Spielzeug

Ich hatte an anderer Stelle ja bereits davon gesprochen… auf meine Frage an die geehrte Leserschaft, ob jemand noch eine überflüssige Mamiya oder Hasselblad herumliegen hätte, wurde natürlich nicht geantwortet. Typisch! Immer wenn man mal etwas geschenkt haben will, meldet sich keiner.

Also musste ich eben selber schenken. Es ist eine Pentax 645 geworden! Bevor jetzt jemand „Oberklasse“, „Kapitalist“ oder „Premium“ schreit: Nein, die Kamera ist alt (Bj.1984) und das einzig digitale an ihr ist der On/Off-Schalter. Er kennt tatsächlich nur 2 Stellungen. Dafür macht sie die Negative fast schon so groß wie die Bildchen, die in Omas Bilderalbum überlebt haben. Diese schönen Photos, bei denen peinlich genau darauf geachtet wurde, das auch die neuen Schuhe mit drauf kommen – möglichst in die Bildmitte -, vom Bäckergeschäft zwei Straßen weiter (ist dann ja leider bald gestorben… seine Frau hat noch versucht, das Geschäft weiter zu führen, aber sie war ja selber schon klapperig und die Kinder…) oder dem Urlaub am Tegernsee. Vorne sieht man nichts, dahinter den Ford „Badewanne 17M“ und im Hintergrund die Berge. Schöne Bilder eben!

So schöne Bilder kann ich jetzt auch machen. Damit ich das Album voll bekomme, welches meine Kinder dann in den Müll schmeißen können, brauchte ich natürlich auch einen Vergrößerer aus Warschau mit Linsen aus Kreuznach, Zangen, Schüsseln, Entwicklungsbehälter, Zeitschaltuhren und natürlich diverse Flaschen geheimnisvoller Chemie, die in genauem Mischverhältnis und bei 16 Grad Réaumur angesetzt sein wollen. Das Ganze bei geheimnisvollem Rotlicht und mit der strengen Ansage an die Kinder, auf keinen Fall unaufgefordert die Tür zu öffnen. Überraschenderweise klappte das mit den Kindern ausgezeichnet – vor allem wahrscheinlich deswegen, weil es evident war, daß man in dieser Zeit ungestört die Schokoladenvorräte aus der Speisekammer plündern konnte. Analoge Photographie macht also der ganzen Familie Spaß.

Die ersten Ergebnisse sind… äh ja… großartig natürlich! Bei meiner semiprofessionellen Herangehensweise wenigstens erstaunlich. Ein Pappkarton mit zwei Löchern für die Hände, eine Lederjacke darüber und das Ganze unter der Bettdecke versteckt, ermöglicht es, den Film in die Entwicklerdose zu befördern. Entwickler, Fixierer und… ? Hurra! Mein erster Negativfilm! Man sieht sogar etwas drauf. Alles ziemlich negativ, aber sichtbar. Also gleich nochmal. Es klappt sogar beim zweiten Mal und auch beim Dritten – Film Nummer fünf wird irgendwie komisch… . Ein weiterer Blick in die Betriebsanleitung empfiehlt, den Fixierer nach dem vierten Film zu wechseln. Manchmal lohnt es sich, die Gebrauchsanweisung bis zum Kleingedruckten zu lesen – und wenn das noch so schlecht für die Augen ist!

Zusammen mit dem ganzen Rummel, den das große E-Bay Paket umfasste, waren auch mehrere Schachteln mit Photopapier. Mit Preisschild! 25,65 DM – also schon etwas älter. Aber immerhin so viele und in allen Formaten, daß man erst einmal ohne Reue herumprobieren kann.

Ja, und wie ist das nun?

Man kann viel Zeit in der Dunkelkammer verbringen, ohne das es langweilig wird. Manchmal ist Papier Nr.4 besser, manchmal Nr.2 und oft hat man vergessen, die Blende nach dem Einrichten wieder zuzudrehen und alles wird schwarz. Oder der Entwickler will gewechselt werden; der Entwickler wird gewechselt: Das Bild ist immer noch schlecht – also mal einen tieferen Blick aufs Negativ und die Erkenntnis, daß man mit der neuen Kamera wohl noch üben muß. Das digitalgestählte Auge im APSC-Format muß sich erst noch daran gewöhnen, daß die Tiefenschärfe bei gleicher Blende mindestens halbiert werden muß, automatisch geht hier fast gar nichts und der separate Belichtungsmesser (Gossen, Ende der 60` Jahre, Flohmarkt, 5€) bekommt eine neue Daseinsberechtigung.

