
    Das habe ich so noch nicht wahr(?)genommen. Danke für andere Ansichten, Pantoufle.
    Und ich denke deshalb mal anders herum darüber nach als mit meinem „die Großen müssen jetzt koalieren-Ansatz“.
    Wie kam ich hierher? Frag die Tante.

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  2. Susanne sagt:

    Deutschland hat (ungefähr) links gewählt, bekommt aber nun garantiert wieder eine rechte Regierung. Die alte Tante SPD ist tot, hat aber den Schuss irgendwie nicht gehört. Die Linke ist nach wie vor das Schmuddelkind, mit dem keiner spielen will, obwohl eine große Anzahl von WählerInnen das offensichtlich anders sieht – trotz aller Gegenpropaganda.
    Na gut, freuen wir uns an kleinen Dingen. FDP raus, AfD nicht drin. Ist ja auch schon was wert

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    • pantoufle sagt:

      Ach, die Susanne! Das ist ja mal wieder schön, von Dir zu lesen. Ich hoffe auf allgemeines Wohl- und Gemütlichsein!

      Wenn mich die Wahrnehmung demokratischer Strukturen nicht völlig in die Irre geführt hat, bestimmen Mehrheitsverhältnisse maßgeblich die Regierungsbildung. Es könnte (theoretisch) im Moment also so sein, daß Steinbrück Sigmar Gabriel dauerohrfeigt, weil dieser genau diese Möglichkeit so gründlich in den Sand gesetzt hat. Zu Unrecht übrigens, weil die Liste der gemachten Fehler so grotesk lang ist, daß niemand in diesem Haufen jemanden außer sich selbst zu schlagen hat.
      Da bietet sich der Ausweg aus acht Jahren Lethargie auf dem Silbertablet und alles überlegt, wie man es Frau Merkel recht machen kann.
      Dieser Stumpfsinn ist nicht zu überbieten.
      30% des bisherigen Kabinetts bestanden aus FDP-Politikern. Bei welchen Anteilen der Wählerstimmen? Irgend was am Begriff »Mehrheiten« habe ich nicht verstanden.

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      • Susanne sagt:

        Das mit den Mehrheiten … das ist der Pferdefuß an unserem System. Die Wähler geben ihre Stimme alle vier Jahre ab und sehen sie dann auch nicht so schnell wieder. Was dazwischen passiert … je nun. Wir haben das Desaster ja „gewählt“. Also dürfen wir immerhin drüber meckern. ^^

        Ja, danke, ich lebe noch. Glaube ich. 😉 Ich hoffe, du bist wohlauf und gesund!

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      • Joachim sagt:

        „Ausweg aus acht Jahren Lethargie“? Frommer Wunsch. Die Kanzlerin zu stürzen hat schon was. Doch was macht Dich so optimistisch, dass die Linke in so einer Koalition ein wenig mitsteuern dürfte? Da können ja gleich die Grünen mit Merkel so lange rummachen, bist die denen das vollste Vertrauen ausspricht. Grüne wie Linke wären in solchen Fällen unter voller Kontrolle. Sie wären vollkommen handlungsunfähig. Ein Crash einer solchen Koalition dürfte einzig der SPD oder der CDU helfen.

        Ne ne, Position und Posten muss man schon arg verkürzen um die identisch klingend zu machen.
        Es braucht keinen Koalitionsvertrag. rot rot grün könnte durchaus nach Inhalten von Fall zu Fall gebildet werden. Ist die SPD dazu nicht in der Lage, dann verdient sie sowieso keine Regierungsmacht. Denn dann geht es ihr nicht um Inhalte. Wenn es ihnen um Inhalte geht, dann ist vollkommen egal ob Merkel Kanzler ist oder nicht. Soll die ihr Spielzeug behalten.

        Demokratisch wäre es a) auf den Wähler zu hören – keine Koalitionen oder es geht Euch wie der FDP und b) inhaltliche Politik unabhängig vom Lager oder Berührungsängsten zu machen, c) Rückrad zu zeigen und echte Positionen vertreten. Ist zwar doof doch so wäre Demokratie.

        Aber eher friert wohl die Hölle ein.

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  4. juergengerdom sagt:

    Die Linke schließt sich als Koalitionspartnerin für alle anderen aus, weil sie von der Wirtschaftslobby Anweisungen zu empfangen verweigert. Das ist a) ein Alleinstellungsmerkmal unter den nun im Bundestag vertretenen Parteien und b) selbstverständlich ein Killer-Kriterium. Das wahre Ausmaß der Korruption (auch) in Deutschland bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung ein blinder Fleck, nicht zuletzt durch die Desinformation der gleichgeschalteten Medien. Erst eine tatsächliche Mehrheit von beispielsweise Die Linke/Die Piraten/Die Partei/Die Nichtwähler könnte daran etwas ändern. Aber das wäre de facto eine Revolution, wird also in Deutschland einigermaßen sicher nicht stattfinden.

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  5. Duderich sagt:

    @Pantoufle:
    In der Wahl unserer Überschriften haben wir offensichtlich den gleichen Geschmack.

    Habe ihn nicht geklaut, sondern bin unabhängig von Dir auf den gleichen Titel gekommen.

    Wie heißt es so schön: Zwei Deppen – ein Gedanke. 🙂

    Inhaltlich gibt es auch viele Überschneidungen…

    Grüße, Dude

    P.S.: 91% für Steinmaier als Fraktionsvorsitzender. Wenn das mal nicht gelebte Erkenntnisresistenz ist…

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