Neben mir steht ein erfolgsgebräunter Leistungsträger mit seiner sündhaft teuren Canon – dick wie ein Schuhkarton mit einem äußerst sexy erregiertem hellgrauen Tele 70-200mm/F=2,8. Meine Pentax dagegen sieht irgendwie… anders aus. Er drückt auf den Auslöser und ein von japanischen Sounddesignern erdachter Mechanismus spielt den Song „FERTIG!“
Ich drücke auch irgendwo rechts drauf. Dann klappt der Spiegel hoch. Das klingt, als würde sich die Rückwand lösen und auf den Boden fallen. Dann geht der Tuchverschluss los. Ungefähr wie bei einer Leica, nur sehr, sehr viel lauter. Der Spiegel klappt zurück… rummmms – alles wieder dran! Und dann wird der Film weiter transportiert. Automatisch! Mit Motor! Das macht dann richtig Lärm! Rrrrrtttscht! Ein Auftritt wie eine Norton Manx im originalen Renndress, wenn der geheiligte Mike Hailwood sie vor dem Start des Rennens auf Temperatur brachte.

Ich liebe sie!

Ist so ein Stück Mechanik cool? Keine Ahnung – vermutlich nicht!
Vor allem hat es noch etwas anderes. Es ist dieser unglaubliche Anblick, wenn sich in der Entwicklerwanne nach ein paar Sekunden ein Bild abzeichnet, immer deutlicher wird und dann nach den anderen Arbeitsgängen Schwarz-Weiß vor einem liegt. Und diese Ergebnisse würde meine Nikon und schon gar nicht die Canon hergeben! Meine nächste Kamera ist eine Fuji 680… denke ich… inklusive der Erkenntnis, das man schon 1985 Linsen von einer Qualität geschliffen hat, die uns die Werbefachleute für Übermorgen versprechen.

Warum analog? Wo es doch Photoshop und iPhone gibt? Warum mit einem Stativ herumlaufen und einem Belichtungsmesser von Opa? Warum ein Segelschiff fahren, wenn es doch Motoryachten gibt?
Ich werde den Teufel tun und die nächste überflüssige Diskussion digital-analog beginnen: Ich habe etwas gefunden, das mich der Macht, die Bilder auf mich ausüben, ein Stück näher bringt. Es riecht, macht Geräusche. Es ist ein Handwerk, eine kleine Kunst und eine große neue Liebe.
Analog versus digital? Das ist wohl der Unterschied, ob seinen Wein lieber aus der Hand einer schönen Frau oder aus einem teuren Glas trinken mag.

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0 Kommentare zu Spielzeug

  1. der_emil sagt:

    Diesen Text habe ich bisher übersehen, leider.

    Und um das Stück Edelmetall beneide ich Dich – ich wäre ja schon mit einer Pentacon Six zufrieden …

    Aber selbst entwickeln? Hab ich mich nie getraut …

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    • Pantoufle sagt:

      Nur zu! Das ist viel, viel leichter als man denkt. Zugegeben: Ich habe mal 2 Jahre als Reprophotograph in einer Druckerei gearbeitet – dier Umgang mit Reprokamera (und nichts anderes ist ein Vergrößerer) und Chemie war mir schon etwas vertraut. Wenn auch 30 Jahre zurück 🙂 Wenn Du mal probieren willst… ich habe da noch einen Rolleimat mit einer vernünftigen Optik rumliegen. Funktionieren tut er – kosten würde er Dich auch nichts. Kannt Du dir ja mal überlegen.

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      • der_emil sagt:

        Ich glaube, ich habe gerade viel zu viele andere Baustellen, um damit zu beginnen. Zwar habe ich derzeit die optimalen Umgebungsbedingungen (alleine wohnend, fensterloses Bad), aber nicht wirklich Kraft und Zeit dafür übrig.

        Ganz lieben Dank trotzdem für das Angebot.

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